Der Wolf, eine Herausforderung Wie das Raubtier den Alltag der Walliser Schäfer verändert

Der Wolf ist eine Herausforderung für alle. Wolfsfreunde und Wolfsgegner debattieren heftig. Währenddessen stellt das Tier das Leben der Schäfer und Landwirte in den betroffenen Gebieten auf den Kopf.

Seit jenem Tag im Herbst 2014, als Manuel Weissen elf vom Wolf gerissene Schafe auf seiner Weide in Unterbäch fand, hat sich im Leben des Landwirts vieles verändert. Unterbäch liegt nahe des Augstbordhorns zwischen Visp und dem Turtmanntal im Oberwallis, einem der aktuellen Hotspots des Wolfsgeschehens in der Schweiz (siehe Kasten). Die Tiere haben Weissens Alltag ordentlich durcheinandergebracht. Er muss sich in vielen Bereichen anders organisieren und steht fast täglich vor neuen Herausforderungen. Die unbeschwerte Schäferzeit liegt nicht lange zurück. Der junge Landwirt erzählt davon, wie ihm der Vater die Freude an der Landwirtschaft weitergegeben hatte, wie er jeweils Ende des Sommers stolz die neuen Lämmer zählte und mit seinen Schäferkollegen feierte, wie schockiert er war nach der Wolfs­attacke. «Klar, als Schafbauer weiss ich: Meine Tiere sterben eines Tages. Wir ziehen sie gross, manchmal sogar mit der Flasche, irgendwann aber bringen wir sie zum Metzger», hält er fest, «das ist normal. Die Tiere aber vom Wolf zerbissen zu finden, ist etwas ganz anderes. Das drückt einem das Herz ab.» Vier Schafe waren sofort tot, die anderen brachte er mit klaffenden Wunden zum Tierarzt.

Schafhalter organisieren sich

Dass er eines Tages einen Schutzhund für seine rund 120 Tiere anschaffen würde, hätte sich Manuel Weissen nie vorstellen können. Andererseits konnte er dem Treiben nicht tatenlos zusehen. Er ist Schäfer mit Herz und Seele, aufgeben kam nicht infrage. Weissen ist einer der Schafzüchter im Oberwallis, die sich heute intensiv mit Herdenschutz befassen. «Es heisst immer, es werde nichts gemacht im Wallis», ist André Summermatter, Herdenschutzbeauftragter des Kantons verwundert, «dabei passiert viel.» Der Kanton Wallis hat im September 2016 ein 100%-Stelle für die Umsetzung der Herdenschutzmassnahmen geschaffen, um den betroffenen Landwirten zu helfen. In Summermatters Büro im Landwirtschaftszentrum in Visp läuft der Draht heiss. Summermatter berät die Landwirte in Hinsicht auf besondere Materialien und Techniken sowie mögliche finanzielle Unterstützung. Alle haben das gleiche Problem: Herdenschutz bedingt Know-how und bringt gleichzeitig viel Aufwand mit sich. Die Politiker debattieren über ihre Haltung pro oder contra Wolf, die Landwirte hingegen haben keine Zeit zu warten, denn jeder Tag schafft neue Unsicherheiten. «Ich habe 20 Jahre auf die Politik vertraut», fasst es Helmut Bitz, Landwirt aus Gampel, zusammen. «Irgendwann wurde mir klar: Ich muss selber aktiv werden.» Vor vier Jahren hatte sich Bitz, der über 200 Schafe besitzt, einen ersten Herdenschutzhund angeschafft und gründete mit anderen Personen die Herdenschutz GmbH, eine Vereinigung, die den Bauern beratend zur Seite steht – dies notabene, bevor der Kanton überhaupt aktiv wurde. Allerdings, dies stellt Bitz klar: «Nur weil ich Herdenschutzhunde habe, bin ich noch lange nicht für den Wolf.»

Herdenschutz grenzt aus

Sich als Schafhalter mit Herdenschutz zu befassen, kommt nicht gut an. Weissen hat viele seiner einstigen Schäferkollegen verloren. Manche gaben auf, andere begegnen ihm wegen der Hunde mit Argwohn. Helmut Bitz brauchte rund zwei Jahre, um das Umfeld von seiner Haltung zu überzeugen. Jetzt, sagt er, sei noch Zeit zu lernen. «An dem Tag, an dem Kollege Wolf kommt, will ich bereit sein», sagt er den Leuten im Dorf, den Schülerinnen und Schülern, die seinen Hof besuchen, oder den vielen Spaziergängern, die jeweils am Sonntagnachmittag über den Zaun gucken. Bitz’ Hof in der Talebene von Gampel ist noch nicht ganz so stark dem Wolfsdruck ausgesetzt. Aber irgendwann, Bitz macht sich keine Illusionen, könnten die Tiere auch diesseits der Rhone auftauchen. So einfach wie sich manche wünschen, wird man den Wolf nicht wieder weghaben. Vielleicht ist er eines Tages weg, dann kreuzt er aber andernorts auf, kehrt später zurück. Niemand weiss, wann. Die Unberechenbarkeit ist Teil des unguten Gefühls. Es geht nicht so sehr um die Frage, ob man den Wolf haben möchte oder nicht. «Der Wolf ist hier», stellt auch André Summermatter fest, «wir müssen uns damit auseinandersetzen, was es bedeutet, dass dieses Tier in der Schweiz Fuss fasst.»

