Die Frühjahrssaison im nepalesischen Himalaya

Schnee und Wind vereiteln ehrgeizige Projekte Ausgiebige Schneefälle und starker Wind vereitelten in diesem Frühling mehrere ehrgeizige Besteigungsprojekte an den hohen Bergen Nepals und des angrenzenden Tibet. So hatte der Brite Alan Hinkes die Aneinanderreihung von Lhotse, Makalu und Kangchenjunga geplant, doch er musste sich mit dem ersten Gipfel begnügen. Der Kasache Anatoli Boukreev bestieg zwar Everest und Lhotse, aber der Rest seines Plans - die Traversierung vom Gerade die Sechs- und Siebentausender des Himalaya bieten auch heute noch genügend Möglichkeiten für eindrückliche Unternehmungen ( im Bild die Annapurna South ).

Hauptgipfel buchstäblich den Rücken. Bashkirov bestieg zuerst als Bergführer den Everest, während seine Mannschaft am Lhotse Fixseile und Camps anbrachte. Mehrere Mitglieder seines Teams und Bashkirov selbst erreichten dann am 26. Mai den Gipfel des Lhotse. Die bisher noch nie versuchte Überschreitung weiter zum Lhotse-Mittelgipfel ( 8410 m ) erfordert extrem schwierige, ausgesetzte Kletterei auf sehr grosser Höhe. Die Russen gelangten bei schlechter Sicht und grosser Kälte auf den Lhotse-Hauptgipfel - und niemand von ihnen ging weiter Richtung Mittelgipfel. Beim Abstieg brach Bashkirov, ein erfahrener und exzellenter Höhenbergsteiger, zusammen und starb wenig später an Erschöpfung und vermutlich einer Infektion, die er sich zwischen der Everest- und der Lhotse-Besteigung in Kathmandu geholt hatte.

Auf die Frage, ob die Traversierung vom Lhotse zum Lhotse-Mittel-gipfel überhaupt möglich sei, antwortete Vladimir Savkov: « It is very, very, very difficult !» Einer der Lhotse-Besteiger, Gleb Sokolov, meinte seinerseits, die Überschreitung sei vielleicht möglich, aber sie würde jedenfalls besser in umgekehrter Richtung und nur vom Lhotse Shar ( Shar heisst Osten, der Lhotse Shar ist also der Ostgipfel ) zum Lhotse-Mittelgipfel vorgenommen, da dieser Abschnitt des Grates weniger steil und schmal ist als jener zwischen Mittel- und Hauptgipfel. Zudem wäre hier auch der Abstieg weniger problematisch.

Starker Wind kann an den Achttausendern eine Besteigung verunmöglichen ( links im Bild der Dhaulagiri ).

Russischer Erfolg am Makalu Ein anderes ungelöstes « Problem » an einem Achttausender ist die direkte Durchsteigung der Makalu-Westwand - auch dies eine Tour, die sich Erhard Loretan schon vor einigen Jahren vorgenommen hatte. Er blitzte allerdings ab - gleich wie Jerzy Kukuczka, Voytek Kurtyka und Alex Maclntyre. In diesem Frühling gelangte nun der Russe Sergei Efimov mit einer Gruppe von ausgezeichneten Alpinisten an den fünfthöchsten Berg der Welt mit der Absicht, die Durchsteigung der Westwand zu vollenden. Die Russen gelangten schliesslich über eine Route am Rand der Westwand nahe zum Westpfeiler auf den Gipfel des Makalu ( 8463 m ). Sie überwanden eine sicherlich äusserst schwierige Linie, doch die Direktroute durch die Westwand ist damit immer noch nicht begangen. Zwei der Russen starben während ihrer Makalu-Besteigung: Der eine, Salavat Khabi-boulline, hatte die schwierigsten Abschnitte geführt und starb schliesslich rund 250 Meter unter dem Gipfel an Erschöpfung; der andere wurde durch Steinschlag tödlich verletzt.

Fragwürdige Berichterstattung Via Internet, einen Radiokanal und andere Medien wurden in diesem Frühling Schreckensmeldungen verbreitet, die an ein ähnliches Desaster denken Messen, wie es sich am Everest im Mai 1996 ereignet hatte. Die Rede war von fünf im Sturm verunglückten Kasachen, von sieben ums Leben gekommenen Neuseeländern - die Meldungen stellten sich alle als falsch bzw. ungenau heraus! In Wirklichkeit waren nicht einmal sieben Neuseeländer am Berg und keiner von ihnen verunfallte; drei Russen kamen zwar tragischerweise ums Leben, aber nicht in einem Sturm, sondern aus anderen Gründen ( Absturz, Höhe ).

