Aussichtshotels im Val d'Anniviers. Die touristische Erschliessung der Walliser Südtäler

Aussichtshotels im Val d' Anniviers

Statt im staubigen Rhonetal propagierte der Reiseführer Baedeker in den Sechzigerjahren des 19. Jahrhunderts eine neue attraktive Wanderroute über Berge und Pässe von Sitten nach Zermatt. Die Folge war ein richtiger Hotelboom im Val d' Anniviers. Heute zeugen nur noch wenige Bauten von dieser Blüte.

In seiner Ausgabe für das Jahr 1862 schrieb der Baedeker als damals bekanntester Reiseführer der Schweiz: « Die staubige Landstrasse in dem breiten schattenlosen grossentheils sumpfigen Rhonetal ist für Fussgänger kein er-quicklicher Boden. » Als Ausweichmöglichkeit zu diesem unattraktiven Weg durch das Haupttal schlug er eine alpine Wanderstrecke zwischen Sitten und der damals noch jungen alpinen Fremden-station Zermatt vor: vom Kantons-hauptort nach Evolène, dann über den Col de Torrent ins Val d' Anniviers nach St-Luc, weiter über den Pas de Bœuf nach Gruben ins Turtmanntal, am Zehntenhorn vorbei nach St. Niklaus im Mattertal zum eigentlichen Ziel, dem Hotel Riffelberg hoch über Zermatt. Voraussetzung für diese anstrengende Wanderung, die gemäss Baedeker « über die verschiedenen Pässe nur mit Führer » absolviert werden sollte, waren Unterkunftsmöglichkeiten in den entsprechenden Etappenorten. So wurden im Sommer 1858 in Evolène das Hôtel de la Dent-Blanche eröffnet, 1860 in St-Luc das Hôtel de la Bella Tola, ein Jahr später das Hotel Weisshorn im Turtmanntal und schliesslich 1863 das Grand Hôtel St. Nicolas in St. Niklaus im Mattertal. Mit diesen Pionierbauten hatte der Hotelbau auch in den damals noch abgelegenen südlichen Walliser Seitentälern Einzug gehalten, eine Generation später als im Walliser Hochgebirge. Bereits 1839 fanden Berggänger beim Dorfarzt Josef Lauber in Zermatt eine Unterkunft. In der Zeit zwischen 1854 und 1865, dem Jahr der Erstbesteigung des Matterhorns, wurden die Walliser Viertausender der Reihe nach bezwungen. Diese so genannten goldenen Jahre des Alpinismus markierten einen ersten Höhepunkt in der Erschliessung des Alpenraums, begleitet vom Bau zahlreicher Berghotels in allen Walliser Seitentälern, die den damals meist englischen Gipfelstürmern als Basislager dienten. 1

Der Hotelbau im Val d' Anniviers

Bereits 1848 erschien das Val d' Anniviers im Baedeker, fünf Jahre später erwähnte der Reiseführer eine erste Unterkunftsmöglichkeit beim Pfarrer in Vissoie. Nach 1860 entwickelte sich dieses als reizvoll empfundene Landschaftspara-dies mit seinen pittoresken Bergdörfern zu einem begehrten Reiseziel mit einem breiten Angebot an Berggipfeln für die Bergsteiger und garantierten Erfolgser-lebnissen auf Aussichtsberge für weniger geübte Touristen. 1 Vgl. Flückiger-Seiler Roland: Vom Basislager für Erstbesteigungen zum Aussichtshotel im Gebirge. Walliser Hotelbauten auf 1500 bis 2500 Meter über Meer. In: Kunst+Architektur in der Schweiz. 1999, Heft 3, Bern 1999. S. 13–24.

Das Hotel Weisshorn, 2340 m, ist nicht nur einzigartig gelegen, sondern hat auch einen eigenwilligen Pächter.

