Danse Verticale - eine neue Dimension

Mancher Choreograph hat wohl schon von der Erschliessung einer neuen Dimension geträumt. Die Bewegung in der vermeintlichen Schwerelosigkeit, diese Verschiebung der gewohnten Perspektiven waren Ausgangspunkt und Geburtsstunde des « Danse Verticale ». Wann wird das Klettern zum Tanz, wann der Tanz zum Klettern?

Die Grenzregion, in der es kein Oben und kein Unten mehr gibt, hat vor rund 15 Jahren die französische Compagnie « Rock in Liehen » ( Laura de Nercy, Bruno Dizien, Fabrice Guillot und Antoine le Ménestrel ) für sich entdeckt. Patrick Berhault schuf zu dieser Zeit Filme wie « Métamorphose » und « Grimpeur Etoile », die zu Danse-Verticale-Klassikern wurden.

Was in Frankreich schon recht bekannt ist, hat die Schweiz bisher kaum berührt, abgesehen von Erika Engler und ihrer Truppe, der Compagnie Danse Verticale in Landquart. Letztes Jahr stand ihr Name bei der Verleihung des SAC-Kulturpreises an zweiter Stelle. Am 6. Juni 1998 Schloss eine Aufführung ihrer Tanzgruppe das internationale Bergfilmfestival « Festival dei Festival » in Lugano ab. Die Beweggründe der 59jährigen, ihre Faszination am Tanz in der Vertikalen, erläutert Erika Engler im folgenden Interview.

Fasziniert vom Spiel in der Wand Erika, was bedeutet für Dich Danse Verticale?

Erstmal ist es eine erweiterte Form des Tanzes, ein Spiel mit den Grenzen unseres Körpers und des Raums. Die Begrenzung in der Vertikalen ist die Schwerkraft. Danse Verticale ist die Suche nach einem Weg, diese Grenze zu überlisten, ein Spiel in der Wand. Du hast Dich intensiv sportlich engagiert, sei es in der Mädchenriege, in Turnvereinen, bei J+S oder hast Tanz-kurse geleitet. Was bedeutet der Sport für Dich?

Bewegung hat mein Leben begleitet, seit ich denken kann. Doch dahinter stand nie der Leistungsgedanke; ich bewege mich auch nicht, um fit zu bleiben. Ich bewege mich, weil ich von den Möglichkeiten des Körpers fasziniert bin und weil ich in der Bewegung Wohlbefinden erlebe. Wie bist Du mit Danse Verticale in Berührung gekommen?

Ursprünglich komme ich vom Turnen und Tanzen her, Bewegung mit Im Morgengrauen Musik und Rhythmus faszinierte mich seit je. Irgendwann entdeckte ich das Klettern. Und vor zehn Jahren sah ich in einer Tanzzeitschrift eine Ausschreibung zu einem Kurs in « Danse Escalade » - also Tanzen in Kombination mit Klettern - am alljährlich stattfindenden Tanz- und Theaterfe-stival in Avignon in Frankreich. Kurzentschlossen meldete ich mich -kaum mit dem Klettern begonnen -für den Kurs an und landete bei der Truppe « Rock in Liehen », die in Sachen Danse Verticale Pionierarbeit leistete. Anlässlich seiner Arbeit an der « Opéra vertical » stiess ich auch auf Patrick Berhault. Ich war von der Synthese der beiden Sportarten Tanzen und Klettern fasziniert. Seither hat mich Danse Verticale nicht mehr losgelassen.

Erster Auftritt im Ausland Du bist von diesem Kurs heimgekommen und hast Dich in Landquart gleich daran gemacht, eine eigene Danse-Verticale-Truppe zusammenzustellen. War diese Anfangsphase schwierig?

Als ich aus Frankreich zurückkam, stand die Gymnaestrada in Amsterdam vor der Tür und damit die Frage, Erika Engler, die Begründe-rin und Leiterin der Compagnie Danse Verticale Gnomen schwärmen aus.

Die Natur erwacht auf allen Ebenen.

unter welchem Thema der Bündner Beitrag am Schweizer Abend gestaltet werden sollte. Es war schnell klar, dass es Danse Verticale sein sollte. Auf einen Aufruf bei den Turnver-bänden hin meldeten sich 30 Personen. Seither existiert die Compagnie Danse Verticale in wechselnder Besetzung. Einige « Verticaler der ersten Stunde » sind immer noch dabei.

