Augenprobleme im Gebirge

Gründe und Auswirkungen Trockene Luft, Sauerstoffmangel und intensive Sonneneinstrahlung verursachen im Gebirge ganz spezifische Augenprobleme. Ihre Gründe und ihre Auswirkungen werden im nachstehenden Beitrag besprochen. Dazu sollen dem Alpinisten konkrete Angaben gegeben werden, wie er Augenprobleme vermeiden kann. Die Autorin ist Augenärztin, SAC-Mitglied und Mitglied der Gesellschaft für Gebirgsmedizin.

Trockenheit

Die Höhenluft ist weniger dicht und kühler und kann deshalb weniger Wasser binden. Der Feuchtigkeitsgehalt der Luft auf 2000 m ü. M. beträgt nicht einmal die Hälfte desjenigen im Flachland.

Die Trockenheit äussert sich am Auge mit Brennen, Juckreiz und evtl. einer Rötung und wird wahrgenommen « wie wenn die Augen voller Sand wären ». Wahrscheinlich haben viele gleiche Beschwerden schon einmal in rauchigen Räumen empfunden. Im allgemeinen sind sie lästig, aber ungefährlich.

Zur Linderung der Trockenheitsbe-schwerden hilft es, Wasser oder Speichel, dessen Chemie jener der Tränen ähnlich ist, in die Augen zu bringen. Effektvoller sind künstliche Tränen-tropfen ( z.. " " .B. Dialens, Liquifilmtears, Oculotect ), die es auch in kleinen Ein-maldosierungen ( z.. " " .B. Celluvisc ) gibt. Sie sind rezeptfrei und haben in jeder Rucksackapotheke Platz.

Sauerstoffmangel

Allgemeine Auswirkungen auf das Auge Nicht nur die Lungen und das Gehirn reagieren auf SauerstoffmangelHypoxie ), sondern auch das Auge.

Viele der funktioneilen visuellen Symptome beruhen wahrscheinlich eher auf hypoxiebedingten Verände- Aufstieg zum Mount Blackburn ( 4996 m ) in Alaska: Gerade in grosser Höhe ist klar! Wegen der Euphorie und des sehr guten Lichts wird dies jedoch kaum bemerkt.

Kontaktlinsen und Brillen im Zusammenhang mit Sauerstoffmangel Mit Kontaktlinsen auf der Hornhaut können bei schönem Wetter Sauerstoffmangel und Trockenheit schon auf Säntishöhe ( 2500 m ) Probleme verursachen. Damit sie klar ist, hat die Hornhaut keine Blutgefässe und muss deshalb den Sauerstoff direkt aus der Atmosphäre aufnehmen. Dazu wird er in den Tränen aufgelöst, die der Hornhaut aufliegen. Dieser sogenannte Tränenfilm ist abhängig von der Luftfeuchtigkeit, also bei trockener Luft geringer. Die Kontaktlinsen müssen auf dem Tränenfilm schwimmen. Mit jedem Lidschlag sollen sie bewegt werden, damit der Tränenfilm ausgetauscht, frischer Sauerstoff zugeführt und Kohlendioxid abtransportiert werden kann, denn die Kontaktlinsen selber behindern die Sauerstoffzufuhr zur Hornhaut. Selbst mit den besten heutigen Materialien entsteht beim Kontakt-linsen-Tragen während des Schlafens eine Hornhautquellung. Sind die Lider geschwollen, ist die Sauerstoffversorgung des Auges noch schlechter. Viele Personen haben deshalb morgens stark gerötete, schmerzende Augen, wenn sie versehentlich die Kontaktlinsen über Nacht drin lassen. Nur wenige tolerieren ein verlängertes Tragen, d.h. die Kontaktlinse während zwei bis drei Tagen tags und nachts auf dem Auge. Über 5000 m ü. M. erträgt kaum noch jemand Kontaktlinsen. Ist die Hornhaut verletzt, muss man absteigen!

