Bergsteigen nach Frauenart. Zwei Jahrhunderte – die gleiche Leidenschaft

Bergsteigen nach Frauenart

Hélène Brandt, eine Frau und Mutter, die im vergangenen Jahrhundert lebte. Caroline Ware, eine junge Studentin von heute, die Anwältin werden will. Zwei unterschiedliche Leben, die in ihrer Liebe für die Berge übereinstimmen. Wie erlebte eine Pionierin ihre Leidenschaft für die Höhen? Wie setzt sich eine Frau heute in der lange Zeit den Männern vorbehaltenen Welt des Alpinismus durch? Zwei Porträts.

Die 1892 geborene Hélène Brandt brach im Alter von 19 Jahren erstmals zum Skilaufen auf – natürlich mit langem Kleid und einem einzigen Stock. Nichts deutete damals auf eine alpinistische Karriere der jungen Neuenburgerin hin. Zudem würde nur einige Jahre später der Krieg ausbrechen. Hélène reiste nach England, wo sie als Erzieherin arbeitete. Erst nach ihrer Rückkehr bei Kriegsausbruch begann sie, neben ihrer Tätigkeit als Sekretärin der Klinik von Leysin, die Berge zu durchstreifen.

Frauen in Hosen!

Ausgerüstet mit ihren zwei Fotoapparaten, davon ein Stereo-Apparat 1 und einer mit Platten, durchzieht Hélène zu Fuss und mit Ski die Voralpen sowie die Waadtländer und die Walliser Alpen, wobei sie auch Abstecher ins Tessin, nach Italien und Grindelwald macht. Sie widmet den Bergen jedes Wochenende und alle ihre Ferien, ohne jede Angst vor den Schwierigkeiten, der Erschöpfung und den Kommentaren, die sie hervorruft: Bergsteigende Frauen sind alles andere als selbstverständlich. So ist ihnen der SAC verschlossen. Es gibt zwar den 1918 gegründeten Frauen-Alpenclub, aber um von den Vorzugstarifen in den Hütten zu profitieren, tritt Hélène dem CAF, dem französischen Alpenclub, bei. Ihr einziges Transportmittel sind die Eisenbahnen, von deren Stationen aus sie sehr lange Anmarschwege in die Walliser Täler unternimmt. Bei ihren Streifzügen ist Hélène nicht immer allein: Manchmal begleiten sie Freunde, Freundinnen oder Bergführer. Natürlich gibt es noch keine speziell auf Frauen zugeschnittene Bergsportausrüstung. In Chandolin werden Hélène und eine ihrer Freundinnen beschimpft, und man wirft ihnen sogar Steine nach, weil sie, um beweglicher zu sein, Hosen tragen. Solche Zwischenfälle halten Hélène allerdings nicht von ihrem Weg ab. Im Gegenteil: Sie reiht Exploit an Exploit. Schon als Anfängerin besteigt sie das Breithorn, dann das Matterhorn über den Zmuttgrat und die Dent Blanche über den Viereselsgrat ( erste Frauenbegehung ). Ein Jahr später folgen Wetterhorn, Grands Charmoz und Grépon. Dann der Dom, das Weisshorn, das Trient-Massiv mit den Aiguilles du Tour und der Aiguille Javelle, das Untergabelhorn und viele andere mehr. Das Matterhorn wird sie zwei weitere Male anpacken, 1927 über den italienischen Grat und 1928 über den Hörnligrat, wo sie sogar Vorsteigerin ist. Ihr grösstes Bergjahr ist jedoch 1925. Nach einem kurzen Aufenthalt in den Dolomiten durchstreift sie die Schweizer Berge von Juni bis September, ohne einmal nach Hause zurückzu- 1 Die mit zwei Objektiven ausgerüsteten Stereo-Apparate ermöglichen Relieffotos.

Eine Frau in Hosen! Hélène Brandt, 1925, durchquert die Schweizer Alpen.

Hélène Brandt auf der Schulter des Liongrates des Matterhorns 1927. Das Foto wurde von ihrem Seilschaftskollegen Guido Rey aufgenommen.

Eine Gruppe Alpinisten – darunter Mitglieder des Schweizer Frauen-Alpenclubs – posiert vor der Hörnlihütte, 1925. Hélène Brandt steht ganz links.

