Die Basejumper organisieren sich Damit der grosse Sprung nicht tödlich endet

Vor 50 Jahren kam Basejumping in die Schweiz. Noch heute ist es das schwarze Schaf unter den Extremsportarten. Nach jedem Unfall gerät der Sport unter Druck. Wird er nach den Regeln der Kunst ausgeführt, ist er nicht gefährlicher als manch andere Sportart. In Lauterbrunnen organisieren sich die Sportler gar.

Die Hand an der Stirn als Blendschutz, den Kopf so weit nach hinten geneigt, dass die Halswirbel fast ausrenken: So starren Schaulustige in den Himmel über Lauterbrunnen im Berner Oberland. Wenige Schritte von der Station der Schilthornbahn entfernt, beobachten sie die Basejumper, die von den Felswänden in die Tiefe springen. «Da!», ruft einer der Schaulustigen und zeigt auf einen dunklen Schatten, der den blauen Himmel durchschneidet. Kaum blickt man in die Richtung, in die er zeigt, öffnet sich schon knatternd dessen Fallschirm. Vom frühen Morgen bis am Abend, manchmal gar in der Nacht, wiederholt sich die Szene fast pausenlos. «Wir sind hierhergereist, um das ausserordentliche Spektakel zu sehen», sagt Xiaoyang Luo aus Schanghai begeistert, «ich möchte wirklich gern wissen, woran sie denken, wenn sie sich in die Tiefe stürzen!» Die Touristen aus China wissen um die Gefahren dieser Sportart. Doch sie sehen sie keineswegs kritisch, sondern sind vielmehr fasziniert. «Das Basejumping gehört zu den touristischen Attraktionen des Tals. Einige Besucher sind zwar schockiert, aber die meisten interessieren sich aus Neugierde dafür und sind dann fasziniert», meint Thomas Durrer vom Tourismusbüro Lauterbrunnen dazu.

Eine akzeptierte «Kaste»

Das Zusammenleben mit den Einheimischen war anfangs nicht einfach. Schritt für Schritt haben sich die Basejumper und die Dorfbewohner angenähert und gelernt, sich gegenseitig zu akzeptieren. «Es gibt keinen Grund dafür, dass sie aneinandergeraten, wenn die Springer gewisse Regeln einhalten, wie zum Beispiel die Grenzen der Start- und Landezonen», meint Martin Stäger, Gemeindepräsident von Lauterbrunnen. «Diese Leute bringen Leben ins Tal und stärken den Tourismus hier.»

Im Dorf gehen die Meinungen darüber dennoch auseinander; sie reichen von Indifferenz bis zu kompletter Ablehnung. «Ich toleriere sie zwar, aber ich schätze es nicht gerade, wenn wir wegen ihrer Unfälle in die Schlagzeilen kommen oder wenn der Strom ausfällt, weil sie in den Leitungen hängen bleiben», meint ein Bewohner von Mürren.

«Das kommt tatsächlich vor. Aber wir bemühen uns um respektvolles Verhalten gegenüber den Einheimischen und möchten, dass sie unsere Leidenschaft verstehen. Wir wollen sie nicht stören», erklärt der Basejumper Uli Emanuel, ein Südtiroler, der nach Stechelberg gezogen ist. Eine Haltung, die Bauer Adolf von Allmen teilt. Gegen eine Entschädigung von 1000 Franken jährlich stellt er ein Stück Land als Landezone zur Verfügung. «Sobald ich das Gras geschnitten habe, stört es mich nicht. Einige meiner Berufskollegen teilen diese Ansicht allerdings gar nicht und wollen nicht, dass die Springer ihr Land benützen», sagt von Allmen.

Lauterbrunnen: Mekka des Basejumpings

Es gibt angefressene Springer, die extra nach Lauterbrunnen umziehen, um hier ihrer Leidenschaft nachzugehen. «Deutsche, Australier, Franzosen, Belgier, Engländer – unter den Basejumpern gibt es ein gutes Dutzend, die deshalb hier leben, weil sie so das ganze Jahr durch springen können. In der Hauptsaison, also von Juni bis Oktober, reisen zusätzlich rund 1000 Basejumper hierher. Sie kommen aus der ganzen Welt und verleihen dem Tal einen kosmopolitischen Touch», erklärt Dominik Loyen, gebürtiger Deutscher und Vorstandsmitglied der Swiss Base Association (SBA).

