Die Wahrheit über Barry

«Barry. Der legendäre Bernhardinerhund» heisst die neue Ausstellung im Naturhistorischen Museum Bern. ­Anschaulich werden die Resultate der Barry-Forschung zugänglich gemacht. Dabei bleibt Barry Barry.

Barry! Barry! Schon als Kinder rannten wir im Naturhistorischen Museum als Erstes zu Barry. Er stand damals noch in der Eingangshalle. Gross wirkte er. Der Hund schlechthin. Gutmütig, etwas traurig, sicher auch im Leben niemals so furchterregend wie seine viel grösseren Bernhardinerartgenossen, die einen auf Wanderungen in der Nähe der Bauern­höfe ankläfften. Er war das pure Gegenteil des bösen Wolfs im Märchen von den sieben Geisslein. Gewiss, über Barry wurden schon damals viele wundersame Dinge erzählt: Wie er Menschen rettete, wie er Verirrte und halb Verdurstete und Erfrorene dank seinem Fässchen erlabte und wohlbehalten ins Hospizrefugium auf dem Grossen Sankt Bernhard brachte.

Um diesen Barry dreht sich die neue Ausstellung im zweiten Obergeschoss des Naturhistorischen Museums, die just zum 200. Todesjahr des legendärsten Bernhardinerhundes eingerichtet wurde und ein kleines Museum im Museum bildet. Die Ausstellung entspricht wiederum der hohen Gestaltungs- und Ausstellungskultur, die das Berner Museum seit Jahren sorgfältig pflegt. Sehr anschaulich, mit dosiert eingesetzten multimedialen Mitteln wird in verschiedenen Stationen nicht nur Barry thematisiert, sondern es kommen viele kulturhistorische Aspekte hinzu, etwa die geistliche Geschichte des Hospizes auf dem Grossen Sankt Bernhard oder Napoleons unerbittliche Passüberquerung mit Tausenden von Soldaten. Weitere Stationen sind dem Rettungswesen gewidmet, also gewissermassen den Nachfolgern von Bar­ry – Menschen und Hunden. Im Cockpit eines Flugzeuges sitzend, erlebt man in ansteuerbaren Filmen hautnah den risikoreichen Einsatz der Rettungskräfte und die grossen Anforderungen, die an die Psyche der Lawinen- und Rettungshunde gestellt werden.

Und auch die Legenden um Barry werden erzählt: Wie er ein in der Kälte liegendes Kind auf den Rücken nahm und ins Hospiz brachte, oder wie 1812 ein napoleonischer Soldat Barry für einen Wolf hielt und ihn mit dem Säbel erstach. Dabei starb der Hund 1814 ganz friedlich in seinem Berner Asyl – und wurde bereits damals als Legende ausgestopft und so konserviert. Die Ausstellung zerstört die Legenden nicht, sie werden schliesslich erzählt und sehr kindergerecht inszeniert und illustriert. Aber die Legenden werden ins richtige Licht gerückt und in den historischen Kontext gestellt. Das ist schlicht spannend, so wie es erhellend ist, den siegreichen Feldherrn Napoleon auf dem Grossen Sankt Bernhard als in sich eingesunkenen, müden Reiter zu sehen.

Barry war ganz anders

Die für viele wohl grösste Überraschung: Barry sah überhaupt nicht aus wie der Barry, den wir seit eh und je als Barry mit dem kleinen Holzfässchen kennen, sah also nicht aus wie Bernhardinerhunde heute, die im Übrigen nicht mehr als Rettungs-, sondern viel eher als Therapiehunde eingesetzt werden. All das wird fundiert vermittelt und wird so nachvollziehbar.

Dabei bleibt Barry doch der Barry. Die Kinder, so lässt sich beobachten, sind ebenso fasziniert wie die Erwachsenen. Alle wollen es genau wissen, lauschen den Erzählungen, gehen auf Entdeckungsreisen. Und weil Barry Barry bleibt, tut es am Ende der Barry-Legende auch keinen Abbruch, wenn man weiss, dass er kein Fässchen trug wie all die Plüschbarrys und wie jeder andere Rettungshund auch gar nicht fähig war, ein Kind auf den Rücken zu nehmen und so zu retten. Dass Barry rund 40 Menschen geholfen hat, das ist jedoch nach dem heutigen Stand der Forschung keine Legende.

Zur Ausstellung

«Barry. Der legendäre Bernhardinerhund», Naturhistorisches Museum der Burgergemeinde Bern, Berna­strasse 15, 3005 Bern, www.barry.museum.ch

Weitere Infos zum Thema: Fondation Barry du Grand-St-Bernard,

www.fondation-barry.ch/de

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