Das Hotel auf dem Faulhorn. Anfänge der alpinen Hotellerie

Das Hotel auf dem Faulhorn

Die alpine Hotellerie im 19. Jahrhundert war eng mit den steigenden sportlichen Betätigungen verknüpft. Auf Spaziergänge durch den Hotelpark folgten Wanderungen zu Naturschauspielen und später ins Gebirge. Parallel dazu entstanden die Unterkünfte. Eines der ersten alpinen Hotels ist jenes auf dem Faulhorn bei Grindelwald.

Um 1800 kam die Mode auf, sich längere Zeit am gleichen Ort aufzuhalten. Zur Zerstreuung und sportlichen Ertüchtigung der Gäste wurden in der Folge Spa-zier- und Wanderwege in der Umgebung der ersten Pensionen und Hotels angelegt: einfachere Wege durch den eigenen Hotelpark, dann zu weiter entfernten Naturschauspielen wie Gletschern oder Wasserfällen. Im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts baute man dann Bergwege aus, so auf den Rigigipfel, auf das Brienzer Rothorn oder auf das Faulhorn. Parallel dazu errichtete man einfache Schutzhütten, später einfache Gaststuben für die Fremden. 1816 wurde auf dem Rigigipfel das erste Berggasthaus eröffnet – gewissermassen die Geburtsstunde der alpinen Hotellerie in der Schweiz. Die nächste Etappe im alpinen Hotelbau war das Gasthaus Faulhorn bei Grindelwald im Berner Oberland.

Höchstgelegenes Gasthaus Eine erste Besteigung des 2681 m hohen Faulhorns durch den Grindelwaldner Pfarrer Friedrich Kuhn ist im « Magazin für die Naturheilkunde Helvetiens » von 1783 dokumentiert. Ungeachtet zahlreicher wissenschaftlicher Berichte blieb dem Faulhorn bis ins frühe 19. Jahrhundert der touristische Durchbruch aber versagt, trotz der grossartigen Gipfelsicht, die bald einmal mit jener von der Rigi verglichen wurde. Was fehlte, war eine passende Unterkunft in Gipfelnähe.

1822 beantragte Samuel Blatter, « Stadthauswirth zu Unterseen, Amtsbezirk Interlaken, und Besitzer der Taver-nen-Wirthschaft zum Adler in Grindelwald », in einer Eingabe, in der er sich auf das Rigi-Gasthaus bezog, an die Berner Regierung ein Gasthauspatent für den mittlerweile bekannten Berggipfel. Einen knappen Monat später war Blatter bereits im Besitz der Konzession, um im folgenden Sommer auf dem Faulhorn die erste Gaststätte zu eröffnen. Bei dieser damals höchstgelegenen Gaststätte in den Alpen handelte es sich wahrscheinlich um das kleine Nebengebäude, das ersten Gästen bereits ein bescheidenes Nachtlager bot. Kurz nach 1830 entstand dann das heute noch bestehende zweistöckige Hotelgebäude mit vier Fenster-achsen. Zu seiner Eröffnung im Sommer 1832 zeichnete Heinrich Keller verschiedene Ansichten.

Bescheidene Ausstattung Dieses neue Gasthaus besass eine äusserst bescheidene Innenausstattung, die in manchen Reiseführern kritisch gewürdigt wurde. Gesellschaftlicher

