Der vergessene Widerstand ​Gerettete Hochtäler

In den 1980er-Jahren gab es in der Schweiz Dutzende von Pumpspeicherprojekten. Besonders grosses Interesse hatte die Stromwirtschaft am wasserreichen Kanton Graubünden. Alphirten und Umweltaktivisten stellten sich diesen Plänen entgegen. Eine Rückschau.

Letzten Oktober traf sich eine Schar ehemaliger Mitstreiterinnen und Mitstreiter im Val Curciusa, für dessen Erhalt sie jahrelang gekämpft hatten. Es hätte nicht viel gefehlt, und der muntere Bergbach wäre in den Fluten eines Pumpspeichersees verschwunden. Vor 21 Jahren gaben die Investoren das Projekt wegen mangelnder Wirtschaftlichkeit auf. Aber auch die jahrelange Hartnäckigkeit der Umweltschützer dürfte sie gehörig genervt haben. Das Val Curciusa war gerettet.

Die Schweiz ist gesegnet mit Wasser. Knapp 60% des Stroms werden mit Fluss- oder Wasserkraftwerken erzeugt. Die Stauseen in den Bergen halten die Niederschläge und das Schmelzwasser vom Sommer zurück, um das Land im Winter mit Strom zu versorgen. Pumpspeicherkraftwerke liefern die Energie dann, wenn sie im Tagesverlauf gebraucht wird. Das gespeicherte Wasser kann jederzeit turbiniert und danach mit Strom wieder hochgepumpt werden. Die Idee der Pumpspeicherseen boomte in den 1980er-Jahren und hing eng mit der überschüssigen Bandenergie von Atomkraftwerken zusammen, die rund um die Uhr laufen. Um 1980 waren in der Schweiz bereits fünf Atomkraftwerke in Betrieb oder im Bau. Dutzende weiterer AKWs in den Nachbarländern konnten zusätzlich billigen Strom liefern. Kein Hochtal, kein Bergbach war mehr sicher. Entsprechend lang war die Liste von Projekten für Pumpspeicherbecken und Stauseen.

Protest mit Fantasie und Witz

Allein im Kanton Graubünden standen 26 Projekte für Erweiterungen oder Neuanlagen zur Debatte. So im Val Bercla, im Val Curciusa, im Val Frisal, im Val Madris, in der Greinaebene oder im Läntatal. Aber auch im Wallis wurde eifrig geplant: Stauseeprojekte bestanden etwa für das Laggin-, das Baltschieder- oder das Binntal. Das Wachstum von Wirtschaft, Produktion und Bevölkerung schien den Bau neuer Wasserkraftwerke zu rechtfertigen.

Es war kein Zufall, dass zeitgleich zu den Pumpspeicherprojekten auch die modernen Landschafts- und Umweltschutzbewegungen entstanden. Der Bericht Die Grenzen des Wachstums (Dennis und Donella Meadows, 1972) des Club of Rome hatte zahlreiche Leute wachgerüttelt. Die Vorstellung, dass die letzten wilden Täler für das unhinterfragte Wachstum geopfert und viele sprudelnde Bergbäche ausgetrocknet oder auf eine klägliche Restwassermenge reduziert werden sollten, versetzte den Gegnern dieser Entwicklung und allen Naturliebenden einen emotionalen Stromschlag.

Ein Beispiel des Widerstands ist das Val Curciusa. Das Tal zwischen Splügen und San Bernardino ist eines der letzten unerschlossenen und weitgehend unberührten Hochtäler der Schweiz. 1986 wurden Pläne des damaligen Finanzierungsunternehmens Elektrowatt zum Bau eines Pumpspeichersees im oberen Teil von Curciusa Alta bekannt. Das Wasser des Areuabachs hätte gestaut, im Misox turbiniert und anschliessend wieder hochgepumpt werden sollen – mit billigem Strom aus ausländischen Kohle- und einheimischen Atomkraftwerken. Den beteiligten Gemeinden Mesocco, Nufenen, Medels und Splügen winkten einträgliche Wasserzinsen. Besorgte Menschen aus dem Rheinwald, aus Graubünden und aus der ganzen Schweiz formierten sich in einer Arbeitsgemeinschaft gegen das Curciusaprojekt. «Unsere Strategie zielte auf die Erhaltung der einmaligen Landschaft und nicht auf den Kampf gegen den Pumpspeichersee ab», sagt Peter Lüthi, damals Alphirt im Val Curciusa. Der Protest wurde mit Fantasie und Witz geführt. So schichteten Aktivisten zum Beispiel vor dem Hauptsitz der Elektrowatt einen «Turm zu Babel» mit alten Bohrkernen der Sondierbohrungen im Curciusa auf. Und 1990 fand ein grosses Alpfest statt, bei dem auch der frühere Alphirt Bruno Manser – bekannt für seinen Einsatz für Sarawaks Ureinwohner – teilnahm. Noch während des Bundesgerichtsverfahrens 1999 liess die Kraftwerkgesellschaft das Projekt «als nicht amortisierbare Investition» fallen.

