Die Krux mit der Bindung Skitourenbindung als Sicherheitselement

Im Bereich Pin-Bindungen sind Angebot und Nachfrage in den vergangenen Jahren nahezu explodiert. Die ganze noch nicht genormte Produktfülle macht es nicht einfach: Passen Ski, Schuh und Bindung zusammen? Und ist die Bindung richtig eingestellt?

Seit dem Wegfall des Patentschutzes der Firma Dynafit im Jahr 2014 gibt es bei den Skitourenbindungen viele verschiedene Anbieter. Angebot und Nachfrage sind nahezu explodiert. Die Palette reicht von spartanischen leichten Pin-Bindungen ohne Sicherheitsfunktion bis zu den altbewährten klassischen Rahmenbindungen. Bei der aktuellen Produktfülle sollten die zentralen Bestandteile der Tourenausrüstung mit Bedacht gewählt werden – am besten in einem kompetenten Bergsportfachgeschäft. «Schuh, Bindung und Ski sind als System zu betrachten, das nur optimal funktioniert, wenn alle Komponenten aufeinander abgestimmt sind», sagt Stefan Burki von der Fritschi AG Swiss Bindings.

Eine gute Bindung gibt bei einem Sturz, aber auch bei schwerem Schnee oder einem versteckten Hindernis den Schuh frei, und zwar bevor es zu einer Verletzung kommt. Damit das richtig funktioniert, darf die Bindung den Schuh auch dann nicht einklemmen, wenn der Ski sich durchbiegt, etwa bei einem Sturz wegen einer Geländevertiefung. Ansonsten könnten Verletzungen hüftabwärts entstehen. Zugleich soll die Bindung bei einer kurzen Stossbelastung auch nicht zu früh auslösen, denn dies könnte zu Verletzungen der oberen Körperhälfte und gerade in anspruchsvollem Skitourengelände zu einem fatalen Absturz führen.

Die Bindung mit dem Prüfgerät einstellen?

Das Auslöseverhalten ist abhängig vom Z‑Wert (siehe Kasten). Dieser wird anhand einer Skala in den Sichtfenstern der Bindung mit Stellschrauben eingestellt. Allerdings hat der Outdoor Content Hub nach einem umfangreichen Produktetest verschiedener Skitourenbindungen (siehe «Die Alpen» 02/2019) festgestellt: «Die Werte in den Sichtfenstern und die effektiven Auslösewerte können sich markant unterscheiden.»

Wesentlich zuverlässiger ist deshalb die Einstellung mit einem zertifizierten Bindungsprüfgerät, wie sie sich bei Pistenbindungen etabliert hat. Für die Einstellung von Skitourenbindungen gibt es zwar keine Norm, die aktuelle Entwicklung im System Ski-Bindung-Schuh ist offensichtlich (noch) zu dynamisch. Dies spricht aber nicht gegen eine solche Prüfung. «Durch die Drehmomentmessung mit einem Skibindungseinstellgerät wird ein exaktes Ergebnis unter der Berücksichtigung der kompletten Auslösemechanik von Ski, Schuh und Bindung gemessen und dokumentiert. Dadurch wird die Abweichung der Z-Wert-Skala ersichtlich und kann korrigiert werden», sagt Martin Poletti von der Montana Sport International AG, die unter anderem auch Prüfgeräte herstellt.

Bergsporthändler haben kein Prüfgerät

Allerdings ist man sich in der Branche nicht darüber einig, inwieweit diese Prüfung auch bei reinen Pin-Bindungen zuverlässig ist. «Die eingestellten Auslösewerte können auch bei Pin-Bindungen auf einem Prüfgerät verifiziert werden. Aufgrund fehlender bzw. nicht eingehaltener Normen ergibt dies aber nur Sinn, wenn sich die Werte für Seitwärts- und Frontalauslösung getrennt und stufenlos einstellen lassen», sagt Stefan Burki. Zudem gibt es namhafte Bergsporthändler, die Tourenbindungen generell nicht mit einem Prüfgerät einstellen. «Wir haben uns vor ein paar Jahren explizit gegen ein Prüfgerät entschieden, werden uns aber aufgrund des technischen Fortschritts nochmals des Themas annehmen», heisst es etwa bei Bächli Bergsport AG. Sportgeschäfte, die auch Alpinskiausrüstungen anbieten, haben hingegen in der Regel ein Prüfgerät und stellen damit auch Tourenbindungen ein.

