Der Traum vom eidgenössischen Kranz Lorenz Stämpfli (21), SAC Oberhasli

35 SAC-Mitglieder wurden für Helvetia Club, das Jubiläumsbuch zum 150-Jahr-Jubiläum des SAC, fotografiert. «Die Alpen» haben sieben davon ausgewählt, um sie auch in Worten zu porträtieren. Lorenz Stämpfli, Hafner, Plattenleger, Schwinger, ist einer von ihnen.

Auch vor einem Schwingfest fällt mir das Aufstehen nicht leicht. Früh aus den Federn kommen ist nicht mein Hobby. Kaum unter der Dusche, packt mich aber die Vorfreude. Zum Frühstück koche ich mir meist Reis mit Banane. Das ist ein ideales Menü vor einem Wettkampf. Ich weiss, das hört sich grauenvoll an, ist aber eigentlich recht lecker. Der Reis füllt den Bauch, ohne ein Völlegefühl zu hinterlassen. Und die Banane sorgt für die nötige Energie – die ich ganz sicher brauchen werde. Meist fahre ich mit meinen Kollegen vom Schwingclub Hasliberg an die Wettkämpfe. Ab und zu kommen meine Eltern mit.

Ich schwinge mittlerweile seit gut zehn Jahren. Schon als Bub hatte ich die ideale Postur: gross, bullig mit einem Bauchansatz. Ich brachte mit 14 Jahren gute 80 Kilo auf die Waage. Das sind die besten Voraussetzungen für den Sport. Heute trainiere ich drei- bis viermal die Woche. Zweimal im Sägemehl und zweimal Krafttraining. Manchmal ist es schon kein Honigschlecken: Ich arbeite den ganzen Tag als Hafner und Plattenleger auf dem Bau, und danach kommen nochmals zwei Stunden körperliche Verausgabung. Aber ich brauche die Bewegung. Deshalb kann ich auch am Wochenende schlecht still sitzen und gehe oft Ski fahren oder in die Kletterhalle.

Am Wettkampfort angekommen, wärmen wir uns auf. Dann werden die ersten Paarungen durch die Lautsprecher bekannt gegeben. Wenn man Glück hat, steht man mit einem der ganz Grossen im Ring. Das gefällt mir am Schwingsport. Es ist eine grosse Familie. Schon als Nobody schwingt man manchmal gegen Könige vor einer eindrucksvollen Kulisse mit 8000 begeisterten Zuschauern. In welchem andern Sport wäre das möglich? Kurz vor dem Kampf höre ich oft Musik, das hilft mir zu fokussieren. Im Ring begrüsse ich zuerst meinen Gegner, gebe ihm die Hand. Gekämpft wird meist rund fünf Minuten. Ausser man hat seinen Konkurrenten schon vorher mit einem «Kurz» auf den Rücken befördert. Liegt der Gegner mit den Schultern am Boden, ist der Kampf zu Ende. Der Sieger wischt dem Verlierer das Sägemehl ab. Schwingen ist eine sehr faire Kampfsportart – ganz anders als beispielsweise das Boxen. Dort schlägt man sich die Köpfe blutig und tritt nach dem andern, auch wenn dieser schon lange am Boden liegt.

Der Höhepunkt von jedem Schwingfest ist der Schlussgang. Da schauen alle sehr gespannt zu. Leider hab ich es das letzte Mal als Jungschwinger so weit geschafft. Sobald die Rangliste erstellt ist, darf jeder einzelne Teilnehmer in den Gabentempel und sich seinen Preis aussuchen. Wenn mehrere gleich viele Punkte haben, bestimmt das Alphabet. In diesem Jahr fängt es zum Glück bei Z an – da liege ich mit Stämpfli nicht schlecht. Der Gabentempel ist ein Sammelsurium von gestifteten Preisen: Käselaibe, geschnitzte Stühle, Kuhglocken, aber auch Fahrräder, Werkzeugkästen oder Motorräder gibt es dort. Die gewonnenen Gaben entschädigen einen für den einen oder andern verpassten Ausgang.

Am Abend freue ich mich, wieder nach Innertkirchen zurückzukehren. Die Natur bei uns im Oberland ist einfach überwältigend schön! Zu Hause bei meinen Eltern erwartet mich meist ein rechter Rummel. Wir sind vier Geschwister im Alter von 17, 19, 21 und 23. Da ist immer was los: Es wird gelacht, diskutiert und gestritten. Heimkommen und es ist still – das könnte ich mir nicht vorstellen! Nach einem Wettkampftag, vor allem im Sommer, wenn die Sonne den ganzen Tag geschienen hat, bin ich meist recht kaputt und gehe früh ins Bett. Wenn ich überhaupt noch denken mag, träume ich von einem eidgenössischen Kranz. Meist schlafe ich aber sofort ein.

SAC-Mitglieder im Porträt

35 SAC-Mitglieder wurden für Helvetia Club, das Jubiläumsbuch zum 150-Jahr-Jubiläum des SAC, fotografiert. «Die Alpen» haben sieben davon ausgewählt, um sie auch in Worten zu porträtieren.

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