Das «Schützenfest» von Lete

In Nepal, wo jeden Tag irgendwo ein Fest gefeiert wird, gibt es wohl mehr Feste als Kalendertage. Neben jenen religiöser Natur haben auch die Volksfeste einen wichtigen Platz im Jahreslauf. Für die Thakali, die Bewohner des Kali-Gandaki-Tales, ist beispielsweise das Pfeilbogenfest äusserst wichtig.

Dieses Fest, das jährlich zur Zeit des Vollmonds im Monat März mit Essen, Trinken und Beten während dreier Tage eröffnet und mit dem eigentlichen Schützenfest seine Fortsetzung findet, dauert je nach Ort bis zu drei Wochen. Auf einem Trekking von Beni nach Tukuche konnte ich in Lete den Schlusstag dieses « arrow festival » erleben.

Festlicher Rahmen Bereits am frühen Nachmittag kündigen Trommelklänge vom grossen Ereignis. Auf dem zentralen Platz versammeln sich die Dorfbewohner, die Frauen in ihren Festkleidern, reich geschmückt. Auffallend sind die schweren Schmuck-ketten mit Gold, Bernstein, ungeschliffe-nen Türkisen und Rosakorallen. Vor Wettkampfbeginn werden den Göttern Zypressenzweige geweiht, und es wird für ein gutes Gelingen gebetet. Die Männer verstecken die gesegneten Zypressenzweige als Glücksbringer unter dem Topi, der traditionellen nepalesischen Kopfbedeckung. Da beim Wettkampf eine ruhige Hand die Entscheidung bringen kann, versuchen die Teilnehmer, mit dem Genuss von hausgemachtem Wein, Bier und Brandy dem Glück nachzuhelfen.

Wettkampf mit Pfeil und Bogen Nach Auslosung der Mannschaftszusam-mensetzung beginnt der Wettkampf in fröhlicher Stimmung: drei Teams zu je sieben Wettkämpfern werden gebildet, jeder Teilnehmer hat pro Umgang zwei Versuche; Ziel ist ein etwa 30 m entfernter und 20 cm breiter Holzpfahl. Es gibt unter den Schützen keinen einheitlichen Stil, oft wird er von den Zuschauern auch mit schallendem Gelächter kommentiert. Die Dhapan, die Teamleader, benützen ihre eigenen speziellen Pfeile und schiessen immer als Letzte der Mannschaft. Nach jedem Umgang werden die Treffer zusammengezählt. Gewonnen hat jenes Team, das zuerst 15 Treffer erzielt. Nach drei Runden werden die Mannschaften für den nächsten Wettkampf neu formiert. Hie und da unterbricht ein Tanz den Wettkampf. Einige Schützen versuchen, die Frauen mit ihren Gesängen zu bezirzen – was diese mit Aufschreien beantworten – und sie zum Tanz aufzufordern.

Gekämpft wird nicht etwa um einen Lorbeerkranz, sondern um Geld. Der Betrag und die Verteilung der Gewinnsumme werden vor dem Wettkampf festgelegt. Nicht nur die Verlierer haben ihre Rupien in die Gewinnkasse zu legen, auch der Glücksschütze, der das « Bull-auge » trifft, erhält von seinen Mitspie-lern eine Prämie. Und da ja das Schützenfest ein richtiges Volksfest ist, wird von der Gewinnsumme noch ein Teil für die Festverpflegung abgezweigt. a

Willy Blaser, zzt. Kathmandu Volle Konzentration, wobei die unterschiedlichen Stile auch Gelächter auslösen Das Pfeilbogenfest ist das wichtigste Fest der Thakali und kann bis drei Wochen dauern; in Lete ist der Schlusstag angebrochen. Zu Beginn des Wettkampfs versammeln sich die Schützen, um den Göttern Zypressenzweige darzubringen.

Ziel ist ein etwa 20 cm breiter Holzpfahl in ca. 30 m Entfernung.

Fo to s:

W ill y Bl as er DIE ALPEN 9/2001

Schutz der Gebirgswelt

La difesa dell'ambiente

Protection de la montagne

Natursportart auf Naturschutz-Prüfstand

Canyoning – naturverträglich?