Vom ersten Sprung mit dem Fallschirm vom Pont Butin in Genf 1964 bis zu den 17 000 registrierten Sprüngen im Lauterbrunnental 2014 hat sich das Basejumping in der Schweiz enorm entwickelt, speziell aber in Lauterbrunnen. «Die Felswände und Gipfel hier bieten ein ideales Sprunggelände. Am gleichen Ort findest du Sprünge für jedes Niveau und kannst jeden Tag etwas Neues ausprobieren», schwärmt Jamie Lee aus Neuseeland. «Der einfache Zugang zu den Exits (Anm. d. Red.: Startplätze) macht aus dem Lauterbrunnental den idealen Ort für unseren Sport», erklärt der bekannte Basejumper Sebastien Alvarez aus Chile, «dank den Seilbahnen kannst du sechs oder gar acht Sprünge pro Tag machen, das ist nirgendwo sonst möglich, weil man sonst immer einen langen Anmarsch hat.»

Von der Mittelstation der Schilthornbahn erreichen die Base­jumper die bekanntesten Startplätze in wenigen Minuten zu Fuss. Die «Ultimate» und «High Ultimate» genannten Exits bieten 700 Meter Höhenunterschied und etwa 15 Sekunden freien Fall. Etwas entfernt vom Rand der Felswand kontrollieren die Sportler ihr Material. Einmal in die Hände klatschen, ein paar gute Ratschläge und aufmunternde Worte, und schon gehen sie einer nach dem anderen auf den Abgrund zu und setzen zum grossen Sprung an. Unter den verblüfften Blicken der Schaulustigen hinter einer Sicherheitsabschrankung wiederholt sich die Szene praktisch ohne Unterbruch. Die Popularität der Gegend passt nicht allen Basejumpern. «Viele Basejumper kommen nur für ein paar Tage ins Tal, denn die Sprünge sind leicht zugänglich. Sie konsumieren ihre Sprünge, auch wenn sie nicht genügend trainiert sind», bedauert die Schweizerin Géraldine Fasnacht. «Sie wollen die starken Gefühle sofort, ohne sich die Zeit zu nehmen zu lernen, und deshalb gibt es leider allzu häufig Unfälle.» Das sagt eine der seltenen Frauen in der Basejumping-Szene, die zu 85% aus Männern besteht. Mit Fallschirmspringen beginnen (200 bis 300 Sprünge), vor dem Sprung auf die Ratschläge der Erfahrensten hören, gut bewandert sein in Aeronautik und Meteorologie – «beim Basejumping gehört zur Risikominimierung auch das Verstehen und Respektieren dieser Ratschläge», meint Dominik Loyen.

Ein positives Image vermitteln

«Tal des Todes», «Disneyland des Basejumpings», die Bezeichnungen für das Lauterbrunnental sind nicht gerade schmeichelhaft. «Die Medien übertreiben die Gefährlichkeit des Basejumpings. Sie stigmatisieren diesen Sport, wie sie es früher mit dem Fallschirmspringen und dem Gleitschirmfliegen getan haben. In Lauterbrunnen gibt es durchschnittlich drei Todesstürze pro Jahr», rechnet der Rettungsarzt im Tal und Allgemeinpraktiker Bruno Durrer vor. «Wir leben in einem Tal, das berühmt ist für seine Outdoorsportarten. Unfälle sind unvermeidlich.» Aber man müsse die Relationen sehen: Statistisch betrachtet sei Basejumping verglichen mit anderen Extremsportarten nicht besonders tödlich, und das, obschon die Zahl der Sprünge ständig steige. «Die meisten Unfälle geschehen aufgrund von menschlichem Versagen, und dahinter steht häufig ein Draufgänger, der die Grenzen dieser Sportart zu weit hinausschiebt», so Durrer.

