Blühender Monte Generoso. Wanderung im Südtessin

Blühender Monte Generoso

Ganz im Süden der Schweiz lockt der Monte Generoso mit einer grossartigen Aussicht und einer vielfältigen Natur. Im Mai wachsen wilde Pfingstrosen und andere botanische Besonderheiten direkt am Wanderweg.

Vorbei sind die Zeiten, in denen Touristen auf Maultieren in mehrstündigem Aufstieg auf den Monte Generoso transportiert wurden. Heute rattert eine Elek-trolok die neun Kilometer lange Strecke in 40 Minuten hinauf auf den Gipfel östlich des Lago di Lugano. Für unsere Wanderung steigen wir bereits bei der Station Bellavista aus und gehen die Bergschulter entlang durch Schatten spendenden Buchenwald gipfelwärts. Links und rechts ertönen aus den Talhängen die Rufe des Kuckucks, allerdings zeitlich versetzt, nicht in Stereo. Bei Tiralocchio führt der Wanderweg durch ausgedehnte Adlerfarn- und Besenginsterbestände. Auf einer Bergrippe am Gegenhang werden die Gebäude der Alpe Génor sichtbar. Diese Alp gab dem Monte Generoso – ursprünglich Monte Génor – seinen Namen. Wie späte Schneereste leuchten etwas weiter oben helle Karstfelder. Unter diesen und unter dem gesamten Monte Generoso erstreckt sich ein riesiges System von Höhlen und Grotten, das noch heute nicht vollständig erkundet ist. Forscher fanden unter anderem Werkzeuge von Neander-talern und Knochen von Höhlenbären.

Narzissen und Pfingstrosen

Bei Punkt 1452 queren wir das Bahngleis hin zum Grat. In der Weide auf der anderen Schienenseite blühen zahlreich die seltenen Langenseenarzissen, die es nur im Tessin gibt. Wenige Schritte später kann man die ersten Pfingstrosen sehen. Diese Pflanze, die man sonst nur aus Gärten kennt, wächst hier in steilen, felsdurchsetzten Grashalden. Undeutliche Wegspuren führen am Rande eines Fich-tenwalds weiter und am Startplatz der Hängegleitschirmpiloten vorbei. Über Motto di Cima gelangen wir zur Bahnstation mit Hotel, einer kleinen Kirche und einer öffentliche Sternwarte, die zu den modernsten der Schweiz gehört. Nun sind es nur noch wenige Minuten bis zum Gipfel. Mit seinen 1704 Metern Höhe ist der Monte Generoso nicht besonders hoch. Doch als südlicher Ausläufer der Alpen bietet dieser Gipfel einen einzigartigen Rundblick. Bei guter Fernsicht spannt sich der Alpenbogen vom Gran Paradiso über das Matterhorn, das Finsteraarhorn und die Bernina bis hin zum Ortler. Der Blick über die Lombardische Tiefebene bis zum Apennin ist dagegen meist von Smog getrübt. Wer einen guten Feldstecher dabei hat, kann überprüfen, ob man von hier oben bei klarer Sicht wirklich sogar das Glasdach des Mailänder Hauptbahnhofs sehen kann.

Fluchtort für Pflanzen

Der Monte Generoso ist bekannt für seine reichhaltige Flora. Über 800 Arten kommen in seinen Flanken vor. Diese aussergewöhnliche Pflanzenvielfalt ist nicht nur auf die besonderen Verhältnisse Die Pfingstrose ( Paeonia officinalis ) produziert mit 3,6 Millionen Pollen pro Blüte die grösste bekannte Pollenzahl. Sie wird vor allem von Fliegen und Käfern bestäubt. Sie ist stark gefährdet und streng geschützt.

