Auf den Spuren der Säumer

Das SAC-Jugendprojekt « Work & Climb » am Passo Soreda Arbeiten und Klettern sind Tätigkeiten, die auf den ersten Blick nicht zusammenpassen. Der SAC hat aber das Ungewohnte gewagt und bringt diese Gegensätze mit seinem Umwelt-und-Ju-gendprojekt « Work & Climb » unter einen Hut. Grossen Anklang fand die Idee, im Valsertal einen alten, verfallenen Saumpfad zu renovieren.

Der Sommer auf der Lampertschalp geht zu Ende. Gauners Abschiedsschmerz ist gross, und sein Wehgeschrei dringt durch Mark und Bein. Dermassen laute Töne hört man hier im entlegensten Winkel des Valsertals nur selten. Nicht, dass das Maultier Gauner das Ende der Säumersai- Vom ehemals zwei Meter breiten gut ausgebauten Saumpfad über den Passo Soredo ist nicht mehr viel übriggeblieben.

Am markanten Zervreilahorn vorbei führt der Weg zur Länta-Hütte SAC, dem Ausgangspunkt für eine Wanderung über den Passo Soreda.

lich ist der goldgelbe Gneisfelsen in dieser dritten Seillänge äusserst kompakt. Die Sohlen der Reibungskletterschuhe, der Gleichgewichtssinn und die Nerven werden stark beansprucht. Der erste der Gruppe, ein Bergführer, hat alle Hände voll zu tun, um seine jungen Kletterpartner über diese Passage zu lotsen.

Zum Glück wird weiter oben der Fels wieder gutmütiger und weniger steil. Erst dort haben die jungen Leute Gelegenheit, ihre Umgebung zu betrachten. Stolz schweifen ihre Blicke das Tal hinauf zum Beginn des Wanderwegs über den Passo Soreda. Stolz, weil sie dort während der vergangenen Tage hart an der Sanierung dieses alten Saumpfads gearbeitet haben.

Jugend-Infos,Berichte,Aktivitäten Was Gauner nicht weiss Die Gegenwart des Maultiers Gauner hat eine längst verschwundene Tradition des Läntatales wieder aufleben lassen. Noch vor hundert Jahren führte ein für die Region wichtiger Saumpfad von Vals via Lampertschalp auf den 2759 Meter hohen Passo Soreda und weiter ins Tessin. Damals hätte Gauner das ruhige Gletschertal zu Fussen des Rheinwaldhorns vielleicht nicht nordwärts verlassen. Die Alp war nicht nur Durchgangsort, sondern wurde von Bergbauern aus dem Bleniotal gepachtet. Wenn der Winter nahte und die Weiden nicht mehr genug Nahrung für das Vieh lieferten, zogen sie mit Hab und Gut über den Passo Soreda zurück in ihre Heimat.

Als um die Jahrhundertwende diese mindestens 500 Jahre alte Tradition verschwand, begann der Zerfall des gut ausgebauten Saumpfads. Lawinen, Murgänge und Steinschlag « Pickelschwingen und Schaufeln sind nur ein Teil der Arbeit », sagt der Länta-Hüttenwart Thomas Meier.

Die Freundinnen Carol und Fabienne sind immer guter Laune.

zerstörten den ehemals zwei Meter breiten Weg auf weite Strecken vollständig.

Gemeinsam sinnvolle Abwechslung Auf die Auschreibung in den ALPEN, den Weg über den Soreda-Pass zu sanieren, haben sich rund 30 Jugendliche im Alter von 16 bis 22 Jahren gemeldet. Zum Beispiel Simone: Sie hat nach ihrem Maturitätsab-schluss ein halbes Jahr zur freien Verfügung und möchte während dieser Zeit so viel wie möglich in den Bergen sein. Die Arbeit an einem Wanderweg ist für die Zwanzigjährige eine sinnvolle Abwechslung in ihrem aktiven Bergsommer. Oder Sandra, die sich für die unbekannte Region interessiert. Ausserdem freut sie sich, andere junge Bergfreundinnen und -freunde kennzulernen. Dass diese Woche erst noch kostenlos ist und zwei bis drei Klettertage verspricht, motiviert sie zusätzlich.