DIE ALPEN 6/2004 Das Hotel Faulhorn mit dem Panorama der Berner Alpen

Mittelpunkt war der « Saal », das grosse Esszimmer auf der Frontseite im Erdgeschoss mit einem langen Tisch und einem grossen Zylinderofen. Hier wurde zweimal täglich eine richtige « Table d' hôte », ein gemeinsames Essen aller Gäste, zelebriert. Die darüber gelegenen Zimmer waren spartanisch ausgestattet und nur mit einfachen Zwischenwänden abgetrennt. Die Reiseführer berichteten denn auch bald einmal von beengenden Schlafräumen, in denen das nachbarliche Schnarchen gut hörbar sei. Den feinen Damen wurde in mehreren Reiseführern, etwa bei Murray 1838 oder im berühmten Reisehandbuch des Interlakner Hoteliers Peter Ober 1854, sogar von einer Übernachtung auf dem Faulhorn abgeraten. Trotz dieser Kritik entwickelte sich das neue Gasthaus auf dem Faulhorn in seiner Frühzeit recht gut. 1848 schrieb Baedeker dazu: «... wird in neuerer Zeit ziemlich viel, wenn auch gerade nicht so häufig als der Rigi bestiegen, besonders seitdem 1832 oben ein Wirthshaus eingerichtet ist. Dieses bietet freilich nicht die Bequemlichkeiten des Rigi-Wirthshauses, es hat nur 24 Betten... » Als Aufstiege führte der Baedeker « Grindelwald, Giessbach, Grosse Scheideck und Schwendi an der Schwarzen Lütschine » an. Das Faulhorn wurde bereits damals ohne Führer bestiegen.

DIE ALPEN 6/2004 Postkarte mit Fotomontage: Neben dem Hotelgebäude von 1832 wurde das Dreigestirn Eiger–Mönch–Jungfrau an den « touristisch richtigen Platz » gerückt. Das Hotel Faulhorn kurz vor der Eröffnung 1832, gezeichnet von Heinrich Keller Foto: zvg/Sammlung Club Grand Hôtel & Palace Foto: zvg/Museum für Kommunikation Bern Foto: zvg/Sammlung Club Grand Hôtel & Palace DIE ALPEN 6/2004

Stets Privatbesitz In seiner langen Geschichte blieb das Hotel Faulhorn stets in Privatbesitz. Während mehr als sechs Jahrzehnten gehörte der Betrieb der Grindelwaldner Familie Bohren vom Hotel Bellevue. 1867 gehörte es einen Sommer lang der berühmten Hoteliersfamilie Boss, die kurz danach das Hotel Bären erwarb. 1

Seit 1931, also seit mehr als sieben Jahrzehnten, befindet sich die Liegenschaft im Besitz der Familie Peter Almer-Steuri und deren Tochter Klara Mangott-Almer, die zusammen mit ihrem Ehemann Sepp während 37 Jahren die Gäste auf dem Berg betreute und das Hotel später verpachtete.

Ein Winterbetrieb lag bereits in der Absicht des Erbauers Samuel Blatter, weshalb er die über dem grossen Saal gelegenen Zimmer mit Rohren an den grossen Zylinderofen anschloss. Da aber der Transport von Lebensmitteln, Holz und Petrol gar aufwändig war, blieb der Winterbetrieb vorerst aus. Um die Jahrhundertwende war das Haus während einiger Jahre im Winter geöffnet. Berühmt wurde damals die Schlittelbahn über die Bussalp, die mit grossen « Stein-manndli » markiert war. Auf zahlreichen Postkarten aus der Zeit des beginnenden 2O. Jahrhunderts erblickt man auch Skitouristen. Mit dem Ersten Weltkrieg kehrte aber auf dem Faulhorn wieder die Winterruhe ein, die erst um 1990 einer erneuten Betriebsamkeit für Winterwan-derer wich.

