Die Pazifisten der Lüfte Bartgeier erobern die Alpen

Vor einem knappen Jahrhundert wurde der letzte Bartgeier der Alpen abgeschossen. Dank einem Wiederansiedlungsprogramm gleitet der grösste Greifvogel Europas wieder an Felswänden entlang. Noch immer gibt es aber Menschen, die ihm feindlich gesinnt sind.

Eine Garantie, dass sie kommen würden, gebe es nicht, hatte Naturfotograf Hansruedi Weyrich gewarnt. Doch nach nur einer halben Stunde schwebt der Erste zwischen den Plattenhörnern hervor. Ohne einen einzigen Flügelschlag lässt er sich von der Thermik tragen. Als er noch 50 Meter entfernt ist, ist zu sehen, wie sich seine Handschwingen bewegen. Der Bartgeier gleitet näher und näher an die Bergstation Gemmi heran, oberhalb von Leukerbad. Den Kopf mit dem markanten Schnabel und dem schwarzen Bart aus Federn hat er starr nach unten gereckt. Seine rubinrot umrandeten Augen suchen die Steilhänge nach Knochen ab, die Flügelspannweite von fast drei Metern zeichnet einen riesigen Schatten auf die Felsen. Dass die mächtigsten Greifvögel der Alpen wieder um die Gipfel schweben, ist unter anderen der Stiftung Pro Bartgeier sowie 40 Zoos und Zuchtstationen zu verdanken. Denn ab dem Jahr 1913 galten Bartgeier in den Alpen offiziell als ausgerottet; damals wurde der letzte Abschuss im Aostatal dokumentiert.

Kindstöter und Lämmergeier

Die Menschen fürchteten die Bartgeier. Sie waren überzeugt, dass die mächtigen Vögel nicht nur unersättliche Lämmerdiebe seien, sondern auch Rinder attackierten und sogar kleine Kinder verschleppten. So ist etwa im Jahrbuch des SAC noch 1921 über den Bartgeier zu lesen: «Plötzlich stürzte er sich den Gemsen von hinten in schräger Richtung nach, welche jedoch den Raubvogel mit energischem Emporwerfen der Hörner empfingen und ihn zwangen, von ihnen abzu-lassen. Der Bartgeier erhob sich, um viermal denselben Angriff zu wiederholen.» Aus dieser Zeit stammen auch die Spitznamen Kindstöter und Lämmergeier.

Nach heutigem Wissen sind Hass und Furcht kaum noch nachvollziehbar. Zu rund 80 Prozent ernähren sich Bartgeier von Knochen; sie sind die einzigen höheren Wirbeltiere, die auf diese Nahrung spezialisiert sind. In Zoos werden Bartgeier zusammen mit Murmeltieren, Hühnern und Kaninchen gehalten, um der Öffentlichkeit zu zeigen, dass sie keine Jäger sind: Nie haben Bartgeier eines der Kleintiere angegriffen.

Feuerrote Augen und selbst gefärbte Federn

Bartgeier sind somit weder Nahrungskonkurrenten für Menschen noch eine Gefahr. Im Gegenteil: Sie sind die Pazifisten unter den Habichtarten. Um Sympathien für die harmlosen Riesen zu wecken, leistet die Stiftung Pro Bartgeier seit Jahrzehnten intensive Öffentlichkeitsarbeit. Wieso also wurden Räubergeschichten erzählt, und warum gibt es bis heute Leute, welche diese Schauermärchen glauben? «Bartgeier sind riesig und sehen zum Fürchten aus. Ganz besonders, wenn sie nervös sind und sich ihre Augen feuerrot färben», sagt Daniel Hegglin, seit der Gründung 2008 Geschäftsführer der Stiftung Pro Bartgeier. Ihre Horste polstern sie oft mit der Wolle toter Schafe. Wenn sie diese forttragen, scheint es aus der Ferne, als hätten sie ein Lamm geraubt. Und schliesslich zeigen Bartgeier im Flug, im Gegensatz zu Adlern, wenig Scheu vor Menschen. Bergsteiger glaubten deshalb vor 100 Jahren, dass sie von Bartgeiern angegriffen würden.