Harte Arbeit für sanften Tourismus Die Hüttenwarte Thomas und Marietta Meier von der Länta-Hütte schätzen die historische Bedeutung des Soreda-Wegs und seinen touristischen Reiz. In ihrem Gesuch an den Jugend-Infos,Berichte,Aktivitäten Holzhacken bei der Länta-Hütte SAC, den Soreda-Pass im Rahmen einer « Work & Climb»-Projektwoche zu renovieren, betonen sie, dass es keinesfalls ihr Anliegen sei, den Weg wieder so herzustellen, wie er gemäss der Überlieferung ausgesehen haben könnte. « Im Gegenteil », erklärt Thomas Meier, « ich möchte den Weg sanft sanieren, dass heisst mit Material aus der Umgebung, ohne Einsatz von Maschinen, Zement, Eisenstangen oder Geländerseilen. Der Passo Soreda soll für geübte Bergwanderer wieder attraktiv werden. » In seiner zustimmenden Antwort freut sich der SAC-Umweltbeauftrag-te Jürg Meyer, dass sich das Projekt von den vielen üblichen « Hau-Ruck»-Erschliessungen der letzten Jahre wohltuend abhebt.

Bestimmt hätte Gauner bereits an der ersten, schwierigen Stelle des So-reda-Wegs kaum Freude gehabt. Bocksteif wäre er stehen geblieben und hätte sich standhaft geweigert, auch nur einen Schritt weiterzugehen. Denn die Wegspuren leiten in einen engen Schlupf, dem eindrückliche Felsstufen folgen. Diese erfordern selbst von geübten Wanderern Vorsicht und Trittsicherheit.

Unter der Anleitung vom Hüttenwart Thomas machen sich die jungen Leute ans Werk. Sie bewegen mit der Brechstange riesige Steinplatten, bis sie als komfortable Tritte rutschfest liegen. Sandra sperrt mit kleineren Steinbrocken nachträglich entstandene Abkürzungspfade, denn in Zukunft sollen alle Wanderer den angelegten Weg benutzen. Benjamin aus Deutschland schwingt gekonnt den Pickel, während andere mit Handschuhen und Gartenschere ausgerüstet den Weg vom üppig wachsenden Gestrüpp befreien. Zwei stets gut gelaunte Freundinnen gehen mit Pinsel und Farbe voraus und markieren die vom Hüttenwart bezeichneten Felsen als Bergweg weiss-rot-weiss.

Rätseln statt schaufeln Weiter oben verlieren sich die Wegspuren erneut. Die Wegsaniere-rinnen und -sanierer stehen vor einem Durcheinander von Geröll und Sträuchern. Statt roher Muskelkraft hilft jetzt nur noch Gespür weiter. Sie versetzen sich ins vierzehnte Jahrhundert zurück, in die Lage der Säu- mer, und fragen sich: « Wo könnte in diesem ruppigen Gelände wohl der optimale Weg durchführen ?» An andern Orten staunen sie, wie damals ohne technische Hilfsmittel vereinzelte, riesige Felsbrocken bewegt oder Trockensteinmauern kunstvoll geschichtet wurden. Und als sie die geräumige Biwakhöhle entdecken, von der selbst die Dorfältesten von Vals keine Kenntnis haben, vergessen die Jugendlichen vollends, dass sie sich im zwanzigsten Jahrhundert befinden. « Pickelschwingen und Schaufeln sind nur ein Teil der Arbeit », sagt Thomas Meier. Ihm ist es ebenso wichtig, dass sie das Werk unserer Eine Wanderung über den Passo Soreda ( 2759 m ) Ausgangspunkt ist Vals/Zervrei-la. Von hier gelangt man in drei Stunden zur Länta-Hütte. Für die Wanderung von der Hütte über den Passo Soreda bis Campo im Bleniotal rechnet man mit 6 bis 7 Stunden.