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ein effizienter Schutz der Augen wichtig.

Sicherheit, Medizin, Rettungswesen 12 3456 7 67 1 Hornhaut 2 Vorderkammer 3 Regenbogenhaut 4 Linse 5 Glaskörper 6 Netzhaut Der Aufbau des Auges

Kontaktlinsen und Brillen für den Bergsteiger

Kontaktlinsen Bei längeren Aufenthalten in über 2500 m Höhe trocknen alle weichen Linsen bald aus. Die Träger haben ein Fremdkörpergefühl und eine veränderte Sehschärfe. Bei kaltem Wind können die hoch wasserhaltigen Weichlinsen auf der Hornhaut einfrieren. Das Liftpersonal in Gletschergebieten z.B. erträgt deshalb nur kleine, hoch gaspermeablesauer-stoffdurchlässige ), d.h.sogenannte halbharte Linsen. Für Hochtouren und Expeditionen wird ebenfalls diese Kontaktlinse empfohlen.

Weiche Kontaktlinsen werden seit wenigen Jahren auch als sog. Weg-werf- oder Monatslinsen und seit neuestem als Eintageslinsen angeboten. Sie sind nur für die häufigsten Fehlsichtigkeiten erhältlich und wie erwähnt für Extremsituationen nicht geeignet. Mit solchen Linsen hat man aber immer Reservelinsen dabei und muss evtl. keine Reinigungsmittel mitnehmen.

Beim Sportklettern, bei dem Magnesia sowie Staub in die Augen gelangen können, sind oft die weichen Linsen günstiger, da bei den halbhar-ten die Staubpartikel leichter unter die Linsen geraten können und so das Auge irritieren.

Es gibt übrigens auch Kontaktlinsen mit UV-Schutz. Dieser ist allerdings für das Gebirge ungenügend.

Brillen Brillen schützen generell das Auge inklusive die Hornhaut und die empfindliche Lidhaut vor mechanischen Einflüssen wie Baumästchen, Steinchen oder Staub. Sehr selten wird ein Auge durch ein zersprungenes Glas verletzt. Sehr viel häufiger vermag das Brillengestell einen Aufprall ab-zudämpfen. Sicher sind Brillen auch einfacher in der Handhabung als Kontaktlinsen und nie eine chronische Gefahr für die Hornhaut. Allerdings kann nicht bestritten werden, dass auch sie Nachteile haben: Sie laufen an, die Feuchtigkeit gefriert, sie können bei der Seilhandhabung stören, verrutschen, wegfallen und das Gesichtsfeld einschränken. Eine Reservebrille gehört bei jedem Fehl-sichtigen, ob Brillen- oder Kontaktlin-sen-Träger, in den Rucksack.

Sonneneinstrahlung

Intensivere Strahlung in der Höhe Die Intensität der Sonneneinstrahlung nimmt bekanntlich mit der Höhe zu. Auf 1800 m beträgt die Sonneneinstrahlung mehr als das Doppelte als auf Meereshöhe. Auf 3000 m ist die Lichtintensität an der Sonne 6,5 mal stärker als am Schatten.

Die Ultraviolett-StrahlungUV-Strahlung ) nimmt pro 1000 Höhenmeter um rund 20 % zu. Schnee und Eis können die Intensität durch Reflexion fast verdoppeln. Obwohl die UV-Strahlen nur 8 % der gesamten Sonneneinstrahlung ausmachen, können sie beträchtlichen Schaden anrichten, besonders wenn die schützende Ozonschicht fehlt.

Die Infrarot-StrahlungIR-Strah-lung ) kann die Schäden, die durch UV- und sichtbares Licht entstehen, verstärken.

Von seiner Funktion her muss das Auge sehr empfindlich auf Licht reagieren, Überdosierungen wirken deshalb relativ rasch schädigend.