Wie bei manch anderer Natursportart stellt sich auch beim Canyoning die Frage nach möglichen negativen Auswirkungen auf den genutzten Lebensraum, auf die Naturverträg-lichkeit generell. War noch vor wenigen Jahren kaum etwas bekannt, liegen nun Ergebnisse vor.

Fragen tauchen auf, Kritik wird laut Canyoning ist eine junge Natursportart. Die Frage nach möglichen Beeinträchtigungen der Natur stand von Anfang an im Raum, doch war sehr wenig Konkretes bekannt. 1 Mit dem schweren Unfall im Saxetbach 1999 gelangte das Canyoning ins Rampenlicht des öffentlichen Interesses, wobei viele vom intensiven Angebot einiger kommerzieller Anbieter überrascht waren. Neben den drängenden Fragen nach der Sicherheit wurde deshalb auch die Frage der Naturverträglichkeit gestellt. Naturschutzkreise waren über diese intensive neue Nutzung eines vorher noch weitgehend ungestörten Lebensraumes beunruhigt, zumal aquatische Lebensräume in der Schweiz generell unter grossem Druck stehen. 2

In der zu diesem Thema gebildeten Arbeitsgruppe 3 übernahm Mountain Wilderness Schweiz ( MW ) die organisatorische Leitung. Rasch wurde klar, dass für eine sachliche Diskussion eine wissenschaftliche Basis notwendig war. MW erteilte deshalb der Biologin und Bergführerin Barbara Leuthold Hasler den Auftrag für eine Recherche, ergänzt durch eigene Beobachtungen. 4 Auch der DAV nahm sich der Problematik an und lancierte ein biologisches Feldforschungs-projekt, um den Lebensraum Canyon anhand von Beispielen besser zu definieren und die Auswirkungen des Canyonings zu analysieren. Auch diese Studie liegt nun vor. 5 Obwohl man dadurch deutlich mehr über den Lebensraum Schlucht weiss, sind etliche wichtige Fragen über die Einflüsse des Canyoning-sports nach wie vor offen.

Lebensraum Schlucht In Schluchten gibt es eine Vielzahl von Standorten, darunter Extremstandorte wie Wasserfälle, trockene Steilhänge oder feuchte Höhlen. Entsprechend zahlreich sind die darin vorkommenden Pflanzen- und Tierarten, darunter auch seltene oder gefährdete Arten. Kommen viele auch ausserhalb von Schluchten vor, sind einige auf den Lebensraum Schlucht spezialisiert.

Im Kiesbett der Bäche leben wirbellose Kleintiere wie Würmer, Käfer, Ein-tagsfliegenlarven usw., stellenweise auch Fischlarven. Überströmte Felsen werden ebenfalls von Kleintieren, eigentlichen Spezialisten, besiedelt. Grössere Gumpen der Gewässer sind, falls zugänglich für Fische, von Bachforellen bewohnt. Hinter Wasserfällen bauen gerne Wasseramseln ihre Nester. Die Schluchtfelsen sind teils kahl gefegt, teils mit Moosen, Flechten oder grösseren Pflanzen bewachsen. Unter den Flechten sind oft Schluchtspezialisten zu finden. Einige Felsen bieten felsbrütenden Vögeln geeignete Brutplätze.

Auswirkungen des Canyonings Zumindest lokal kann das Canyoning negative Auswirkungen auf die Natur haben: Wirbellose Kleintiere, Fischlaich oder -larven können verletzt oder getötet, Vögel beim Brüten oder auf der Nahrungssuche gestört werden, und an der Vegetation entstehen Trittschäden oder

1 Vgl. DIE ALPEN 11/1997, S. 30 2 Dabei sind Flüsse und Bäche vor allem durch Melioration, Eindämmung und Eindolung sowie hydroelektrische Nutzung beeinträchtigt. 3 In der Arbeitsgruppe sind kommerzielle Anbieter, der Bergführerverband SBV, Pro Natura, das BUWAL, der SAC und MW vertreten. 4 Dieser Auftrag konnte dank der Unterstützung der Stiftung « Save The Mountains » realisiert werden. 5 Barbara Leuthold: Lebensraumstudie Canyoning Schweiz 2001; zu beziehen bei Mountain Wilderness Schweiz, Tel. 01/461 39 00, E-Mail info(at)mountainwilderness.ch, kann als pdf-Datei bei www.mountainwilderness.ch heruntergeladen werden; Andreas Schmauch: Zusammenfassung der Studie im DAV-Cluborgan « Panorama » 3/2001, S. 60–6 Canyoning – eine junge, faszinierende Natursportart. Ist sie auch naturverträglich?