Hat man noch einige Tage zusätzlich Zeit, bietet sich ein Gegenanstieg vom Lago di Luzzone aus in die Capanna Motterascio an; ein Ausgangspunkt für den Weiterweg über die berühmte Greinaebene.

Der gerade erschienene SAC-Führer Alpinwandern Graubünden von Peter Donatsch und Paul Meinherz beschreibt den Soreda-Pass mit den Worten: « Eine harte Angelegenheit, eine der körperlich anstrengendsten Etappen dieses Führers mit rund 1200 m Höhendifferenz im Auf- und im Abstieg. Über weite Strecken schlechte Wege... markierte zum Teil im Geröll verschwundene Wanderwege... » Doch seit die Jugendlichen den Weg bearbeitet haben, mehren sich die zufriedenen Wanderer. Sie strecken ihre müden Beine in der gastlichen Länta-Hütte unter den Tisch und meinen allesamt, dass der Weg nun gut zu finden und begehen sei.

Telefon Länta-Hütte: 081/935 17 13; Tel. Reservation: 081/935 14 05 Telefon Capanna Motterascio: 091/872 16 22; Tel. Reservation: 091/605 31 29 Die Anreise nach Vals/Zervreila sowie Campo ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln ( PTT ) möglich.

Wegbauer-Vorfahren achten lernen und sich für ihre Geschichte interessieren.

Klettern als Belohnung Für den SAC haben solche Arbeiten, wie sie am Soreda-Pass durchgeführt werden, eine Beispielfunktion: Sie fördern unter den beteiligten Jugendlichen das Verständnis für die alpine Kultur und zeigen, dass auch mit einfachen Mitteln ein wichtiger Beitrag für den regionalen Tourismus geleistet werden kann.

Die Jugend- und die Umweltkommission des SAC unterstützen das Projekt dadurch, dass sie als Belohnung für die harte Arbeit den Bergführer für den Kletterteil der Arbeitswoche entlöhnen. Die weiteren Ausgaben teilen sich in diesem Fall die SAC-Sektion Bodan als Eigentümerin der Hütte und das Hüttenwartepaar.

Was zu beweisen war Dass sich Arbeiten und Klettern gut ergänzen, haben die Projektwochen am Passo Soreda bewiesen: Viele Beteiligte planen eine Fortsetzung. Einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden sich nächsten Sommer wieder in der Länta treffen und weiter an « ihrem » Weg arbeiten. Bei der SAC-Geschäftsstelle in Bern stapeln sich bereits die Vorschläge für weitere « Work & Climb»-Wochen. Und als Reaktion auf die Arbeiten an der Valserseite des Passes formiert sich jetzt im Tessin ebenfalls eine Gruppe, die auf ihrer Seite den Saumpfad renovieren möchte.

Und das Maultier Gauner? Obwohl mit seiner Arbeit als Saumtier einige Helikopterflüge in die Hütte vermieden werden konnten, ist das Hüttenwartepaar nicht zufrieden. Denn Gauner war lieber in der Gesellschaft des Ponys als beim einsamen Säumen zur entfernten SAC-Hütte. Mit seinen permanenten Unmutsbe-zeugungen machte das störrische Tier den Hüttenwarten das Leben unheimlich schwer. Allem Idealismus zum Trotz hätten in solchen Momenten Thomas und Marietta doch lieber einen Helikopter bezahlt, statt Gauners Toben zu ertragen. Trotzdem geben sie den Gedanken nicht auf, die Hütte mittels Saumtieren zu versorgen. Bereits haben sie mit einem Pferdezüchter aus der Gegend diskutiert, der überzeugt ist, dass sich seine Freiberger Pferde sehr gut als Saumtiere eignen könnten.

Bernard van Dierendonck, Zürich

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