Der Alphorn-Stradivari aus Choëx Wie aus einer Fichte ein Alphorn wird

Gérald Pot baut seit einigen Jahren Alphörner und setzt in diesem Kunsthandwerk Massstäbe. Zu Besuch beim Meister, der in seiner Werkstatt im Wallis in die Geheimnisse dieses einzigartigen Handwerks einweiht.

Vieles spricht dafür, dass die Instrumente des Perfektionisten noch lange über den Höhen der Schweiz und andernorts erklingen werden. Nachdem Gérald Pot uns kurz seine Pionierleistung gezeigt hat, geht er zur traditionellen Anfertigung des Alphorns über, das in der Regel aus drei Teilen besteht. Um seine Aussagen zu illustrieren, zeichnet er mithilfe eines Schreinerstifts Skizzen auf einen über zehn Zentimeter dicken Balken, auf dem er die entscheidenden Schritte der Herstellung zusammenfasst. Die Fichte wird dabei zum natürlichen Schreibblock und ist gleichzeitig Gegenstand des Vortrags. Pot betont, dass die Wahl des Holzes entscheidend sei, denn dieses bestimme die Toneigenschaften des fertigen Instruments.

Die Wälder von Risoux im Vallée de Joux ( VD ) sind seit Jahrhunderten bekannt für ihre Fichten, die ein Reso-nanzholz von hoher Qualität liefern. Über einen Umweg haben die Geigen-bauer von Paris dieses « braune Gold » im Waadtländer Jura entdeckt. Die Käser des Tals exportierten nämlich ihren berühmten Vacherin Mont-d'Or in Kisten aus sehr schönen Brettern, welche die Aufmerksamkeit der französischen Spit-zenhandwerker auf sich zogen. Das von den Schweizern für den Käsetransport verwendete Holz würde schöne Brat-schen abgeben, dachten sie sich. Auch Gérald Pot setzt auf Fichten dieser Herkunft. Seit über 30 Jahren arbeitet er mit dem gleichen Förster zusammen. Dieser sucht für ihn unter den mindestens 400 Jahre alten Bäumen die vielversprechendsten Stämme aus – eine grosse Verantwortung, wenn der Empfänger ein solcher Perfektionist ist. Der Baum wird nach althergebrachtem Wissen bei abnehmendem Mond gefällt, wenn der Mond im Sternbild Löwe steht. Er muss das Herz genau in der Mitte haben und sehr feine und möglichst regelmässige Jahrringe aufweisen. Sobald die Fichtenstämme im Wallis angekommen sind, werden sie zu Brettern zersägt. Der Alphornbauer überwacht den Vorgang persönlich, damit er die Qualität des Holzes überprüfen kann. Wenn es zu viele Astlöcher aufweist, weiss das der Förster im Vallée de Joux schnell, er kriegt sogar Fotos als Beweismaterial. Gérald Pot reklamiert allerdings nicht aus Dünkel, sondern er gehorcht vielmehr seinen Prinzipien. Eines besagt, dass es Astlöcher zu vermeiden gilt, da sie einen Pfropfen benötigen würden. Würde dieser Pfropfen aber den Ton des Horns verändern? Nein, keineswegs, meint der Meister, und sichtbar wäre er auch nicht, denn das fertige Horn werde ja mit Peddigrohr umwickelt. Doch Pot findet: « Das wäre respektlos dem Kunden gegenüber. » Wir realisieren: In der Werkstatt von Choëx muss alles, sogar das Unsichtbare und das Unhörbare, perfekt sein.

Wenn das Holz einmal ausgewählt ist, die Bretter zersägt sind und mindestens acht Jahre zum Trocknen gelagert waren, kann die eigentliche Arbeit von Gérald Pot beginnen. Jeder Teil des Alphorns besteht aus zwei Zwillingsstücken, die zusammengefügt werden. Der Alphornbauer nimmt dafür immer nebeneinanderliegende Bretter, weil sie genau gleich am Baum gewachsen sind. So bekommt er die bestmögliche Resonanz. Die Herstellung des Bechers ist die schwierigste Arbeit. Der Alp-hornbauer aus Choëx baut ihn von Hand, wie übrigens alle anderen Teile auch. Er arbeitet zwar mit elektrischen Geräten, verzichtet aber auf jede Computersteuerung. Damit wäre zwar eine schnellere Herstellung von mehr Instrumenten möglich, aber diese wären alle identisch, und ihnen würde die Seele fehlen, die in den einmaligen, von Hand gemachten Exemplaren steckt.

