Das Seil  – Lebensnerv der Alpinisten

Das Bergseil ist die Nabelschnur der Alpinisten: Es entscheidet über Leben und Tod. Heute reisst ein Seil fast nicht mehr. Das war früher anders.

Was sind die Schweizer Farben? Genau, Rot und Weiss. Und wo hat die Firmengeschichte von Mammut vor 150 Jahren begonnen? In einem Seilereigeschäft nahe Lenzburg. Naheliegend also, dass die Outdoorfirma für ihre Jubiläumskollektion ein Seil mit rot-weissem Muster entwickelt hat. 60 Meter Schweizer Massarbeit.Der Durchmesser: 9,5 Millimeter. Sowohl Mantel wie auch Kern sind mit Teflon beschichtet, und das Seil wurde mit einer Fallmaschine auf Herz und Nieren geprüft – es ist reissfest. «Bei einem Seil gibt es keine Toleranzgrenze. Da hängen Leben dran», sagt Harald Schreiber, der Mediensprecher von Mammut.

Eine tragische Rolle

Als Mammut-Gründer Kaspar Tanner 1862 nahe Lenzburg sein Seilereigeschäft eröffnete, war dies noch anders. Seile hatten damals bei Weitem nicht den gleichen Stellenwert im Alpinismus. Statt zum Sichern wurden sie zum Anbinden des Gepäcks gebraucht. Und wenn sie doch einmal eine Rolle spielten, war es meist eine tragische. Wie bei der Erstbegehung des Matterhorns 1865: Sieben Bergsteiger zogen aus, um den 4478 Meter hohen Gipfel über den Hörnligrat zu bezwingen. Zurück kehrten nur drei. Die anderen vier waren beim Abstieg über die Nordwand abgestürzt. Zwar versuchten die drei Überlebenden, darunter der Leiter Edward Whymper, die Kollegen mit dem Seil zu halten, doch dies riss. Dieser Fall beschäftigte die Gerichte lange Zeit.

Bei Führern verpönt

Risse im Seil waren in dieser Zeit keine Seltenheit. Die meist aus Hanffasern gedrehten, dicken und spröden Seile boten kaum Sicherheit, waren bei den Führern sogar verpönt. Und sobald sie nass wurden, sorgten Bakterien und Pilze dafür, das es zu faulen begann. Wer auf Nummer sicher gehen wollte, kaufte Seidenseile – doch dafür musste man tief ins Portemonnaie greifen.

Erst Ende des 19. Jahrhunderts und während des Ersten Weltkrieges setzten es Bergsteiger zum Sichern ihrer Gäste ein. Auch beim Abseilen legten die Bergsteiger ihr Leben immer mehr in die Obhut eines Seiles.

Quantensprung dank Nylon

1941 dann die grosse Revolution: In den USA wurde das erste gedrehte Nylonseil hergestellt, drei Jahre nachdem die ersten Nylonstrümpfe verkauft worden waren. Kurz darauf folgte Europa. «Das kann man sicher als Quantensprung in der Geschichte des Bergseils betiteln», sagt Fritz Schäfer. Der 30-Jährige ist Produktemanager bei Mammut. Die Schweizer Firma brachte erstmals 1952 ein gedrehtes Nylonseil heraus. 1958 lancierte sie die Nylonkonstruktion mit einem inneren Kern und einem äusseren Mantel. Dies hat sich bis heute durchgesetzt.

Im aargauischen Seon, Mammuts Hauptsitz, rattern heute 50 Flechtmaschinen. 30 Mitarbeitende verarbeiten 500 Tonnen Polyamide – wie Nylon auch genannt wird – jährlich. Sieben Millionen Meter Seil verlassen die grosse Produktionsstätte.

In der Halle ist es laut, sehr laut sogar. Ohrenschutz obligatorisch. Schäfer zeigt auf ein grosses, braunes Metallgefäss, das einem Pizzaofen gleicht. Die Garne werden hier gedämpft – es ist der wichtigste Schritt hin zu einem Bergseil. «Dadurch schrumpft das Garn um einen Drittel und erhält die nötige Elastizität», sagt Schäfer in sein Headset, ohne das wir uns nicht verständigen könnten.

Noch dünner und leichter

Neben dem Ofen stehen die Flechtmaschinen, die aus dem Garn die roten, grünen oder schwarzen Seile herstellen. Nur für das Duodess-Seil brauchts einiges mehr. Damit das Farbmuster genau in der Mitte des Seils wechselt, muss ein Angestellter die Köppel von Hand wechseln. Zum Schluss werden die Seile imprägniert, um sie gegen Wind und Wetter zu schützen. Trotz der ausgeklügelten Technik – in Sachen Sicherheit bleibt alles beim Alten: «Die Seile sind in den letzten Jahren nicht sicherer geworden. Da ist der Standard schon lange auf höchstem Niveau», so Schäfer.

Das heisst aber nicht, dass sich in der Branche nichts getan hat: Leichter und dünner sind die Seile geworden. Und spezialisierter. Es gibt Seile fürs Eisklettern, für Expeditionen, für Hallenklettereien und so weiter. Auch für die Zukunft steht kein radikaler Wandel an. «Die grosse Revolution in Sachen Seile wird es erst geben, wenn ein neuer Rohstoff erfunden wird», sagt Schäfer. Nichtsdestotrotz sollen neue Modelle auf den Markt kommen. So will Mammut im nächsten Sommer ein 8,7 Millimeter dickes Einfachseil lancieren – das dünnste auf dem Markt.

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Mammut 150 Years-150 StoriesAS Verlag, Zürich 2011, ISBN 978-3-909111-87-9

Das Seil richtig lagern

Das Seil ist wie jedes Textilprodukt vergänglich. Spätestens nach zehn Jahren ist ein Seil, auch wenn es nie benutzt wird, ein Risikofaktor und sollte erneuert werden. Wer sein Seil fast täglich braucht, sollte es bereits nach einem Jahr ersetzen. Auch Wärme, Feuchtigkeit und Kälte strapazieren das Seil. In der trockenen, kühlen Garage ist es besser augehoben als im heissen Kofferraum. Heimtückisch sind Chemikalien: Die wenigen Seilrisse in den letzten Jahren waren auf ausgelau­fene Säure von Autobatterien zurückzuführen.

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