Im Unterschied zu anderen Ländern reglementiert die Schweiz diesen Sport nicht und wendet auf Bundesebene keine Gesetze an. «Um die Sicherheit im Tal zu verbessern, geben wir den Basejumpern über unsere Website sowie über unsere Flugblätter und Plakate Tipps», erklärt Dominik ­Loyen. «Diese Kommunikation geschieht in Absprache mit der Gemeinde, der einheimischen Bevölkerung, den Bahnbetreibern, dem Bundesamt für Zivilluftfahrt (BAZL) und anderen Nutzern des Luftraums.» Wenn ein Basejumper ankommt, schreibt er sich ein, schliesst eine Versicherung ab und kauft für 25 Franken eine Landekarte. Gratis erhält er eine Karte mit den Absprungpunkten und mit Details über die Sprünge und ihren Schwierigkeitsgrad. Um Kollisionen zu vermeiden, meldet der Springer an den am stärksten frequentierten Exits seinen Sprung über eine Funkverbindung an, die zwischen dem Startort und der Landezone besteht. An einigen Startorten gibt es Anlaufplattformen, sodass man genügend Distanz zur Felswand bekommt, wenn man abspringt. «Mit diesen Sicherheitsmassnahmen hoffen wir wirklich, Unfälle zu vermeiden und unserem Sport ein anderes Image zu verschaffen», unterstreicht Dominik Loyen.

Diese Organisation gefällt den Basejumpern. «Ich habe den Eindruck, hier sicher zu springen. Ganz allgemein verhalten sich alle respektvoll. Wenn jemand dies nicht tut, rufen wir ihn zur Ordnung», lässt uns Charly wissen, ein Engländer, der das Tal seit mehreren Jahren besucht.

Den Himmel teilen

Braucht es Gesetze, müssen Verbote ausgesprochen werden? Die Frage taucht oft auf. «Basejumping und andere riskante Luftsportarten beruhen auf der Selbstverantwortung jedes Einzelnen. Uns erscheint eine Reglementierung nicht sinnvoll, solange keine Drittpersonen in der Luft oder am Boden gefährdet werden», sagt Martine Reymond vom BAZL. «Aus­ser­dem hat Basejumping praktisch keine Auswirkungen auf den Schweizer Luftraum.» Die meisten Basejumper sind gleicher Meinung: «Wir bemühen uns um Selbstregulierung und um Sicherheit bei unserer Aktivität, damit wir unsere Freiheit behalten können. Es soll nicht zu Flugverboten kommen wie in anderen Ländern», betont Dominik ­Loyen.

Die Basejumper sind nicht die Einzigen, die sich im Himmel über Lauterbrunnen bewegen. Damit es nicht zu Kollisionen mit den Gleitschirmpiloten kommt, gibt es Flugpläne. «Das funktioniert gut», weiss Beni, Gleitschirminstruktor. «Am Morgen sind wir auf der einen Seite des Dorfes und sie auf der anderen oder umgekehrt, je nach den Thermikverhältnissen. Wir benützen auch nicht die gleichen Landezonen.» Die Helikopter der Air Glacier fliegen auch im Luftraum des Tals. Damit sie nicht gestört oder überrascht werden, rufen die Basejumper eine Nummer an, bevor sie springen, um zu wissen, ob in ihrem Sektor ein Heli unterwegs ist.

Das Leben voll ausschöpfen

Abend im Tal. Die letzten Angefressenen packen in den Landezonen ihre Schirme zusammen. Heute Abend gehen einige von ihnen ins Kino, um sich den Film Freifall anzusehen. Der im Lauterbrunnental gedrehte Dokumentarfilm zeigt Menschen auf der Suche nach dem Adrenalinkick und lässt jene zu Wort kommen, die den Sport ausüben, aber auch ihre Angehörigen. Für den Basejumper Sebastien Alvarez ist das «Ausschöpfen des Lebens und das Ausloten der eigenen Grenzen in vollem Bewusstsein der Gefahren Ausdruck der Faszination für das Extreme und keine Verrücktheit».

{f:if(condition: label, then: label, else: header} «Es ist magisch, ohne Motor zu fliegen.»Für viele ist Basejumping unverständlich, gefährlich, schlicht unnötig. Géraldine Fasnacht ist schon vom Matterhorn geflogen und erzählt, was sie an ihrem Sport fasziniert.

