Am Limit klettern: die 6a-Route

In zwölf Wochen einen Schwierigkeitsgrad mehr erreichen – keine leichte Aufgabe für Aline und Alexandre, die sich unserem Versuch stellen. Die Standardbewegung beherrschen sie nun – jetzt gehts in die Route! Teil 2

Vier Wochen Training liegen hinter Aline und Alexandre – vier Wochen, in denen sie die Standardbewegung wieder und wieder geübt haben. Sie haben gegen falsche Bewegungsmuster an­gekämpft, sich gegenseitig verbessert und manchemal auch an ihrem Talent gezweifelt. Doch es hat sich gelohnt: Die Bewegungen sind flüssig, beide wirken sicher und scheinen sich wohlzufühlen. Zeitfür den nächsten Schritt: die erste 6a-Route.

Voller Elan gehen siean die neue Aufgabe, Alexandre macht den Anfang. Der Einstieg in die 6a+-Route läuft noch flüssig, doch schnell wird klar, dass es nicht nur um die richtigen Bewegungen geht.Offenbar gehört ein wenig mehr dazu,ein «Sextogradist» zu werden. Je weiter obener ist, desto langsamer kommt er voran. Alexandre wirkt unkonzentriert, scheint nicht so recht zu wissen, wodie Route verläuft. Hanspeter Sigrist, Chef Leistungssport beim SAC, begleitet die Freizeitkletterer bei ihrem 12-Wochen-Experiment und ist heute ebenfalls dabei, um die ersten Schritte der beiden in der neuen Route zu analysieren. «Alexandre kann die Route noch nicht richtig lesen», sagt der Profi. Und genau das macht Alex zunehmend unsicher. Seine Bewegungen werden fahriger, die Konzentration lässt nach. Kurz vor dem Ziel verlassen ihn die Kräfte in einem kleinen Überhang. Aline seilt ihren Freund sicherab.

 

Kleine Griffe machen Stress

Nach einer kurzen Verschnaufpause schildert Alexandre, was ihm am meisten Schwierigkeiten bereitet hat. «Das ist eine echte Herausforderung! Die Griffe sind schon ein ganzes Stück kleiner als in den Routen, die ich bisher geklettert bin», stellt er nüchtern fest. «Da ist eben nicht mehr jeder Griff eine sichere Ruheposition.» Hanspeter ergänzt: «Dazu kommt, dass er sich im Routenverlauf oft nicht mehr an Tritte erinnert, die er zuvor als Griffe gebraucht hat.» All das erzeugt Unsicherheit – und kostet unnötig viel Kraft, denn im Stress der neuen Route hat Alexandre zunehmend vergessen, die Standardbewegung anzuwenden. «Aber das ist alles Übungssache», beruhigt der Trainer.

 

Kampfgeist gehört dazu

Währenddessen hat sich Aline bereit gemacht, um in der gleich danebenliegenden 6a-Route einzusteigen. Nach einem kurzen Partnercheck, bei dem beide prüfen, ob beim Partner der Achter stimmt und der Klettergurt richtig sitzt, geht es los. Mit viel Ehrgeiz versucht sie, in der Route voranzukommen. Doch schnell wirkt sie verkrampft, weiss wie ihr Partner zuvor oft nicht, wohin sie ihre Füsse als Nächstessetzen soll. «Auch Aline vergisst die neuen Bewegungen im Eifer des Kletterns», stellt Hanspeter fest. «Da ist immer weniger Bewegungsvorbereitung zu sehen, und sie verliert dadurch zunehmend an Lockerheit.»

Doch Aline mobilisiert ungeahnte Kräfte – mit viel Kampfgeist und mutigen Moves kämpft sie sich fast bis zum Top durch. Wieder unten angekommen, freut sie sich – die Anstrengung steht ihr aber ins Gesicht geschrieben. «Puh, das hat so viel Kraft gebraucht!», stöhnt sie. «Klar, du hast eben auch viel zu wenig auf deine Fussarbeit geachtet», erklärt Hanspeter. «Aber du hast Ausdauer bewiesen, das ist schon mal sehr gut», motiviert er Aline.

 

Ausdauer hat viele Gesichter

Stichwort Ausdauer: Im Klettern hat sie verschiedene Facetten. Zum einen ist da natürlich die allgemeine körperliche Ausdauer. Joggen, Biken, Skaten – alles, was unseren Körper über einen gewissen Zeitraum hinweg fordert, trägt hier zur Verbesserung bei. Wer also allgemein fit ist, hat schon einmal den Grundstein fürs erfolgreiche Klettern gelegt. Dazu kommt aber auch die Kraftausdauer. Gerade beim Routenklettern muss der Körper ja über längere Zeiträume hinweg immer wieder «Kraftakte» vollbringen. Massgeblich ist also nicht das punktuelle Kraftpotenzial wie zum Beispiel beim Gewichtheben, sondern die Fähigkeit, seine Kraft über die Distanz hinweg einzuteilen und immer wieder aufzubauen. Die Standardbewegung trägt dem Rechnung, indem gezielt auf kurze Ruhephasen gesetzt wird. Und schliesslich kommt auch noch die mentale Ausdauer dazu. Sich selbst immer wieder zu motivieren und auch bei schwierigsten Zügen den inneren Schweinehund zu überwinden, gehört zum Klettern genauso dazu.

Aline und Alexandre stehen nun die vier letzten Wochen ihres 12-Wochen-Programms bevor – zum Üben haben sie Anregungen genug. Dabei werden die beiden noch einige Herausforderungen entdecken – und die haben wie erwähnt nicht nur mit dem Körper, sondernauch mit der Psyche zu tun.

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