Das Auge wach halten

Als er sich 1997 nach seinem Ökonomie­studium für den Bergführerkurs ein­schrieb, wusste David Carlier bereits, dass er aus dem Ort, an dem er seine Freizeit verbrachte, seinen Arbeitsort machen ­würde. Aber nicht als Bergführer. Seine Interessen lagen anderswo. Er wollte «Bilder gestalten». Indem er die Berge wandernd, kletternd, gleitend oder fliegend durchstreifte – die Kamera immer dabei, schulte er sein Auge für die Bergfotografie. Weil er in der Lage ist, mit einem Kletterer, einem Extremskifahrer, einem Gleit­schirm­piloten oder einem Freerider in völliger Autonomie mitzuhalten, gelingen ihm Bilder aus ganz speziellen Blickwinkeln. So wie dasjenige vom Bergführer Gilles Sierro bei seinem Alleingang durch die Dent-­Blanche-­Ostwand, das aus dem Helikopter aufgenommen wurde. Ist es die Leere oder die Wand, die uns anzieht? Heute, 20 Jahre und Tausende von Bildern später, ist der 40-jährige Ehemann und Vater eines siebenjährigen Kindes über­zeugt, dass er sich richtig entschieden hat. Er hat mit den besten Outdoorsportlern gearbeitet und in den renommiertesten Magazinen der Welt seine Fotos publiziert.

Mittlerweile hat er sich dem Fotojournalismus zugewandt und macht Reisereportagen. Im Himalaya, in Alaska, in der Wüste oder auf seinem Schiff auf dem Meer. Und sein Auge hat sich weiterentwickelt: «Ich suche nicht mehr das perfekte Bild. Ich ­liebe Bilder mit kleinen Fehlern, solche, die Fragen aufwerfen. Ich will Geschichten ­erzählen, Gefühle auslösen.» In den letzten Jahren hat er begonnen, Filme zu drehen. 2015 realisierte er anlässlich der 200-Jahr-­Feier des Kantons Wallis den langen Dokumentarfilm 13 faces du Valais. Nächstens kommt ein Buch mit Architekturfotos auf den Markt. «Ich liebe die Vielseitigkeit. Sie sorgt dafür, dass mein Auge wach bleibt», sagt er.

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