Fehlende Bergbahn Ab 1890 konnte Grindelwald auf dem Schienenweg mit einer Schmalspurbahn von Interlaken her erreicht werden. 1893 wurde die Zahnradbahn von Wilderswil auf die Schynige Platte eröffnet. Das Faulhorn blieb aber trotz einiger Projekte ein Berggipfel, der nicht durch eine Bergbahn erschlossen wurde.. " " .Vor allem die geplante Bahnverbindung von der Schynigen Platte zum Faulhorn stiess auf erbitterten Widerstand, ebenso die Projekte einer Seilbahn von der Grossen Scheidegg zum Faulhorn. Eine Schmalspurbahn auf diesem Trassee erhielt 1907 eine Konzession. Aber auch gegen dieses Projekt erhob sich erbitterter Widerstand aus den Kreisen des damals jungen Heimatschutzes. Ein letzter Versuch zur verkehrsmässigen Erschliessung des Faulhorns wurde 1920 gestartet. Ingenieur Hetzel aus Basel gelangte mit der Idee einer Zeppelinstation auf dem Gassenboden unterhalb des Gipfels an die Berner Staatskanzlei, die diesen « confusen » Vorstoss aber nicht ernsthaft würdigte. Sie schrieb der kantonalen Direktion der Eisenbahnen: « Es ist schade für jede Minute, sich mit diesen Angelegenheiten abzugeben », worauf Hetzel aus Bern nicht einmal eine Antwort auf seine Eingabe erhielt.

Trotz fehlender Verkehrsmittel wurde das Faulhorn immer wieder als Ort für meteorologische Versuche und technische Experimente auserwählt. 1880 beispielsweise installierte die « Section Oberland des S.A.C. » oberhalb des Gasthauses ein « selbstregistrierendes Thermometer » von Gustav Hasler, Besitzer der Telegraphenfabrik in Bern. Dieses technische Wunderding lieferte einen ganzen Sommer lang stündlich Wetter-aufzeichnungen. Im Herbst allerdings musste der Versuch abgebrochen werden, weil niemand auf dem Gipfel war, um das Uhrwerk aufzuziehen! 2

Schwierige Zukunft? In letzter Zeit scheint das Hotel auf dem Faulhorn an einem Wendepunkt angelangt zu sein. Einerseits brachte der jahrzehntelange Betrieb ohne bedeutende Investitionen den Komfort ins Hintertreffen. Anderseits wird das Faulhorn gerade darum von einer recht grossen « Fangemeinde » regelmässig besucht, weil der allgemein gültige Hotelstandard auf diesem Berggipfel noch nicht Einzug gehalten hat. Holzfeuer in der Küche, Solarstrom, der abends auch mal nicht ausreicht, sowie aus Eis und Schnee geschmolzenes Wasser sind Begleiterscheinungen, die Hotelgäste eher mit einer Expedition in den Busch verbinden. Es ist dem einzigartigen historischen Gasthaus auf dem Faulhorn zu wünschen, dass sich ein vernünftiger Weg zwischen Bewahrung und Erneuerung finden lässt. Dazu bedarf es sowohl investitions-bereiter privater Eigentümer und tole-ranter staatlicher Stellen als auch der Unterstützung durch die treue « Fangemeinde » – eigentlich jener Basis, die unseren Vorfahren im 19. Jahrhundert zum Aufbau der touristischen Hochblüte diente. Wer unternimmt den ersten Schritt? a

Dr. Roland Flückiger-Seiler 3 1 Vgl. Flückiger-Seiler Roland: Hotelträume zwischen Gletschern, S. 128–131 2 Die Faulhorngeschichte kann nachgelesen werden bei Wehrli Martin, Faulhorn – Die Geschichte des Berggasthauses. Touristikmuseum der Jungfrau-Region, Unterseen 2003. Das Buch kann beim Touristikmuseum der Jungfrau-Region Unterseen-Interlaken bezogen werden zu Fr. 18.– exkl. Porto/ Verpackung; Internet www.unterseen.ch/museum, Tel. 033 822 98 38 oder 033 826 64 64, Fax 033 826 64 53. 3 Der Verfasser dieses Beitrages ist Autor der beiden Bücher: Hotelträume zwischen Gletschern und Palmen, Verlag Hier + Jetzt, Baden 2001, und Hotelpaläste zwischen Traum und Wirklichkeit, Verlag Hier + Jetzt, Baden 2003.

Das Hotel Faulhorn aus der Vogelperspektive. Bild aus dem Buch Faulhorn von Martin Wehrli 2 Fo to: z vg /T our ist ikm us eu m Un te rs een- In te rla ken

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