Blumen auf alpinen Felsen. Vielfalt in der Anpassung

Blumen auf alpinen Felsen

Wenige Standorte sind so lebensfeindlich wie alpin gelegene Felsen. Jene Pflanzen, die dort überleben, verfügen über erstaunliche Überle-bensstrategien und eine ausgezeichnete Anpassungsfähigkeit.

Alpine Felswände sind ein extremes Milieu für die Vegetation, denn sie sind kaum einmal von einer schützenden Schneeschicht bedeckt und praktisch immer sehr trocken. Auf Felsen wachsende Pflanzen, in der Fachsprache lithophy-tische Pflanzen, müssen gnadenlose Sonnenbestrahlung und Wolkenbrüche ertragen, beissendem Wind widerstehen und sich gegen eisige Temperaturen schützen. Aber am meisten Schwierigkeiten machen den Pflanzen die fehlenden Verankerungsmöglichkeiten und der Mangel an nährstoffreichem Humus, in dem sie sich festsetzen können. Die Arten, die den alpinen Fels besiedeln, zeigen deshalb eine ausgeklügelte Anpassungsfähigkeit. Ob sie sich in Rissen festklammern oder sich im Schutz eines Überhangs zusammenkauern, im Verlauf der Evolution haben sie ihre Morphologie derart verändert und ihre Bedürfnisse dem Angebot angepasst, dass sie zu absoluten Spezialisten geworden und nirgendwo sonst anzutreffen sind.

Schweizerischer Mannsschild – fast autark

Der Schweizerische Mannsschild ist ein Überlebensspezialist der Kalkwände. Die direkt auf dem Fels wachsende Berg-Haus-wurz fühlt sich im steinigen Universum äusserst wohl.

Die sternförmigen rot-weissen Blütenkronen der Spinnweb-Hauswurz bringen einen Farbtupfer ins Grau der alpinen Felslandschaft.

Fotos: O livier Gilliér on Um direkt auf dem Fels leben und sich darin verankern zu können, hat er eine bis zu einem Meter lange Pfahlwurzel entwickelt. Diese erlaubt es ihm, an Wasser heranzukommen, das in tiefen Rissen liegt. Auf der Oberfläche hat er die Form eines Polsters entwickelt. Dieses bietet ihm wirksamen Schutz gegen Kälte und den ständigen Wind. Zudem ermöglicht die halbkugelige Struktur, Regenwasser zu speichern. Aber die wesentlichen Vorteile dieser Form erschliessen sich erst durch längere Beobachtung: Die Blätter des Polsters altern und sterben im Polster selber und verwandeln sich so langsam in Nährstoffe für die Pflanze. So gestaltet die Pflanze ihr eigenes Milieu und schafft die Voraussetzungen für eine relativ grosse Autarkie, die Pflanze ist weitgehend selbstversorgend. Der Schweizerische Mannsschild wächst nur auf Kalkfelsen, und zu den Arten, die in seinem Umfeld leben, gehören der Blaugrüne Steinbrech ( Saxifraga caesia ), die Augen-wurz ( Athamanta cretensis ), die Zwerg-Gänsekresse ( Arabis bellidifolia ), das Filzige Hungerblümchen ( Draba tomentosa ), die Aurikel oder das Flühblümchen ( Primula auricula ).

Die KalkPolsternelke – genial und flexibel

Ganz offensichtlich erweist sich die Form des Polsters als nützlich für die Besiedlung des extremen Felsmilieus. Wie der Schweizerische Mannsschild wächst Fotos: O livier Gilliér on Mit ihrer Polsterform, ihren sehr kurzen Stängeln und reduzierten Blättern hat sich die KalkPolsternelke perfekt an die harten Bedingungen im felsigen Milieu angepasst.

Der zur grossen Gattung der Saxifraga gehörende Strauss-Steinbrech nützt kleinste Ritzen aus, um sich an Felswänden festzukrallen.

Der Schweizerische Mannsschild, die auf Felsen wachsende Pflanze schlechthin, braucht 60 Jahre, bis er ein Polster von rund 15 cm Durchmesser entwickelt hat. Die alpine Stufe besteht im Wesentlichen aus Fels und Geröll. Nur einige wenige spezialisierte Pflanzen können hier überleben.

nämlich die KalkPolsternelke, auch Stengelloses Leimkraut genannt ( Silene acaulis ), in der Form eines Polsters. Dabei hat sie sich aber nicht auf denselben Gesteinstyp wie der Schweizerische Mannsschild spezialisiert, weil es dadurch nur eine kleine ökologische Nische besetzt hätte.. " " .Vielmehr ist die KalkPolsternelke eine geniale Wanderin, die trotz ihres Namens sowohl Kalk als auch Silikatgesteine als Untergrund akzeptiert. Ausserdem zieht sie hohe Lagen – 3700 m und darüber – der tiefer gelegenen alpinen Stufe vor. Obschon sie im Wesentlichen an Fels und Geröll angepasst ist, kann sie auch Schrofengelände besiedeln. Die KalkPolsternelke ist ein Wunder an Flexibilität und hat sogar mehrere Unterarten entwickelt, die weitere Lebensräume für sich nutzbar machen können. Es überrascht daher nicht, dass diese Pflanze weit verbreitet ist. Die vielen kleinen, rosafarbenen Blüten ziehen unweigerlich den Blick auf sich und bringen jeden, der der KalkPolsternelke begegnet, ins Staunen.

