Das letzte Mal Ruedi und Erika Käser, Hüttenwarte mit Ausdauer

Seit 40 Jahren bewarten Ruedi und Erika Käser die Keschhütte. Ein guter Moment, um aufzuhören, finden sie.

 

Langsam, aber stetig müht sich am ersten schönen Junitag dieses Jahres ein Haflinger von Chants zuhinterst im Val Tuors hinauf zu den Weiden von Schegvel. Am Steuer sitzt einer, der jeden Stein, Strauch und Baum am Wegrand kennt. Seit er und seine Frau 1968 von der Sektion Davos angefragt wurden, die Keschhütte zu übernehmen, befährt Ruedi Käser regelmässig die steile Schotterpiste, um die Hütte mit frischen Waren zu versorgen. « Zuerst war es noch ein kleiner Einach-ser mit einer kurzen Ladefläche, der für die Transporte herhalten musste », erzählt der gelernte Werkzeugmacher und Bergführer. Seit 1999 ist es nun sein Haflinger, den der 67-Jährige genauso sorgsam hegt und pflegt wie die Hütte und deren Umgebung.

Auf dem Weg zur Hütte philosophiert der eher kleine, vitale und braun gebrannte Mann, dessen Mutter aus Innerferrera am Eingang zum Averstal stammt, über Kraftorte – er sagt auf dem Hüttenweg immer derselben Arve « Grüezi » –, über die Krankheit als Chance – vor fünf Jahren musste er beide Hüftgelenke ersetzen lassen – und über seine Überzeugung, Vegetarier zu sein. « Solange es Schlachthäuser gibt, gibt es auch Schlachtfelder », zitiert er Tolstoj. Käser liest auch Frisch, Dürrenmatt und Gotthelf – einen Fernseher oder Computer hat er nicht – und kommt zum Schluss: « Alles, was ist, ist gut, weil es ist. »

Also war es auch gut, 40 Jahre lang Hüttenwart der Keschhütte zu sein und jetzt aufzuhören? Ja, antwortet Ruedi Käser. Über 500 Mal hat er in dieser Zeit als Bergführer mit Gästen den Kesch bestiegen, hat einen Um- und einen Neubau mitgemacht und sich in die anspruchsvolle Technik der neuen Ökohütte eingearbeitet. Auch für Erika Käser stimmt der Moment, um kürzerzutreten. Die ebenfalls drahtige und braun gebrannte gelernte Verkäuferin und Skilehrerin aus Zürich hat sich mit ihrem Mann von Beginn weg ganz für die Hütte und damit gegen eine eigene Familie entschieden. « Der kleine Hüttenwartlohn – die Keschhütte war im Winter nicht regelmässig bewartet – reichte zusammen mit den Einkünften als Bergführer und Skilehrerin gerade für uns selbst », sagt sie. Im Gegensatz zu heute, wo man in der Keschhütte allein mit dem Gewinn aus den Gastrodienstleistungen einen Pachtzins zahlen und eine Familie ernähren kann, sei es vor 40 Jahren verpönt gewesen, den Bergsteigern eine Halbpension aufdrängen zu wollen. « Wir hatten die Suppe zu kochen, die Gäste steuerten die Würstchen bei und legten Wert darauf, dass sie genau ihr Würstchen auch wieder in ihrem Suppenteller vorfanden », erzählt Erika Käser von ihren Erfahrungen. Sie hat ihre Rolle vor allem in der Küche und im Hausdienst gefunden, während Ruedi eher für die technischen Belange, den Transport, die Umgebung und die Gästeauskünfte zuständig ist. « Ich lernte, keine Auskünfte zu den Verhältnissen am Kesch mehr zu geben, weil die Gäste nachher sowieso meinen Mann nochmals dasselbe fragten », blickt Erika Käser zurück. Am meisten getragen und motiviert fühlte sie sich während der ganzen Zeit « von den vielen Freunden, die immer wieder kamen ». Nur einmal war Erika Käser im Sommer ohne ihren Mann auf der Hütte. « Das war 1973, das erste Jahr mit Annelies. » Seither, also seit 35 Jahren, gehört auch Annelies Müller zur Keschfamilie. Und auch sie wird mit den Käsers aufhören.

