Der SAC auf neuen Wegen Die Alpen in überraschenden Perspektiven

Unter dem Namen Crystallization hat der SAC diesen Sommer ein einmaliges Kulturprogramm angeboten. Auf literarischen Pfaden, in alpinen Gesprächssalons und an kulinarischen Tavolatas konnten die Teilnehmenden die Alpen neu erfahren.

Eine bunte Schar von 25 Personen bewegt sich am 30. Juni bei brütender Hitze bergwärts dem Val Frisal zu, das zwischen Glarnerland und Bündner Oberland liegt. An der Spitze geht eine hohe Gestalt mit Zylinder, Bart und einem alten Grammofontrichter auf den Schultern: der Schauspieler Gian Rupf. Er führt die literarische Bergfahrt an und unterhält den Tross mit szenischen Einlagen, einmal nachdenklich, einmal zum Schreien witzig. Etwa dann, als er gestikulierend von einer halsbrecherischen Fahrt seines Vaters von Arosa nach Chur erzählt. Mit seinem Ford Anglia jagte dieser hinter einem Mercedes mit deutschem Nummernschild her, während der kleine Gian käsebleich im Fond sass.

Mit von der Partie ist auch der Schriftsteller und «Exbergler» Arno Camenisch, der aus dem nahen Tavanasa stammt. Er liest auf Deutsch und Rätoromanisch aus seinem Alpendrama Sez Ner vor, das gleich vis-à-vis auf einer Obersaxer Alp spielt. Gian Rupf erzählt dazu die Sage von der «Sontga Margriata», der Rächerin von der Kunkelsalp. Unsere Handys hat er zuvor in einem Sack verstaut. Damit ja keiner auf die Idee kommt, flüchtige Blicke auf irgendwelche Breaking News zu werfen. Bis zur Ankunft am Ziel sollen wir einfach schweigen und der einmaligen Geräuschkulisse der schäumenden Schmelzbäche lauschen. «Tönt garantiert besser als jeder Dolby-surround-Sound im Kino!» Wir merken bald: Unser Zampano hat recht.

Oben, auf 1900 Metern über Meer, öffnet sich der Blick plötzlich auf die Talebene des Val Frisal. Wir waten barfuss zwischen den eiskalten, mäandernden Bächen umher. Später, mitten in der Ebene, hocken wir auf ein Wiesenbord, während die beiden Künstler Texte zum Besten geben.

Julia Weber zum Salon Alpin am Eröffnungsevent in Bern

«Bergführerin: Menschen, die sich darauf einlassen, die verändern sich. Man hat weniger Kontrolle über sich. Eine Maske fällt ab in den Bergen. Man wird so, wie man ist. Und das ist manchmal unangenehm, aber manchmal auch sehr schön. (…)Politiker: Es ist meine Aufgabe, Land und Politik, Berg und Tal zusammenzubringen. Das ist meine Aufgabe als Bürger und meine Aufgabe als Politiker.Publizist: Wir sind alles Agglomeriten. Wir sind die Kolonialisten der Berge. Von den Bergen kommt nichts. Politiker: Doch, der Strom zum Beispiel.»

Den Nerv der Mitglieder getroffen

«Die Kombination aus Theater und Literatur in der einmaligen Naturkulisse des Val Frisal war grossartig», sagt Teilnehmerin Ursina Kasper aus Uster. Sie habe das Val Frisal schon lange kennenlernen wollen und die Idee einer literarischen «Bergfahrt» habe sie sofort angesprochen. Ähnliche Rückmeldungen bekam Crystallization-Organisatorin Esther Hirzel auch von anderen Teilnehmenden der insgesamt 13 Events zu hören. Viele zeigten sich positiv überrascht darüber, dass der SAC für einmal solche Veranstaltungen durchführt. Dabei sei es nicht einfach um einen «Eventzirkus» gegangen, sondern um das Eröffnen neuer Zugänge zur Bergwelt – mit literarischen Pfaden, Musik und Podiumsgesprächen, aber auch mit alpiner Kulinarik. Gut besucht waren die Pfade und Podiumsgespräche, etwas weniger gut lief es bei den Tavolatas. «Essen und SAC scheint noch eine neue Beziehung zu sein», sagt Esther Hirzel. Ursprünglich war das Kulturprogramm zudem dreisprachig aufgegleist worden. Aus Kostengründen und mangels Teilnehmenden musste der einzige Anlass in der Romandie aber abgesagt werden. Insgesamt zieht Esther Hirzel dennoch eine positive Bilanz: Der SAC habe mit Crystallization gezeigt, dass er nicht nur ein Verband von Tourenbegeisterten sei, sondern auch ein Vermittler von Kulturerlebnissen in der Bergwelt.