Erfolg dank Rothenthurm-Initiative

Die Kraftwerke Hinterrhein meldeten 1985 ihr Interesse am Bau eines Pumpspeicherkraftwerks im hinteren Teil des Val Madris an. Es solle vor allem der Deckung des steigenden Winterstrombedarfs von Wirtschaft und Bevölkerung dienen, hiess es. Ein Speicherbecken vom Volumen des Grimselsees hätte ausgebaggert und mit dem Aushub eine 142 Meter hohe Staumauer gebaut werden sollen. Wiederum war es das Alppersonal, das Alarm schlug, aber auch Menschen aus Avers. Was ihnen besonders sauer aufstiess, war das Konzept des Hochpumpens von Wasser mit überschüssiger Bandenergie aus Atomkraftwerken – bei einem beachtlichen Pumpenergieverlust von rund 30%. Aus billigem Atomstrom sollte teuer verkäufliche Spitzenenergie im Winterhalbjahr erzeugt werden. Sich dem Vorhaben entgegenzustellen, war nicht einfach. Es brauchte Zivilcourage. Schliesslich hatten die Kraftwerke Hinterrhein 1962 beim Bau des Stausees im Valle di Lei dem Averstal eine Zufahrtsstrasse gebaut.

«Was uns letztlich gerettet hat, war der Befund des Bundesamts für Umwelt, dank dem im Val Madris ein Flachmoor von nationaler Bedeutung ausgewiesen wurde», sagt Kaspar Schuler, Alphirt und Kämpfer der ersten Stunde. «Die Rothenthurm-Initiative vom Herbst 1987 war so gesehen die Rettung des Madris.» Zudem hatte auch die Entwicklung im europäischen Stromgrosshandel – Stichwort «Stromschwemme» – zu einer Umbesinnung bei den Stromkonzernen geführt, wie Energiespezialist Hanspeter Guggenbühl in der WOZ schrieb. Tiefe Marktpreise hätten die Rentabilität des 600 Millionen teuren Kraftwerks Val Madris langfristig infrage gestellt. 1998 begruben die Kraftwerkbesitzer ihre Pläne für das Val Madris. Auch andere Projekte für Pumpspeicherkraftwerke wie jenes im Val Bercla bei Mulegns wurden aufgegeben.

Landschaftsrappen löst Dilemma

Eine der emotionalsten Auseinandersetzungen fand zwischen 1986 und 1996 um ein Wasserkraftprojekt der Nordostschweizer Kraftwerke in der unvergleichlich schönen Greinahochebene statt. Der Protest fand landesweit breite Unterstützung und gilt rückblickend als Vorläufer des Widerstands gegen Projekte wie jenes im Val Curciusa oder im Val Madris. Die Greina war als reines Speicherkraftwerk geplant, dessen Wasser in der Surselva unten hätte turbiniert werden sollen. Zum Verzicht des Projekts führte nicht nur der grosse Protest, sondern auch die Entwicklung im Strommarkt sowie ungünstige geologische Verhältnisse des Greinabeckens.

In allen Konflikten um Stauseeprojekte spielten die Wasserrechtszinsen eine zentrale Rolle. Mit der Vergabe von Wassernutzungskonzessionen hätten die Eignergemeinden jährlich wiederkehrende Zinsen der Kraftwerkbetreiber erhalten. Zur Lösung des Dilemmas schlug die Greinastiftung, die sich heute für die Erhaltung der alpinen Fliessgewässer engagiert, Entschädigungszahlungen an die Gemeinden vor, den sogenannten Landschaftsrappen. Dank diesen Abgeltungsleistungen für entgangene Wasserzinsen mussten die armen Berggemeinden ihre Natur- und Flusslandschaften nicht mehr aus finanzieller Not verkaufen. Seit 1996 entrichtet der Bund Ausgleichszahlungen von einem Franken pro Kilowatt Bruttoleistung an die zwei Bündner Gemeinden Vrin und Sumvitg. Auch mit zwölf Walliser Gemeinden wurden solche Verträge abgeschlossen, darunter Baltschieder, Binn und Gondo. Die Greina ist heute im Bundesinventar der schützenswerten Landschaften und damit dauerhaft geschützt. Unzählige Bergbegeisterte danken es heute den Umweltengagierten von damals.

Megaprojekte scheiterten oft

Aus den 1940er- und 1950er-Jahren sind mehrere Megastauseeprojekte bekannt, die nie realisiert worden sind. Zum Beispiel die grossen Stauseen im Rheinwald (Splügen) oder im Urserental (Andermatt). Auch im Bernischen gab es ein Grossprojekt: Das Oberlandprojekt sah in den 1960er-Jahren vor, fast alle Bäche zwischen Lauterbrunnen und Adelboden zu fassen und ihr Wasser in zwei grossen Speicherbecken im hinteren Kiental zwischenzulagern. Diese Projekte scheiterten allesamt am erbitterten Widerstand der lokalen Bevölkerung. Denn immer gibt es auch Verlierer. Unvergessen sind die Dramen beim Lai da Marmorera (1956) oder beim Sihlsee (1937), wo Dörfer und Höfe im Wasser versunken sind. Als Ersatz für das Urserenprojekt wurde später der Göscheneralpsee (1960) gebaut und für Hinterrhein der Lago di Lei (1962).

Menschen, die sich gegen Stauseeprojekte im Kanton Graubünden eingesetzt haben

Serie Wasserkraft im Gebirge

Die Wasserkraft im Gebirge spielt in der Stromproduktion der Schweiz eine grosse Rolle. Sie dient nicht nur der blossen Energiegewinnung, Stauseen spielen ebenfalls eine wichtige Funktion bei der Energiespeicherung und der saisonalen Verteilung. Gleichzeitig bedeuten Wasserkraftwerke in den Bergen grosse Eingriffe in die Natur und Landschaft und erzeugen immer auch Widerstand. Im Rahmen dieser Serie erscheinen in den nächsten Ausgaben zwei weitere Beiträge:

· Das Triftprojekt – die Pläne für die Nutzung eines neu entstandenen Gletschersees

· Der Energieexperte Jürg Rohrer im Interview über die Zukunft der Stromversorgung und -nutzung

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