«Die touristische Erschliessung der Alpen». Was hat der SAC damit zu tun?

« Die touristische Erschliessung der Alpen »

« Die Erhaltung der Schönheiten des Alpengebirges » ist ein Ziel, das sich der SAC bereits in seinen Statuten aus dem Jahre 1907 gesetzt hat. Die nationale Tagung vom vergangenen November hat gezeigt, dass diese Vorgabe an vielen Orten verfehlt wurde.

Am Beispiel von drei Gemeinden mit unterschiedlicher touristischer Infrastruktur untersuchte man die flächenhafte Erschliessung in den letzten 150 Jahren. Aufgrund der Siegfriedkarte um 1870 sowie der Landeskarten um 1960 und 2000 wurden die Erschliessung mit Strassen, die Besiedelung, Einzelbauten und touristische Transportanlagen bewertet und gewichtet.

SAC war aktiv

Die touristische Erschliessung der Alpen hat in den letzten fünfzig Jahren stark zugenommen und damit das Landschaftsbild beeinträchtigt. In touristisch stark erschlossenen Gemeinden kann mehr als ein Drittel der Fläche des Ge-meindegebietes von einer hohen Er-schliessungsintensität betroffen sein. Demgegenüber hat der Anteil der unerschlossenen Flächen in diesen Gemeinden auf weniger als einen Fünftel abgenommen. Es ist das Ziel des SAC, diese ursprünglichen, naturnahen Gebiete ungeschmälert für unsere Nachkommen zu erhalten.

Der SAC war in der Vergangenheit nicht untätig im Bemühen, zumindest Teile der alpinen Landschaft zu schützen. Vor fünfzig Jahren arbeitete er an einer Karte mit, auf der Gebiete für den Fremdenverkehr und « für den SAC besonders wertvolle Gebiete », also vor allem das Hochgebirge, ausgeschieden waren. Diese Karte bildete die Grundlage für das Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung. Das Ergebnis dieser Bemühungen ist aber ernüchternd.

Die Doppelrolle des SAC

Der SAC ist sich seiner Doppelrolle als Nutzer und als Schützer einer möglichst unbeeinträchtigten alpinen Landschaft durchaus bewusst. In der täglichen Arbeit beschäftigt sich das Ressort Umwelt im Auftrag des SAC als beschwerdebe-rechtigte Instanz mit vielen Anfragen zur Erweiterung und/oder Neuerschliessung von Skigebieten, Erhöhung eines Stausees, zum Erstellen von Windenergie-anlagen usw. Viele dieser Projekte erscheinen für sich allein genommen als sinnvolle Ergänzung bestehender Anlagen, und der Verlust an naturnaher Landschaft ist im einzelnen Projekt oft nur unbedeutend. Zu bedenken ist aber die Summe der Verluste an naturnaher Landschaft in den Alpen und insbesondere der mit dem Klimawandel mit Sicherheit in Zukunft zunehmende Druck auf die Erschliessung höher gelegener Skigebiete. Oft ist die Rolle des SAC bei diesen Stellungnahmen dann die des Neinsagers und damit des Verhinderers eines – vermeintlichen – Fortschrittes. Es wäre sehr zu wünschen, dass sich der SAC von dieser reaktiven, negativen Position lösen könnte und zu einer zu-kunftsgerichteten, positiven Strategie zur Erhaltung der alpinen Landschaft fände. Diese Strategie will der SAC zusammen mit geeigneten Partnern in nächster Zeit erarbeiten. Die Veranstaltung « Die touristische Erschliessung der Alpen » war ein erster Schritt dazu, bei dem alle beteiligten Akteure ihre Sicht darlegen und diskutieren konnten. Der SAC kann das Ziel nicht alleine erreichen, er kann aber als breit abgestützter Verband den Anstoss dazu geben. a Christian Gysi, ZV-Mitglied, Ressort Umwelt

SAC und touristische Erschliessung der Alpen

Freier Markt oder freie Landschaft?

Die nationale Tagung zur touristischen Erschliessung der Alpen hat deren Vernetzung und Komplexität aufgezeigt. Gemäss einer Diskussionsrunde sind auf kantonaler Ebene die raumplanerischen Instrumente für eine nachhaltige Entwicklung vorhanden. Was fehlt, ist eine nationale, strategische und konsequente Umsetzung.

Professor Bruno Messerli stellte als Moderator der Tagung zur Zukunft der Bergregion vor voll besetzten Rängen die Frage: « Was wollen wir, und was wollen wir nicht ?» Im Schweizerischen Alpinen Museum eröffnete SAC-Zentral-präsident Frank Urs Müller die nationale Tagung zur « Zukunft der touristischen Erschliessung der Alpen ».