Den Teilnehmerinnen und Teilnehmern verlangte das Projekt in einzelnen Fällen einiges ab: Manche der ruppen gerieten unterwegs in Wolkenbrüche oder mussten durch Schneefelder stapfen. Da kam der abgegebene Znüni im originellen Stoffsäckli grad recht: Kartoffelwurst aus der Lenzerheide, ein rezenter Käse aus dem Emmental, Dörrfrüchte aus dem Baselbiet. Was wären die Alpen ohne ihre kulinarische Seite? Diesem Aspekt trugen sechs Tavolatas Rechnung, mit bekannten Gästen wie dem Fachmann für die alpine Küche, Dominik Flammer, oder der Köchin Margaretha Jüngling.

Daria Wild zum Land-Art-Prozess bei der Rotondohütte

«Etwas tun heisst: Steine suchen, Steine schleppen, Steine finden, Steine aufeinanderbeigen, aneinanderreihen, Steine nach Farben sortieren, Steine zertrümmern, Steine tragen und umarmen (...). Etwas tun heisst auch: reden, aushandeln, überdenken, in sich gehen, reflektieren, sich finden, sich abgrenzen und vor allem: verdichten. Verdichten ist ein Zauberwort, es löst die meisten Unklarheiten und wird sehr gern gesagt; genauso gern wie ‹weniger ist mehr› und ‹Prozess› und ‹dynamisch›.»

Was der Wille des Bergs mit Architektur zu tun hat

Die Berge haben auch eine unheimliche Seite. Als Beleg dafür können die neun Bergtoten genommen werden, die man heuer schon Anfang August zählte. Oder die Tatsache, dass dieses Jahr schon fünf Pässe wegen Felsstürzen gesperrt werden mussten. Am 17. August fand in Altdorf/UR deshalb der alpine Salon zum Thema Schutz und Bedrohung – im Wechselspiel von Mensch und Natur im Tellspielhaus statt. Wie an den anderen Anlässen war die Teilnehmerrunde auch hier prominent besetzt. Mit dabei waren unter anderem der Wildheuer Josef Arnold oder der Architekt Gion A. Caminada, der meinte: «Die Natur ist launisch; der Berg hat einen eigenen Willen, wie Ramuz sagt. Wir müssen das Spiel der Natur mitspielen, auf die Bedingungen der Natur reagieren. Das würde auch viel interessantere Bauten im Berggebiet hervorbringen.»

Die Idee eines alpinen Kulturprojektes hat Ruedi Spiess – bis Mitte Jahr Mitglied des SAC-Zentralvorstands – seit 2017 vorangetrieben: «Wir wollten unseren Mitgliedern neue, überraschende Perspektiven beim Umgang mit den Alpen eröffnen.» Kurator Jean Odermatt, der das Konzept von Crystallization entwickelt hat, ergänzt: «Die Eventteilnehmenden sollten die Alpen für einmal ganz anders erleben, nicht nur mit Seil und Pickel, sondern mit anderen Wahrnehmungen – mit dem Gehör, dem Geschmackssinn, den Augen und dem Herzen.»

Am Eröffnungsevent von Crystallization, der am 4. Mai im Alpinen Museum der Schweiz in Bern stattfand, umschrieb die Bergführerin Carla Jaggi den Sinn des Kulturprojekts so: «Menschen, die sich auf die Berge einlassen, verändern sich. Man hat weniger Kontrolle über sich. Eine Maske fällt ab in den Bergen. Man wird so, wie man ist. Das ist manchmal unangenehm, aber manchmal auch sehr schön.»

Barbara Geiser zum Pfad auf die Musenalp

«Am Lauwistock zeichnet das Akkordeon einen Segen in unsere Ohren, über gehaltenen Bässen tanzt eine Melodie, die erst nicht gehört werden will; wichtiger scheint dem Grüpplein der Austausch von Wörtern, die Bedeutung und Welt tragen oder Alltag. Jüpelidü und Zötteli dra, grüsst Uri in Moll; und jetzt wird es stiller. Nur Peter Handke darf noch sinnieren, wie das Kind noch Kind war. Als es auf jedem Berg die Sehnsucht nach dem noch höheren Berg ergriff. Die erwachenden Bilder vom eigenen Kindsein, von selbst erklommenen, verwehrten oder verweigerten Gipfeln grundiert das Akkordeon mit Klängen, die alles in sich tragen. Nebel ziehen hoch aus dem Tal, verbergen, was geschaut werden könnte.»

Vier Chronistinnen haben die 13 Events schreibend-kreativ begleitet. Ihre Aufgabe war es, dem Geschehen eine zweite Gestalt zu geben und Orte, Stimmungen und Ereignisse in Sprachbilder zu übertragen.

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