Braucht es «Denkmalrouten» in den Alpen? Bohrhakenstreit

In der August-Ausgabe weckten die ALPEN Lust auf das Klettern mit mobilen Sicherungsgeräten. Nach einer Diskussion zwischen Spitzenkletterern und Vertretern der Alpenvereine an der « OutDoor » in Friedrichshafen greifen wir das Für und Wider von Bohrhaken und Klemmkeilen auf. Eine Standorterörterung.

Wer kümmert sich um den Erhalt klassischer Kletterrouten? Welche Ausrüstung ist bei der Sanierung erlaubt? Über dieses Thema diskutierten die Spitzenkletterer und -alpinisten Simon Anthamatten, Beat Kammerlander, Robert Jasper und Alexander Huber mit den Geschäftsfüh-rern und Präsidenten der Alpenvereine aus Deutschland, Österreich und der Schweiz im Juli 2009 an der « OutDoor » in Friedrichshafen, einer Fachmesse rund um Outdoorprodukte.

Ginge es nach dem deutschen Spitzenkletterer Alexander Huber, der spätestens seit dem DAV-Kongress « Berg.. " " .Schau! 2008 » für seine extreme Haltung beim Gipfeltreffen an der « OutDoor » 2009 hat der SAC erstmals an der internationalen Fachmesse « OutDoor » in Friedrichshafen teilgenommen. Zusammen mit dem DAC und dem OeAV präsentierte sich der SAC im « camp3 », wo Kletter- und Boulderwettkämpfe durchgeführt wurden. Im Rahmen der « OutDoor » fand ein internes Gipfeltreffen mit professionellen Kletterern und Bergsteigern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz statt, wo über aktuelle Themen aus dem Bergsport diskutiert wurde. Die Debatte soll an der « OutDoor 2010 » weitergeführt werden.

Bohrhakenstreit bekannt ist, gäbe es in den Alpen verschiedene, definierte Klet-terzonen: die einen mit kurzen Hakenabständen, wie sie die Plaisirkletterer schätzen. Und die anderen mit alpinen Routen und Klassikern, die nur mit dem notwendigsten Sicherungsmaterial ausgestattet und zusätzlich selbst abzusichern sind. Huber und seine Kletterkollegen Anthamatten, Kammerlander und Jasper ärgert der Wildwuchs bei den Sanierungen und Neuerschliessungen. Klassische Routen würden « verbohrt », die Mentalität der Kletterer sei « verweichlicht »; Klettern müsse auch Abenteuer bleiben. « Wer die Originalroute nicht klettern kann, soll plaisirklettern oder daheimbleiben », forderte etwa Anthamatten in der Diskussion. Huber kritisierte an der « OutDoor » erneut, dass sich niemand für die Kontrolle der « ethisch sauberen » Sanierung klassischer Routen zuständig fühlt. Bereits an der « Berg.. " " .Schau !» hatte er dem DAV vorgeworfen, er würde zu wenig für den Erhalt klassischer Routen unternehmen und Plaisirrouten bevorzugen.

Die Meinung der vier Spitzenkletterer steht im krassen Gegensatz zur Mehrheit der Klettererinnen und Kletterer. Sie beginnen mit dem Klettern meistens in gut abgesicherten Kletterhallen und begeben sich erst in einem zweiten Schritt – wenn überhaupt – in den Fels. Von den Sportkletterern im Freien zieht es wiederum nur einen Bruchteil in alpine Mehrseil-längen-Touren. Daraus lässt sich ableiten, dass die breite Masse der Kletterer gut abgesicherte Routen und kontrollier-bares Risiko bevorzugt. Wer es alpiner mag und Routen selber absichern möchte, der wird in den Alpen sicher fündig; es gibt eine ganze Palette klassischer Routen in allen Schwierigkeitsgraden, die gar nicht oder nur mit dem Minimum an Bohrhaken ausgerüstet sind. Was mit alpinen Klassikern geschieht, wie diese saniert werden und ob dies ethisch vertretbar ist, interessiert die Mehrheit der Kletterer also kaum. Zumindest nicht, solange es genügend Plasirrouten gibt.

