Als Skifahrer im SAC noch Exoten waren Erste Diskussion über den Wettkampf im SAC

Heute könnte man sich dies fast nicht mehr vorstellen – doch vor rund 100 Jahren löste der Skisport im SAC Argwohn aus. Ein kurvenreicher Rückblick auf die Geschichte des Skifahrens in der Schweiz und die Rolle des SAC.

Eine kalte Winternacht im Jahre 1891: Aus Angst, als Spinner bezeichnet zu werden, suchte Christoph Iselin den Schutz der Dunkelheit für sein Unterfangen. Nebel lag über dem Boden, Flocken fielen vom Himmel, als der 22-jährige Glarner zum ersten Mal wackelig auf Ski stand. Der Begriff Ski ist vielleicht gar zu hoch gegriffen: mit Dampf gebogene Holzlatten mit Lederriemen – so sahen Iselins selbst gebastelte Geräte aus. Auf die verrückte Idee, mit zwei Brettern den Hang runterzurasen, hatte ihn ein Buch gebracht. Nicht irgendein Buch, sondern eines der ersten Skibücher überhaupt: Auf den Schneeschuhen nach Grönland des Norwegers Fridtjof Nansen war 1890 ein Kassenschlager und bewegte eine ganze Generation. Darin standen so faszinierende Passagen wie: «Kann man sich etwas Frischeres, Belebenderes denken, als schnell wie der Vogel über die bewaldeten Abhänge dahinzugleiten, während die Winterluft und die Tannenzweige unsere Wangen streifen und Augen, Hirn und Muskeln sich anstrengen, bereit, jedem unbekannten Hindernis auszuweichen, das sich uns jeden Augenblick in den Weg stellen kann?» So ein Erlebnis konnte sich der junge Iselin nicht entgehen lassen.

 

«Die Thalfahrt ist keine Anstrengung»

Den realen Hindernissen im Wald wich er aus, danach folgten Hürden anderer Art. In seiner Sektion, dem SAC Tödi, glaubte man ihm nicht, als er von seinen Erlebnissen erzählte. Er solle nicht «ungläubigen Geistern einen Bären aufbinden», zitiert Fritz Marti, pensionierter Kantonsoberförster und profunder Kenner des Skisports, aus dem Jahresprotokoll der Sektion von 1892. Iselin hielt dennoch an den zwei Brettern fest, importierte Ski von Norwegen und feilte mit norwegischer Unterstützung an seinem Stil. Dabei machten sie schon bald bahnbrechende Beobachtungen: nämlich, dass man mit Ski schneller bergabfuhr als mit Schneeschuhen! Um dies zu beweisen, machten sie zu viert eine Tour über den Pragelpass - von Klöntal ins Muotathal. Drei waren mit Ski unterwegs. Eduard Naef von der Sektion Winterthur mit Schneereifen, heute bekannt als Schneeschuhe. Beim Aufstieg war das Rennen ausgeglichen. Doch bei der Abfahrt fuhren die Skifahrer Naef davon. «Eigentlich hat man nur mit dem Aufstieg zu rechnen, denn die Thalfahrt ist keine Anstrengung», schrieb Iselin später in «Alpina. Mitteilungen des Schweizer Alpen-Club» von 1893. Zur gleichen Zeit gründete der Skipionier Iselin in Glarus den ersten Schweizer Skiclub, den SC Glarus.

Iselin sollte nicht der einzige Schweizer bleiben, der von den zwei Brettern fasziniert war. Immer mehr schnallten sich Ski an – was übrigens auf Norwegisch so viel wie Holzscheit bedeutet. Während im Glarnerland die Norweger Einfluss nahmen, waren es im Berner Oberland die Engländer. Abenteuerlustige unternahmen gar grosse Touren mit Ski. Wie beispielsweise 1897, als fünf Berggänger das Berner Oberland vom Haslital über die Grimsel, das Oberaarjoch, die Grünhornlücke auf die Jungfrau und via Belalp nach Brig durchquerten. Neben vier Deutschen war auch Victor de Beauclair, Mitglied des SAC Genf, mit von der Partie.

 

Waghalsige Sprünge, heisse Kämpfe

Auch der Drang, sich gegen Uhr und Konkurrenz zu messen, kam auf. Bereits kurz nach der Jahrhundertwende fanden in Glarus und Bern erste Skirennen statt. 1903 sogar das erste Skispringen. Vor über 6000 Zu­schauern setzte der Norweger Anders Holte zu einem waghalsigen Sprung auf der Glärnisch­schanze an. Der Körper fast waagrecht und die Arme nach vorne gestreckt landete er unter tosendem Applaus 22 Meter weiter unten und holte sich damit den Sieg.