Das Referat von Professor Thomas Bieger zur Erreichbarkeit als Schlüsselfaktor der touristischen Entwicklung zeigte die grosse Vernetzung auf.

Der Alpenraum hat sich in den letzten 100 Jahren markant verändert. Laufend wurden neue Gebiete ausserhalb der dauernd bewohnten Siedlungen für wirtschaftliche Zwecke erschlossen oder ausgebaut, viele davon für den Tourismus. Wie soll es in den nächsten 100 Jahren weitergehen? Sollen weitere Strassen, Bahnen, Lifte, Ferienhäuser wild drauflos, brav gezielt oder überhaupt nicht gebaut werden? An einer nationalen Tagung am 4. November 2005 im Schweizerischen Alpinen Museum in Bern stellten der SAC und die Interakademische Kommission Alpenforschung ICAS die aktuelle und zukünftige Entwicklung der touristischen Erschliessung im Alpenraum zur Diskussion. Dass es nicht so wie bisher weitergehen kann und muss, darin waren sich alle Teilnehmer einig. Aber wohin geht die Tour? Wie hoch hinauf, wie weit in die Wildnis? Mit welchen Führern? Mit welchen Vorstellungen? Mit welchen Richtlinien? Ja braucht es diese überhaupt? Wichtige Fragen wurden gestellt. Antworten gab es auch.

Erschliessungsspuren und ihre Folgen

Vor gut 100 Jahren, am 19. Juni 1904, hackten sich Bergführer Christian Jossi aus Grindelwald und Fabrikant Gustav Hasler aus Bern als Erste durch die – so Hasler – « blendend weisse Nordostwand » des Mönchs, 4107 m. Gestartet waren sie bei der Station Eigergletscher, 2320 m, wohin sie mit der sich noch im Bau befindenden Zahnradbahn aufs Jungfraujoch mühelos fuhren. 1906 schenkte Hasler der SAC-Sektion Bern die Trifthütte, die exakt nach dem Modell der Berglihütte am Mönch erbaut worden war. Ein Jahr später finanzierte er als Präsident der neu gegründeten SAC-Sektion Grindelwald den Bau der Konkordiahütte, die dann auch den Zweit-namen « Gustav-Hasler-Hütte » erhielt. Die Erschliessung der Mönch-Nord-ostwand hinterliess höchstens Spuren in der alpinistischen Literatur, jene der Alpen durch Bahnen und Hütten ermöglicht noch heute den Touristen – wozu auch die Alpinisten gehören – den komfortablen Zugang und Aufenthalt in einer Region, die Menschen einst gemieden haben. Oder wie es SAC-Mitglied Georges Pellaton, Jahrgang 1905, formulierte: « Früher hatten die Menschen Angst vor den Bergen. Heute haben die Berge Angst vor den Menschen. »

Weichen stellen

Daran erinnerte SAC-Zentralpräsident Frank Urs Müller in seiner Eröffnungs-ansprache an der Tagung über « Die Zukunft der touristischen Erschliessung der Alpen ». 1 Sie fand sinnigerweise im Alpinen Museum in Bern statt, das im letzten Jahr seinen hundertsten Geburtstag feiern konnte.. " " .Vor 100 Jahren habe der SAC aber, so Müller, die Bahn aufs Matterhorn abgelehnt – Infrastrukturge-brauch hier, Landschaftsschutz dort. « Wie die Alpen in 100 Jahren aussehen werden, wissen wir nicht », gab Heinz Veit von der Interakademischen Kommission Alpenforschung ICAS seinerseits zu bedenken. « Sie werden sich verändert haben wie wir auch. Die Weichen hingegen müssen heute gestellt werden. » Da hätte der SAC tatkräftig mitzuarbeiten, forderte Christian Gysi vom Ressort Umwelt im Zentralvorstand des SAC. 2 1 Referate und Bilder von der Tagung vom 4. November 2005 finden sich unter www.infralp.ch. 2 Vgl. Beitrag « Die touristische Erschliessung der Alpen S. 30 « Erschliessungspolitik wohin ?» war das Thema der Diskussionsrunde. Einig waren sich die Teilnehmenden, dass der Dialog auf nationaler Ebene geführt werden muss.

Christian Gysi, SAC-Zentralvor-standsmitglied und zuständig für das Ressort Umwelt, ist überzeugt, dass der SAC beim Stellen der Weichen für die Zukunft tatkräftig mitzuarbeiten hat. Aus der Praxis schöpfte Unter-nehmensberater Peter Furger. Für ihn bilden Seilbahnen das Rückgrat des Tourismus.

