«Bergfahrt 2006» und Max Frisch. «Die plötzliche Lust zum Klettern»

« Bergfahrt 2006 » und Max Frisch

Charles Ferdinand Ramuz und « la montagne » ist klassisch, Friedrich Dürrenmatt und die Berge – kaum vorstellbar. Und Max Frisch, der dritte grosse Schweizer Schriftsteller im letzten Jahrhundert? An der « Bergfahrt 2006 – Begegnung mit alpiner Literatur » in Amden zeigte sich, dass Frisch ein über viele Jahre dauerndes Verhältnis zu den Bergen hatte.

« Beide hatten einen ziemlich guten Stand, aber kaum Griffe für die Hand. Man hat das Gefühl, die Wand drücke einen hinaus »: Diese Szene stammt aus Der Mensch erscheint im Holozän, dem Alterswerk von Max Frisch, 1911–1991. Die 1979 publizierte Erzählung spielt im Onsernonetal, wo Frisch ein Haus besass, und enthält eine dramatisch verlaufende Tour aufs Matterhorn.

Bergsteiger Frisch

Ob Frisch wirklich auf dem Matterhorn war, habe er nicht herausfinden können, sagte Schriftsteller und Sportkletterer Emil Zopfi den zahlreichen Zuhörern, die am 2O. Mai 2006 nach Amden ob dem Walensee zur zweiten « Bergfahrt » gepilgert waren. 1 Die Familie sage nein, die Literaturwissenschaftler ja, so Zopfi. Lesenswert ist die Matterhornfahrt von Frisch ohnehin. Wie alle andern seiner Bergtexte. Zum Beispiel die im Roman Mein Name sei Gantenbein eingefloch-tene Geschichte vom Piz Kesch: « Ich stieg ziemlich rasch, und als ich auf Schnee kam, war er noch klingelhart. Ich rastete in der Kesch-Lücke, als die Sonne eben aufging, weit und breit kein Mensch, ich frühstückte eine trockene Ovomaltine. » Unglaublich spannend, wie die Roman-figur Gantenbein bzw. der Autor Frisch 1942 auf dem Gipfel oben einen Nazi-deutschen traf und ihn fast in den Abgrund gestossen hätte. Auch in seinem ersten Tagebuch spielen die Berge eine Rolle. So notierte er 1946 zu einem Flug über das Finsteraarhorn: « Die plötzliche Lust zum Klettern, überhaupt die Gier, den Dingern wieder näherzukommen. » In der Erzählung Montauk, einer in New York verankerten Liebesgeschichte, rechnet Frisch mit einem früheren Bergkameraden ab, und in seinem berühmtesten Roman Homo Faber – Ein Bericht lesen wir überraschend: « Dann wieder schwärmte er von einer fremden Dame, die ihn, oben auf dem Gipfel des Piz Palü, auf sein schwitzendes Gesicht geküsst hätte, das war für ihn der Piz Palü, unvergesslich, einmalig, grandios. » 2

« Leidenschaft Berg »

Für die Begegnung mit alpiner Literatur in Amden hatten die Schauspieler Gian Rupf und René Schnoz 3 Texte von Max Frisch zu einer dramatischen Lesung zusammengestellt und verdichtet. Sicher der Höhepunkt der Veranstaltung, bei welcher der SAC Hauptsponsor und Partner war. Sie stand in diesem Jahr unter dem Motto « Leidenschaft Berg ». Tourenleiter Emil Zopfi zitierte dazu die Westschweizerin Betty Favre, die 1952 als erste Frau durch die Nordostwand des Badile geklettert war und in den « Alpen » geschrieben hatte: « Auf der Mauer rund um die Hütte schwatzen wir wie Vögel auf dem Nestrand, fröstelnd, die Lider schwer vom Schlaf, den wir nicht finden konnten. Wir sind verrückt, aber königlich verrückt. Einzigartige Leidenschaft; sie hat die Flügel der Weite, die Grösse entfesselter Furien, und sogar der Tod, der über die Genauigkeit jeder Geste wacht, gehört zum Spiel. »

Gedruckte Textberge

Von diesem Spiel, von Lebenslust und Todesnähe gerade beim Bergsteigen, lasen in Amden schreibende Bergsteiger und Bergsteigerinnen: altbekannte wie 1 Die erste « Bergfahrt » hatte 2004 im glarnerischen Richisau stattgefunden. Vgl. ALPEN 8/2004 2 Mehr zum Alpinisten Frisch bei Wilfried Schwedler: « Den Bergsteiger sah man ihm nicht an. Auf alpinistischer Spurensuche bei Max Frisch », aus: Schreibtisch mit Gipfelblick. Wie Schriftsteller das Gebirge erleben. Panico Alpinverlag, Köngen 1997, S.175–186. 3 Die beiden sind im Juli und August mit ihrer Inszenierung « Bergfahrt – Tour de SAC 2006 » unterwegs. Vgl. Hüttenfestival-Programm S. 59 Szenische Lesung « Frisch am Berg » mit den Schauspielern Gian Rupf ( l. ) und René Schnoz Oswald Oelz las vor eindrücklicher Kulisse.

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Oswald Oelz, Christine Kopp, Roland Heer, Robert Steiner und Felix Ortlieb, junge unbekannte wie Marlène Lins-mayer, Annette Frommherz, Ueli Bürgisser, Sabina Altermatt und Caroline Fink. Überall spürte man alpinistische Leidenschaft, in den haltlosen Wänden ebenso wie in schwarzweissen Textgebir-gen. Gian Rupf zeigte als Premiere seinen Film « Wieso bisch du am Berg ?». Selten wurde die Frage, warum die Leute auf die Berge steigen, so witzig und vielschichtig beantwortet. Und während der Bündner Klarinettist Domenic Janett, der die ganze « Bergfahrt 2006 » musikalisch einfühlsam begleitet hatte, seinem Instrument die Abschiedstöne entlockte, schaute der Mürtschenstock, das Matterhorn der Glarner Alpen, unbeteiligt durch die grossen Fenster in den vollen Gemeindesaal auf dieser St. Galler Sonnen-terrasse. a Daniel Anker, Bern Moderiert von Schriftsteller und « Bergfahrt»-Initiant Emil Zopfi ( l. ) diskutierten Oswald Oelz, Christine Kopp und Roland Heer ( v. l. ) zum Thema Leidenschaft und Berge.

Sie waren als junge Berg-autoren dabei. Ob einer ihrer Texte in 50 Jahren auch szenisch dargestellt wird?

Literarische Bergfahrt: Bücher-statt Kletterberge Fotos: Mar co Volken

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