Der letzte Gipfel des «Baba Himalaya» Zum Tod des Geologen und Abenteurers Augusto Gansser

Er erforschte als Erster den heiligsten Berg Tibets, blieb auf einer Grönlandexpedition im Packeis stecken, war mit der bhutanischen Königsfamilie befreundet und suchte für den Schah von Persien nach Öl: Anfang Jahr hat sich der Lebenskreis des 101-jährigen Schweizer Geologen, Abenteurers und Pioniers Augusto Gansser geschlossen.

Es gab Töne, die sein Leben so prägten, dass sie an seiner Abdankung nicht fehlen durften. Als Augusto Gansser Mitte Januar in seinem Wohnort Lugano beigesetzt wurde, läuteten zum Eingang Kamelglocken. Sie stammen aus Persien und baumelten einst am Hals eines Leitkamels, das ab und zu mit seiner Karawane hinter dem Garten der Familie Gansser durchzog. Auch wenn Augusto Gansser mit seiner Frau und seinen Kindern noch in manches Land ziehen sollte und von da und dort Dinge heimbrachte, die das Leben der Familie prägten: Die Kamelglocken begleiteten ihn bis zu seinem Lebensende. In den letzten 30 Jahren hingen sie an der Wand seiner Veranda in Lugano. Und bis wenige Monate vor seinem Tod liess er es sich nicht nehmen, Morgen für Morgen in kleinen Schritten und auf seine Gehhilfe gestützt ins Freie zu treten und den neuen Tag mit persischem Glockengeläut willkommen zu heissen.

 

Steinproben statt Gebetsmühle

Ganssers Haus im Tessin, in dem er in den Jahren nach dem Tod seiner geliebten Frau Toti weitgehend allein leben sollte, mutet wie ein Museum an. Jede Wand, jeder Winkel, jeder Gegenstand zeugt vom reichen Leben des Abenteurers. 1934 unternahm der 24-jährige Geologe auf einem Dreimaster seine erste Expedition an die Ostseite Grönlands. Es sollte eine harte Erfahrung werden: Auf der Rückreise blieb die Crew wochenlang im Packeis stecken. Um dem Hunger Herr zu werden, seien sie nur knapp darum herum gekommen, an Lederriemen zu kauen, erzählte Gansser einmal. 1936 folgte zusammen mit Arnold Heim die erste Schweizer Expedition in den Himalaya: Gansser wollte von Indien aus ins damals noch verschlossene Tibet wandern. Da das Betreten des Landes für Ausländer unter Androhung der Todesstrafe verboten war, verkleidete er sich als buddhistischer Pilger und trug in der grossen Faltentasche des schweren Pelzmantels nicht die sonst übliche Gebetsmühle, sondern versteckte darin wertvolle Steinproben.

 

Lockende Ferne

Zwischen 1938 und 1946 nahm Gansser im Auftrag des Ölkonzerns Shell in Kolumbien geologische Untersuchungen vor; danach war er zwei Jahre in Trinidad, bevor er 1950 dem Ruf des Schahs nach Persien folgte. 1958 wurde er an die ETH Zürich berufen; dort lehrte er bis 1977 als Ordinarius und leitete die Abteilung für Geologie. Doch es zog ihn immer wieder in die Ferne: nach Ladakh etwa, nach Nepal, in die kanadische Arktis, den Ural, nach Afghanistan oder Patagonien und wiederholte Male nach Bhutan. Dort freundete er sich mit der Königsfamilie an und kartografierte erstmals das verschlossene Himalaya-Reich. In den 80er-Jahren schliesslich lud ihn der chinesische Reformpolitiker Deng Xiaoping zu zwei weiteren «offiziellen» Expeditionen durch Tibet ein.

 

Wortkarg, aber positiv

Mit zunehmendem Alter nahm seine Reisetätigkeit ab. Er, der während 80 Jahren auf allen Kontinenten unterwegs war, holte die grosse Welt nun in seine zunehmend kleinere und reiste jetzt in seinen Erinnerungen. Er war nie ein Mann vieler Worte, im hohen Alter wurde er noch wortkarger; doch sein wacher Geist, sein breiter Erfahrungshorizont, sein Interesse, sein Charme, sein Witz, seine durch und durch positive Haltung waren immer spürbar. Er war ein Mensch, der sich nie beklagte, sondern das Leben so nahm, wie es war, und aus jeder Situation das Beste machte. Diese Haltung hat ihm vermutlich in manchen Situationen das Leben gerettet.

 

Wenn das Ende kommt

Kurz vor seinem hundertsten Geburtstag hat er gesagt: «Ich bin kein gläubiger Mensch. Aber irgendwo existiert etwas Grösseres. Ich habe keine Angst vor dem Ende des Lebens. Wenn es kommt, kommt es.» Er schien gut vorbereitet auf diese letzte Reise und hat, wie es in der Todesanzeige hiess, am 9. Januar «seine letzten Gipfel bestiegen».

Die Plattengrenze des Subkontinents

Während seiner Himalaya-Expedition 1936 stösst Augusto Gansser am Fusse des für die Tibeter heiligen Berges Kailash auf Steine, die im Lauf der Geschichte um mehrere tausend Meter aus der Tiefe angehoben worden sein müssen: Damit entdeckt Gansser die tektonische Plattengrenze zwischen dem Subkontinent Indien und dem übrigen Asien. Für seine Pionierarbeit zur Geologie des Himalaya wurde er von der Universität Peshawar mit dem Ehrentitel «Baba Himalaya» (Vater des Himalaya) ausgezeichnet. Ganssers Bücher über den Himalaya sind bis heute Referenzwerke.

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