Die Geschäftsführer und Präsidenten der Alpenvereine aus Deutschland, Österreich und der Schweiz blieben mit ihren Aussagen an der « OutDoor » vage. Zwar betonte Heinz Röhle, Präsident des DAV: « Wenn wir eine vollkommen ungeordnete Entwicklung vermeiden wollen, muss sich jemand darum kümmern. » Doch so richtig verantwortlich fühlen sich die Alpenvereine offenbar nicht. Richtlinien gibt es zwar: In der « Tirol Deklaration » 1 etwa wurde 2002 definiert, was einen guten Kletterstil ausmacht: « historische Routen erhalten, keine zusätzlichen fixen Sicherungen anbringen oder auch ganz auf Bohrhaken verzichten ». Das ist bisher bloss trockene Theorie, denn die praktische Umsetzung ist noch nicht erfolgt. « Der Druck muss von der lokalen Kletterszene kommen », sagte Christian Wadsack, Präsident des OeAV. Diese müsse sich aber auch um die Umsetzung kümmern, die alpinen Vereine könnten dabei höchstens eine Mentor-funktion übernehmen. Frank-Urs Müller, der Zentralpräsident des SAC, schlug vor, « dass der Club Arc Alpin CAA ein gemeinsames Vorgehen der Alpenvereine koordinieren könnte ». Ein konkreter Beschluss wurde jedoch nicht gefasst. Es bleibt also fraglich, ob dieser überhaupt angestrebt wird. Und auch, ob ein gemeinsames Vorgehen im Sinn der Alpenvereine ist.

Im SAC besteht seit 2007 die Fachgruppe « Sanieren und Erschliessen », die sich im Wesentlichen um die Sanierung von auf den Breitensport ausgerichteten Routen und Klettergebieten kümmert. Gemäss 1 Die « Tirol Deklaration zur Best Practice im Bergsport » wurde 2002 während des Kongresses « Future of Mountain Sports », Innsbruck, von OeAV und DAV verabschiedet.

der offiziellen Position des SAC-Zentral-verbandes wird die Sanierung von Routen gegenüber Neuerschliessungen favo-risiert. Bei der Art und Weise der Sanierung soll die Entwicklung des Breiten-bergsports berücksichtigt werden. « Die Sanierung von Routen und Gebieten im breitensportlichen Schwierigkeitsbereich beinhaltet auch die Freiheit, von bisherigen Routenverläufen abzuweichen und die Standplätze anders festzulegen », heisst es im entsprechenden Reglement. « Routen, die landesweit anerkannte leistungssportliche Massstäbe im Bereich Leistungssport gesetzt haben und von alpingeschichtlicher Bedeutung sind, sollen in der Regel nur im Sinne eines Ersatzes der bisherigen Absicherungs-punkte saniert werden », empfiehlt der SAC für alpine Klassiker. Ob diese Richtlinie aber eingehalten wird, überprüft niemand – sie findet lediglich bei Einsätzen der Fachgruppe Anwendung.

Reglemente und Überlegungen zum Thema bestehen also, und bei genauerem Hinsehen erkennt man, dass die Alpenvereine im Grunde dieselben Leitlinien verfolgen wie die Spitzenkletterer. Um dem Wildwuchs Einhalt zu gebieten, müssten also künftig « Gebirgspolizisten » die Sanierungen von klassischen Routen überwachen. Oder müssten diese sogar als « Denkmalrouten » deklariert werden? Mit einer strengen, offiziellen Reglementierung und Kontrolle wäre dem Klettersport wohl kaum gedient. Wer will schon – wie es bei Klettersteigen gilt – für die selbst erschlossene Route haften? Um ein Fazit zu ziehen, bleiben jedenfalls zu viele Fragen offen. Die Debatte aber wird mit Sicherheit fortgeführt – spätestens an der « OutDoor 2010». a Heidi Schwaiger, Kommunikation & Medien SAC Comic: Georg Sojer Ob überhaupt und wenn ja wie viele Bohrhaken: Ob diesem Thema gibt es schnell heisse Köpfe …

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