Die Lawine kennt nur eine Gruppe

Sind mehrere Gruppen im gleichen Hang, steigt die Zusatzbelastung massiv. Wer da nur an seine eigene Gruppe denkt, macht einen Fehler.

Am späteren Vormittag des 20. Februar stiegen drei unabhängige Tourengruppen kurz hintereinander in Richtung Tomülpass auf. Unterwegs waren eine Gruppe (Gruppe A) bestehend aus drei Tourengehern, ein Paar auf Ski (Gruppe B) und eine dritte Gruppe, bestehend aus drei Touren- und einem Schneeschuhgeher (Gruppe C). Am Morgen hatte es noch leicht geschneit, dann klarte es langsam auf. Auf rund 2280 Metern, unterhalb des letzten Steilhanges zur Passhöhe, der nun gut zu erkennen war, entwickelte sich die Situation wie folgt: Die zuvorderst aufsteigende Gruppe C hielt an, und die Gruppenmitglieder besprachen die weitere Route. Dabei wurden sie von der Gruppe A überholt. Diese Gruppe begann, den Steilhang von unten gesehen rechts anzuspuren. In einem Abstand von rund 50 Metern folgte das Paar (Gruppe B). Wie Gruppe A hielt auch es einen Entlastungsabstand von rund 15 Metern ein. Alle waren sich der Lawinengefahrenstufe «erheblich» bewusst und wollten deshalb möglichst die sicherste Route wählen. Deshalb folgte das Paar B im Steilhang nicht der Gruppe A, sondern stieg eher im mittleren Bereich des Hanges auf einer leichten Kuppe bergwärts weiter. Rund 30 Meter nach Paar B setzte Gruppe C, ebenfalls mit Entlastungsabständen, den Aufstieg in der Spur des Paares B fort. Plötzlich sah der Vorausgehende der Gruppe C, wie sich im obersten Bereich des Steilhanges ein Riss bildete und unmittelbar danach die Schneedecke abglitt. Die Lawine erfasste alle neun Personen. Trotz guter Kameradenrettung und raschem Einsatz der Rettungskräfte überlebten zwei Personen diesen Unfall nicht.

 

Was machen die anderen Gruppen?

Mehrere Gruppen im gleichen Hang erschweren das Risikomanagement auf Skitouren zunehmend. Oft ist es schon schwierig genug, seine eigene Spur möglichst geschickt anzulegen, sodass man kaum mehr auf das Verhalten anderer Gruppen achtet oder deren Absicht erkennen kann. Koordination wäre aber sehr wichtig, wie der beschriebene Unfall zeigt. Wer genau die Lawine am Tomül ausgelöst hat, kann auch im Nachhinein nicht gesagt werden. Das spielt auch keine Rolle mehr. Eine Schuldzuweisung ist hier fehl am Platz. Der Unfall verdeutlicht aber, dass wir Risikoüberlegungen nicht nur auf die eigene Gruppe beschränken können. Was also können wir im konkreten Fall tun?

Aus Unglücken lernen dank Unfallberichten des SLF

Der beschriebene Lawinenunfall ist einer von rund 150, die jeden Winter am SLF registriert werden. Im Durchschnitt sterben 25 Personen bei diesen Unfällen. Die meisten Lawinen gehen glücklicherweise glimpflich aus. Unfallhergang und Rettungsablauf sind von Unfall zu Unfall sehr unterschiedlich und oft lehrreich. In den Unfallberichten des SLF werden zahlreiche Unfallbeispiele näher beschrieben. Unfallberichte ab dem Winter 2008/09 sind im pdf-Format verfügbar. Sie können auf www.slf.ch heruntergeladen oder als Buch bestellt werden.

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