Bietschhorn. Wächter des Wallis – Altar der Alpinisten

Bietschhorn

Die felsig-eisige Schönheit des Bietschhorns lässt niemanden kalt. Die Betrachter nicht, die Bergsteiger schon gar nicht. Viele haben denn auch ihre Spuren an diesem Berg hinterlassen.

Der auffälligste Gipfel im Wallis ist – nein, nicht das Matterhorn. Das ist bloss der bekannteste Berg der Welt, obwohl zuhinterst im Tal von Zermatt gelegen. Doch jener Gipfel, der zuvorderst im Haupttal zu einsamer Höhe emporstrebt, heisst Bietschhorn. Es gehört zu den Berner Alpen, liegt aber im Wallis. Es wird Königin des Lötschentals genannt, beherrscht aber gleichzeitig das Rhonetal zwischen Visp und Martigny. Es erreicht nur 3934 m, wirkt aber doch mächtiger als viele über 4000 m hohe Gipfel. Selbst die einfachsten Aufstiege sind lang und anspruchsvoll. Seit 2001 gehört es zum Unesco-Weltnaturerbe Jungfrau-Aletsch-Bietschhorn, dem ersten im ganzen Alpenbogen. Die Alpinisten freilich verehren das Bietschhorn schon lange.

« Eine wahre Granitruine »

Leslie Stephen, hochkarätigster Engländer im goldenen Zeitalter des Alpinismus, war einer von ihnen. Am 13. August 1859 gelang ihm mit den Einheimischen Joseph Ebener, Johann und Anton Siegen die Erstbesteigung über den Nordgrat. Im « Alpine Journal », der Zeitschrift des englischen Alpine Club, notierte er: « Vor und nach dieser Fahrt bin ich auf mancher wilden Bergspitze gestanden. Aber ich bezweifle, dass eine von ihnen es an Wildheit mit dem Gipfelgrat des Bietschhornes aufnehmen kann. » Der Berner Edmund von Fellenberg, der so manches Duell gegen die eroberungssüchtigen Briten gewann – und verlor –, konnte dem Bietschhorn ebenfalls nicht widerstehen. Er unternahm mit seinen Führern am 19. August 1867 die zweite Besteigung und die erste Begehung des Westgrats. Sein Urteil im « Jahrbuch des Schweizer Alpen-Clubs » fiel nicht gerade begeisternd aus: « Eine wahre Granitruine. » Die Alpinisten pilgerten trotzdem zum Bietschhorn, so beispielsweise der deutsche Rechtsprofessor und Biblio-theksleiter Karl Schulz zu seiner Südwand.

Vielschreiber Schulz kletterte hoch

Die Südwand ist das Schaustück des Berges: eine 900 m hohe, nach oben zugespitzte, von teils schneegefüllten Rinnen zerfurchte Granitmauer, gegliedert Kurven statt klettern: Das Bietschhorn mit der im Mittagslicht gleissenden Nordgratflanke ist kein eigentlicher Skiberg, weist aber ringsum ein paar zünftige Skitouren auf wie das Baltschiederjoch. Bei hartem Schnee sollte man da nicht stürzen.

Fotos: Daniel Anker durch turmgespickte Rippen und Pfeiler. Furcht einflössend, sehr kompliziert und ziemlich steinschlaggefährdet. Deshalb mussten Schulz, der legendäre Schweizer Bergführer Alexander Burgener und Clemens Perren beim ersten Durchstei-gungsversuch am 23. August 1883 hoch oben umkehren. Aber ein gutes Jahr später war Schulz wieder da, zusammen mit den österreichischen Alpinisten Ludwig Purtscheller sowie Emil und Otto Zsigmondy. Purtscheller und Emil Zsigmondy, die grossen Pioniere des führerlosen Bergsteigens, übernahmen abwechslungsweise die Spitze der Seilschaft, und Emils Ausspruch vom Vorabend – « Warte Bietschhorn, morgen wirst du gemacht !» – ging am 2. September 1884 in Erfüllung. Eine dreifache Premiere: erste Durchsteigung der Südwand, erste führerlose Besteigung und erste aus dem Bietschtal. Sie ist Tritt für Tritt nachzulesen in den seitenlangen Berichten von Schulz im SAC-Jahrbuch.