Fo to :B. v an Die ren don ck DIE ALPEN 9/2001

Schäden durch das Abziehen des Seils. Das Ausmass allfälliger Auswirkungen hängt einerseits davon ab, wie der Sport betrieben wird. Dabei ist neben der Be-gehungshäufigkeit und -intensität vor allem auch die Saison entscheidend: Für Fische und Vögel ist der Canyoningbe-trieb im Frühling ( Saisonbeginn vor Anfang Juli ) und im Herbst ( Saisonende nach Ende September ) am ehesten problematisch. Andererseits spielt auch die Art der Schlucht eine entscheidende Rolle. Weite, sonnige Schluchten mit seltenem Geschiebe führendem Hochwasser sind tendenziell störungsanfälliger als enge, steile Schluchten mit häufigem Hochwasser. In weiten, sonnigen Schluchten finden nämlich viel mehr Tiere und Pflanzen geeignete Lebensräume. Zudem ist die Anpassung an Störungen und das Regenerationsvermögen der Lebewesen umso geringer, je seltener Hochwasserereignisse stattfinden. Eine allgemein gültige Aussage zu den Auswirkungen des Canyonings auf die Natur ist also nicht möglich. Jede Schlucht ist anders und damit auch die Auswirkungen des Canyonings.

Entwarnung? Die vorliegenden Resultate zeigen, dass die negativen Auswirkungen des Canyonings stark vom Schluchttyp und von der Begehungsart abhängen. In Schluchten mit viel Hochwasser oder in steilen, schattigen, sehr felsigen Schluchten sind die Auswirkungen als gering einzustufen. Heikel wird es bei Canyons mit seltenen Hochwassern und bei solchen mit viel Licht, Vegetation und flachen Abschnitten, also den eher flacheren « Wander-canyons », insbesondere, wenn sie noch intensiv genutzt werden.

Dank der vorliegenden Untersuchungen ist eine generelle Infragestellung des Canyonings aus Naturschutzgründen nicht zulässig. Für viele Schluchten, die die zusätzliche Belastung durch rücksichtsvoll ausgeübtes Canyoning verkraften, kann Entwarnung gegeben werden. Diese Entwarnung gilt aber nicht für alle Canyons: Die heutigen Erkenntnisse sind kein Freipass, um Canyoning in jeder für diese Sportart geeigneten Schlucht in jeder möglichen Intensität und ohne maximale Rücksicht auszuüben. Jede Schlucht muss individuell beurteilt werden.

Nutzungspläne, Naturkodex und Ausbildung Aus Sicht des Naturschutzes ergeben sich für die maximal naturverträgliche Ausübung des Canyoningsportes zurzeit folgende Vorschläge:

– Individuelles Canyoning 6 in zurückhaltend eingerichteten Canyons soll so frei wie möglich ausgeübt werden können. Besonders empfindliche und noch unberührte Canyons sollten auch von dieser Art Nutzung verschont bleiben. – Beeinträchtigungen der Natur müssen auf das unvermeidbare Minimum reduziert werden. Dazu sollen die Sportler informiert und sensibilisiert werden durch eine breit angelegte Kommunikation von Verhaltensregeln und spezifischen Informationen zu einzelnen Canyons in Führern, im Internet und vor Ort. 7

– Ein Label für kommerzielle Anbieter, wie es beispielsweise nach dem so genannten « Berner Modell » 8 geplant ist,

6 Unter individuellem Canyoning verstehen wir gelegentliche Begehungen in Kleingruppen, ob privat oder kommerziell ( etwa von Bergführern geleitete Sektionsgruppen ). 7 MW und SAC präsentierten als Vorschlag Verhaltensregeln für naturverträgliches Canyoning. Diese sind unter www.sac-cas.ch als pdf-Datei vorhanden.

Schluchten sind faszinierende Lebensräume – es lohnt sich, sie kennen zu lernen!