Über der Gemmi taucht ein zweiter Bartgeier auf, dann ein dritter, Hansruedi Weyrichs Kamera klickt im Halbsekundentakt. Die Riesen kreisen elegant im Hangaufwind und trotz ihrer Grösse wirken sie filigran: Bartgeier sind nur vier bis sieben Kilo schwer. Ihre eigentlich weissen Brustfedern leuchten intensiv orange vor dem blauen Himmel. Die Greifvögel färben sich mit eisenhaltigem Lehm. Warum, weiss nicht einmal Experte Daniel Hegglin genau: «Möglicherweise hat der Schlamm eine antiseptische Wirkung. Vielleicht mögen es die Bartgeier aber einfach, sich zu schminken».

Über die Wiederansiedlung der Greifvögel wurde zum ersten Mal fast 60 Jahre nach dem letzten Abschuss nachgedacht. 1986 wurden die ersten Bartgeier in Österreich ausgewildert, 1991 die ersten in der Schweiz. Inzwischen hat man im gesamten Alpenraum 189 Vögel ausgewildert, davon 34 in der Schweiz.

Eine Rehkeule für die Damen: Bernd und Gallus

Hansruedi Weyrich war bei der letzten Auswilderung als Projektfotograf dabei; er begleitete die Prozession ab Bad Ragaz auf eine Alp. Zwei Mal wurden Bernd und Gallus - man hatte sich bei der Namensgebung geirrt, sie sind weiblich - aus den Geierkästen geholt und dem Publikum gezeigt. Eine Form von Öffentlichkeitsarbeit, um Sympathien für die einst aus Angst ausgerottete Art zu wecken. Auf der letzten Etappe zu einem Felsüberhang durfte nur noch Weyrich die beiden Biologinnen, den Wildhüter und die Träger begleiten. «Dabei hatte ich ein grosses Glücksgefühl. Heute habe ich eine viel intensivere Beziehung zu den Bartgeiern, obwohl ich sie seit Jahren fotografiere», sagt der Besitzer einer Bieler Druckerei.

Ein letztes Mal wurden die Bartgeier untersucht. Sie waren zwar erst drei Monate alt, aber schon kräftig; die Menschen mussten sich vor ihren Krallen und den kräftigen Schnäbeln in Acht nehmen. Noch hatten sie einen schwarzen Kopf; erst wenn sie geschlechtsreif sind, werden die Federn weiss. Nach der Untersuchung wurden die Damen Bernd und Gallus in ein Nest aus Schafswolle gesetzt, daneben fanden sie Wasser und eine Rehkeule. 30 bis 40 Tage wachten die Biologinnen noch über sie und brachten ihnen alle drei Tage Nahrung. Dann waren die Jungvögel flügge. Heute streifen sie im ganzen Alpenbogen umher, wie dies Jungvögel ein paar Jahre lang tun. Bernd und Gallus fliegen vielleicht nach Italien, Nizza oder ins Wallis.

Der Kampf der Giganten

Auf der Gemmi hat sich ein Adler zu den drei Bartgeiern gesellt, die vier Greifvögel umkreisen einander. Plötzlich attackiert der Adler einen Geier, es kommt zu einem kurzen, aber heftigen Luftkampf. Danach ignorieren sich die Habicht­artigen wieder. Meistens führen Bartgeier und Adler nur Scheinkämpfe. Denn sie teilen die gleichen Reviere und auch Adler fressen Aas. Ganz selten nur endet ein Kampf tödlich, und zwar für den Geier. Kräftemässig sind sich die beiden Arten zwar ebenbürtig, aber der Adler hat schärfere Krallen. Die grössere Gefahr für Bartgeier sind jedoch bis heute die Menschen und deren Eingriffe in die Natur. Sei es, weil auf die streng geschützten Greifvögel geschossen wird oder weil sie in Leitungen fliegen. Eine weitere Gefahr lauert auf der Gemmi. Um die imposanten Vögel anzulocken, werden Knochen aus Schlachtabfällen ausgelegt. Daniel Hegglin rät dringend vom Füttern ab: «Im ganzen Alpenraum gibt es Abschüsse. Deshalb ist es wichtig, dass die Bartgeier möglichst scheu bleiben.» Zudem reagieren die Geier empfindlich auf Gifte; Knochen eines Tieres, das medikamentös behandelt wurde, können tödlich für sie sein.