Im Zentrum der Ausführungen von Philippe Bourdeau vom geografischen Institut der Universität Grenoble standen die Wechselwirkungen von Infrastruktur und Kultur.

Fotos: Daniel Anker Der Moment erscheint günstig, weil das neue Seilbahngesetz in Kraft treten und die Ausscheidung neuer Schutzgebiete mit der Revision des Natur- und Heimatschutzgesetzes lanciert wird. Auch die im Rahmen der neuen Regionalpolitik aufgeworfenen Fragen der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung der Berggebiete, ihre finanzielle Unterstützung und die Entsiedlungsproblematik spielten in das Tagungsthema hinein – alles brisante gesellschaftspolitische Themen. Entsprechend gross war das Interesse an der Tagung. Und so konnte Moderator Bruno Messerli, emeritierter Geografieprofessor der Uni Bern und weltbekannter Forscher zur Zukunft der Bergregionen, vor voll besetzten Rängen die Frage stellen: « Was wollen wir, und was wollen wir nicht ?»

BergbahnenRückgrat des Tourismus

Die Erschliessungsthematik wurde aus ökonomischer, kultureller, raumplaneri-scher und touristischer Sicht – entsprechend kontrovers – beurteilt. Der Walliser Unternehmensberater Peter Furger, der dahinserbelnden und zerstrittenen Bergbahnen erfolgreich zu neuem Fahrtwind verholfen hat, erinnerte daran, dass die Bergbahnen das Rückgrat des Tourismus bildeten. Deshalb müssten sie gesund sein. Für die Gesundung und die ökonomisch nachhaltige Sicherung des Schweizer Wintertourismus seien Zu-sammenschlüsse zu grossen Skigebieten sinnvoll und notwendig, weil die Investitionen dazu gering und der ökonomische Nutzen hoch seien. Auch die Eingriffe in die Landschaft seien verhältnismässig gering, beispielsweise im Gebiet Gotthard-Oberalp, wo Furger die bestehenden Anlagen besser nutzen möchte. In einer andern Liga sind aber die Skige-bietserweiterungen Anzère–Crans/Mon-tana–Leukerbad sowie Lenzerheide– Arosa, die Seilbahnexperte Furger als mach- und wünschbar skizzierte, angesiedelt. « Wir waren mal Weltmeister im Skifahren und Skitourismus, wir sind bei beidem nicht mehr auf dem Podest », gab Furger zu bedenken und spielte damit auf den Nachbarn Österreich an.

Franz Rauter vom Raumplanungs-amt der Tiroler Landesregierung zeigte auf, wie sein Bundesland mit dem « Ski-gebiets- und Seilbahnprogramm 2005 » klare Kriterien für die weitere winter-touristische Erschliessung festgelegt hat. 3 Es wurde von sämtlichen Interessengruppen gemeinsam in kurzer Zeit erarbeitet und wird breit akzeptiert. So ein Programm, das zeigte die Diskussion, wäre auch in der Schweiz wünschenswert, doch der Weg dorthin ist noch nicht erschlossen.

Vernetzte Erreichbarkeit

Über die Erreichbarkeit als Schüsselfak-tor der touristischen Entwicklung dozierte Thomas Bieger, Professor des Instituts für öffentliche Dienstleistungen und Tourismus der Universität St. Gallen. Er schilderte an verschiedenen Beispielen die Vernetzung der Erreichbarkeit: So habe der Flugplatz Pisa dank der Billig-fluglinie Ryanair die Passagierzahlen in nur vier Jahren von 2000 auf über 100 000 steigern können, die Hotels in Pisa selbst hätten davon kaum profitiert. Interessante Fragestellungen ergaben sich rund um die Porta Alpina in Sedrun-Disentis und ihr Potenzial von jährlich bis zu 56 000 Tagestouristen: Wer würde vom Mehrverkehr und der besseren Erschliessung profitieren? Neben den Tagestouristen auch die Stammgäste? Und wer von den Einheimischen? Pendler neben der Porta Alpina wohnend und in Zü-3 Das Tiroler Seilbahn- und Skigebietspro-gramm unter www.tirol.gv.at/raumordnung/ seilbahnprogramm.shtml Der Zeitpunkt, um Weichen für die weitere Erschliessung der Alpen zu stellen, scheint günstig, wird doch ein neues Seil-bahngesetz in Kraft treten.