Fo to :A rc hi v J. M ey er DIE ALPEN 9/2001

Verschiedenes

Diversi

Divers

sollte auch den Umgang mit dem Naturraum beinhalten.

– Massentouristisch ausgerichtetes Canyoning sollte nur in definierten Canyons erfolgen, für die klare Nutzungspläne erarbeitet sind und die regelmässig neu beurteilt werden. Dazu sollen alle involvierten Kreise herangezogen werden. – Canyoning-Guides sollten über den Lebensraum Schlucht allgemein und über die spezifischen Schluchten, die sie nutzen, gut ausgebildet sein und dieses Wissen sowie die Verhaltensregeln auch professionell an ihre Gäste weitergeben können. Dadurch werden das Canyonin-gerlebnis für die Gäste bereichert und das Verständnis für ökologische Zusammenhänge ganz allgemein gefördert. – Bevor neue Canyons erschlossen und eingerichtet werden, muss die Situation in Bezug auf den lokalen Lebensraum, den Naturschutz und andere Nutzungen abgeklärt werden. Dieses Prinzip sollte heute eigentlich für alle Natursportarten selbstverständlich sein, ganz speziell jedoch für jene, die mit technischen Einrichtungen verbunden sind und auf eine breitensportliche Nutzung abzielen. Nur so kann der Natursport längerfristig partnerschaftlich mit den Anliegen des Naturschutzes im Einklang bleiben.

Damit sind also vor allem Erschliesser, Anbieter und Guides von Canyoning-touren, Autoren von Canyoningführern sowie Ausbildner in die Pflicht genommen.

Bern und Tessin machen vorwärts Der Kanton Bern, vom Saxetbach-Un-glück ganz direkt betroffen, machte auch in Bezug auf Naturschutz rasch vorwärts. Bereits letztes Jahr wurde eine Vereinbarung zwischen Berner Oberland Tourismus, kommerziellen Anbietern, Kanton und Naturschutzvertretern erarbeitet, in der die freigegebenen Schluchten und Flussstrecken für Wassersport ( Canyoning und Rafting ) festgelegt sind. Zudem wurden Regeln für die jahreszeitliche und tageszeitliche Nutzung fixiert. 9

Analog dazu wurde zwischen dem Kanton Tessin und SOA und SCV 10 eine Vereinbarung unterzeichnet, die das kommerzielle Canyoning regelt.

Ausblick Der SAC und MW möchten dazu beitragen, dass die oben genannten Vorschläge auch umgesetzt werden. MW bot der SOA und dem SBV ( Schweiz.. " " .B.ergführer-verband ) an, die Ausbildung der Canyoningführer in Bezug auf Lebensraum und Naturschutz mitzugestalten. Sie werden sich zudem dafür einsetzen, dass das intensive kommerzielle Canyoning nach ähnlichen Mustern wie in Bern und im Tessin gesamtschweizerisch geregelt wird und eine Erfolgskontrolle sichergestellt ist. Sie werden weiterhin dazu beitragen, dass durch gezielte Information und Ausbildung die « Canyonisten » für ein respektvolles Ausüben dieser faszinierenden Natursportart sensibilisiert sind. a

Barbara Leuthold Hasler, Bergführerin Jürg Meyer, Bereichsleiter Schutz der Gebirgswelt 8 Mit dem so genannten « Berner Modell » soll eine gesetzliche Regelung des Canyonings vermieden werden. Es beinhaltet ein Label für kommerzielle Anbieter, das von einer Stiftung vergeben und kontrolliert wird. 9 Berner Oberland: kommerzielles Canyoning nur noch auf definierten Abschnitten von Saxetbach, Sanetsch, Saane, Chimpach ( Lenk ), Schlün-dibach ( Zweisimmen ), Simme, Lütschine, Hasli-Aare; jahreszeitlich zwischen 1.5.–3O.9 ., tageszeit-lich zwischen 9.00–19.00 Uhr 10 SOA = Swiss Outdoor Association, gegründet 2000, möchte Dachverband für kommerzielle Anbieter aller Outdoorsportarten werden; SCV = Schweiz. Canyoning-Verband Der vom DAV beauftragte Biologe Andreas Schmauch bei limnologischen Untersuchungen Foto: Wolfgang Mayr

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