Ein Leben für die Vipern Auf Schlangenspuren mit Yves Brunelli

Vom Frühling bis in den Herbst durchstreift Yves Brunelli das Wallis auf der Suche nach den Vipern, die in seinem Leben eine entscheidende Rolle spielen. Ein Nachmittag in den Fussstapfen des «Schlangenmannes aus dem Wallis».

«Nicht bewegen! Dort, ein wunderschönes Exemplar!» Der Blick von Yves Brunelli bleibt am Fuss eines grossen Felsbrockens haften. Sekunden vergehen. Schliesslich entdeckt sie auch das ungeübte Auge: Eine Vipera aspis atra, das Bergexemplar der Aspisviper, liegt drei Meter vor uns, zusammengerollt und windgeschützt in einer Grasmulde. Sie riecht mit ihrer Zunge und einem speziellen Organ und nimmt nur Schatten wahr. Aber schon eine kleine, brüske Geste könnte sie in die Flucht schlagen. «Mit ihren Bauchschuppen spürt sie die Vibrationen.»

Mit drei federleichten Schritten – darin scheint das einzige Geheimnis zu liegen – erreicht der Amateurherpetologe das Reptil, das sich nicht von der Stelle bewegt hat. Mit einer schnellen aber präzisen Geste packt er es mit seinem doppelt gefütterten Lederhandschuh. Überraschenderweise zischt die Schlange wie eine aufgebrachte Katze. Aber Yves Brunelli lässt sich nicht beeindrucken. «Man spürt an der Art, wie sie reagiert, ob eine Viper einfach zu handhaben ist oder nicht», sagt er, «es sind grundsätzlich keine aggressiven Tiere.» Diese Schlange scheint ein friedliches Exemplar zu sein. Nach einigen Sekunden hört sie auf, sich zu wehren. «Es ist ein Weibchen. Im Gegensatz zu den Männchen weist es eine eher kontrastarme Zeichnung auf», erklärt Yves Brunelli, und sagt: «Sehen Sie die Stupsnase? Das ist typisch für eine Aspisviper.» Der Drang, die Schuppen zu berühren, überkommt einen. Ist es feucht? Kalt? Schleimig? Nichts davon. «Spüren Sie, wie weich sie ist?», fragt der Schlangenenthusiast mit leuchtenden Augen.

 

Ständiges Beobachten ist der Schlüssel zum Erfolg

Die Luft ist schwer. Grosse Cumuluswolken türmen sich entlang der Bergkette auf. Es sind ideale Verhältnisse. «Vor allem während eines Gewitters oder nach dem Regen kann man sie am leichtesten beobachten, da sie dann aus ihrer Deckung kommen. So wie heute.»

Im Gegensatz zu seinen Fachkollegen ist der Sittener ein erfahrener Autodidakt. Sein Vater war ein anerkannter Pilzkenner, ein Mykologe. Er selbst widmet sich der Herpetologie. «Als ich neun war, brachte mir mein Vater eine Äskulapnatter mit. Ich war fasziniert. Von diesem Tag an gab es kein Halten mehr.» Das ist jetzt rund 40 Jahre her. So richtig ernst wurde es jedoch vor 14 Jahren, als ihn schwere Rückenleiden definitiv vom Arbeitsmarkt zwangen. Seit diesem Tag durchkämmt der gelernte Handwerker von Februar bis September das Wallis auf der Suche nach neuen Vipern. «Das ist nötig. Man muss jeden Tag draussen sein, um den Überblick zu behalten», erläutert er, der jedes Jahr bis zu 400 Vipern beobachtet. Dabei schiesst er viele Fotos, die er anschliessend in seinem Blog veröffentlicht.

Auch wenn er nicht von seiner Leidenschaft leben kann, so gibt er sein Wissen sehr gerne weiter. Ist er einmal nicht alleine unterwegs, begleiten ihn Schulklassen oder er hält Vorträge. Manchmal arbeitet er auch im Auftrag der Dienststelle für Wald und Landschaft des Kantons Wallis und siedelt Vipern um, falls diese zur Störung werden.