Fotos: Ar chiv SA C/madmatt

1858/59 eröffneten das Ehepaar Baptiste und Julienne Epiney-Antille in einem Alphaus die Hôtel-Pension Durand in Zinal und ein Jahr später Pierre und Elisabeth Pont-Zuffrey das Hôtel de la Bella Tola im Dorfkern von St-Luc. Kurz nach der Eröffnung der neuen Talstrasse nach Vissoie im Jahre 1863 entstand in Zinal das neue, grössere Hotel Durand. Diese ersten alpinen Hotelbauten lagen am Fuss der Berggipfel oder am Aufstiegsweg und dienten primär als Basislager für die Erklimmung der Hochgebirgsgipfel. Ausgestattet mit dem Namen eines nahe gelegenen Berges wie das Bella Tola in St-Luc waren sie in der Regel Steinbauten mit einem markanten Walmdach oder einem Satteldach. Damit unterschieden sie sich deutlich von den traditionellen Holzwohnhäusern im Wallis. Zu seinem Höhepunkt fand der Hotelbau im Val d' Anniviers erst in einer zweiten Phase. 1876 erhielt Vissoie, der zentrale Verkehrsknotenpunkt im Talgrund, mit der Hôtel-Pension d' Anniviers sein erstes Gästehaus. 1883 eröffnete Pierre Pont als Erster mit dem neu gebauten Bella Tola ausserhalb des Dorfes St-Luc ein Hotel im Val d' Anniviers in vorzüglicher Aussichtslage. Ein Jahr später entstand in völliger Einsamkeit hoch über St-Luc das Hotel Weisshorn, und kurz danach wurde das Durand in Zinal vergrössert. In den 1890er-Jahren brach eine richtige Hotelbau-Euphorie aus. Zwischen 1893 und 1896 entstanden beinahe gleichzeitig das Grand Hôtel du Cervin in St-Luc, die Hotels Diablons und Besso in Zinal sowie das Hôtel Bella Vista in Chandolin. Um 1890 liess der Besitzer des Hôtel de la Bella Tola in St-Luc sein Hotelgebäude um einen Anbau erweitern. So fand sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts in diesem abgelegenen Südtal eine Hotelinfrastruktur, die damals im Wallis ihresgleichen suchte.

Jahrhundertwende-Euphorie

Die Bedeutung des Val d' Anniviers im ausgehenden 19. Jahrhundert widerspiegelt sich auch in den Bahnerschliessungs-projekten. 1899 ersuchte ein Initiativkomitee unter der Leitung von Hotelier Tabin um eine erste Konzession für eine Schmalspurbahn von Siders über Vissoie nach Zinal und eine Standseilbahn von Vissoie nach St-Luc. 1900 kam das Projekt für eine Verlängerung von Zinal nach Zermatt erstmals zur Sprache. Ab 1904 beschäftigte sich die Société électrique du Val d' Anniviers mit den ver- In Zinal entstand 1867 das Hôtel Durand, das bis zum Ersten Weltkrieg mehrmals erweitert wurde ( Mitte ). 1894/95 wurden die Hôtels Diablons ( l. ) und Besso ( r. ) erbaut, die beide den Namen eines bekannten Berges in der unmittelbaren Nähe erhielten. Ansichtskarte um 1910 Hoch über dem Dorf Chandolin liegt das Grand Hôtel, 1896 vom Architekten Louis Maillard aus Vevey erbaut, das bis 1973 Hotelgäste empfing. Seither kämpft es ums Überleben.

Das Hôtel Mont-Cervin wurde 1893 als zweites Grosshotel in St-Luc eröffnet. Seit 1975 ist es an eine Ferienorganisation vermietet.

Hotelprospekt aus Zinal, kurz vor 1900, in dem die Annehmlichkeiten damaliger Berghotels besonders betont werden: ausgezeichnetes Quellwasser, Führer und Pferde nach Belieben, Post zweimal täglich Foto: Ar chiv Club Gr and HotelsPalace, Basel Foto: Schw eiz erische Landesbibliothek Foto: Archiv Club Grand Hotels & Palace, Basel Foto: Staatsar chiv W allis schiedenen Projekten, und 1907 erteilte die Bundesversammlung letztmals eine Bahnkonzession in Val d' Anniviers. Keines der ehrgeizigen Unternehmen fand allerdings den Weg zur Ausführung, sodass sich das Gesicht des Tales vorerst nicht mehr stark verändern konnte. Die touristische Hochblüte gegen Ende des 19. Jahrhunderts machte sich auch im Wallis bemerkbar. Viele der mehrheitlich aus dem englischen Königs-reich stammenden Touristen verbrachten damals die Sommer vorübergehend in der Bergwelt. Die in jener Zeit entstandenen Walliser Hochgebirgshotels waren eigentliche Aussichtsplattformen im Hochgebirge. Sie boten an schönster Lage bis weit über 2000 m eine luxuriöse Einrichtung, wie sie zu dieser Zeit auch an den bevorzugten Standorten im Bereich der grossen Schweizer Seen üblich waren. In mehrteiligen Gebäuden mit neuartigen Dachgestaltungen und opulent verzierten Fassaden genoss die vornehme Hotelgesellschaft auf den sonnigen Terrassen das unvergleichliche Panorama. Zwischen « lunch » und « dinner » beobachtete sie mit dem Fernrohr voller Begeisterung den Run auf die Drei- und Viertausendergipfel, die sie selber immer seltener bestieg. Die Hotelnamen aus dieser Zeit erinnern oftmals an dieses veränderte Verhalten: von « Belvédère » am Rhonegletscher oder auf dem Gornergrat über « Bellevue » in Saas Fee oder Zermatt zu « Beau-Site » in Saas Fee und « Bella Vista » in Chandolin.

