«Den Wolf erneut ausrotten ist keine Option mehr» Die Rückkehr des Raubtiers aus Sicht des Bafu-Experten

Der Wolf kommt in die Schweiz. Reinhard Schnidrig, Leiter der Sektion Jagd, Wildtiere und Waldbiodiversität im Bundesamt für Umwelt, Bafu, sieht bei angepasstem Verhalten kein Problem für den Menschen. Die Ausbreitung des geschützten Raubtiers hängt von dessen Akzeptanz ab.

Ja, sogar oft, auf meinen Reisen durch Nordamerika und Kanada. Während einer Kanutour durch das Nuna-vut-Territory haben wir praktisch täglich Wölfe beobachten können, auch bei einem Bau.

Eindeutig Freude! Wer heute einen Wolf in den Schweizer Alpen zu Gesicht bekommt, hat mit eigenen Augen Naturgeschichte beobachten und erleben können. Und – erlauben Sie mir die Rückfrage – vor was sollte ich Angst haben? Vor einem Tier, das mir auf Hunderte von Metern ausweicht?

Äusserst klein oder eigentlich gar nicht vorhanden. Es leben zu wenige Wölfe bei uns, und diese durchstreifen sehr grosse Territorien. Seit 1995 konnte in der Schweiz die Existenz von 19 verschiedenen Wölfen nachgewiesen werden. Könnten es auch mehr ( gewesen ) sein?

In den italienischen und französischen Alpen leben heute vielleicht zwei bis drei Dutzend Rudel mit insgesamt etwa 200 Tieren. Das am nächsten zur Schweiz befindliche sich fortpflanzende Rudel ist meines Wissens am Gran Paradiso in Oberitalien. Die Zuwachsrate der jungen Alpenwolfspopulation beträgt 20 bis 30% pro Jahr. Und ein guter Teil dieser jungen Tiere geht auf Wanderschaft.

Ja, das wird es. Unter einem Wolfsrudel muss man sich aber bei uns nicht eine Ansammlung von einem oder zwei Dutzend Wölfen vorstellen, wie man das aus nordamerikanischen Filmen kennt. Rudel bestehen in Mitteleuropa meistens aus einem Elternpaar mit ihren Jungen.

Bei uns wird es dem Wolf in den Alpen, den Voralpen und auch im Jura wohl sein, sofern ihm die Menschen dort Lebensrecht gewähren. Einzig im dicht besiedelten und durch viele Strassen zerschnittenen Mittelland werden sich wahrscheinlich keine Wölfe ansiedeln. Einzelne Durchwanderer werden aber wohl auch hier auftreten. Auch im Schweizer Jura ist mit dem Auftauchen des Wolfs zu rechnen; den Französischen Jura hat er bereits erreicht.

Wir vom Bundesamt versuchen, die Kantone frühzeitig zu beraten, vor allem beim Schutz der Nutztiere. Wir investieren im Moment 800 000 Franken pro Jahr in die Präventionsarbeit. Am besten bewährt hat sich die frühzeitige Bildung einer kantonalen Arbeitsgruppe, in der Befürworter, Gegner und insbesondere alle irgendwie Betroffenen sachlich und ohne grosse Emotionen die Konsequenzen der Wolfspräsenz diskutieren. Im Moment ist der Wolf bei uns geschützt, und niemand darf Jagd auf ihn machen, ausser wenn der Abschuss behördlich bewilligt wurde.

Im Oberwallis aufgewachsen, bin und bleibe ich ein Bergler. Ich verstehe deshalb die Schäfer oder die Gämsjäger sehr gut, wenn sie den Wolf nicht mit offenen Armen aufnehmen. Den Wolf erneut ausrotten ist aber heute keine Option mehr. Er hat auch eine ökologische Rolle zu spielen im Gefüge unserer Lebensgemeinschaft. Wir müssen, ob wir wollen oder nicht, mit ihm wieder leben lernen.

Ja, das glaube ich. Viele nicht direkt betroffene Bergler sind dem Wolf durchaus freundlich gesinnt. Das sehe ich in meiner Heimat immer wieder. Und bei uns im Bundesamt erhalten wir keine Briefe oder Mails von aufgeregten Bürgern oder Touristen, die sich aus Angst nicht in die Wälder oder Berge trauen. Andererseits, wenn ein schadenstiften-der Wolf zum Abschuss freigegeben wird, hagelt es Proteste von nah und fern.

Nein, der Mensch steht definitiv nicht auf dem Speiseplan des Wolfs. Was ich aber empfehle, ist, einen Feldstecher mitzunehmen, um Wildtiere besser und ohne zu stören beobachten zu können. Zudem sollten die Informationen über den Umgang mit Herdenschutzhunden auf den Schafalpen beachtet werden.

Ja, absolut. Allerdings kann das Zelten in freier Natur für die Wildtiere ein Problem sein.

Freude herrschen lassen! Beobachten und sich den Moment einprägen. Und dann, wie bei anderen seltenen Tierarten, den zuständigen Wildhüter informieren. Schwierige Situationen entstehen mittelfristig erst dann, wenn irgendjemand auf die dumme Idee kommt, Wölfe anzufüttern.

Das eine glaube ich, das andere hoffe ich. Die Ausbreitung des Wolfs ist nicht aufzuhalten. Mit dem richtigen Herden-schutz und der Rudelbildung werden auch die Schäden an Nutztieren zurückgehen. Damit der Herdenschutz überall, wo nötig, betrieben werden kann, braucht es die Bereitschaft der ländlichen Bevölkerung, sich auf diesen Änderungsprozess einzulassen. Andererseits müssen wir in unserer Kulturlandschaft mit der Zeit den Totalschutz beim Wolf lockern. Und dies braucht das Verständnis der städtischen Bevölkerung.

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