Seit einem knappen Jahr lebt der Herdenschutzhund Jack auf dem Betrieb von Manuel Weissen, vor wenigen Monaten kam die Hündin Nougat dazu. Weissen und seine Partnerin Marianne Hofmann investieren täglich viel Zeit, um die Hunde in die Schafherde zu integrieren und sie gleichzeitig so zu erziehen, dass sie nicht nur die Schafe beschützen, sondern den Menschen als Autoritätsperson achten. Die Sommerweiden oberhalb des Dorfes hat Weissen aufgegeben. Stattdessen bringt er seine Schafe für die Alpzeit ins Turtmanntal, wo sie Teil einer bis zu 500 Tiere grossen Herde sind, die von Hirten und Hunden beschützt wird. Denn Hunde alleine genügen auf den Alpen nicht. Schon nur wegen möglicher Schwierigkeiten zwischen Hunden und Wanderern ist die Anwesenheit von Hirten unerlässlich. Auch in diesem Bereich fehlt es an Erfahrung. Manche Leute lassen sich verunsichern, wenn sie einer von Schutzhunden begleiteten Schafherde begegnen. Unsicherheit angesichts der grossen Hunde ist verständlich, ihr Bellen ist aber in erster Linie Zeichen dafür, dass sie ihren Job tun, nämlich die Schafe zu beschützen.

Vielen Ansprüchen gerecht werden

Richtig kompliziert wird der Herdenschutz für die Landwirte im Frühling und im Herbst, wenn die Schafe auf den Wiesen rund ums Dorf weiden. Dann heisst es, ständig neue Zäune aufzubauen, wieder abzubrechen und zu versetzen. Zwar waren die Tiere schon früher eingezäunt, aber ohne Elektrozaun, da Schafe in der Regel nicht ausbüxen. Ein normales Knotengitter hindert einen Wolf jedoch nicht daran, den Zaun zu überwinden. Es braucht sorgfältig aufgebauten Elektrozäune, manchmal sogar in doppelter Ausführung. Wenn irgendwo ein Durchschlupf bleibt, etwa unter einem Bach, oder ein Ast auf den Zaun fällt und ihn niederdrückt, ist auch ein Elektrozaun kein Hindernis für einen Wolf. «Einige unserer Wiesen beweiden wir nicht mehr, weil wir sie gar nicht sicher einzäunen können», sagt Weissen. Und schliesslich mussten Weissen und Hofmann feststellen, dass ein Herdenschutzhund für ihre Herde nicht ausreicht. Im Frühsommer 2016 hatte ein Wolf erneut fünf Schafe gerissen, und dies, obwohl Jack auf Posten war. In der Theorie war der Grundsatz «Ein Hund ist kein Hund» bekannt, dass sich dies aber so direkt auf dem Hof bestätigen würde, erstaunte doch alle.

100 Jahre Erfahrung fehlen

«Es gibt kein Patent gegen den Wolf, das für jeden Betrieb funktioniert», sagt Helmut Bitz. «Man kriegt als Schafhalter nur wenige Hinweise, die wirklich taugen, das meiste ist bei Publikation schon wieder veraltet.» Grundsätzlich fehlt den Landwirten, wie auch allen anderen beteiligten Personen und Ämtern, die Erfahrung aus rund 100 Jahren, in denen in der Schweiz keine Wölfe mehr vorkamen. Das fehlende Wissen im Umgang ist eine der wohl eher unbeabsichtigten Folgen der Ausrottung. Die Herdenschutz GmbH versucht, Informationen, die bestehen, aber nicht einfach zugänglich sind, unter die Leute zu bringen. «Wir haben Pioniere wie Walter Hildbrand aus Jeizinen, der seit 20 Jahren mit Schutzhunden arbeitet», sagt Bitz, «von ihm können wir viel lernen.» Bitz und seine Kollegen verbringen Stunden und Tage mit betroffenen Schafhaltern auf den Betrieben, suchen nach Lösungen und helfen beim Umsetzen möglicher Massnahmen. Es ist längst nicht damit gemacht, «nur» einen Hund anzuschaffen oder einen Zaun aufzustellen. Der Lernprozess ist mitunter schmerzhaft, wenn sich herausstellt, dass vermeintlich sichere Systeme doch nicht funktionieren. Der Wolf ist schlau und lernt schnell. Er nützt die Schwachstellen aus, wo er kann.

