Die Entscheidung Spitzenkletterer Dimitri Vogt

Der 22-jährige Bieler gehört zu den besten Kletterern der Schweiz. Seine Leidenschaft hat ihn ins Nationalteam des SAC geführt, aber auch vor eine schwierige Entscheidung.

Im Zimmer von Dimitri Vogt sieht es aus wie in einer Kletterhalle. Auf 30 Quadratmetern Wandfläche bis in die Höhe von fünf Metern sind 600 Griffe verteilt, die sich «Dimi» über die Jahre angeschafft hat. Und in einer Ecke, zwischen einem Haufen abgetragener Kletterfinken und mit Magnesia bepuderten Klettergurten, entdeckt man eine Bibliothek. 80% der Bücher sind Kletterführer, die restlichen widmen sich der Geologie und der Ökologie.

Der 22-Jährige ist Mitglied der Schweizer Elite-Nationalmannschaft im Sportklettern, 2018 wurde er Speed-Schweizermeister. Er isst, schläft, träumt und atmet Klettern. Er trainiert 20 bis 25 Stunden pro Woche, an sechs von sieben Tagen, und liebt es. An den Olympischen Sommerspielen 2020 in Tokio wird Klettern zum ersten Mal vertreten sein; Dimitri Vogt hätte die Möglichkeit gehabt, die Olympiaqualifikation zu bestreiten. Denn er war zunächst im Olympiapool des Swiss Team dabei. Doch Ende März 2019 hat er entschieden, sich aus dem Pool zurückzuziehen. Weil er nicht mehr fliegen will.

Verzicht auf internationalen Ruhm

Er sitzt im Schneidersitz auf einem der Crashpads, die den Boden seines Zimmers in Worben/BE bedecken. Es ist Ende August 2019. Zu diesem Zeitpunkt bestreiten seine Kolleginnen und Kollegen vom Swiss Climbing Team gerade die Weltmeisterschaft, die ebenfalls in Tokio stattfindet. Dimitri Vogts Talent hat ihn an Wettkämpfe in Neukaledonien, China und den Vereinigten Staaten geführt. Nun nimmt er nur noch an Wettkämpfen teil, die er mit dem Auto oder den öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen kann. Damit schmälert er seine sportlichen Chancen auf internationale Medaillen stark. Diese Entscheidung kam nicht von heute auf morgen. «2018 habe ich angefangen, viel über Ökologie und Klimawandel zu lesen», sagt er. An der Universität Bern, wo er Geologie studiert, hat ihm ein Kurs über nachhaltige Entwicklung die Augen geöffnet. «Ich habe erkannt, dass unsere Lebensweise ihren Preis hat. Dass unser Wohlstand teilweise zum Nachteil anderer Menschen beiträgt. Mir wurde klar, dass ich etwas in meinem Leben ändern muss», erklärt er. Weit entfernt ist er jedoch davon, sich als Vorbild darstellen zu wollen oder in die Rolle eines Besserwissers zu schlüpfen. «Mein Anliegen war es, mit den eigenen Werten im Einklang zu stehen», sagt er. Vor der Reaktion seiner Kollegen und Trainer hatte er ein wenig Angst gehabt, sie haben seine Entscheidung jedoch gut aufgenommen. Aber er hat keine Aufnahme mehr in das Programm gefunden, das die Schweizer Armee für Elitesportler reserviert hat. Und er konnte von da an auch nicht mehr behaupten, ein echter Profi im Sportklettern zu sein.

Noch viele Projekte

Im Frühling 2019 hat er sich einen Jugendtraum verwirklicht: den Durchstieg der Coup de Grâce. Diese Route im Val Bavona/TI ist seine zweite 9a. Es ist eine der legendären Routen, deren Namen mit schwarzem Stift zwischen den farbigen Griffen auf Dimitri Vogts Wand geschrieben sind. Beim genaueren Hinsehen liest man hier auch Action Directe, Biographie oder Muir Wall. Letztere ist eine 8a+-Bigwall-Route und steht bereits auf der Erfolgsliste des Bielers. Zusammen mit Silvan Schüpbach hat er die 1000 Meter lange Route am El Capitan im April 2017 in sechs Tagen durchstiegen. Aber auch Bigwalls wird er nur noch besteigen, wenn sie ohne Fliegen erreichbar sind.

Wettkämpfe und Felsenhunger

«Bereits als ich angefangen habe, ernsthaft zu klettern, war mir klar, dass der Wettkampf wichtig ist, aber wohl nur eine Zeit lang, und dass die Felsen meine Freunde fürs Leben sein würden», erinnert sich der Kletterer, dem nichts lieber ist, als mit Freunden Zeit in der Natur zu verbringen. Das Klettern entdeckte er im Alter von sechs Jahren dank seinem Vater, der damals einen Eltern-Kind-Kletterkurs mit ihm besuchte. «Ich fand es lustig, mehr nicht, aber ich war engagiert bei der Sache. Lange Zeit hatte ich Angst, höher als drei Meter zu klettern», sagt er. Mit zehn Jahren sah das bereits erheblich anders aus, und er begann, hart zu trainieren. Mit 14 gewann er erste Wettkämpfe und trat in die Nationalmannschaft ein. Als 16-Jähriger bestritt er seine ersten internationalen Finale, «oft gestresst und danach immer frustriert».

Trotz dem Streben nach Höchstleistung weigerte sich Dimitri Vogt im Gegensatz zu vielen anderen, sich auf die Halle zu beschränken. Ein paar ältere Kletterer nahmen ihn mit in die Berge, und er fand Anschluss. An ihrer Seite entdeckte er das «süchtig machende Gefühl, die Gegenwart intensiv zu erleben und die richtigen Bewegungen aneinanderzureihen, ohne an etwas anderes zu denken». Es folgten unvergessliche Tage, an denen geglückte Passagen Monate des Trainings krönten und ihn vergessen liessen, wie sich die Milchsäure schmerzhaft in den Muskeln ausbreitete. Bei der U20 gelang es Dimitri Vogt, den Wettkampf etwas mehr als Spiel zu betrachten. Das löste Blockaden: Der Schweizer gewann den Europacup, wurde Zweiter bei der Europameisterschaft und Dritter bei der Weltmeisterschaft.

Traum vom «Klettertrip» mit Velo

Gleichzeitig absolvierte Dimitri Vogt die Matura im Sportgymnasium. Seine Eltern und «Hauptsponsoren» ermutigen ihn, machen aber keinen Druck. «Das ist ziemlich befreiend», sagt der junge Seeländer. Das Klettern ist für ihn keine Obsession. In zehn Jahren sieht er sich eher als Geologen, der draussen einer sinnvollen Arbeit nachgeht. «Ich kann mir schlecht vorstellen, für den Abbau von Schiefergas zu arbeiten», sagt er lächelnd. Bis dahin will er aber noch einige der Routen punkten, deren Namen sein Boulderzimmer schmücken. Und er träumt von einer langen Klettertour mit dem Velo zusammen mit Freunden durch ganz Europa.

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