Unten bei Chants hat Erika Käser zum letzten Mal das kleine Schild gekehrt, auf dem nun steht: « Keschhütte bewirtet. » Sie hat zum letzten Mal die Steine aus dem Weg geräumt, welche die Schneeschmelze angeschwemmt hat, während Ruedi auf dem Haflinger hinauftuckerte. Oberhalb Schevgels ist jedoch definitiv Schluss mit Fahren. Die Lawinenreste, die auf dem Weg liegen, scheinen nicht mächtig zu sein, aber zum Weg-schaufeln sind sie doch zu kompakt. Der letzte « Alpaufzug » der Käsers endet so voll bepackt mit einem Fussmarsch über das Gletschervorfeld des Vadret da Porchabella. « Der Gletscher hat in den letzten Jahrzehnten nicht nur an Länge, sondern auch an Mächtigkeit eingebüsst », erläutert Ruedi Käser. Seine Frau deutet auf einen Strauch. « Solche Stauden gab es auf dieser Höhe früher noch nicht », sagt sie. Bereits haben Käsers die ersten Heidelbeerstauden entdecktdirekt unter der Hütte auf 2600 Metern über Meer. Darüber fahren Biker, stolpern Jogger, stapfen Väter mit Babys im Tragruck-sack. « Der Gästemix hat sich enorm geändert », blickt der langjährige Hüttenwart zurück. « Das verlangte von uns viel Anpassungsvermögen. » – « Im Laufe der Zeit sind wir nachsichtiger geworden », schickt Erika Käser nach. « Wenn wir früher die Gäste schon beim Eintreten angewiesen haben, die Rucksäcke unten zu deponieren, lassen wir sie heute erst mal ankommen. » Immer hätten sie für ihre Gäste aber auch Vorbild sein wollen – zum Beispiel, indem auch sie ab 22 Uhr die Hüttenruhe einhielten.

Kaum auf der Hütte angekommen, werden Ruedi und Erika Käser wieder ganz vom Hier und Jetzt in Beschlag genommen. Mithilfe eines Freundes ist innert kürzester Zeit alles eingerichtet. Auch die Getreidemühle steht bereits, mit der sie ihr Müesligetreide von Hand mahlen. Und schon läutet das Telefon. Es ist der Grialetsch-Hüttenwart. Man erkundigt sich nach dem Befinden und wünscht eine gute Saison. Zur selben Zeit fahren die ersten Biker vor – darunter der Chef einer örtlichen Lehrwerkstatt. Er bietet den Hüttenwarten an, mit seinen Lehrlingen die Tische neu abzuschleifen. Vor der Hütte vergewissern sich zwei Jogger, dass die Zeit noch nicht reif ist, zu Trainingszwecken den Swiss-Alpine-Mara-thon Davos in der ganzen Länge abzulaufen. Zu viel Schnee liegt drüben am Scalettapass.

Trotz der intensiven Zeit auf der Hütte mit bis zu fünf Gehilfinnen und Gehilfen haben weder Ruedi noch Erika Angst vor dem grossen Loch nach dem Loslassen der Hütte. Im Laufe der Jahre haben sie ein grosses Netz von Beziehungen geknüpft mit den benachbarten Hüttenwarten und all den Menschen, mit denen sie eine gemeinsame Zeit auf der Hütte verbrachten. « Allein, um alle unsere Freunde zu besuchen, brauchen wir nochmals ein Leben », schätzen sie. Dann freuen sie sich darauf, von ihrem Wohnort Wiesen im Landwassertal aus den ersten Davoser Sommer seit 40 Jahren zu erleben, den Garten zu pflegen oder auch mal auswärts ein Jazzkonzert zu besuchen.

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