Höhe 400 km ULT uve RAVIOL UVB ETT UVA SICHTBARES LICHT VIS INFRAROT IR 80 km

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II'EXOSPHÄRE IONOSPHÄRE MESOSPHÄRE 50 km20 km

| OZON SCHICHT 11 km

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TROPOSPHÄRE Sonnenstrahlung in der Atmosphäre 7 Sehnerv 8 gelber Fleck 9 Strahlengang Krankhafte Auswirkungen von UV-Strahlen und sichtbarem Licht auf die Augen Entzündungen der Lider Die Haut der Lider reagiert stärker als diejenige des übrigen Körpers, da sie dünner ist und viel weniger braunes Pigment enthält. Es kommt rascher zu Rötung durch Erweiterung der Blutgefässe und zu Blasenbildung, wenn sie ungeschützt intensivem Licht ausgesetzt ist.

Schneeblindheit = Schweissblende Sie ist eine akute Reaktion der Hornhaut auf sehr starke natürliche oder künstliche Lichtquellen. Gewöhnliches Sonnenlicht braucht die Verstärkung durch Streuung und Reflexion ( z.. " " .B. ungeschützt auf einer stark beschienenen, weissen Fläche ) und eine Exposition von mindestens zwei Stunden, um zur Schneeblindheit zu führen.

Die Symptomeerste Anzeichen, Beschwerden ) treten üblicherweise nach sechs bis zehn Stunden auf, d.h. am folgenden Abend oder nachts. Sie beginnen mit Stechen, Brennen und Fremdkörpergefühl. Dabei kann es bleiben. Die Beschwerden können aber rasch zunehmen und sich zu starken Schmerzen ausweiten, begleitet von Lichtscheu, intensivem Tränen und Lidkrampf. Da der Patient die Augen nicht zu öffnen vermag, ist er wie blind. Es kommt aber nicht zur Blindheit, sondern nur zur Blendung, die übrigens auch Tiere betreffen kann ( 1881 bei Eisbären beschrieben ).

Die akuten Beschwerden dauern sechs bis acht Stunden, ein leicht unangenehmes Gefühl kann 48 Stunden anhalten, danach ist die Heilung komplett.

Therapeutisch am hilfreichsten sind kalte Kompressen und künstliche Tränen in Gelform ( z.. " " .B. Lacrinorm, Viscotears u.a. ).

Diesem originellen Augenschutz des Brunnen-Kroko-dils begegnet der Alpinist in der Cabane de Valsorey am Grand Combin.

starkes Blaulicht hin. Bei wolkenlosem Himmel und Schnee ist in den Bergen viel Blaulicht vorhanden. Dieses streut am stärksten und ist dadurch hauptverantwortlich für die Blendung.

Setzt man sich während mehrerer Wochen ohne Augenschutz dem Sonnenlicht aus, nehmen die Sehschärfe und die Dunkeladaptation ab.

Sonnen-Blindheit Sie entsteht durch zu langes in die Sonne oder künstliches Licht Starren ( z.. " " .B. in Solarien !), gelegentlich auch durch Blitze. Die konvexe Linse des normalsichtigen Auges sammelt die Strahlen so, dass der Brennpunkt genau im gelben Fleck, d.h. in der Stelle des schärfsten Sehens liegt. Wahrscheinlich variiert die Empfindlichkeit individuell stark; junge Menschen sind davon mehr betroffen.

Je nach Exposition sind die Symptome temporär oder anhaltend. Als erstes meint man, wellende, irreguläre Wolken zu sehen, dann wird man lichtscheu und bekommt ein gestörtes Farbempfinden. Nach 24 Stunden kann die Sehschärfe absinken.

Die Prognose ist zunächst ungewiss: Meist steigt die Sehschärfe nach ein bis zwei Monaten an. Als Prophylaxe soll man nur flüchtig, instabil fixierend in die Sonne schauen. Selbstverständlich schützen auch dunkle Sonnenbrillen.