Norm berücksichtigt das Geschlecht nicht

In der Diskussion über Gefahren und Risiken auf Skitouren stehen meistens Lawinenunfälle im Fokus. Tatsächlich sind Lawinen weitaus die häufigste Ursache von tödlichen Unfällen auf Skitouren. Schaut man sich die Unfälle ohne Todesfolge an, ergibt sich hingegen ein ganz anderes Bild: Sturz- oder Absturzunfälle machen hier den grössten Anteil aus. Im Durchschnitt der letzten zehn Jahre haben sich jährlich 130 Personen oder 73% aller verunfallten Skitourengänger bei einem Sturz verletzt. Interessant ist auch ein Blick auf die Altersstruktur der Betroffenen: Jugendliche und junge Erwachsene verletzen sich weniger oft durch einen Sturz, über 60-Jährige hingegen öfter (siehe Grafik).

In den SAC-Bergunfallstatistiken sind in den meisten Fällen keine detaillierten Angaben zu den Sturzursachen und zur Verletzungslokalisation enthalten. Eine Untersuchung des Österreichischen Kuratoriums für Alpine Sicherheit über die Skitourenunfälle der letzten zehn Jahre in Österreich zeigt aber ein bemerkenswertes Resultat, was die Verletzungslokalisation betrifft: Der untere Bewegungsapparat ist bei Frauen in 68%, bei Männern in 43% der Fälle betroffen. Allein mit dem unterschiedlichen Körperbau von Frau und Mann und der im Durchschnitt eher aggressiveren Fahrweise der Männer lässt sich dieser erhebliche Unterschied kaum begründen. Nicht von der Hand zu weisen ist folgende These: Die Bindungen von Frauen sind häufiger zu hart, diejenigen von Männern zu weich eingestellt. Denn die Norm für die Bindungseinstellung berücksichtigt das Geschlecht nicht. Verschiedene Studien, unter anderem eine des Institutes für Sportwissenschaft Innsbruck, empfehlen für Frauen eine um 15% weicher eingestellte Bindung. Dies entspricht rund einer ganzen Zahl auf der Z‑Wert-Skala.

Nachprüfungen sind empfohlen

Doch mit dem einmaligen Einstellen ist es noch nicht getan: Sowohl Bindungshersteller wie auch die Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu) empfehlen periodische Nachprüfungen, wie sie bei Pistenbindungen etabliert sind. Sie wären auch im Tourenbereich wichtig, weil Tourenskischuhe wegen «Kraxelstellen» zu Fuss ab Skidepot im vorderen Sohlenbereich schon nach ein bis zwei Jahren ziemlich lädiert sein können. Und das kann das Auslöseverhalten der Bindung stark beeinflussen.

{f:if(condition: label, then: label, else: header} Vor- und Nachteile der verschiedenen Bindungstypen

Rahmenbindungen

Kopf- und Fersenteil sind mit einem Rahmen (oder Steg) verbunden. Bis vor ein paar Jahren war die Rahmenbindung der am weitesten verbreitete Typ, nun aber ist sie – zumindest bei Neuanschaffungen – sehr stark rückläufig.

  • Vorteile: Die ausgereifte und robuste Bindung hat auch im Aufstiegsmodus ein gemäss Norm definiertes Auslöseverhalten. Der Einstieg ist immer noch unübertroffen einfach.
  • Nachteile: Schwer und nicht ganz optimaler Drehpunkt im Gehmodus, zudem muss bei jedem Schritt ein wesentliches Stück des Fersenteils angehoben werden. Und das Argument, dass auf eine Rahmenbindung jeder Skischuh passt, gilt leider nicht mehr: Rahmenbindungen brauchen an der Schuhspitze und der Ferse einen gewissen Überstand der Sohle, und die Tourenskischuh-Hersteller sind dazu übergegangen, diesen immer mehr zu minimieren.

Pin-Bindungen

Von den Rahmenbindungen unterscheidet sich diese Bauart im Wesentlichen dadurch, dass der Schuh vorne seitlich durch zwei Pins fixiert wird und der Fersenteil im Gehmodus frei ist. Zudem sind bei den Schuhen vorne seitlich zwei stahlverstärkte Bohrungen, sogenannte Inserts, erforderlich. Die aktuelle Entwicklung ist immer noch sehr dynamisch und das Produktespektrum breit: von spartanisch leichten Bindungen mit eingeschränkter Sicherheitsfunktionalität (bzgl. Auslöseverhalten) bis hin zu zertifizierten Bindungen, die dem Sicherheitsstandard von Rahmenbindungen recht nahekommen. Die klassischen Pin-Bindungen lösen auch bei einem Drehsturz über die Hinterbacken aus. Mittlerweile gibt es aber auch Modelle, die über die Vorderbacken auslösen und bei denen die horizontalen und die vertikalen Auslösewerte unabhängig voneinander eingestellt werden können.

