Der «Bsetzisteig». Eine etwas andere Neutour

Der « Bsetzisteig »

Eine Felswand vor der Haustür, zum Klettern jedoch ungeeignet. Aus einer Idee wird ein Plan und daraus eine neue Route im Grenzbereich zwischen Natur- und Kunstwand.

Am Anfang steht der Traum vom Rucksackpacken, vom Aufsteigen, von sonniger Kletterei, von der Aussicht, dem Durchatmen und zu guter Letzt dem Lachen in der Gartenwirtschaft. Dem Traum entspringt der Wunsch, wird zum Plan, zum Ziel. Diesem Ideal steht die Realität in Form der ca. 70 m hohen Gil-biwand im Glarnerland gegenüber.

Bewegte Vorgeschichte Eine erste forschende Abseilfahrt durch die überhängende Wand zeigt schmierigen und brüchigen Fels. Frust mischt sich in die Lust. Was lockt mich hier noch? Doch ( zu ) leicht zugänglich liegt die Wand vor der Haustür! Da ist Ausgesetztheit, Abgeschiedenheit trotz der Nähe zum Tal. Das gelbe Band mitten in der Wand gleicht einem Adlerhorst. Über dem Nestrand wirken landschaftliche Reize: das Glarner Hinterland aus der Vogelperspektive. Südländisch wärmt die Sonne selbst am kürzesten Tag im Jahr den exponierten Balkon. Ein Ort zum Ausschauhalten, zum Verweilen. Die gut erhaltene Büchse in der ältesten Route hütet ein Buch, erzählt eine Geschichte. Acht Verbündete bohrten sich im Herbst 1973 in mehrtägiger Arbeit die Wand hoch. Es folgte der Wettstreit um die erste Begehung ohne Strickleitern. Dann die erste Damen-begehung. Später Nachtbegehungen, nüchtern und alkoholisiert. In den Siebzigerjahren war die hakentechnische Route ein Klassiker. Im Zuge der Freikletterbewegung ging das Interesse an der Wand verloren. Über fünfzehnjährig ist der jüngste und letzte Eintrag.

Eine Wiederbelebung Ein Grund, die Wand neu zu entdecken, wieder zu beleben. Die Idee: eine Kunstwand im Freien. Die Motivation: gemütliches Feierabendklettern mit Trainings-effekt.

Aber woher bekommt man kosten-günstig eine grosse Menge dauerhafter Griffe? Die Antwort gibt ein Haufen aus-gedienter Pflastersteine an der sanierten Klausenpassstrasse. Schnell sind Löcher gebohrt, Armierungseisen einzementiert. Fünfzig präparierte Steine liegen im Keller bereit. Rucksackweise gilt es, diese nun den Berg hochzuschleppen. In

Gilbi. Stand Mai 2003 1 Alte « Gilbi-Route » ( A1 ) von 1973. Neu « Midlife-Crisis » ( 8 ), 2003 zum Freiklettern eingerichtet 2 « Bsetzisteig » ( 6 ), mit Pflastersteinen eingerichtet 2002/2003 Von der ca. 70 m hohen Gilbiwand bietet sich ein wunderbarer Blick ins Glarner Hinterland.

Fo to s:

Feli x O rt lie b Topo :F eli x O rt lie b 3 Ehemals « KCF-Route » ( A1 ). Neu « Am Hausi sini » ( 7 ), mit Pflastersteinen eingerichtet 2003 DIE ALPEN 10/2003

Sisyphusarbeit eine hängende Baustelle einzurichten. Abermals Löcher zu bohren, die Stiftzähne einzupassen. Der Fels bekommt ein lückenhaftes Gebiss.

Das Ergebnis Eine gestaltete Linie mit recycelten Pflas-tersteinen. Wo einst Autos drüberdon-nerten, greifen jetzt Kletterhände, stossen Klettersohlen ab. Der « Bsetzisteig » ist entstanden. Ein Klettersteig für Kletterer. Im sechsten Grad, der Steilheit entsprechend nicht sehr schwierig, bloss ein bisschen athletisch. Diese Form des Kletterns weist Eigenheiten auf. Die Kunstgriffe am natürlichen Fels verleiten dazu, sich ausschliesslich am Definierten zu orientieren und zu fixieren, die natürlichen Strukturen zu übersehen, mit deren Hilfe sich mancher Kletterzug eleganter lösen liesse. Die Route kann barfuss geklettert werden, man findet bei minimierter Verletzungsgefahr ausgeprägte Standflächen. Droht Kraft-schwund, verspricht ein Schlingenwurf um den nächsten Griff die rettende Entspannung. Der ernsthafte Moralapostel schüttelt ob all dem den Kopf. Ein eigentlicher Erlebnis-«Pfad » Ungewöhnlich ist die Absicherung. Das Auftreten einiger Haken geht über die reine Sicherungsfunktion hinaus. So klinkt man seinen Express in den Bauch eines Klettermandlis oder macht Stand an einem Ringbeisser, und neben einem Totenkopf steht man nie ohne Gesprächspartner.

