Capanna Cristallina neu aufgebaut. Lang möge sie stehen bleiben!

Capanna Cristallina neu aufgebaut

Gute Nachricht für Wander- und Ski-tourenfreunde: Die neue Capanna Cristallina ist bezugsbereit. Eine der beliebtesten Hütten des SAC wurde an einem neuen Standort im Passo di Cristallina wieder aufgebaut, nachdem sie innerhalb von wenigen Jahren gleich zweimal zerstört worden war.

Die Geschichte der Capanna Cristallina beginnt 1939: Die SAC-Sektion Ticino nimmt die Bauarbeiten an die Hand, die Einweihung folgt 1942 mitten in den Kriegswirren. Die Hütte entwickelt sich bald zu einer der beliebtesten und meistbesuchten des SAC. 1983 wird sie modernisiert und erweitert. Doch die Freude ist von kurzer Dauer. Keine drei Jahre später hinterlässt der raue Winter 1986 massive Spuren: Im Februar wird die Hütte von einer Lockerschneelawine beschädigt und im Mai dann von herunterfallenden Schneemassen – sieben Meter Feuchtschnee auf dem Dachweitgehend erdrückt. Mit viel Elan wird der Wiederaufbau noch im selben Jahr realisiert, nun mit einer massiven Betonmauer als Verstärkung auf der « Lawinenseite ». Mit 160 Plätzen und einer modernen Infrastruktur ist die neue Hütte für ein langes Leben ausgelegt, doch auch sie überlebt nur ein paar Jahre. Im Februar 1999 lösen sich vom Pizzo Gararesc enorme Schneemengen, fegen zu Tal und zerstören die Hütte vollständig. Die Überreste bieten einen desolaten Anblick und lassen erschaudernd die Wucht der Lawine erahnen.

Wie weiter? Auch diesmal ist die Sektion gewillt, die Hütte neu zu errichten. Mit einem Ent-scheidungsraster werden bei fünf möglichen Standorten die Kriterien Lawinengefährdung der Hütte und der Zustiege anhand einer Expertise des Eidgenössischen Schnee- und Lawinenforschungs-instituts SLF, landschaftlicher Reiz, Sonneneinstrahlung, Windexponiertheit sowie Wasser- und Energieversorgung bewertet. Als bester Standort schwingt der Passo di Cristallina, 2568 m, obenaus, gut 200 Meter über der alten Hütte auf der Wasserscheide zwischen Val Bedretto und Val Bavona. Die Sektion entscheidet sich nun für ein bei SAC-Hütten sehr unübliches Vorgehen. Sie schreibt einen öffentlichen Architekturwettbewerb aus. Bis Ende 1999 gehen 142 Projekte ein, von originell bis unbrauchbar. Anfang 2000 werden 13 Projekte zu einer Überarbeitung ausgewählt. Die Jury entscheidet sich für « Barchessa » der Architekten Baserga und Mozzetti aus Muralto: ein schlichter, zweigeschossiger, nach Süden ausgerichteter und quer zum Hang

Im September 2002 steht die Cristallina-Hütte. Blick Richtung Nordwesten gegen Passo del Naret und Madone Die fertige Cristallina-Hütte passt sich gut in das Gelände ein. Ansicht von Südwesten: Der Haupteingang befindet sich rechts unter dem ausladenden Holzkörper.

DIE ALPEN 12/2002

liegender Baukörper aus Holz, der auf einem steinernen Terrassensockel ruht und über diesen herausragt.

Bauen im Gebirge Die grossen Schneemengen, die bis weit in den Juli hinein liegen bleiben, sowie das wechselhafte Wetter erschweren die Planung und die Bauarbeiten. Im Sommer 2001 wird der Untergrund ausgesprengt und ausgehoben, anschliessend werden Kellergeschoss, Sockel und eine bergseitige Schutzwand betoniert. Gleichzeitig entsteht ein 1,2 km langer Schacht für die Wasser- und Energieversorgung vom Lago Sfundau her. Der folgende Winter dient insbesondere der Herstellung der Fertigelemente, die jenseits des Gotthards, bei der spezialisierten Holzbaufirma Bissig in Altdorf, vorfabriziert werden. Überhaupt wird das einheimische Baugewerbe im Einzugsgebiet des Gotthards stark berücksichtigt. Im Sommer 2002 folgt die Aufrichtung der Struktur, zu der die Holzele-mente zur Baustelle geflogen und in Präzisionsarbeit angesetzt werden. Etwas Wetterglück und vor allem das gut harmonierende Team erlauben es, Aussen-struktur, Zwischenböden und Innen-wände innerhalb einer guten Woche aufzurichten. Aussengestaltung, Innenausbau und die verschiedenen Installationen beanspruchen den ganzen Sommer, sodass die letzten Arbeiten Mitte November stattfinden. Die neue Capanna Cristallina ist nun bezugsbereit. Was noch fehlt, sind die schönen Steinplatten auf der Aussenterrasse. Diese sollen im Sommer 2003 verlegt werden, damit sich die Unterlage setzen und stabilisieren kann.

Eine moderne Hütte Die neue Cristallina-Hütte 1 wurde als moderne Grosshütte konzipiert. Trotz den 120 Plätzen, die in 4er-, 8er- und 12er-Zimmer aufgeteilt sind, wirkt sie weder als Klotz noch als Hotel, sondern als wohliges Refugium inmitten einer herben Landschaft. Ihre schlichten Formen und einige interessante Detaillösungen dürften wohl noch viele Nachahmer finden. Darüber hinaus bietet die neue Hütte nebst dem grossen Angebot an Skitouren und Wanderungen neuerdings mehr Aussicht und mehr Sonne – wohl beste Voraussetzungen, um ihren Platz unter den zehn meistbesuchten Hütten des SAC zu festigen. Ein Augenschein vor Ort empfiehlt sich auf jeden Fall. Die Hütte ist ab 2003 während der Skitourensaison und von Sommer bis Herbst durchgehend bewartet. a

Marco Volken, Zürich 1 Valsecchi Angelo: Cristallina – Ein Traum im Winter und Sommer. SAC Sektion Ticino, 2002. Fr. 1O.– für SAC-Mitglieder, Fr. 15.– für Nichtmitglieder, zuzügl. Versand. Zu bestellen bei CAS Ticino, CP 2962, 6901 Lugano, E-Mail casticino(at)ticino.com In Italienisch unter Cristallina-sogno d' inverno e d' estate erhältlich

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