Fotos: Collection Luc Sauny kehren und nur mit einem einzigen Gepäckstück unterwegs, ihrem Rucksack. Was für einen Trekker von heute ziemlich normal ist, fällt zu jener Zeit ganz aus dem Rahmen, vor allem bei einer Frau! Trotz all dieser Leistungsausweise hat diese Pionierin den Weg in die Geschichte nicht gefunden. Warum? Der Grund ist einfach: 1928 heiratet Hélène und beendet ihre bergsteigerische Karriere. Ihre Ausrüstung verschwindet im Schrank!

Neidische Männer

Auch wenn die alpinistische Laufbahn von Caroline noch kurz ist, umfasst sie doch schon viele Erfolge! Denn die Jura-studentin will für ihren zukünftigen Beruf als Anwältin und ihre Leidenschaft für die Berge leben. Im Gegensatz zu Hélène Brandt beginnt sie ganz jung mit Klettern und Skilaufen. Ihre bevorzugte Disziplin wird aber das Eisklettern, das sie an Wettkämpfen kennen lernt und dem sie drei Winter widmet. Zudem lernt sie bei einer Reise nach Nepal die Höhe kennen und entdeckt ihre Leidenschaft für das hochalpine Bergsteigen. Das Schlüsseljahr ist 2003. Da packt sie, Schlag auf Schlag, die vier Nordwände von Eiger, Matterhorn, Grandes Jorasses und Piz Badile an. Von der Durchsteigung der Eiger-Nordwand berichtet sie: « Wir erreichen das Todesbiwak und das Bügeleisen. Bald sind wir in der Rampe. Es ist 16.30 Uhr, und wir beschliessen, einen Biwakplatz zu suchen. Das ist mein erstes Biwak in einer Wand, aber ich bin überhaupt nicht besorgt, sondern zufrieden, endlich mal anzuhalten! Ich fühle mich im Frieden – wie immer in den Bergen. » Eine gute Woche später ist Caroline wieder unterwegs. Die Verhältnisse am Matterhorn sind nicht günstig: « Der Neuschnee hat die Wand wie mit einem Leintuch bedeckt. Wir haben es mit allen Zutaten einer echten Winterbegehung zu tun: mit unaufhörlichen Schneerutschen, kaltem Wind, vereistem Fels, einem improvisierten Biwak und vor allem dem Verlust unseres Feuerzeugs, dem einzigen Element, das uns etwas Wärme hätte verschaffen können. » Aber mit jedem Schritt kommen sie weiter – bis zum Gipfel. Trotz dieser etwas mühsamen Erfahrung hängt Caroline direkt Grandes Jorasses und Piz Badile an, die sie – im Gegensatz zum Matterhorn – mit keinen besonderen Schwierigkeiten konfrontieren.

In kurzer Zeit ist Caroline eine begeisterte Bergsteigerin geworden. In den Bergen lebt sie ihre Träume. Natürlich ist ihr Palmarès – im Vergleich zu jenem von Hélène Brandt – noch nicht lang, aber sie übt ihren Lieblingssport mit der gleichen totalen Begeisterung, mit Körper und Seele, aus. Fast ein Jahrhundert nach Hélène Brandt scheint sich die Mentalität in der Welt des Bergsteigens allerdings noch nicht viel verändert zu haben. Man wirft Caroline zwar keine Steine nach, aber es scheint, dass ihre Erfolge Neid wecken. Und das nur, weil sie eine Frau ist. So hat man ihr empfohlen, nicht über ihre Erfolge zu sprechen: « Die Männer, die weniger machen, könnten sich durch eine Frau herabgesetzt fühlen, hör auf, dich mit Männern zu messen !» Das sind Bemerkungen, die viele Frauen entmutigen könnten – nicht aber Caroline. Sie hat zahlreiche Projekte und freut sich schon, in den Bergen neue Abenteuer zu unternehmen. a Luc Saugy, Beziers/F, Annelise Rigo, Leysin ( ü ) Caroline Ware beweist Ehrgeiz und Wille, wertvolle Qualitäten für eine Alpinistin. Eindrückliche Stimmung über der Grandes Jorasses, mit Walkerpfeiler Fotos: zvg/Car oline W ar e

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