Hat man die Steilheit hinter sich, fünf Minuten vom Ausstieg entfernt, winkt auf Leuggelen die Gartenwirtschaft. Der Heimweg weckt neue Träume.

Die Route 1. Gebiet: Es handelt sich um die im Wald fussende Felswand auf der orografisch linken Talseite der Linth oberhalb Nidfurn bei Schwanden im Glarnerland, Koordinaten 722 500/205 500, P. 884 Gilbi. Vgl. LK 1:25 000, Blatt 1173, Linthal, oder LK 1:50 000, Blatt 246, Klausenpass

2. Übersicht: Sonnige Südwand. Steile Kletterei, vorwiegend an Pflaster- oder « Bsetzistein»-Kunstgriffen

3. Erschliessung: Felix Ortlieb, jeweils in den Wintermonaten 2002 und 2003 4. Bewertung/Material: Drei Seillängen, Schwierigkeitsgrad 6 ( UIAA ), 45 m Halbseile zum Abseilen, 13 Express

5. Route: Zugang/Einstieg: Von Schwändi nach Leuggelen ( an Sonn- und Feiertagen Fahrverbot ). Von der Leuggelenwirt-schaft in südlicher Richtung zur Gilbi, 5 Min. Rechts am « Gilbi-Hus » vorbei auf die Felsterrasse absteigen. Bei Kette zweimal Abseilen zum Wandfuss. Oder von Nidfurn auf Fussweg durch den Lindenwald aufsteigen zum Wandfuss, ca. 30 Min. Der Einstieg ist markiert.

Routenverlauf: vgl. Topo a

Felix Ortlieb, Schwanden Wo einst Autos drüberdonner-ten, greifen jetzt Kletterhände, stossen Klettersohlen ab.

Haken, die über die reine Siche-rungsfunktion hinausgehen: Hier kann man sich in einen Schmetterling einklinken.

Ungewöhnlich ist die Absicherung: So klinkt man seinen Express in den Bauch eines Klettermandlis.

« Was zum Tüfel haben Sie wohl hier verloren ?», fragt vielleicht S'Tüfeli einen Kletterer, der neben ihm eine Verschnaufpause einlegt. Auf dem Bsetzisteig steht man nie ohne Gesprächspartner.

eit langem gehört der Creux du Van zu den Jura-höhen,die als Beispiele für sanften Tourismus gelten können. Die Schönheit des leicht zugänglichen Ortes, die Einmaligkeit der arenaähnlichen Geländeformation und die Bedeutung des unter Schutz gestellten Gebiets machen aus dem Berg einen speziellen Ort, der sowohl von den Bewohnern der Gegend wie vonWan-derern aus weiter entfernten Gefilden rege besucht wird. Der Name Creux du Van hat nichts mit « Wind » ( « vent » ) zu tun, sondern mit « vanna », was « Felshang » oder « Felsmulde » heisst. Die nach einer Serie von Bergstürzen entstandene Arena des Creux du Van weist beeindruckende Dimensionen auf: Ihre hufeisenförmig angelegten Felswände haben eine Länge von fast 4 km.. " " .Auf der Höhe der Ferme Robert verengt sich der Felszirkus auf 850 m. Die Höhendifferenz zwischen dem tiefsten und dem höchsten Punkt beträgt um die 500 m. Die Felswände, die im Westen fast senkrecht in die Höhe ragen, erreichen bis zu 200 m Höhe.

Entstehung in drei Phasen

Obschon die Höhe der Felswände beträchtlich ist, gibt es nur sehr wenige Kletterrouten, denn einerseits ist der Fels von ausgesprochen schlechter Qualität und andererseits ist das Gebiet geschützt. Im 1972 eingerichteten Naturreservat Creux du Van und in der Areuse-Schlucht ist das Klettern vom 1. Januar bis zum 31. Juli verboten. 1

Die Entstehung dieser eigenartigen geologischen Formation, die nicht von der Bildung der Areuse-Schlucht und des Val de Travers zu trennen ist,geht zum Teil auf die Eiszeiten,und hier im Speziellen auf die Würmeiszeit,zu-rück. Das Phänomen ist komplex und involviert eine

S

T E X T Maurice Zwahlen, La Chaux-de-Fonds

F O T O S Patrice Schreyer, Outdoor Photographie Samuel Sommer, Oberbipp

Am südlichen Rand des Creux du Van mit Dos d' Ane und dem Vallée de la Sagne m uel Somme r Die Dimensionen des Creux du Van sind beeindruckend: Das Amphitheater ist vier Kilometer lang und 850 Meter breit.

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