Mit dem Wingsuit lässt du dich von der Luft tragen, folgst dem Gelände, und da gehen dir die Augen über. Es ist magisch, ohne Motor zu fliegen. Aber als ich 2001 nach Jahren des Gleitschirmfliegens mit Basejumping begann, kam es mir nicht in den Sinn, vom Matterhorn zu springen. Mit dem damaligen Material war das unmöglich.

Der mythische Berg Matterhorn ist für mich der heilige Gral, das Grösste: Den ersten Sprung von diesem Gipfel zu machen, war bald mein grosser Traum. Da ein Sprung in dieser Höhe riskant und anspruchsvoll ist, mussten wir ihn lange vorbereiten und durften nichts dem Zufall überlassen. Mehrmals flogen wir mit einem Helikopter über den Gipfel, um das Gelände zu erkunden und den richtigen Startpunkt zu finden. Sobald wir die Flugbahn bestimmt hatten, trainierte ich, indem ich von Felswänden mit ähnlichem Profil sprang, dann aus einem Helikopter, der über den Gipfel flog. Anfang Juni 2014 besserte das Wetter endlich. Wir stiegen über den noch stark verschneiten Hörnligrat zum Gipfel auf. Zu Fuss aufsteigen und hinunter fliegen – ich liebe diese Kombination. Ich nenne es Paralpinismus. Aber diese Besteigung und einen derart komplexen Sprung aneinanderzuhängen, erwies sich als sehr anspruchsvoll: Ich musste gut mit meiner Kraft und Konzentration haushalten für Aufstieg und Flug – oder für den Abstieg, falls die Bedingungen nicht perfekt sein würden. Oben angekommen, prüften wir mehrere Optionen. Schliesslich startete ich von einer Felsnase in der Ostwand, etwa 30 Meter unter dem Matterhorngipfel …

Laut auf null zählen, Abstoss vom Felsen, ich stürze mit Zuversicht in die Tiefe. Konzentriert auf meine Bewegungen, öffne ich die Arme, um Luft unter die Flügel zu bekommen und schnell in den richtigen Flugwinkel zu gelangen. Sich gut in der Luft zu positionieren, ist entscheidend für den problemlosen Ablauf eines Sprungs. Ich fliege entlang der Flanke hinunter, die ich 2009 mit dem Snowboard gefahren bin. Dann gleite ich über den Hörnligrat unweit des Solvaybiwaks – jeden Moment dieses einzigartigen Flugs geniesse ich und denke: Mein Traum ist Wirklichkeit geworden!

Mehr Infos

Swiss Base Association: www.swissbaseassociation.ch

Freifall, Dokumentarfilm der Schweizer Regisseurin Mirjam von Arx über das Basejumping im Lauterbrunnental.

Der Wingsuit revolutionierte das Basejumping

Beim Basejumping springt der Sportler mit einem geschlossenen Fallschirm von einem festen Objekt, zum Beispiel einem Gebäude, einer Felswand oder einer Brücke. Im freien Fall erreicht er Geschwindigkeiten von bis zu 200 km/h. Erst ca. 150 Meter über dem Boden öffnet er den Fallschirm.

Ende der 1990er-Jahre entwickelten Jari Kuosma und Robert Pečnik den Wingsuit. Es ist ein Overall mit einer Art Flügel, der horizontale Flüge ermöglicht. Der Wingsuit hatte einen grossen Einfluss auf den Extremsport. Denn er erhöht die Flugdistanz und -dauer beträchtlich: Pro 1000 Meter Vertikaldistanz kann ein Basejumper bis 3500 Meter Horizontaldistanz erreichen. Ohne Wingsuit sind es nur ca. 500 Meter. Ein Flug kann mehrere Minuten dauern. Die Fluggeschwindigkeit beträgt 250 bis 300 km/h. «Dieser Anzug revolutionierte das Basejumping, aber die Gefahr steigt, wenn ein Anfänger drinsteckt. Das Fliegen damit muss man schrittweise lernen», sagt Dominik Loyen, Vorstandsmitglied der Swiss Base Association (SBA).

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