Ein Jahr darauf schlossen sich die ersten Skiclubs zu einem nationalen Verband zusammen. Im Hotel Aarhof in Olten – nahe von dort, wo 41 Jahre früher auch der Grundstein für den SAC gelegt worden war – gründete eine Handvoll Männer den Schweizer Skiverband. Die Ziele waren klar: «die Förderung und Ordnung des Rennwesens, die Erschliessung des Gebirges im Winter, der Ausbau der Fahrtechnik, die Hebung der körperlichen Leistungsfähigkeit der Jugend und die Ausbildung von Skifahrern für die Armee». Bereits 1905 fanden in der Skihochburg Glarus die ersten Schweizer Meisterschaften statt – mit weiblicher Beteiligung. Die 15-jährige Anna Jacober gewann den Damenwettkampf über eine Laufstrecke von zwei Kilometern Abfahrt. Wie es in den «Glarner Nachrichten» vom 23. Januar 1905 hiess, hatten die meisten Starterinnen einiges zu bieten: «Der Kampf tobte heiss. Die Frauen bewegten sich auf ihren Soubretteln so sicher wie auf dem heimischen Küchenboden – oder noch sicherer.»

 

«Entschieden gegen Wettkampf und Leistung»

Bei den meisten SAC-Sektionen tat man sich schwer mit der neuen Trendsportart und stempelte sie als Modesache ab. «Es sind in unserer Sektion drei Skifahrer, und es werden wahrscheinlich nie mehr werden», erklärte beispielsweise der Präsident des SAC Piz Sol 1903 an der Jahressitzung. Gar verpönt waren die Ski in der Zürcher Sektion Uto. Diese liessen sich nicht mit der Philosophie des Clubs, die fern von Wettkampf und Sport lag, vereinbaren.

Der Wettkampfgedanke stiess auch beim Dachverband auf Widerstand. «Als Antwort auf die Verbreitung des Phänomens Sport macht sich der SAC zum Verteidiger einer Sichtweise auf körperliche Aktivitäten in Übereinstimmung mit den bürgerlichen Werten Anstrengung und Disziplin, bei der die Arbeit des Körpers mit derjenigen des Geistes einhergeht und die sich entschieden den Prinzipien von Wettkampf und Leistung stellt», heisst es im aktuellen Jubiläumsbuch Helvetia Club dazu.

Wenig verwunderlich verharrte der SAC lange in der Rolle des Beobachters. Eines argwöhnischen Beobachters. Auch als während des Ersten Weltkrieges immer mehr Leute – vor allem auch Junge – von der Skieuphorie gepackt wurden, hielt sich der SAC zurück. Mit der Folge, dass ihm die Jugend wegzubleiben drohte.

 

Jugend droht dem SAC wegzubleiben

Jedoch wurden kritische Stimmen lauter, die ein Engagement des Alpenclubs verlangten. Erst am 24. November 1923 band der Verband das Skifahren in seine Statuten ein. Wörtlich hiess es: «Die Pflege des alpinen Skilaufs» sei ein Mittel zur Erreichung der Zwecke des SAC. Kurz darauf publizierte der Verband seine ersten beiden Skitourenführer. Drei Jahre später beschloss er, dass Hütten in Skiregionen speziell gefördert werden sollen, und erhöhte zusätzlich das Budget für den Tourenskilauf und die Ausbildung von Skilehrern. Die Bemühungen zeigten Wirkung: Innerhalb von zwei Jahren stieg die Zahl der jungen Mitglieder um 80%.

Trotz dem eindeutigen Erfolg, der auf das Skifahren zurückzuführen war, blieb die Beziehung zwischen dem SAC und dem Skisport lange Zeit eine Vernunftehe. Man klammerte sich an Wortspaltereien fest: «Skibergsteigen», das die Bretter als Fortbewegungsmittel ansah, war gut; «Skisport», der den Wettkampf beinhaltete, war schlecht.

Noch in den 1940er-Jahren schrieb Max Öchslin, damaliger Redaktor der Zeitschrift «Die Alpen»: «So müssen wir Bergsteiger uns vom Sport da distanzieren, wo von einem Bergsport gesprochen wird. Denn es gibt keinen Bergsport, es gibt nur ein Bergsteigen.»

Heute ist die Unterscheidung hinfällig. Klar ist, dass ein Grossteil des Verbandserfolgs mit der Geschichte des Skisports zusammenhängt. Denn dank den zwei Brettern begeistern sich bis heute Massen für die Berge und den Winter, auch abseits markierter Pisten und Loipen.

Doch das letzte Wort zum Thema SAC und Wettkampf ist noch längst nicht gesprochen. Während einige Sektionen an der AV 2012 eine Budgetbeschränkung des Bereichs Wettkampf forderten, unterstützt der SAC-Zentralverband zugleich die Kampagne, um das Sportklettern olympisch werden zu lassen.

Quellen

Daniel Anker, Helvetia Club, SAC Verlag, Bern 2013

Sandra Zehnder, «Wie der SAC Ski fahren lernte. Die Anfänge des Skisports in der Schweiz», in «Die Alpen» 12/2008

www.swiss-ski.ch

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