Die Hauswurz – widerstandsfähig und sparsam

Ein weiteres « Geschwisterpaar » sind die Spinnwebige Hauswurz ( Sempervivum arachnoideum ) auf Kalkfelsen und die Berg-Hauswurz ( Sempervivum montanum ) auf Silikatgestein. Ihr Trumpf ist eine unglaubliche Widerstandskraft ge- So wie die ausschliesslich kalziphile Aurikel nur auf Kalk wächst, gedeiht die Rote Felsenprimel nur auf silikathaltigem Fels.

Während Flechten direkt auf der Felsoberfläche wachsen, haben die meisten Blumen-pflanzen eher die Tendenz, sich in Rissen festzusetzen. Das bietet ihnen eine bessere Verankerung und ein Minimum an Nährboden.

Als Frühlingsblume und kalkliebende Pflanze ist die Aurikel, auch Flühblümchen genannt, in Felsrinnen bis 2900 m Höhe anzutreffen. Kalkfelsen, hier in der Silberen, werden von einer eigenen, kalzi-philen ( kalkliebenden ) Flora besiedelt; Blumen, die auf silikathaltigem Fels wachsen, nennt man kalzifug ( kalkmeidend ).

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gen Dürre und Austrocknung. Wenige Pflanzen in unseren Alpen sind so ausdauernd wie die Hauswurz; weder grosse Sommerhitze noch tiefste Temperaturen im Winter können ihr etwas anhaben. Das Geheimnis dieser Widerstandskraft liegt zweifellos im komplexen Metabolis-mus der Pflanze, die ihr ein Leben ohne jede Wasservergeudung ermöglicht. Es sind ihre fleischigen Blätter, unterstützt von den Rosetten an deren Füssen, die als Wasserreservoir dienen. Dazu kommt neben anderen physiologischen Anpassungen eine Pflanzenhaut, die ihre Poren unter der Sonnenbestrahlung schliessen kann und damit jede Verdunstung verhindert. Deshalb ist die Hauswurz in der Lage, selbst extrem trockene Standorte im Fels zu besiedeln. Sie kann sich daher im Unterschied zum Schweizerischen Mannsschild mit kaum entwickelten, flachen Wurzeln begnügen. a Olivier Gilliéron, Corbeyrier VD/ü Säuregehalt des Bodens beeinflusst Pflanzentyp Das Zusammenspiel zwischen einer Pflanze und ihrem Umfeld stellt ein komplexes Phänomen dar. Bekanntlich unterscheiden sich die Böden unter anderem in ihrem Säuregrad. Dieser ist verantwortlich für die Löslichkeit der Nährstoffe, welche die Pflanze benötigt, und wird in pH ausgedrückt. Kalkböden sind neutral oder alkalisch ( pH 7 bis 8 ), während Silikatböden in der Regel sauer sind ( pH 3 bis 6 ). Das Vorkommen von Pflanzenarten ist ebenfalls beeinflusst durch den Säuregrad des Bodens. Kalzi-phile Pflanzen – Spezialisten, welche viel Kalk ertragen, neutralisieren oder eliminieren – haben sauren Boden nicht gern und besiedeln daher kalkigen Fels. Im Gegensatz dazu ertragen kalzifuge Pflanzen ein Zuviel an Kalk nicht; er wirkt auf sie wie Gift. Sie lassen sich daher auf sauren, silikathaltigen Böden wie Granit oder Gneis nieder. Auf Kalkfelsen anzutreffende Pflanzen sind deshalb grundsätzlich anders als diejenigen, die man auf silikathaltigem Fels antrifft. Es gibt selbstverständlich Ausnahmen: Gewisse sehr ähnliche Pflanzen besiedeln beide ökologischen Nischen. Man nennt diese Arten « vikarierend ». Ein solches « Geschwisterpaar » ist die Aurikel ( oder Flühblümchen ), die auf Kalk wächst, und die Behaarte Schlüsselblume ( oder Rote Felsenprimel ), die Silikat liebt. Andere, zum Beispiel das Alpenleinkraut ( Linaria alpina ), scheinen sich um die Säure des Bodens wenig zu kümmern, haben aber dennoch ihre Vorlieben.

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