Foto: Sabine Joss während der Eiszeiten zurückzuführen, sondern auch auf das insubrische Klima. Typisch für dieses sind warme Sommer, milde Winter und reichliche, über die ganze Vegetationszeit verteilte Niederschläge. Während der letzten Eiszeit war der Gipfel des Monte Generoso ein Nunatak, ragte also alleine über das Eismeer hinaus. Zahlreiche, heute seltene Tier- und Pflanzenarten konnten im Gipfelbereich als Eiszeitrelikte die Eiszeiten überdauern und sich später von hier aus wieder ausbreiten. Viele dieser Arten, darunter auch die Pfingstrose, sind endemisch, das heisst, sie kommen in der ganzen Schweiz nur auf dem Monte Generoso vor und sind entsprechend geschützt. Bekannt ist der Berg inzwischen auch für seine fast 300 Gämsen, die sich seit der Ansiedelung weniger Tiere Mitte der 60er-Jahre stark vermehrt haben. Wegen des Jagdverbots sind sie wenig scheu und können von Nahem beobachtet werden. Sie halten sich vor allem in den Westflanken auf. Beim steilen Abstieg vom Gipfel hinunter in einen Sattel entde- Blick vom Gipfel des Monte Generoso zurück zur Bahnstation und auf die Berghänge des Monte San Giorgio gegenüber. Mehr als 1400 m tiefer liegt der Lago di Lugano.

Foto: Fredy Joss Langenseenarzissen ( Narcissus x verba-nensis ) kommen nur im Tessin vor und wachsen um den Monte Generoso direkt am Wander- weg.

Foto: Sabine Joss Allgemeine Informationen Anreise: Mit der Bahn via Lugano nach Capolago, dann mit der Zahnradbahn auf den Monte Generoso bis zur Station Bellavista. Rückreise: Von Rovio mit dem Postauto zum Bahnhof Maroggia-Melano und mit der Bahn nach Lugano. Schwierigkeit: T3. Gratwanderung mit einigen exponierten Stellen und z.T. steilem Abstieg. Wanderzeit: Station Bellavista–Monte Generoso–Rovio 5 Std. Höhendifferenz: 500 m Aufstieg, 1200 m Abstieg. Geeignete Jahreszeit: Um die Pfingst rosen und Langensee-narzissen blühend zu sehen: Ende Mai/Anfang Juni. Bei Gewittergefahr sollte die Wanderung nicht unternommen werden. Karten: LK 1: 25 000, Blätter 1353 Lu gano, 1373 Mendrisio. Informationen: Ferrovia Monte Gene roso SA, Tel. 091 630 51 11, www.montegeneroso.ch; Lugano Turismo, Tel. 091 913 32 32, www.lugano-tourism.ch. Achtung Grenzgebiet: Pass oder Identitätskarte mitnehmen. Literatur: Blütenwanderungen in der Schweiz, Sabine Joss/ Fredy Joss. AT Verlag, Baden 2008. Tessiner Vor alpen 5, Maurice Brandt/Giuseppe Brenna, SAC-Verlag, Chur 200O. cken wir in den felsigen Flanken einige Gämsen, aber leider nur von Weitem. Bei der Wegverzweigung führt der Weg auf der Ostseite auf italienischem Gebiet weiter. Die Grenze verläuft genau entlang dem Grat. Bei Piancaccia blühen in beiden Ländern zahlreiche Langensee-narzissen. Bei Camoscia leuchten schon von Weitem die roten Blüten der Pfingstrosen, zum Teil direkt am Wanderweg. Der Wind fährt durch ihre Blüten, die sich von den bewaldeten Hängen und dem blauen Lago di Lugano abheben. Bei der nächsten Abzweigung ( Punkt 1360 ) folgen wir dem steilen, kleinen Pfad nach Rovio hinunter. Unterhalb des Punkts 1259 führt der Wanderweg durch eine Weide, in der die Blüten des Weissen Affodills wie Kerzen in die Höhe ragen. Doch Vorsicht, bei empfindlicher Haut kann die Berührung mit dieser Pflanze Hautreizungen hervorrufen. Immer wieder raschelt es im Laub, wenn Mauereid echsen davonflitzen. Je näher wir dem Dorf Rovio kommen, desto häufiger werden die Kastanienbäume. Ausser ihnen haben die Römer in Rovio noch andere Spuren hinterlassen, zum Beispiel die sechs zu Brunnen um-funktionierten Sarkophage. Der schöne Dorfplatz und mehrere Restaurants verkürzen die Zeit bis zur Abfahrt des Busses. a Sabine Joss, Beatenberg Fotos: Fr edy Joss

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