Ein offenes Ohr für alle Der Zentralpräsident blickt zurück und in die Zukunft

Der SAC ist ein Bergsportverband mit einem breit gefächerten Engagement. So sieht es zumindest der Zentralpräsident Frank-Urs Müller, der anstelle seines Jahresberichts im Interview mit den ALPEN seine Position darlegt.

Die ALPEN: Was waren in deinen Augen die wichtigsten drei Ereignisse für den SAC im Jahr 2008?

Frank-Urs Müller: Wenn ich eine Auswahl treffen muss, würde ich die Ski-tourenweltmeisterschaft im Unterwallis, die Ablehnung der Verbandsbeschwerde-rechts-Initiative und das Projekt « Alpenlandschaft Zukunft » anführen.

 

Wieso ist das Projekt «Alpenlandschaft Zukunft» so wichtig?

In diesem wollen wir eine Karte erarbeiten, die breit abgestützt zeigt, welcher Schutzstatus den verschiedenen Alpenregionen zukommt. Die Karte soll intern als Grundlage dienen, um beispielsweise Bauprojekte im Alpenraum zu überprüfen. Damit müssen wir nicht bei jedem Projekt den Schutzstatus der betroffenen Landschaft neu bestimmen. Ein Besuch einer Diskussionsveranstaltung im Welschland während der Pilotphase letztes Jahr hat mir gezeigt, dass das Grundanliegen von «Alpenlandschaft Zukunft» verstanden und lösungsorien-tiert diskutiert wird.

 

Der Anspruch der Karte ist also SAC-intern?

Das ursprüngliche Projekt, für die Karte mit den verschiedenen Bundesbehörden sowie beispielsweise der Stiftung für Landschaftsschutz zusammenzuarbeiten und damit breitere Verbindlichkeit zu erzeugen, war eindeutig eine Nummer zu gross für den SAC. Nach der zweijährigen Pilotphase wird die Abgeordnetenversammlung dieses Jahr entscheiden, ob und wie das Projekt weitergeht. Im Umweltbereich hat sich der SAC mit dem Engagement zur Verbandsbeschwer-de auf das öffentliche politische Parkett gewagt.

 

Ist dieses Vorgehen vermehrt zu erwarten?

Nein. Es war ein Ausnahmefall. Unsere Umweltarbeit hängt aber davon ab, dass wir ein starkes Instrument zur Verfügung haben. Darum haben wir uns für das Verbandsbeschwerderecht gewehrt.

 

Hat sich der SAC damit in die «grüne Ecke» manövriert?

Es stört mich, wenn wir mit den Umweltverbänden in denselben Topf geworfen werden. Wir sind primär ein Bergsportverband.

 

Werden die Bergsportinteressen also stärker gewichtet als die Umweltinteressen?

Das könnte man vielleicht so sagen. Wir sind aber an einer differenzierten, umweltverträglichen Nutzung des Alpenraums interessiert. Das zeigt das Beispiel IG Klettern Jura, wo wir uns gegen ein Totalverbot, aber für eine eingeschränkte Nutzung gewisser Felsen eingesetzt haben. Apropos differenzierte Nutzung.

 

Hat man eine Lösung gefunden im Konflikt zwischen dem Zentralverband und der Sektion Monte Rosa in Bezug auf die Heligebirgs-landeplätze bei Zermatt?

Das Problem ist noch nicht behoben. Ich verstehe, dass die Walliser eine andere Meinung haben. Doch der Zentralverband teilt diese nicht. Wir orientieren uns an der Position, die in den Richtlinien «SAC und Umwelt» definiert und von der Abgeordnetenversammlung 2002 verabschiedet wurde.

 

Besteht bei solchen Auseinandersetzungen nicht die Gefahr, dass in den Einzelsektionen der Eindruck entsteht, die «in Bern» machen, was sie wollen?

Was macht der Präsident sonst noch, um in Kontakt mit den Sektionen zu bleiben? Ich suche aktiv den Kontakt. Letztes Jahr hatte ich ein Treffen mit Vertretern der zehn mitgliederstärksten Sektionen, dieses Jahr eines mit den kleinsten zehn. Ich glaube, das wird geschätzt.

 

Gibt es ein Thema, das die Sektionen zurzeit vor allem beschäftigt?

Ein wichtiges Thema ist die Tourenleiterausbildung. Die kleinen Sektionen haben teilweise Mühe, genügend ausgebildete Leiter zu finden.

