An der PDG im Guten wie im Schlechten Was die Teilnahme an der Patrouille des ­Glaciers kostet

Für das legendäre Rennen sind sie bereit, hart an sich zu arbeiten: Tausende von Amateurpatrouilleuren versuchen zurzeit, Training, Arbeit und Familie unter einen Hut zu bringen. Keine einfache Aufgabe. Eines der Dreierteams haben wir im Februar mitten in seinen Vorbereitungen angetroffen.

Es herrscht ausgelassene Stimmung an einem Sonntag im Februar im Wallis. Zeit fürs Training. Zwischen Anne Bochatay (45), Florian Piasenta (29) und Jimmy Favre (25) wird lebhaft hin und her gefeixt. Die Felle sind im Nullkommanix montiert, und dann geht es in einem forschen Rhythmus an den Hang in Richtung Col de la Golette und hinunter zum See von Salanfe.

Erste Krise vor dem Rennen

Wer würde glauben, dass es sich um ihr erstes gemeinsames Training für die legendäre Patrouille des Glaciers handelt? Noch vor zwei Wochen existierte Jimmy Favre in dieser Patrouille nicht. An seiner Stelle lief Mary-Jérôme Vaudan. Aber dann verletzte sie sich Mitte Januar bei einem Training. Für die 49-jährige, verheiratete Mutter, die zudem 70% in einem Architekturbüro angestellt ist, war klar: «Die Teilnahme an der PDG allein ist schon ein Balance­akt zwischen Training, Privat- und Arbeitsleben. Und dann sollte ich mit dieser Verletzung fünf Wochen Pause machen und wieder aufholen: unmöglich. Daraufhin habe ich mich für einen Abbruch entschieden. Vielleicht habe ich mich einfach übernommen, und mein Körper sagte Stopp.»

Florian Piasenta und Anne Bochatay mussten sich neu orientieren: «Diese Strecke ist speziell. Sie stellt das ganze Team auf die Probe. Aber Spass muss unser Motor bleiben. Darum respektieren wir die Entscheidung von Mary-Jérôme», erklären sie. Klar war aber auch, dass die beiden nicht aufs Rennen verzichten wollten.

Geplant war, etwa ein halbes Jahr als Team zu trainieren. Nur zwei Monate vor dem grossen Rennen mussten sie nun ihre Ersatzperson finden. Der Zufall half ihnen. «Ich war mit Anne unterwegs», erzählt Piasenta, «wir stiegen gerade zum Col de la Golette hoch, als mir ein junger Mann ständig an den Fersen klebte. Anne meinte lachend, ich könne ihm ja vorschlagen, bei unserer Patrouille mitzumachen. Ich fragte ihn, und siehe da: Er sagte Ja!»

Neuer verändert Dynamik

Er, das ist der 23-jährige Biologiestudent Jimmy Favre. Ein Muskelriss an Vaudans Wade war somit Favres Eintrittsticket für den legendären Wettkampf. Für den jungen Triathleten wird es eine grosse Premiere. Er hatte zu Trainingsbeginn gerade mal 6000 Höhenmeter Erfahrung im Skitouren. Und das, wo die meisten ­Patrouilleure sich als Ziel setzen, im Training ein Minimum von 40 000 Höhenmetern zu absolvieren, das sind etwa 20 Touren: «Das wird eine unglaubliche Herausforderung, weil ich wirklich blutiger Skitourenanfänger bin. Körperlich bin ich zwar sehr fit, aber technisch muss ich noch einiges aufholen», gesteht Jimmy Favre. Seit der ersten Begegnung trainiert er wie ein Verrückter mit Piasenta. Innerhalb von zwei Wochen haben sie dabei schon sieben Touren zusammen geschafft. «Es ist ein Glück, wir verstehen uns wirklich gut», sagt Piasenta, «die Dynamik in der Gruppe hat sich aber stark verändert. Früher musste ich mich zügeln, denn ich war der Jüngste neben den beiden Müttern mit ihrer grossen Erfahrung. Jetzt bin ich mehr in der Mitte und spiele ein bisschen die Rolle des grösseren Bruders. Anne bleibt unsere Dienstälteste in allen Bereichen, sie ist unser Dieselmotor! Und Jimmy muss sich noch beim Fellwechseln verbessern, aber er hat eine gute Kondi­tion», erläutert er.

«Zum Glück bin ich Single», sagt Florian Piasenta, «sonst wüsste ich nicht, wie ich auch noch eine Beziehung führen soll bei dem Trainingsaufwand. Was bleibt, sind pro Woche ein paar wenige Stunden für meine Familie und selten einige für meine Freunde. Aber ich will es so.»

7000 Franken investiert

Der 29-Jährige leitet zu 100% die Marketingabteilung der Groupe Mutuel und fungiert ausserdem als Gemeindevizepräsident. Er nimmt zum zweiten Mal an der PDG teil und hofft, diesmal die Ziellinie zu überschreiten: «Vor zwei Jahren wurde der Wettkampf wegen der schlechten Wetterverhältnisse abgebrochen.» Der Frust sass tief, doch nun sollte der Trainings- und Geldaufwand nicht umsonst gewesen sein. «Ich musste Ski, Schuhe, Hosen, Stöcke und einen Rennanzug kaufen. Dazu kommen noch die Kosten für die Anmeldung. Insgesamt waren es am Schluss an die 7000 Franken.»

Jimmy Favre hat es besser getroffen, denn er kann sich die Ausrüstung von seinem Vater leihen, der selbst schon an der PDG teilgenommen hat. Und Anne Bochatay, ehemaliges Mitglied der Nationalmannschaft, musste aus­ser den 1260 Franken Anmeldegebühr keinen Rappen ausgeben: «Meine Ausrüstung ist nicht mehr ganz neu, aber bei meinem Niveau stören die paar Kratzer in den Ski weniger. Viel wichtiger ist es, eine gute Kondition zu haben», ergänzt sie lachend.

Keine Zeit für Freunde

Die 45-Jährige ist alleinerziehende Mutter und arbeitet zu 100% als Polizeiinspektorin. Ausserdem betätigte sie sich lange aktiv im SAC fürs Skitourenrennen, war sogar Mitglied der Nationalmannschaft. «Es gab eine Zeit, wo ich komplett auf die Stoppuhr fixiert war. Meine Tage fassten sich zusammen in Arbeit, Familie und Training. Alle anderen Hobbys und meine Freunde liess ich links liegen. Aber das passiert mir heutzutage nicht mehr», sagt sie und fügt lächelnd an: «Meine oberste Priorität galt immer meiner Tochter. Damals erwartete sie mich in Verbier in einem Kinderwagen. Heute biwakiert sie auf der Rosablanche, um mich anzufeuern!»

Jimmy Favre, der Marathonläufer, quetscht seinen erhöhten Trainingsaufwand rein, wo es nur geht: «Das Studium hat Priorität, aber ich versuche, zwischen den Vorlesungen oder am Abend laufen zu gehen und ausserdem mindestens einmal an den Wochenenden mit Anne und Florian eine Tour zu machen.»

Auch wenn das Team im Amateurbereich läuft: Die drei haben sich vorgenommen, in weniger als zehn Stunden von Zermatt nach Verbier zu gelangen, eine sehr gute Zeit für ein Amateurteam. «Ich weiss, was das bedeutet», meint Anne, «um beim Wettkampf auch Spass zu haben, müssen wir mit Reserven über die Ziellinie kommen.» Damit dies gelingt, will sie mit ihren Mitläufern noch einige Touren absolvieren – mindestens 2000 Höhenmeter pro Tour sind das Ziel.

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