Satiriker Dent – verewigt am Berg und im Buch

Ein nicht minder verwegener Bursche war der Engländer Clinton Thomas Dent. Er war nicht nur Erstbesteiger der Aiguille du Dru – nach 18 erfolglosen Versuchen! –, sondern auch Erfinder des alpinen Notsignals, Verfasser eines viel benutzten Lehrbuches zum Bergsteigen sowie des ersten Artikels, der bereits 1892 eine Besteigung des Everest vorschlug. Dieser Dent – welch passender Name für einen Zahnarzt und Alpinisten – beging am 25. Juli 1878 zusammen mit dem Kathedrale aus Granit: Bietschhorn von Süden – eine unübersichtliche Wand aus Fels und wenig Firn. Durch die steinschlägigen Rinnen führen keine Traumrouten, aber ein paar berühmte Alpinisten haben darin Träume verwirklicht. Firn: Der Nestgletscher fliesst von der Firnmulde unter der Nordwestwand des Bietschhorns ( 3934 m ) gegen das Lötschental herab. Die Talbewohner nannten ihren höchsten und schönsten Gipfel früher Nesthorn.

Landsmann John Oakley Maund und den Berner Oberländer Führern Johann Jaun und Andreas Maurer erstmals den Ostsporn. Eine noch heute klassische Route auf der Baltschieder Seite des Bietschhorns. Noch bemerkenswerter freilich ist der Bericht von Dent über die Tour. Above the Snowline heisst das Buch des hochalpinen Mark Twains, und das Bietschhornkapitel ist erst seit kurzem auf Deutsch zu lesen. « Es dürfte schwierig sein, in den Alpen einen Berg zu finden, der mehr dazu neigt, Steine auf seine Angreifer zu schmeissen als das Bietschhorn, und wir waren uns dieser Tatsache sehr wohl bewusst. Jede Besteigung dieses sich in seine Bestandteile auflösenden Berges schichtet den Fels in einem solchen Ausmass um, dass die nächsten nicht ohne Recht behaupten könnten, ihre Besteigung sei zu einem grossen Teil neu », schrieb er nicht ohne Ironie. Der Berg steht noch immer da, etwas brüchig in der Tat, aber ebenso unübersehbar.

Miss Brevoort – gut für zwei Premieren

Genau von diesem Berg kam die reiche Amerikanerin Meta Brevoort ins Hotel Nesthorn in Ried im Lötschental – zusammen mit ihrem Neffen W. A. B. Coolidge und den Grindelwalder Führern Christian und Ulrich Almer. Am 2O. September 1871 war der Viererseilschaft die dritte Besteigung des Berges gelungen und die erste durch eine Frau. Zuvor hatte die umtriebige Miss Brevoort bereits die erste Traversierung des Matterhorns und die ersten Damenbesteigungen von Weisshorn und Dent Blanche geschafft. Metas Bericht über die Route am Bietschhorn musste im « Alpine Journal » jedoch unter dem Namen ihres Neffen erscheinen, durfte sie doch als Frau in der Zeitschrift dieses exklusiv männlichen Clubs nicht publizieren. Aufmerk-same Leser jedoch werden bei einigen Stellen gemerkt haben, dass nur eine Dame so schreiben konnte – zum Beispiel dort, wo die letzte Tranksame im Notbiwak während des Abstiegs verteilt wurde: « Wir hatten noch ein wenig Wein, aber das Wenige befand sich in einem schrecklichen Fässchen, aus dem zu trinken für eine ungeübte Person sehr schwierig war. »

Von Stösser bis zum AACB

Vom Bietschhorn besessen war der deutsche Bergsteiger Walter Stösser: « … jede freie Minute galt dem geistigen Rüsten zum gewaltigen Ringen. » Gerungen hat er mit seinem Seilpartner Fritz Kast um den Grat: Vom 9. bis 11. August 1932 gelang den beiden Alpinisten im dritten Anlauf die erste Begehung des heute noch als sehr schwierig taxierten Südost- Und hinten lockt das Gipfelziel: Blick von der Bietschhornhütte zum Bietschhorn In der Bietschhornhütte: Trotz der engen Platzverhältnisse und der äusserst einfachen Einrichtung zaubern die Hüttenwarte feinste Kost auf den Abendtisch.