 

Zurück zum letzten Jahr: Gibt es ein Projekt, das nicht deinen Erwartungen entsprechend verlief?

Ja, das Projekt «Gender». Wir haben es einfach nicht geschafft, zu vermitteln, dass es nicht nur um Frauenförderung geht. Ich hoffe aber, dass die Resultate der sehr guten Analyse den SAC breiter für das Thema sensibilisiert haben. Im Zentralvorstand haben wir mit Gianna Rauch eine Verantwortliche bestimmt, die das Thema weiterverfolgt.

 

Wie erwähnt versteht sich der SAC als Bergsportverband: Was waren die entsprechenden Höhepunkte im Jahr 2008?

Dazu gehört sicher die Skitourenrennen-WM mit den vielen Medaillen für die Mitglieder des SAC Swiss Team. Vielversprechend ist auch das an der Präsidentenkonferenz verabschiedete Förderkonzept Leistungsbergsteigen, mit dem Jugendlichen der Zugang zum Leistungsbergsteigen erleichtert werden soll. Allgemein freuen mich auch das grosse und vielfältige Angebot in den Sektionsprogrammen oder die regelmässigen sportlichen Treffen von Senioren. Im Welschland nennt man sie die «Jeudistes», Senioren und Seniorinnen, die jeden Donnerstag zusammen Touren machen.

 

Wie wichtig ist eigentlich die Integration des Spitzensports in den SAC?

Sehr wichtig. Viele Alpinverbände, die sich gegen die Integration entschieden hatten, bekunden heute Mühe. Der Club Alpin Français beispielsweise verzeichnete einen massiven Mitgliederschwund, und es kam auch zu Auseinandersetzungen mit dem Verband der französischen Wettkampfkletterer.

 

War diese Integration also das Rezept dafür, dass der SAC stetig weiterwächst?

Nicht nur. Wichtig sind sicher auch der allgemeine Outdoor-Trend und das vielfältige Angebot des SAC. Unsere Mitglieder schätzen das breite Ausbildungsangebot, die günstigen Unterkunftsmöglichkeiten und nicht zuletzt die ALPEN.

 

Was ist aus deiner Sicht die Stärke eines solch breit tätigen Verbandes?

Es gibt eine bessere Diskussionskultur, wenn man sich mit vielen Aspekten auseinandersetzen muss. Würden wir uns beispielsweise im SAC nicht mehr mit Kultur beschäftigen, wäre das ein grosser Verlust. Freiwilligenarbeit ist nicht gerade populär.

 

Ist das eine Gefahr für den SAC, der in den Sektionen, aber auch im Zentralverband von einem Milizsystem geprägt ist?

Im SAC ist es zum Glück noch kein brennendes Problem. Meine Absicht ist es aber, das Thema proaktiv in die kommende Dreijahresplanung reinzunehmen. Für mich selber ist das Milizsystem heilig, der SAC muss auch in 100 Jahren noch mit Freiwilligen arbeiten können.

 

Ist es denn für dich teilweise nicht eine grosse Belastung, neben deiner Arbeit noch den SAC zu präsidieren?

Präsident des SAC zu sein, ist für mich zuallererst eine Ehre. Ich versuche aber, meinen Aufwand für den SAC in Grenzen zu halten, indem ich schaue, dass sich die Anzahl Sitzungen und meine sportlichen Aktivitäten in etwa die Waage halten. Momentan fühle ich mich gut in Form.

 

Was sind die wichtigen Ereignisse in der näheren Zukunft?

Sehr wichtig ist der Entscheid der Abgeordnetenversammlung zum Projekt «Alpenlandschaft Zukunft». Ich verspreche mir auch viel von der Weiterbildung der Tourenleiter und der Aufschaltung der entsprechenden Datenbank. Zudem hoffe ich, dass die Neugestaltung der ALPEN sich konkretisiert.

 

Auf was freust du dich besonders im Jahr 2009?

Sicher auf die Kunstausstellung. Ich möchte jede der fünf beteiligten Hütten besuchen. Freudig sehe ich auch der Eröffnung der neuen Monte-Rosa-Hütte entgegen. Viel bedeutet mir immer wieder der Kontakt mit SAC-Mitgliedern. Und dann freue ich mich persönlich auf einen Monat Bergferien im Juli.

 

 

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