Eines der ersten Probleme war eine geeignete Wand, um überhaupt trainieren zu können. Da nirgends so etwas existierte, baute ich zusammen mit meinem Mann Leo selber eine Wand, unterstützt von Personen aus der Baubranche. An dieser Wand entstand unser erstes Programm, das wir 1991 in Amsterdam zeigten.

Die Hauptschwierigkeit aber, die es zu überwinden galt, waren all die Alpine Geschichte, Kultur, Erzählungen Karin Frei und Willi Hemmi tanzen seit zehn Jahren in der Compagnie Danse Verticale von Erika Engler mit.

zweifelnden Stimmen, die ein solches Unternehmen grundsätzlich in Frage stellten. Wenn ich mir aber einmal ein Ziel gesetzt habe, denke ich nicht an die Hindernisse. Sonst müsste man ja gar nicht erst anfangen. Rein physisch sind die Anforderungen jedoch recht hoch, und an den Aufwand, den es zusätzlich zu leisten gilt, darf man von vornherein ohnehin nicht denken.

Was sind die besonderen Ausdrucks-möglichkeiten beim Tanz in der Vertikalen?

Die Grenzen sind sehr weit. Sie hängen von der Fantasie, der Kreativität und der Vorstellungskraft der Gruppe ab. Es ist ein Spiel in der Wand. Wir zaubern Bilder hervor, gestalten Atmosphäre wie beim Tanz oder Theater. Manchmal ist es auch das Umsetzen von Musik oder einer Geschichte. Unsere Programme ent- stehen aus dem kreativen Zusammenspiel, sie sind nie im voraus festgelegt.

Keine Altersgrenzen Muss man für Danse Verticale begabt sein?

Begabung ist nicht nötig, man muss kein Spitzenkletterer sein, und auch das Alter ist vollkommen unwichtig. Alle können einen Platz im Zusammenspiel mit den andern finden. Viele sind sogar erstaunt über ihre bisher unentdeckten Fähigkeiten. Das einzige, was man mitbringen sollte, ist Offenheit, Neugierde und Freude an der Bewegung. Kann man die Compagnie Danse Verticale für einen Anlass engagieren?

Grundsätzlich ja. Weil unsere Leute aber auch sonst sehr aktiv sind, müssen Termine rechtzeitig bekannt sein. Darüber hinaus braucht es technische und räumliche Voraussetzungen, damit man die Wand aufstellen und fixieren kann. Es ist aber auch möglich, an einer bereits bestehenden Kletterwand, an einem Gerüst oder an einer Mauer eine Vorführung zu gestalten. Dies benötigt aber mehr Zeit, denn dann müssen zuerst das Thema gewählt und das Programm einstudiert werden. Eine andere Möglichkeit besteht darin, mit einer JO oder anderen Gruppen zusammen etwas zu entwickeln. Dadurch wird diese Sportart spielerisch weitergetragen.

Faszinierend ist die Entwicklung Du arbeitest nun schon seit zehn Jahren mit solchen Projekten. Wo liegt Deine Antriebskraft?

Das grösste für mich ist die Aufführung. Da kann ich zusehen, das Gesamtbild in mich aufnehmen.

Leichtfüssig in der Wand Wann wird Tanz zum Klettern und Klettern zum Tanz?

Wenn alles stimmt, ist das wunderbar für mich. Ich verfolge aber auch den Entwicklungsprozess. Beim Üben verdichtet sich der Ablauf. Die Tänzerinnen und Tänzer wachsen in ihre Rolle hinein, verstärken ihren Ausdruck und bleiben trotzdem sie selber. Es macht Spass, mit einem so kreativen Team zusammenzuarbeiten und zu sehen, wie jedes Mitglied in sich selber wächst.

Pläne Deiner Truppe für das Jahr 1999 stehen schon im Raum. Möchtest Du die Bekanntheit von Danse Verticale vergrössern?

Danse Verticale mache ich genau so lange, wie es mir und der Compagnie Spass macht. Denn nur wenn es Freude bereitet, sind Kraft und Energie für diesen Aufwand da. Die Weiterentwicklung kommt von selbst, sie kann nicht forciert werden. Ich mis-sioniere auch nicht. Die Danse-Verti-cale-Bewegung sucht sich ihren Weg von selbst. Es kann sein, dass ich eines schönen Tages damit aufhöre und mich etwas ganz anderem zuwende.

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