 

Nach der Häutung beginnt die Paarungszeit

Die Alpen bieten den Vipern einen idealen Lebensbereich: grosse Felsbrocken zum Verstecken, einen grasbewachsenen Untergrund, Stollen von Nagetieren, die das Überwintern ermöglichen, und viel Buschwerk, um sich vor zu starker Sonne zu schützen. Als wechselwarmes Tier muss die Schlange ihre Temperatur mit Standortwechseln regulieren.Hier auf 2000 Metern Höhe verraten noch einige Schneefelder den kürzlich vergangenen Winter. Krokusse blühen. «Das ist der Moment, in dem die Vipern aus ihrem Winterschlaf erwachen. Sehen Sie die Erdspuren?», bemerkt Yves Brunelli und zeigt dabei auf die Schuppen des Reptils. «Sie ist unlängst aus der Erde ge­schlüpft und hat sich noch nicht gehäutet. Das zeigt, dass die Paarungszeit noch nicht angebrochen ist.»

Wenn es so weit ist, sondern die Weibchen Pheromone ab, um die Männchen zur Begattung anzulocken. «Letztere überqueren ganze Firnfelder, um zum Weibchen zu kommen», erklärt er. «Einmal im Lötschental sah ich ein Stück Holz auf einem Schneefeld, das plötzlich anfing, sich zu bewegen. In dem Moment habe ich begriffen, es ist eine Schlange.» Die befruchteten Weibchen bringen im Herbst zwei bis sieben Junge zur Welt. «Sie schlüpfen bereits perfekt ausgebildet und überlebenstüchtig aus dem Ei», so Yves Brunelli.

 

«Vipern sind wie Wölfe, sie geben zu reden»

Ein Biss! Mit einer unglücklichen Bewegung hat der Schlangenexperte eine Abwehrreaktion beim Reptil provoziert. Schon bohrt die Viper ihre Zähne ins Leder. Gift rinnt über den schützenden Handschuh. Yves Brunelli, der seit zwei Jahren keinen Biss mehr erlitten hat, erinnert sich: «Am Anfang wusste ich nicht, wie man mit Vipern umgeht, und habe mich beissen lassen. Einmal traf eine den Arm. Er blieb zwei Wochen lang pechschwarz.» Das Gift der Vipern wirkt hämatoxisch, es zerstört das Gewebe und verhindert die Blutgerinnung. Im Wallis schätzt er die Zahl der Bisse durch Aspisvipern auf ungefähr zwanzig pro Jahr. «Für gewöhnlich enden sie nicht tödlich. Die Auswirkungen beschränken sich auf starke Schmerzen, Fieber und eine ausgeprägte Schwellung», versichert er. Seit 30 Jahren ist in der Schweiz niemand mehr an einem Schlangenbiss gestorben. «Trotzdem sollte man besser zum Arzt gehen, um sich wenn nötig ein Antiserum spritzen zu lassen.» (vgl. Kasten).

Der Biss hat eindrücklich daran erinnert, dass die Viper sich wehren kann. Nicht von ungefähr hat die Viper bei manchen einen schlechten Ruf. «Die Vipern sind wie der Wolf im Wallis. Sie geben zu reden», erklärt er, «einmal hat mich gar eine Frau aus dem Val d’Hérens bedroht und mich beschuldigt, einen Pakt mit dem Teufel geschlossen zu haben.»

Über uns donnert es in den dunkelgrauen Wolken, das Gewitter droht jeden Moment loszugehen. Yves Brunelli setzt die Vipera aspis atra sanft zurück in ihr Biotop, wo sie sich in Ruhe auf die Paarungszeit vorbereiten kann.

Mehr über Schlangen

Koordinationsstelle für Amphibien- und Reptilienschutz in der Schweiz (karch): www.karch.ch

Blog von Yves Brunelli auf französisch: www.vipere-passion.over-blog.fr

Yves Brunelli rät ...

Fassen Sie eine Schlange nie an. Sie könnte giftig sein. Vipern greifen nicht an, werden sie erschreckt, können sie beissen.

• Vorsicht auf Felsabschnitten, die mit Gras bewachsen sind. Vipern suchen sie für die Thermoregulation auf.

• Vipern lieben Heidelbeerfelder und Geröllhaufen. Es empfiehlt sich, beim Durchqueren fest auf den Boden zu stampfen, Schlangen flüchten vor Vibrationen.

• Vipern sind giftig, ihre Bisse meist nicht tödlich. Im Falle eines Bisses die 144 anrufen. Auf keinen Fall die Wunde aussaugen und unbedingt Ruhe bewahren. Wer in Panik gerät, kurbelt den Kreislauf an, und das Gift verteilt sich rasch im Körper. Deshalb ist das oberste Gebot: sich so wenig wie möglich bewegen.

• Alle Vipernarten sind in der Schweiz geschützt.

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