Mithilfe eines Instrumentes, einer An-reisslehre, zeichnet Gérald Pot einen halben Becher auf ein elf Zentimeter dickes Brett, dann dreht er es um, um eine zweite Becherhälfte zu zeichnen. Wenn die beiden Stücke zusammengefügt werden, bilden sie einen Becher von rund 20 Zentimetern Durchmesser. Was zu viel ist, wird nach und nach mit Hobeln und Schleifen entfernt. Das ganze Alphorn wird nach diesem Prinzip hergestellt: Es handelt sich immer um zwei zusammengefügte Halb-stücke. Die beiden Hälften werden zugeschnitten, das Innere wird grob ausgehöhlt, dann werden sie – mit einem Stück Zeitungspapier dazwischen – zusammengeklebt. Das Werkstück wird gepresst und einen oder zwei Tage lang getrocknet. Dann wird die äussere Form verfeinert, vor allem mithilfe einer Reihe von runden Schablonen. Die Innenseite der Schablone ist mit Zeichenkohle geschwärzt und wird über den zukünftigen Becher geführt. Jede schwarze Spur, die am Becher zurückbleibt, ist ein Anzeichen für eine Unregelmässigkeit, die so lange bearbeitet wird, bis das Ganze perfekt rund ist. Sobald die Aussenseite fertig ist, geht es an das Innere; die beiden Be-cherhälften werden wieder getrennt. Gérald Pot erklärt jetzt seinen Zuhörern stolz, dass er die einzige Person auf der Welt sei, die ein Blatt Papier in der Dicke halbieren könne. Man kann nämlich, sobald die beiden Hälften getrennt sind, auf jeder Seite den Artikel der Zeitung lesen, welche die beiden Halbbecher getrennt hat. Sobald die Stücke auseinandergenommen sind, zeichnet er die innere Form endgültig an. Pot erhält sie, indem er mit der Bohrmaschine eine Menge von gleich tiefen Löchern bohrt. Die Tiefe des Lochs wird als Mass für das Aushöhlen des überflüssigen Materials genommen. Das Innere wird anschliessend geschliffen, bis es genauso glatt ist wie die Aussenseite. Die beiden Stücke können jetzt wieder zusammengefügt werden, sobald das übrig gebliebene Papier und der Leim auf dem Werk-stück entfernt worden sind. Nach dieser Lektion in Alphornbau kehren wir nochmals zum Vierteiler zurück. Gérald Pots Pioniertat mag einige Puristen skeptisch stimmen. Doch auch sie können nicht leugnen, dass diese Alphörner die Möglichkeiten des Instruments erweitern, denn auf ihnen können im Gegensatz zum herkömmlichen Alphorn alle Tonarten gespielt werden. Die Tonart eines Alphorns hängt nämlich von seiner Länge ab: 3,3 Meter für ein Fis-Alphorn oder 4 Meter für ein Es-Alphorn.

Die neuen vierteiligen Hörner sind aber in der Länge variabel, denn die konischen Verlängerungen können wie ein Puzzle zusammengesetzt werden. Will man also eine bestimmte Tonart spielen, kann man das Horn entsprechend zusammensetzen. Nach mehreren Prototypen, die im Kamin in Rauch aufgingen, gelang es Gérald Pot, die Durchmesser des Instruments so anzupassen, dass dabei ein Alphorn entstand, das die musikalischen Möglichkeiten des Blas instruments enorm erweitert, ohne dass allzu viele Eigenschaften des Original instruments verloren gingen. Die neuen Hörner bieten gemäss Pot « hohe Reinheit und einen fantastischen Klang ».

Für den Meister hat das Alphorn der neuen Generation neben den musikalischen Qualitäten auch einen praktischen Vorteil beim Transport. Weil ein Alphorn ein fragiles Instrument ist, kommt ein Transport im Frachtraum eines Flugzeugs nicht infrage. Dieser Umstand sorgte einmal für einige Umtriebe, als der Alphornbauer mit einem traditionellen dreiteiligen Alphorn nach London reisen wollte, wo er in der Victoria Hall auftreten sollte. Aufgeschreckt durch die ungewohnte Form des Handgepäcks, verlangte eine Flugbegleiterin, dass das Gepäckstück im Frachtraum mitfliegen müsse. Gérald Pot weigerte sich standhaft, diesem Ansinnen nachzukommen; schliesslich lag das Alphorn im Cockpit des Flugzeugs, als dieses mit leichter Verspätung abhob …

Ein Alphorn ist zwar auch in vier Stücken wohl kaum ein von den Airlines besonders geschätztes Handgepäck, dafür stossen die Instrumente von Meister Pot aus Choëx sonst auf positive Resonanz. So besitzen an französischen Konservato-rien zahlreiche klassische Hornisten neben ihrem Wald- auch ein Alphorn. Es wurden sogar Wettbewerbe organisiert – insbesondere am Konservatorium von Avignon –, und der Sieger gewann ein Ins trument « made in Choëx ». Rein geld-mässig würde das einer Siegerprämie von knapp 5000 Franken entsprechen. In der Schweiz sieht die Sache ziemlich anders aus: Das Alphorn gilt vielen als Ins trument der Volksmusik und wird nur schwer als eigenständiges Instrument anerkannt, das man auch spielen kann, wenn man kein « Edelweisshemd » trägt. Auch wenn man die Herkunft des Alphorns und seine Bedeutung im volkstümlichen Repertoire, welches das Überleben und die Weiterentwicklung des Instruments sicherte, nicht leugnen soll, kann man es doch bedauern, dass das Image des Alphorns in der Schweiz fast nur durch die Volksmusik bestimmt wird

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