Aus den zahlreichen unzutreffenden, unpräzisen und verwirrenden Meldungen, die sowohl im Frühling 1996 als auch in diesem Jahr über die Expeditionen am Everest verbreitet wurden, lässt sich eines folgern: Ungeprüft und zu schnell herausge-langende Informationen über die Ereignisse am Everest sind meist unzuverlässig, oft gar verantwortungslos ( man stelle sich etwa das unnötige Bangen der Angehörigen der neuseeländischen Bergsteiger vor )! Bei der Übernahme einer beispielsweise via Internet an eine Redaktion gelangenden Meldung ist also zumindest höchste Vorsicht geboten. Besser wäre es, auf die Publikation von Sensations-Nachrich-ten ganz zu verzichten, bevor die tatsächlichen Vorkommnisse bestätigt sind.

86 Everest-Begehungen In diesem Frühjahr kamen am Everest - 12 Teams waren auf der nepalesischen Seite, 16 auf der tibetischen am Berg - acht Personen ums Leben: drei Sherpas, die erwähnten drei Russen, der Schotte Malcolm Duff und der Deutsche Peter Kowalzik. Peter Kowalzik hatte bis Anfang 1997 beim deutschen Expeditions- und Trekking-veranstalter IMC ( Leitung Hans Eitel ) gearbeitet. Diese Organisation, an Der Anmarsch zu den Achttausendern verläuft meist auf viel begangenen Wegen, zu denen auch mehr oder weniger stabile Brük- ken gehören; die Wege verbinden die nepalesischen Bergdörfer miteinander ( im Annapurna-Gebiet ).

deren Seriosität schon seit längerer Zeit berechtigte Zweifel bestanden, ist inzwischen durch ihr unrühmliches Geschäftsgebaren in die Schlagzeilen der Fachpresse geraten. Will jemand eine kommerzielle Achttausender-oder andere Besteigung ab der Stange buchen, tut er sicher gut daran, die verschiedenen Angebote eingehend zu prüfen und zu vergleichen und Informationen von Kennern der Szene einzuholen.

Die Zahl der Menschen, die bisher auf dem Everest standen, hat inzwischen die 700-Marke überschritten: 726 standen bis heute auf dem Gipfel, und insgesamt wurden 932 Begehungen verzeichnet ( da zahlreiche Alpinisten mehr als einmal auf dem Everest waren ). Nicht weniger als 86 Frauen und Männer erreichten in diesem Frühling den 8846 m hohen Everest-Gipfel, wobei anzufügen ist, dass nur ganz selten Besteigungen ohne Fla-schen-Sauerstoff gelingen. Der künstliche Sauerstoff gibt zweifelsohne eine zusätzliche Sicherheit und vermeidet eine grössere Zahl von Unfällen. Misst man aber eine Besteigung nach rein sportlichen Massstäben, verliert sie durch die Benützung von Fla-schen-Sauerstoff, der den Aufstieg massiv erleichtert, sicherlich an Wert.

« Sehr schönes Abenteuer » am Pumori Der bekannte französische Bergsteiger Christophe Profit wählte sich den Pumori ( 7161 m ), einen wunderschönen « Nachbarn » des Everest im nepalesischen Khumbu, für eine gelungene Tour aus: Er bestieg den Berg zuerst über die Normalroute zusammen mit einem Teamkollegen. Dann folgte er mit drei Freunden dem Pumori-Südpfeiler, der seit seiner Erstbegehung 1972 nicht mehr begangen worden war. Die Kletterei wurde ohne zuvor eingerichtete Lager, ohne Fixseile und ohne Unterstützung durch Sherpas unternommen - und fand in der Wintersaison statt. Profit bezeichnete seinen Erfolg mit stiller Befriedigung als « sehr schönes Abenteuer ». Solche eindrücklichen Unternehmungen können mit etwas Kreativität nach wie vor gerade an Sechs- und Siebentausendern erlebt werden.

Christine Kopp, Flüelen11 Der Beitrag gründet auf dem Expeditionsbericht von Elizabeth Hawley, Kathmandu, zur diesjährigen Winter- und Frühjahrssaison an den hohen Bergen Nepals und des angrenzenden Tibet.

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