Der Unermüdliche Gerhart Wagner, Lehrer und Forscher

Gerhart Wagner ist Autor der Flora Helvetica und Eiszeitforscher. Diesen Monat wird er 100 Jahre alt. Ein Einblick in ein reiches Leben.

Ein Menschenleben hat drei Teile: Jugend und Ausbildung, Berufstätigkeit und schliesslich Ruhestand. Je 30 Jahre. So sieht es der Berner Biologe Gerhart Wagner, der am 18. Februar 100-jährig wird. «Ich befinde mich in der Nachspielzeit», sagt er. Einem breiteren Publikum ist er durch die Bücher Flora des Kantons Bern und Flora Helvetica bekannt geworden, die er mit Konrad Lauber geschaffen hat, und manchen SAC-Veteranen durch seine Alpenblumenwochen und durch Vorträge. «Mein Ruhestand dauert nun schon fast 40 Jahre», sagt er und wirkt dabei nachdenklich. «Ich kann es selbst nicht begreifen.»

Wobei: Beim ehemaligen Rektor des Realgymnasiums Bern Neufeld ist es irreführend, von Ruhestand zu sprechen. Und auch Formulierungen, die bei hochbetagten Jubilaren gern Verwendung finden, sind bei ihm fehl am Platz. Denn er ist mehr als rüstig. Einmal pro Woche steuert er sein Auto auf den Parkplatz ob Ferenberg. Von dort spaziert er auf den Bantiger, seinen Hausberg, und steigt über die Treppe auf die Aussichtsplattform des Sendeturms. 154 Stufen. Gerhart Wagner, der vier Kinder aus erster Ehe hat und längst Urgrossvater ist, lebt mit seiner zweiten Ehefrau seit über 30 Jahren in Stettlen.

Ein Jahrhundertirrtum

Und der Doktor der Zoologie ist weit davon entfernt, jeden Tag bloss noch brav die Zeitung zu lesen. Vor sechs Jahren hat er ein Buch veröffentlicht und erst kürzlich erneut eine Arbeit. Die Eiszeit ist das Thema, das ihn seit den 1980er-Jahren zunehmend beschäftigt. Genauer: der Schutttransport alpiner Gletscher. Gerhart Wagner sagt, ein Gletscher befördere mehr Schutt auf seiner Oberfläche, als gemeinhin angenommen werde. Er ist überzeugt, in der Eiszeittheorie einen Jahrhundertirrtum entdeckt zu haben. Wer sich mit ihm austauscht, merkt es bald: Da ist einer, der genau weiss, was er will. Auch für diesen Artikel hätte er am liebsten nur über sein Mittelmoränenmodell gesprochen. Was er herausgefunden habe, sei wissenschaftlich viel wichtiger als seine botanischen Arbeiten. «Da habe ich lediglich Bestehendes zusammengetragen.»

Das Problem: Vor lauter Eiszeit bliebe hier kein Raum mehr für andere Geschichten. Da wäre etwa jene von seiner Forschung über Brieftauben und davon, wie die Armee ihm einen Helikopter samt Piloten zur Verfügung stellte, damit er die Vögel verfolgen konnte. Einen Film dazu hat Gerhart Wagner auf seiner Website aufgeschaltet. Oder die Geschichte davon, wie er 1943 mit seinem älteren Bruder die erste Hochtour unternahm. Wie sie mutterseelenallein unterwegs waren und beim Abstieg vom Aletschhorn über einen Schrund hinweg in ein steiles Firnfeld abstürzten. Wie sie die Nacht auf blankem Eis verbringen mussten und die Bomber hörten, die Richtung Italien flogen. Oder wie sein Gehör im Aktivdienst durch Kanonenlärm beschädigt wurde. Plötzlich hörte er, der sich bis dahin vor allem mit Ornithologie befasst hatte, die hohen Vogelstimmen nicht mehr. «Das war ganz schlimm für mich», sagt er.

Zwangsläufig wandte er sein Hauptinteresse anderem zu – den Pflanzen. Um sie kennenzulernen, begann er, sie zu sammeln; und je mehr er von ihnen hatte, desto stärker kam bei ihm der Sammler zum Vorschein. Bald wollte er sämtliche einheimischen Pflanzen in seinem Herbar haben. Die Beschäftigung mit Blumen bescherte ihm «Erlebnisse erster Ordnung», wie er es nennt. Als er nach langer Suche eine Gletschernelke zu Gesicht bekommen habe, habe er sie «geküsst wie eine Prinzessin».

Kritischer Zeitgenosse

Gerhart Wagner, der in Bolligen aufgewachsen ist, war zunächst Sekundarlehrer in Grindelwald. Dort trat er dem SAC bei. Beim Frauen-Alpenclub (SFAC) wurde er Seilschaftsführer; die Frauen nahmen zusätzlich zum Bergführer für jede Seilschaft einen Mann mit. «Heute wäre das unvorstellbar», sagt er. Bald kehrte er nach Bern zurück und unterrichtete am Gymnasium Kirchenfeld Naturgeschichte. Er wurde der erste Strahlenschutzbeauftragte des Bundes, Assistenzprofessor für Zoologie an der Universität Zürich und schliesslich Gymnasiumsrektor in Bern. Als meinungsstarker Wissenschaftler war er gefragt, sei es als Mitglied der Nationalparkkommission oder als Präsident des bernischen Naturschutzverbandes – heute Pro Natura.

Einige aktuelle Entwicklungen beobachtet Gerhart Wagner mit Skepsis. Stichwort SAC-Hütten: Manche seien zu sehr auf Nichtalpinisten ausgerichtet und in regelrechte Paläste umgebaut worden, sagt er. Wichtiger für ihn ist ein anderer Punkt: In den Alpen sollten möglichst grosse Gebiete in einem natürlichen Zustand erhalten bleiben. Projekte wie den Bärenpark im Gantrisch lehnt er deshalb ab. «Das käme einer Denaturalisierung gleich.» Umgekehrt erachtet er es «leider als unmöglich», den Wolf in der dicht besiedelten Schweiz vollständig anzusiedeln. Dass man sich als Wanderer auf einer Kuhweide inzwischen fürchten müsse – entweder wegen der Mutterkühe oder wegen Herdenschutzhunden –, findet er «geradezu absurd».

Das Leben, nur ein Augenaufschlag

Und was sieht er, wenn er seinen Forscherblick auf sich selbst richtet? Wie fühlt es sich an, 100 Jahre alt zu sein? «Es gibt dieses Trauergefühl, wenn ich einen Weggefährten etwas fragen möchte, es aber nicht mehr tun kann», sagt er mit seiner erstaunlich jung klingenden Stimme. Einsam fühle er sich deswegen nicht; er habe immer wieder jüngere Leute kennengelernt, die ihm wichtig seien. «Aber sonst?», fragt er – und meint nach einer Weile: «Ob jemand 80 oder 100 Jahre alt wird: Gemessen an erdgeschichtlichen Zeitskalen ist ein Menschenleben nichts anderes, als wenn jemand die Augen aufschlägt – und sie gleich wieder schliesst.»