Sonnenbrillen Schon die alten Eskimos stellten aus Wal-Knochen Brillen mit kleinen horizontalen Schlitzen her. Die schlechteste dunkle Sonnenbrille oder auch rauchgeschwärztes Glas absorbiert einen Grossteil der UV-Strahlung. Für längere sonnige Aufenthalte im steinigen oder vegetati-onsbestandenen Gelände ( Alpen, Gebirgswald, Geröllhalden, Fels usw. ) genügen Sonnenbrillen, die 20-40 % des sichtbaren Lichtes und 40-50 % der IR-Strahlung durchlassen und einen UV-Blocker haben. Diese Bedingungen erfüllen auch viele phototro-pe Gläser, d.h. Gläser, die sich unter Einfluss des Sonnenlichtes dunkel färben. Die empfindlichen Kinderaugen brauchen unbedingt einen Sonnenschutz, sei es mittels Brille oder « Dächlikappe ». Sonnenbrillen, die über den Wangen hell sind, schützen nicht vor der Lichtreflexion von un- Prophylaxe ist auch hier besser als Therapie. Sie besteht im Tragen von Sonnenbrillen und « Dächlikappen ».

Herpetische Hornhautentzündung Da die UV-Strahlen das Immunsystem schwächen, flammen Herpeser-krankungen in den Bergen gerne auf. Gut sichtbar und häufiger sind die Lippenbläschen, schlimmer aber der Befall der Augen. Der Herpes setzt die Schmerzempfindlichkeit der Hornhaut herab, deshalb sind die Symptome gering; oft äussern sie sich nur in leichtem Missempfinden und Rötung. Bei Verdacht auf Herpes muss sobald wie möglich ein Augenarzt aufgesucht werden. Auf der gefässlo-sen Hornhaut heilt der Herpes langsam und hinterlässt meist Narben, die die Sehschärfe beeinträchtigen.

Flügelfell Das Flügelfell ist eine harmlose Wucherung der Bindehaut über den Hornhautrand. Es wird diskutiert, ob chronische Sonnenlicht-Belastung dessen Entstehung beschleunige. Andererseits konnte auch Vererbung nachgewiesen werden.

Grauer Star Für den grauen StarTrübung der Augenlinse ) werden ähnliche Überlegungen angestellt und kontrovers diskutiert. Schweizer Bergbauern haben jedoch nicht häufiger oder in jüngerem Alter den grauen Star als Städter.

Netzhautveränderungen Neueste Untersuchungen von Frau Prof. Dr. med. Ch. E. Reme von der Universitätsaugenklinik Zürich weisen auf Netzhautschädigungen durch'Adresse der Autorin: Dr. med. Brigitt Vetterli-Luginbühl, Augenärztin FMH, Rorschacherstr. 161, 9006 St. Gallen ten, die auf Schnee und Wasser beträchtlich ist.

Auf Schneefeldern und Gletschern sollte die Sonnenbrille einen stabilen Seitenschutz, nebst dem UV-Blocker auch eine Blaulichtreduktion auf unter 10 % haben und vom sichtbaren Licht nur 20-30 % durchlassen. Im allgemeinen ist die Absorption um so besser, je dunkler die Gläser sind. Verspiegelte Gläser reflektieren zusätzlich Licht. Beim Nachhausefahren im Auto muss unbedingt eine schwächer getönte Sonnenbrille - d.h. nicht die dunkle Gletscherbrille mit Seitenschutz - getragen werden.

Rucksackapotheke

Die Rucksackapotheke kann, muss aber nicht Augenmedikamente enthalten. Künstliche Tränen in Tropfen-oder Gelform sind am sinnvollsten. Ärzte sollten ein Lokalanästhetikum dabei haben, um allfällige Schmerzen mildern zu können. Reserve-Sonnen-brille und Hut gehören dagegen in jeden Rucksack!

Brigitt Vetterli-Luginbühl, St. Gallen1

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