Foto: David Coulin Foto: David Coulin grats. Die Gebrüder Desaules durchstiegen am 17. August 1945 als Erste das brüchige Südwestwandcouloir, und Albin Schelbert und Gefährten erkletterten, unmittelbar bevor der erste Mensch den Mond betrat, nämlich am 18./19. Juli 1969, den festen Südwestpfeiler. Auch bekannte Mitglieder des AACB, des Akademischen Alpenclubs Bern, waren an ihrem Hausberg tätig: Walter Amstutz mit erster Skibesteigung, Hans Lauper und Willy Richardet mit neuer Südwandroute. Dem AACZ-Mitglied Hans Morgenthaler hingegen gelang 1916 die erste Winterbesteigung.

« Monsieur Bietschhorn »

Das Bietschhorn fordert auch im dritten Jahrtausend die Alpinisten heraus. So gelang Bergführer Pius Henzen am 4. März 2004 die erste Skitraversierung und wahrscheinlich die erste Winter-solobesteigung des Bietschhorns. Am Morgen des 8. Septembers 2004 traversierten die Franzosen Patrick Gabarrou und Philippe Batoux das Bietschjoch zum Fuss der Südwand und fanden links der 1947er-Route von Georges de Rham und Alfred Tissières, zwei weiteren berühmten Namen, einen neuen Anstieg über eine Folge von Pfeilern. Den schönsten Pfeiler konnten sie nicht erreichen, da eine zu querende Rinne sich wegen Steinschlags als zu gefährlich erwies. Trotzdem war Gabarrou des Lobes voll über die « ambiance très, très sauvage ». Und entsprechend bezeichnete er seine fünfte Route am Bietschhorn mit « Wildnis ». Gabarrou, der auch am Matterhorn Spuren hinterlassen hatte, war vom Bietschhorn immer wieder magisch angezogen: « Dieser Gipfel hat eine ganz eigene Art, den Raum zu besetzen und den Blick zu fesseln, und nährt den Wunsch, die Geheimnisse der Wege zu entdecken, die zu ihm führen .» a Daniel Anker, Bern

Literatur

Anker Daniel, Volken Marco: BietschhornErbe der Alpinisten, AS Verlag, Zürich 2004.

Leslie Stephen, der Erstbesteiger des Bietschhorns. Er war einer der hochkarätigsten Engländer im goldenen Zeitalter des Alpinismus.

Nicht immer ist der Fels so gut: Pius Henzen im Abstieg auf dem Westgrat des Bietschhorns Die umtriebige Amerikanerin Miss Meta Brevoort. Sie durfte ihre Frauenerstbe-steigung – und gleichzeitig die Drittbesteigung – des Bietschhorns im « Alpine Journal » nicht unter ihrem Namen publizieren. Dies war Männern vorbehalten. Verewigt auf einer Postkarte: die Westwand des Bietschhorns mit dem Nestgletscher um 1934 Der Berner Edmund von Fellenberg. Ihm gelang die Zweitbesteigung der « Königin des Lötschentals », die er im Jahrbuch des Schweizer Alpen-Clubs eher wenig begeistert als « Granitruine » beschrieb.

Foto: David Coulin Foto: zvg Foto: aus BietschhornErbe der Alpinisten, A S Verlag 2004 Foto: a us BietschhornErbe der Alpinisten, A S Verlag 2004 Foto: aus Emotionen. Bernisches Historisches Museum 1992/93

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