Der Wolf zeigt die Schwächen im System

Der zusätzliche Aufwand an Arbeit und Finanzen ist einer der Gründe, weshalb es das Raubtier im Wallis besonders schwer hat. Zu den Schwierigkeiten trägt auch die Tatsache bei, dass 85 bis 90% der landwirtschaftlichen Betriebe im Oberwallis im Nebenerwerb geführt werden. Diese kleinräumige Struktur ergibt sich aus der realen Erbteilung, bei der die Parzellen im Erbfall mehrfach aufgeteilt werden. «Für Schafhalter, die neben einem normalen Arbeitspensum noch 20 bis 30 Schafe haben, ist der Aufwand für den Herdenschutz schwer zu bewältigen», erklärt André Summermatter. In solchen Fällen ist es oft genau der Wolf, der neben allen anderen Problemen in der Landwirtschaft das Fass zum Überlaufen bringt. Das Raubtier zeigt sozusagen die Schwächen im System auf. Sehr viele Menschen sind von der Thematik betroffen. Sie verdienen zwar ihr Geld längst in anderen Branchen, emotional sind sie aber noch immer mit der Landwirtschaft, sprich der Schafhaltung, verbunden. «Wir müssen darüber nachdenken», fordert Summermatter, «was der Wolf für die Landschaft bedeutet.» Die sorgfältig gepflegten Matten und Wiesen, die schönen Mäuerchen und sauberen Waldränder seien Teil der Walliser Kulturlandschaft und als solche auch für den Tourismus von Bedeutung. Wenn die Schafe fehlen, schreitet die Verbuschung voran und die Landschaft wird sich in relativ kurzer Zeit verändern. Im Gebiet des Augstbordhorns sind die meisten Schafalpen bereits aufgegeben worden. «Man sieht den Effekt deutlich», hält Helmut Bitz nach seinen Besuchen im Sommer 2016 fest. Auch Manuel Weissen überlegt sich: «So was gibt man doch nicht gerne auf, schliesslich ist es das, was uns unsere Eltern weitergegeben haben.»

{f:if(condition: label, then: label, else: header} Der Wolf in der Schweiz

Seit August 2016 weiss man, dass es im Augstbordgebiet im Oberwallis ein weiteres Wolfsrudel gibt. Bestätigt hat dies eine Fotoaufnahme eines jungen Wolfes. Es ist das dritte Rudel in der Schweiz. Bereits seit 2012 weiss man vom Calandarudel in Graubünden, ein zweites Rudel siedelte sich 2015 östlich von Bellinzona im Tessin an. In allen drei Rudeln konnte 2016 Nachwuchs bestätigt werden. Im Gebiet Gantrisch-Schwarzsee (BE und FR) lebt ein Wolfspaar.

Nach Angaben der Schweizer Forschungsstelle für Raubtierökologie und Wildtiermanagement KORA sind in der Schweiz zwischen Januar 2015 und Dezember 2016 30 Wölfe genetisch nachgewiesen worden, davon 12 Weibchen und 18 Männchen. Oft sind sie nur auf Durchreise und durchstreifen grosse Gebiete. Im Wallis, so bilanziert die Dienststelle für Jagd, Fischerei und Wildtiere Kanton Wallis (DJFW), zählte man zwischen dem 1. Januar und dem 31. Oktober 2016 neun Wölfe, darunter mindestens drei Jungtiere.

Die Wölfe waren im 19. Jahrhundert Schweizweit ausgerottet worden. Da das Wild durch Überjagung knapp geworden war, rissen Wölfe vermehrt Nutztiere, was den Konflikt mit den Menschen verschärfte. In Italien, Spanien sowie Ost- und Nordeuropa haben nur kleine Bestände überlebt. Als der Wolf 1972 in Italien unter Schutz gestellt wurde, gab es dort noch ungefähr 100 Tiere. Die Population hat sich seither erholt und breitete sich im gesamten Alpenraum neu aus. In der Schweiz wandern seit 1995 wieder einzelne Wölfe ein.

Weitere Infos

Detaillierte Infos zum Wolf auf www.kora.ch

Aktueller Film zum Wolf in der Schweiz: «Die vielen Wölfe der Schweiz», ausgestrahlt am 15.12.2016 auf Netz Natur, nachzusehen auf www.srf.ch/sendungen/netz-natur

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