Der Ski der Wikinger

Fuhren die Wikinger Telemark? Ein Gletscherfund aus Norwegen wirft neues Licht auf die Geschichte des Skifahrens.

Die Überraschung war nicht der Ski. 172 Zentimeter lang, 14,5 Zentimeter breit, hatte ihn 2014 ein abschmelzender Gletscher im Reinheimen-Nationalpark freigegeben. Die Datierung ergab ein Alter von 1300 Jahren. Bei anderen Fundstücken in Norwegen waren es auch schon 5000 Jahre, beim «ältesten Ski der Welt», gefunden in Nordrussland, 8000. Die Überraschung war die Bindung: Nach 1300 Jahren im Eis war sie noch intakt. Eine der ältesten erhaltenen Skibindungen der Welt. Und sie gab Rätsel auf.

Zum Abfahren gebaut

Bis dahin ging man davon aus, dass Ski in der Vorzeit nicht mehr waren als eine Art primitiver Schneeschuhe. Diese Bindung aber umspannte auch die Ferse mit einem Lederriemen: Der Reinheimen-Ski war ein primitiver Telemarkski. «Mit diesen Ski konnte man abfahren», sagt Archäologe Espen Finstad. Das stellte alles auf den Kopf, was man in der stolzen Skination Norwegen über die Geschichte des Skifahrens zu wissen glaubte. Bislang ging man davon aus, dass Sondre Norheim, Erfinder des Telemarkskis, 1868 als Erster auf die Idee mit der Fersenbindung gekommen sei. Doch den Unbekannten, die ihren Ski vor 1300 Jahren in Reinheimen zurückliessen, war Norheims «Erfindung» längst bekannt. Das stellte die Forscher vor Fragen. Offensichtlich stammt der «Wikingerski» aus einer ganz anderen Tradition. Aber aus welcher? Und wie war man damals mit ihm unterwegs?

Älteste Skination im Altai

Der Antwort näher kamen die Forscher dank Aiken Jasan, einem Austauschstudenten aus China, der mit Finstad zusammenarbeitete. Als er den Ski sah, erzählte er den verblüfften norwegischen Kollegen von der stolzen Skitradition im Altai, die Jahrtausende zurückgreift.

Die Bewohner des Altai zimmern ihre Ski aus Baumstämmen, die sie in mühevoller Arbeit spalten, wässern und über den offenen Feuer krümmen. Als Aufstiegshilfe dienen Pelze, die fest am Ski befestigt sind und auch für die Abfahrt taugen. Mit diesen Latten überwinden sie im Winter grosse Distanzen. Und im eiskalten und luftig trockenen Pulverschnee ihrer Heimat machen sie damit auch wilde Abfahrten: um Hirsche einzufangen. «Sie überraschen sie in voller Fahrt, werfen ein Lasso um das Geweih und stemmen sich mit den Ski in den Schnee», sagt Finstad. Mit den langen Latten im Schnee festgekeilt, gewinnen sie den Ermüdungskampf mit dem Wild fast immer.

Jasan aktivierte seine Kontakte und organisierte eine Exkursion in den Altai. Im Anschluss besuchten traditionelle Skifahrer von dort Norwegen. Sie zeigten den Forschern, wie man den prähistorischen Ski fährt. Dazu hatten diese von lokalen Skiherstellern eine genaue Rekonstruktion des Skis anfertigen lassen und selbst getestet.

In voller Rücklage

Ohne Kanten waren die breiten, langen Latten aber nur schwer zu beherrschen. Die Profis aus China zeigten den Norwegern, wie es geht: in voller Rücklage, mit einem kräftigen Holzstock, der als Stütze und Ruder zugleich dient. Am Skifestival in Lom wurde die neue alte Technik offiziell vorgestellt. Das lokale Bergsteigermuseum will ab diesem Winter rekonstruierte Ski an Touristen vermieten.

Enge Verbindung im Norden

Doch was ist die wissenschaftliche Erkenntnis aus dem Reinheimen-Ski? «Es scheint eine sehr alte Verbindung zwischen Asien und Nordeuropa zu geben», sagt Finstad. Bis dahin ging man nämlich davon aus, dass Ski an unterschiedlichen Orten unabhängig voneinander erfunden worden seien. Dass die Skifahrer aus dem Altai auf Anhieb wussten, wie der Wikingerski zu fahren ist, wirft ein anderes Licht auf die Geschichte. «Mit dieser Technik konnten Jäger und Sammler riesige Distanzen zurücklegen», sagt Finstad. «Vielleicht auch schon vor 10 000 Jahren.» Oder noch früher? «Wir wissen es nicht. Mit dieser Technik wäre das auch mitten in der Eiszeit möglich gewesen.» Vor 20 000 Jahren.

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