Das heutige Hotelerbe im Val d' Anniviers

Heute teilen die alten Hotels im Val d' Anniviers dasselbe Schicksal wie in vielen Walliser Tälern. Nach dem Ausbleiben der Fremden zu Beginn des Ersten Weltkriegs trudelten die meisten Betriebe in eine erste Krise. Einige verschwanden sogleich von der Bildfläche, etliche zehrten bis nach dem Zweiten Weltkrieg weitgehend von der alten Bausubstanz. Der endgültige Niedergang setzte erst in den 1960er-Jahren ein, als die noch auf dem Stand des 19. Jahrhunderts verbliebenen Betriebe völlig ins Hintertreffen gerieten und entweder abgebrochen wurden wie das Hôtel d' Anniviers in Vissoie oder vernachlässigt einer ungewissen Zukunft entgegenblickten wie das Grand Hôtel in Chandolin. Vom ehemals bedeutenden Hotelerbe im Val d' Anniviers sind deshalb nur noch wenige historische Betriebe erhalten geblieben: in Zinal die beiden kleineren Hotels Trift und Besso sowie die beiden, ihrer historischen Substanz beraubten und an eine ausländische Ferienorganisation vermieteten, Grosshotels Durand und Diablons und das Hôtel du Mont Cervin in St-Luc. Das Hotel Weisshorn, auf 2340 m hoch über St-Luc gelegen, wurde durch eine Gruppe weitsichtiger Einheimischer erworben und sukzessive renoviert. Seine einzigartige Lage stempelt das Aussichtshotel mit seinem eigenwilligen Pächter zu einer exquisiten Blüte im Strauss der schweizerischen Gebirgs-hotels. Und last but not least wurde das stark vernachlässigte Hôtel de la Bella Tola in St-Luc vom Besitzerpaar Buchs in den letzten zehn Jahren mit viel Geschick und Einfühlungsvermögen restauriert, sodass es heute als Vorbild für den denkmalpflegerischen Umgang mit dem wertvollen historischen Hotelerbe im Gebirge schlechthin gelten kann. 2 a Dr. Roland Flückiger-Seiler 3 2 Diese Bemühungen wurden von ICOMOS Schweiz ( der Schweizer Sektion des Internationalen Rates für Denkmalpflege ) mit der Wahl zum « Historischen Hotel des Jahres 2001 » honoriert. 3 Der Verfasser dieses Beitrages ist Autor der beiden Bücher: Hotelträume zwischen Gletschern und Palmen, Verlag Hier + Jetzt, Baden, 2. Auflage 2005 ( mit der Geschichte der Hotelbauten im Wallis ), und Hotelpaläste zwischen Traum und Wirklichkeit, Verlag Hier + Jetzt, Baden, 2. Auflage 2005.

Garten des Hotel Bella-Tola in St-Luc, in den 1950er-Jahren Das einfühlsam restaurierte Hotel Bella-Tola in St-Luc wurde 2001 von ICOMOS als « Historisches Hotel des Jahres 2001 » ausgezeichnet.

Foto: Archiv SAC/madmatt Foto: Archiv Club Grand Hotels & Palace, Basel T E X T / F O T O SMartin Laternser, Davos

er von den Alpen spricht, denkt in erster Linie an « unseren » europäischen Gebirgszug. Doch auch ihre Antipoden in Neuseeland tragen diesen Namen: Die Southern Alps erstrecken sich als 800 km langes Faltengebirge über die gesamte Südinsel Neuseelands, was etwa der Alpenlänge von Wien nach

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Nizza entspricht. Auch die geografi sche Lage dieses wilden, oft schwer zugänglichen und darum wenig bekannten Gebirgszuges stimmt weitgehend mit jener der Alpen überein – nur eben auf der Südhalbkugel. Zwar sind die Höhen mit knapp über 3000 m im Vergleich zu unseren Alpen bescheiden. Doch die Lage in der wetteraktiven Westwindzone des Südpazifi ks führt zu intensiven Niederschlägen mit viel Schnee in höheren Lagen und damit auch aktiven und weit hinabreichenden Gletschern. Die tieferen Regionen sind vor allem auf der Westseite mit üppiger Regenwaldvegetation überzogen.

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