Die Methusalems der Lüfte

Trotz der Gefahren entwickelt sich die Population in den Alpen gut; viele Bartgeier werden inzwischen in Freiheit geboren. Allerdings reproduziert sich die Art extrem langsam. Fünf bis sieben Jahre dauert ihre Entwicklung bis zur Geschlechtsreife, und nicht jede Brut führt zum Erfolg. Nach einer Brutzeit von 55 bis 60 Tagen schlüpfen die Küken; nur ganz wenige Vögel brüten so lange. Lediglich zur Aufzucht der Jungtiere benötigen die Vögel vermehrt Fleisch. Die Jungen schlüpfen deshalb Ende Februar, wenn viele Wildtiere sterben.

Um den Bruterfolg abzusichern, legen Bartgeier in der Regel zwei Eier, was zum sogenannten «Kainismus» führt: Überlebt das zuerst geschlüpfte Küken, drangsaliert es das nachfolgende so lange, bis es stirbt. Haben die Bartgeier das erste, kritische Lebensjahr überlebt, können sie uralt werden, selbst über 35-jährige Methusalems wurden beobachtet.

Aus der Bergstation Gemmi tritt eine Gruppe Touristen, sie bewundert den mächtigen Wildstrubel mit dem ewigen Eis des Gletschers. Unsere Augen dagegen kleben noch immer wie hypnotisiert an den unscheinbaren Plattenhörnern. Unmöglich, den Blick von den Greifvögeln zu lösen.

Der richtige Jungvogel zur richtigen Zeit

Das Wiederansiedeln der Bartgeier sei komplex, sagt Daniel Hegglin: «Die Aufzucht ist aufwendig. Und um eine genetische Vielfalt zu erreichen, muss der richtige Vogel mit dem richtigen Geschlecht am richtigen Ort ausgewildert werden.» Nach 26 Jahren hat die Stiftung Pro Bartgeier ihr Ziel fast erreicht, die Art steht kurz davor, sich selber erhalten zu können. In den kommenden fünf bis zehn Jahren geht es lediglich noch darum, eine genetisch solide Basis zu schaffen.

Auch Daniel Hegglin ist den Giganten der Lüfte seit vielen Jahren hoffnungslos verfallen. Am meisten freut ihn jedoch, dass die Schweizer Alpen wieder Lebensraum gesunder Populationen von Wildtieren sind, die vor 100 Jahren stark dezimiert oder ausgerottet waren: Steinböcke, Gämsen, Murmeltiere, Adler – und eben Bartgeier.

Sichtungen bitte melden

Die Stiftung Pro Bartgeier setzt sich aus verschiedenen Partnern zusammen. In einem gross angelegten, internationalen Wiederansiedlungsprojekt soll dem Greif­vogel sein angestammter, alpiner Lebensraum zurückgegeben werden. Um die Verbreitung und die Reisen der Jungvögel zu verfolgen, ist die Stiftung auch auf Beobachtungen von Bergsportlern angewiesen. Jungvögel werden anhand von Federn identifiziert, die vor dem Auswildern gebleicht wurden. Darum sind Fotos und auch Ortsbeschreibungen der Sichtungsstätte besonders wertvoll. Fotos und Sichtungen, bitte melden, an: www.probartgeier.ch/meldung

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