Der Weltensammler - eine aktuelle Sicht auf die 16 000 Landkarten des J. F. von Ryhiner

Zur Sonderausstellung im Schweizerischen Alpinen Museum Bern Der Berner Staatsmann und Geograph Johann Friedrich von Ryhiner ( 1732-1803 ) hat eine erstaunliche Kartensammlung zusammengetragen, die sich aus 16000 Karten, Plänen und Ansichten aus dem 16. bis ins frühe 19. Jahrhundert zusammensetzt.1 Das Schweizerische Alpine Museum präsentiert eine Auswahl dieser kunstvollen Landkarten im Rahmen einer Sonderausstellung. Anhand des Beispiels der Gemmi erläutert Prof. Dr. Klaus Aerni, Bern2, was aus dieser Kartensammlung herausgelesen werden kann.

Die Gemmi - zur Geschichte eines Passübergangs auf dem Kartenbild

Alte Gemmi und Gemmipass Die Gemmi verbindet Kandersteg im Berner Oberland mit Leukerbad im Wallis. Sie gehört mit den Pässen Grimsel, Lötschen, Rawil und Sanetsch zu den historisch bedeutenden und gut begehbaren Übergängen der nördlichen Alpenkette. Auf der Südseite der Gemmi führte der Weg zunächst vom Daubensee durch das Furggentälti über die Alte Gemmi zur Clabinualp und weiter bis Leukerbad. Wann der Weg von der Alten Gemmi in die Daubenwand und damit zum Gemmipass verlegt wurde, kann nicht mit Sicherheit angegeben werden. Allgemein bekannt war die Gemmi schon um 1500.

Die Gemmi auf alten Karten Konrad Türst nennt auf seiner Karte der Eidgenossenschaft 1495/97 ( Abb. 1 ) nicht nur erstmals den Namen Gemmi, sondern vermittelt mit den Namen Frutigen - Cander ( FlussGemmi - bad ( Leukerbad ) und loeg ( Leuk ) auch eine Vorstellung über den Routenverlauf. 1577 beendete der damalige bernische Stadtarzt Thomas Schoepf seine Karte des Kantons Bern. Noch ist die Gemmi nicht als Route dargestellt, jedoch belegen mehrere Brücken einzelne Fixpukte des Wegverlaufs. Erstmals dargestellt ist der Dubensee. Die höchste Stelle des Übergangs ist als Gemi m bezeichnet. Hier verläuft nach der Karte die Grenze zum Kanton Wallis, worauf der Kommentar ausdrücklich hinweist. Schoepf bezeichnet den Pass als sehr hoch und rauh. Er diene als Zugang zu den Thermen von Leuk und sei nur in den späten Sommermonaten begehbar.

In der Zeit von Türst bis Schoepf erscheinen die Pässe auf den Karten nur als Namen und sind damit einzig als Verbindungen zwischen Tälern oder Orten belegt. Über den Verlauf des Gemmiwegs, vor allem über die schwierig zu überwindende Daubenwand erfahren wir aus den Karten nichts. Dagegen belegen die zugehörigen Kommentare und weitere schriftliche Quellen, dass einige Jahrzehnte vor 1574 der Übergang von Leukerbad nach Kandersteg von der Alten Gemmi zum heutigen Gemmipass verlegt worden ist.

Erste Wegsignaturen Im Mai 1591 reiste der Basler Kaufherr Andreas Ryff über die Gemmi, um mit dem Bischof von Sitten in Leukerbad « in Bergwerkssachen » zu verhandeln. Die Reise wurde für Ryff zu einem eindrücklichen Erlebnis, so 1 Die Kartensammlung des J. F. von Ryhiner wurde während der letzten 4 V2 Jahre in der Stadt- und Universitätsbibliothek Bern erschlossen und zugänglich gemacht.

2 Prof. Dr. Klaus Aerni, Bern, ist Programmleiter des Inventars historischer Verkehrswege der Schweiz ( IVS ).

Abb. 1:

Auf der Karte der Eidgefinden, sondern auch erst- nossenschaft ( 1495/97 ) von mais eine Vorstellung über Konrad Türst ist nicht nurden Routenverlauf.

der Name der Gemmi zu dass er den Abstieg durch die Daubenwand anschliessend in seinem Reisebüchlein zeichnerisch ( Abb. 2 ) und schriftlich festhielt. Die bildliche Darstellung wurde von einem Basler Künstler umgezeichnet und 1591 im Zirkel der Eidgenossenschaft publiziert. Vermutlich ist Hans Conrad Gyger dieser Darstellung irgendwo begegnet, denn in seiner 1657 publizierten Schweizerkarte ist südlich der beiden Bezeichnungen Uf der Gemi M. und Zur Tuben der Weg nach Leukerbad als schematische Zickzacklinie eingetragen, was eine eindeutige Lokalisierung erlaubt und damit den Beginn der Signaturensprache für Wege markiert ( Abb. 3 ).

Der Passweg erscheint im Kartenbild Der Kartograph Pierre Duval verwendete in seiner Carte du Pais de Vallaisou Walliser-Land von 1658 für die Darstellung des Gemmiwegs in der Daubenwand eine schlangenför-mige Doppellinie ohne geschlossenen Anfang oder Ende. Ob er zu dieser Innovation durch die ein Jahr zuvor erschienene Karte Gygers angeregt worden war, ist nicht bekannt. Auf jeden Fall ist er der erste Kartograph, der die Kategorie « Pässe » in der Form einer Signatur darstellt.