  • Vorteile: Der Fersenteil muss im Gehmodus nicht angehoben werden, und der Drehpunkt ist besser. Aus dem je nach Bauart deutlich geringeren Gewicht resultieren im Aufstieg eine beträchtliche Kraftersparnis und ein «runderer» Schritt.
  • Nachteile: Klassische Pin-Bindungen lösen auch bei einem Drehsturz über die Hinterbacken aus, und die Einstellung der Auslösewerte erfolgt zentral am Heckteil. Dieses Auslöseverhalten dürfte vor allem bei den gefürchteten komplexen Langsam-vorwärts-Drehstürzen nicht ideal sein. Der Einstieg ist gegenüber Rahmenbindungen kniffliger, was vor allem bei einem schrägen Untergrund problematisch sein kann. Zudem ist der Schliessmechanismus subtiler: Eis oder Schnee im Hohlraum unter den Schliessfedern oder verstopfte Inserts verhindern ein vollständiges Schliessen, was vor allem im Abfahrtsmodus zu Fehlauslösungen führen kann.
  • Tipps: Hohlräume unter dem Mechanismus vollständig von Eis oder Schnee befreien. Vor dem Einklicken in den Fersenteil den Schuh einige Male in den vorderen Pins rotieren und so Eis, Schnee oder Sand hinausarbeiten. Bei hartnäckiger Vereisung hilft auch ein Autoschlossenteiser. Bei einigen reinen Pin-Bindungen muss der Auslösemechanismus im Gehmodus verriegelt werden, damit die Schuhe genügend fixiert sind. Dies kann im Fall eines Sturzes (typischerweise bei einer Spitzkehre) zu ernsthaften Verletzungen führen und bei einem Lawinenabgang gar fatale Folgen haben.

Dank

Neben den bereits zitierten Personen dankt der Autor auch für die Hinweise von: Regina Sterr, Österreichisches Kuratorium für Alpine Sicherheit; Benedikt Heer und Monique Walter, Schweizerische Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu); Thomas Maier, TÜV Süd; Thomas Scheuner, Transa AG; Michael Wicky, Bergpunkt AG.

Z-Wert

Der sogenannte Z-Wert für Skibindungen (nicht zu verwechseln mit dem mathematischen Begriff aus der Statistik) ist eine Skala zur Bestimmung und Einstellung des Auslösewerts, bei dem sich die Bindung bei einer Überbelastung öffnen soll. Im Wesentlichen geht es dabei um die Einstellung eines Drehmomentes (Newtonmeter oder Nm). Das Z steht für die senkrechte Achse im räumlichen Koordinatensystem, also die Position der Beine, wenn man auf den Ski steht. Zur Bestimmung des Z-Wertes wird heute weitgehend die «Gewichtsmethode» verwendet, die Gewicht, Körpergrösse, Sohlenlänge, Alter und Fahrstil berücksichtigt. Diese Methode wurde ursprünglich für Pistenbindungen entwickelt und ist in der DIN(ISO)-Norm 11088 definiert. Mittels Tabellen (heute meistens Apps) wird anhand der genannten Parameter der Z‑Wert ermittelt. Da man im Tourenbereich einen Rucksack mitträgt, kann es sinnvoll sein, dies beim Gewicht zu berücksichtigen. Eine numerische Skala von 3 bis 12 umfasst die Z-Werte für Erwachsenenbindungen, wobei die tieferen Werte nicht bei allen Bindungen eingestellt werden können; ein Aspekt, den leichte Personen wie auch Senioren nicht ausser Acht lassen sollten. Die massgebenden Drehmomente sind sehr unterschiedlich, horizontal (Drehsturz) sind es zum Beispiel ca. 30 Nm (Z 3) bis 100 Nm (Z 12). Zum Vergleich: Bei einem kleineren Mittelklasseauto werden die Felgenschrauben je nach Fabrikat mit rund 100 Nm angezogen.

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