Die Erschliessung der Berggebiete und ihre wirtschaftliche Entwicklung hängen eng zusammen. Verschiedene Beispiele zeigen, dass ein gut ausgebautes öV-Netz die touristische Attraktivität fördert. Beispiel eines natürlich in die Landschaft eingebetteten Weges. Die Treppe zur Kapelle Madonna della Cascata oberhalb Maggia, früher der Weg der Bergbauern Fotos: Daniel Anker rich oder Milano arbeitend? Noch sind der Gotthardbasistunnel und der Lift an die Bündner Erdoberfläche nicht in Betrieb, doch – richtige – Fragen und die Weichen müssten heute gestellt werden.

Erfolg mit « klein und profiliert »

Über die Wechselwirkung von Infrastruktur und Kultur referierte Philippe Bourdeau vom Institut de Géographie de l' Université de Grenoble. Er wies unter anderem auf den Col de Porte bei Grenoble hin, ein kleines Skigebiet, dem der Abbruch der Anlagen drohte. Nun hätten es Snowboarder neu lanciert, als ihr eigener Kultort, wo auch nächtliche Events durchgeführt würden. Für Bourdeau enthalten solche « micro-station underground » eine zu den grossen modernen Skistationen vergleichbare touristische Zukunft. Hingegen hätten mittelgrosse Orte ohne Angebotsvielfalt oder Profil zunehmend Mühe, sich im Wettbewerb zu behaupten.

Über die Strategien, wie sich eine kleine Region erfolgreich vermarkten kann, berichtete der Geschäftsführer von Appenzellerland Tourismus, Guido Buob. Sein Erfolgsrezept: nicht jedem Trend nachrennen, Rücksicht auf die einheimische Bevölkerung wahren, Mut zu anti-zyklischem Verhalten haben sowie Qualität und Exklusivität der möglichst guten Verkehrserschliessung sicherstellen.

Zauberwort öV

Über die Verkehrserschliessung seit dem Postkutschenzeitalter referierte Thomas Egger, Direktor Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete SAB. Zu den Handlungsoptionen für die Zukunft gehören für ihn die Stärkung des öffentlichen Verkehrs, um den privaten reduzieren zu können, beispielsweise mit dem Alpentälerbus, dem Road-Pricing zur Einschränkung des Privatverkehrs, der Parkplatzbewirtschaftung sowie der selektiven Sperrung von Verkehrswegen und dem Verzicht auf Strassen zugunsten von Seilbahnen. Gleichzeitig warnte Egger aber davor, den motorisierten Individualverkehr einseitig zu verteufeln, denn « die freie Wahl der Verkehrsmittel muss gewährleistet sein ».

Erschliessungspolitik wohin?

Das Podiumsgespräch drehte sich um die Ausrichtung der Erschliessungspolitik. Judith Renner-Bach, Direktorin des Schweizer Tourismusverbandes, Felix Maurhofer, Medienchef von Seilbahnen Schweiz, die Raumplaner Joseph Sauter und Fred Baumgartner sowie der SAC-Umweltbeauftragte Jürg Meyer waren sich darin einig, dass die raumplaneri-schen Instrumente auf kantonaler Ebene für eine nachhaltige Entwicklung der touristischen Erschliessung und des Landschaftsschutzes vorhanden sind. Was jedoch fehlt, ist eine nationale Strategie mit einer konsequenten Umsetzung und Koordination. Die Podiumsteilnehmer kamen zum Schluss, dass sie eine entsprechende nationale Konzeption und Kriterienliste gemeinsam erarbeiten könnten, die auch die Schutzziele des SAC berücksichtigen würde. Die grosse Hürde wird in der politischen Umsetzung gesehen: Kirchturmpolitik, Ge-meinde- und Kantonsföderalismus stehen einer nationalen Konzeption und deren Umsetzung im Wege. Der Wille der nicht staatlichen Vertreter, einen Anlauf in diese Richtung zu nehmen, ist eindeutig da – ein klares Signal an die Politik – und, so Jürg Meyer: « Wir müssen den Dialog auf die nationale Ebene bringen. » Ob Gustav Hasler, der Mann der Tat nicht nur am Berg, sondern auch im Tal unten, dies heute bewerkstelligen könnte? Das « Echo von Grindelwald » bezeichnete ihn damals als « Herkules unter den Bergsteigern». a Daniel Anker, Bern Das Bergebiet hat sich in den letzten 100 Jahren markant verändert, u.a. als Folge der Erschliessung mit Strassen. Oberhalb Lauenen In der Tierberghöhle wurden die ersten Spuren von Menschen im Gebirge entdeckt. Damals hatten die Menschen noch Angst vor den Bergen. Heute ist es wohl eher umgekehrt.

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