Bergsturz von Goldau. Vor 200 Jahren stürzte ein Teil des Rossbergs zu Tal

Bergsturz von Goldau

Der Bergsturz von Goldau 1 im Jahr 1806 war in Bezug auf Opfer die grösste Naturkatastrophe auf dem Gebiet der heutigen Schweiz. 457 Menschen und 323 Stück Vieh kamen um. Er markierte aber auch einen Wendepunkt in der Katastro-phenbewältigung 2.

Am 2. September 1806 löste sich nach einer längeren Regenperiode am Gnip-pen/Rossberg ( 1568 m ) ein bis zu fünfzig Meter dickes Nagelfluhpaket. Es rutschte nicht sanft. Es donnerte innerhalb kurzer Zeit und mit enormer Geschwindigkeit zu Tal. Die mehr als 1000 m Höhenunterschied hatte die Masse auf dem Geröllhorizont der darunter liegenden, geneigten Ton- und Mergelschichten innert weniger Minuten zurückgelegt. Hausgrosse Nagelfluhblöcke, Steine, Erde und Bäume begruben die Dörfer Röthen, Busingen und Goldau unter sich. 457 Personen starben, und zahlreiche weitere wurden obdachlos. Ein Teil der Masse wurde etwa 100 m oberhalb der früheren Talsohle am Gegenhang, das heisst an der Rigiflanke, unsanft abgelagert. Der Luftdruck und die Rutschmasse erzeugten am nahen Lauerzersee eine Flutwelle, die die Insel Schwanau und das Dorf Seewen überflutete. Das Volumen der Absturzmasse wurde auf 40 Mio. m 3 geschätzt. Dies ist etwa der jährliche Kiesbedarf der schweizerischen Bauindustrie oder ein Zehntel des Volumens des hochalpinen Stausees Lac des Dix im Val d' Héré-mence/VS.

Beginn des Spendenwesens

Versicherungen waren noch nicht üblich, und ein Spendenwesen existierte noch nicht. Dieses Unglück löste aber eine Solidarität und Spendensammlungen in der ganzen Schweiz aus, bei der erstmals alle Kantone mitmachten. Allgemein akzeptierten auch Theologen die naturwissenschaftliche Begründung des Unglücks. Im Gegensatz zu früher wurde diese Katastrophe nicht mehr als Strafe und Vergeltung Gottes für schuldhaftes Verhalten der Menschen interpretiert. Der Bergsturz von Goldau markiert somit auch einen Wendepunkt im Umgang mit Katastrophen. 1 Im Gedenkjahr zum Bergsturz von Goldau werden bis und mit 8. Dezember in und um Goldau verschiedene Veranstaltungen durchgeführt. Weitere Infos gibt es unter www.bergsturz.ch. Allgemeine Infos gibt es unter www.goldauerbergsturz.ch 2 Am Tag danach. Zur Bewältigung von Naturkatastrophen in der Schweiz 1500–2000. Christian Pfister ( Herausgeber ), Haupt Verlag 2002 Goldau vor und nach dem Bergsturz: Veranlasst durch die Katastrophe, rekonstruierte Johann Heinrich Meyer in « Die Gegend von Goldau im Kanton Schwyz » am 5. September 1805 den ursprünglichen Zustand der Landschaft. In einem vergleichenden Stich dokumentierte er die aktuelle Situation.

Abbildungen: Ar chiv Ber gsturzmuseum Goldau Eine Rissstelle am Gribsch, die bei den heftigen Regenfällen im August 2005 entstand Die Zerstörungen beim Nach-sturz am Gribsch lassen etwas von der Wucht eines solchen Ereignisses erahnen.

Der Rossberg bleibt unstet: Am 23. August 2005 löste sich am Gribsch nach heftigen Niederschlägen der grösste Nachsturz seit 1806. Verletzt wurde niemand, es blieb eine riesige Schneise der Verwüstung.

Unruhiger Berg

Flur- und Ortsnamen weisen noch heute auf den Bergsturz hin: Die Bernerhöchi am südlichen Ende von Goldau erinnert an die Katastrophenhilfe der Berner, die eine neue Strassenverbindung zwischen Goldau und Lauerz erstellten. Auch die Bezeichnung Schutt für den mit haushohen Gesteinsbrocken durchsetzten Wald südlich der Autobahn oder der Schutt-wald oberhalb von Goldau erinnern an den Bergsturz. Die Namen Rufiberg oder Gribsch hingegen weisen auf bewegtes Gelände hin. Am Rufiberg sind schon früher Rüfen niedergegangen, und Gribsch heisst so viel wie Schotter oder loser Untergrund. Diese Namen sind auch Warnung. Am Gribsch ging in den heftigen Niederschlägen im August 2005 der seit dem Goldauer Bergsturz grösste Nach-sturz zu Tal. Zu Schaden kam diesmal niemand. Doch hat der Nachsturz gezeigt, dass der Rossberg wohl nie zur Ruhe kommen wird. Die Behörden haben reagiert. Wurde der Berg in den Jahren zuvor nur noch sporadisch überwacht, werden jetzt alle 14 Tage Messungen vorgenommen. Zudem erstellen Fachleute zurzeit speziell für den Rossberg eine Teilgefahrenkarte, auf der Sturz- und Murgangprozesse aufgenommen sind. a Konrad Schrenk, Liebefeld-Köniz Fotos: Ar chiv Ber gsturzmuseum Goldau Um die Dokumentation der ersten Glyssibachverbauung von 1889 lesen zu können, beherrscht man mit Vorteil die Sütterlin-Schrift. Dank der ar-chivierten Dokumente ist es möglich, die Verbauungsge-schichte zu rekonstruieren. Sechs Häuser und eine Scheune schwemmte der Glyssibach in Brienz weg. Die Häuserzeile, die rechts des Bachs stand, darf nicht wieder aufgebaut werden. Schwanden, oben rechts gelegen, blieb verschont. Ausschnitt aus der Gefahrenkarte von Brienz, Juni 2005. Diese Gefahrenkarte wurde vor den Unwettern im August 2005 erstellt und ist aus zeitlichen Gründen noch nicht an die neuen Gegebenheiten angepasst. Rot bedeutet Gefahr und somit Bauverbot. Hier darf nichts Neues gebaut werden. Im blauen Gefahrengebiet werden Bauzonen nur in Ausnahmefällen bewilligt. Wird etwas gebaut, müssen bestimmte Auflagen eingehalten werden wie besonders dicke Hausmauern. Im gelben Gebiet wird die Gefahr, dass etwas passiert, als ziemlich gering eingeschätzt. Wie in den anderen Zonen spielt auch hier die Frage, welche Risiken die Gebäudeversicherung in einem Schadensfall übernimmt, eine wichtige Rolle.

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