Am Anfang des 18. Jahrhunderts hat Alexis-Hubert Jaillot auf der Basis der Karte Gygers eine vierteilige Karte der Schweiz entworfen. Die Karte zeigt erstmals die Strassen netzförmig und stellt damit einen grossen Oberwalliser gegen die Franzosen kurzfristig unterbrochen. Danach diente sie als Verbindungs- und Nachschublinie für die im Wallis gegen die Koalition der Österreicher und Russen kämpfenden französischen Truppen. Das Direktorium der helvetischen Zentralregierung beauftragte am 1. Juli 1799 Inspektor Guisan, einen durchgehenden Fahrweg über die Gemmi sowie auf der Passhöhe eine Festung zu projektieren. 1820 schliesslich schlug die Walliser Regierung dem Kanton Bern vor, den Bau einer Fahrstrasse über die Gemmi durch Abgeordnete prüfen zu lassen. Bern reagierte positiv und liess eine Wegrekognoszierung durchführen3.

Und heute?

Seit der Zeit Dufours sind mit dem Topographischen Atlas ( TA ) und der Landeskarte der Schweiz ( LK ) neue Kartenwerke entstanden. Auf der Erstausgabe des Blatts Gemmi von 1884 ist der Weg über den Gemmipass als durchgehende Linie dargestellt, und vom Vorgänger wird nur noch der Name « alte Gemmi » überliefert. In den späteren Ausgaben des TA und in den frühen Ausgaben der LK erscheint die « alte Gemmi » nicht mehr. Das Wiederauftauchen in der LK 1267 Gemmi ( Ausgabe 1992 ) darf als Zeichen einer allgemeinen Aufwertung historischer Wege gedeutet werden, zu der insbesondere das Inventar historischer Verkehrswege der Schweiz ( IVS ) beigetragen hat.

Klaus Aerni, Bern Abb. 2:

Das eindrückliche Erlebnis der Reise über die Gemmi hielt der Basler Kaufherr Andreas Ryff anschliessend zeichnerisch und schriftlich fest.

Fortschritt dar. Wohl aus der Phase der Rekognoszierung dürfte die mit 1701 datierte Darstellung der Gemmiwand sein ( Abb. 4 ), die von Scheuchzer 1708 nach einem Stich von Johann Melchior Füssli publiziert worden ist.

Atlas Suisse und die Wirren der Helvetik Im Übergang von der Revolutionszeit zur Helvetik entstand ( von 1796 bis 1802 ) der Atlas Suisse von Johann Rudolf Meyer, Johann Heinrich Weiss und Joachim Eugen Müller. Die Gem-miroute ist auf dem Blatt 10 Partie du Canton de Berne du Valais et du Canton de Fribourg dargestellt.

Im Kriegsjahr 1799 wurde die Gemmi während des Aufstands der 3 Die Ergebnisse liegen als Plan mit dem Titel « Reconnaissance militaire du Passage de la Gemmi » aus dem Jahre 1820 vor und tragen den Vermerk « D' après le dessin de Mr. le Lt. Colonel Dufour avec quelques changements selon le petit plan de Mr. le Lt. Colonel Wurstem berger ».

Abb. 3:

1657 publizierte Hans Conrad Gyger seine Schweizerkarte. Auf ihr ist der Weg nach Leukerbad als schematische Zickzack-Linie eingetragen. Diese Signatur steht am Anfang der Signaturensprache für Wege.

Abb. 4:

Die Darstellung der Gemmiwand, die Scheuchzer 1708 nach einem Stich von Johann Melchior Füssli publizierte.

Sonderausstellung

Der Weltensammler - eine aktuelle Sicht auf die 16 000 Landkarten des J. F. von Ryhiner Ort: Schweizerisches Alpines Museum, Helvetiaplatz4, 3005 Bern Dauer: 1O. September bis 6. Dezember 1998 Öffnungszeiten: bis 19. Oktober 1998: Mo 14-17 Uhr, Di bis So 10-17 Uhr; ab 2O. Oktober 1998: 12-14 Uhr geschlossen; 23. November 1998: geschlossen Der farbige Ausstellungskatalog ( 19 Franken ) aus dem Verlag Cartographica Helvetica ist beim Schweizerischen Alpinen Museum Bern, Tel. 031/351 04 34, erhältlich.

Eintritt: 5 Franken, SAC-Mitglie-der 3 Franken Öffentliche Führung: Mittwoch, 18. November 1998, 17.15 Uhr ( Eintritt und Führung 8 Franken ) Gemmi-Exkursion Vom Werden des heutigen Pass-wegs auf historischen Karten und im Gelände Samstag, 1O. Oktober; Leitung: Prof. Dr. Klaus Aerni; Treffpunkt Bahnhof Goppenstein: 9.40 Uhr ( Bern BLS ab 8.26 Uhr, Bern an 18.34 Uhr ); Wanderzeit ca. 272 Std., Verpflegung aus dem Rucksack; Anmeldung: Tel. 031/351 04 34 Alpine Geschichte, Kultur, Erzählungen

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