Eine Äbtissin steigt auf

Imelda Zehnder, die Äbtissin des Klosters Sankt Lazarus in Seedorf/UR, ist leidenschaftliche Bergsteigerin. Auf dem Weissmies kamen ihr vor Freude die Tränen.

Äbtissin Imelda Zehnder ist gerne in Bewegung. Schwungvoll öffnet sie die Tür zum Klostersaal. Ihr schwarzer Habit schwingt noch nach, als sie mich mit kräftigem Händedruck begrüsst und unter ihrem weiss gerandeten schwarzen Schleier mit fröhlichem Gesicht anstrahlt. Die Vorsteherin des Klosters Sankt Lazarus verströmt pure Energie. Mit ihren 48 Jahren ist sie die Jüngste im Benediktinerinnenkloster. Die älteste Mitschwester ist 82.

Dabei wollte Imelda Zehnder zunächst Bäuerin und Mutter werden. Nach der Ausbildung zur Bäcker-Konditorin besuchte sie Anfang der 1990er-Jahre die Bäuerinnenschule im Kloster Fahr. Doch der Ruf Gottes war stärker. Mit 26 Jahren trat sie 1992 ins Benediktinerinnenkloster Seedorf ein, 1998 legte sie die Profess, ihr Ordensgelübde, ab. 2009 übernahm sie das Amt der Priorin, und im März 2014 wurde sie zur Äbtissin ihrer elf allesamt älteren Mitschwestern gewählt.

Sie saust gerne auf einem feuerroten Bike durch die Gegend, das sie zu ihrer Äbtissinnenweihe vom Seedorfer Gemeinderat geschenkt bekommen hat. Dem ist ihr Fahrstil bekannt. Es wird gemunkelt, dass die rasende Äbtissin mit ein Grund gewesen sei für die Ausweitung der Seedorfer Tempo-30-Zonen. Aber noch mehr als aufs Velo zieht es die Nonne nach oben, «z Bärg». Was selbst der Urner Regierung zu Ohren gekommen ist. Er schenkte der Äbtissin zur Weihe einen Viertausender nach Wahl mit Bergführer.

«Warum nur von unten schauen?»

«Sind sie nicht wunderbar, diese Berge!», sprudelt es aus ihr heraus. Rund um das Kloster am untern Zipfel des Urnersees erheben sich die Gipfel in drei Himmelsrichtungen. Auf vielen ist sie schon gestanden, vom Uri Rotstock über den Bälmeten und den Hoch Fulen bis zum Rossstock. Aber das Nonplusultra sind für sie die Walliser Viertausender. Sie verbringt seit Jahren ihre zwei Wochen Ferien pro Jahr in Saas-Fee in einer Ferienwohnung. Umringt von 18 Viertausendern, sagte sie sich eines Tages: «Warum soll ich die nur von unten anschauen, wenn ich da auch hochkann?»

Als Toni Andenmatten, der Besitzer der Wohnung, sie im Sommer 2009 fragte, ob sie mit aufs Allalinhorn wolle, musste er sie nicht zweimal bitten. Er organisierte Klettergurt und Steigeisen. Die Nonne legte ihr schwarzes Ordenskleid zur Seite und schlüpfte in blau-rote Bergsteigerinnenmontur. Oben angekommen, überstrahlte sie vor Freude fast die Sonne am stahlblauen Himmel. Das Viertausender-Fieber hatte sie gepackt. Im Sommer 2011 bestieg sie mit dem Alphubel (4206 m) ihren zweiten Bergriesen. Und nach zwei Sommern in den Urner Bergen zog es sie Mitte Juli 2014 erneut aufs Allalinhorn, und gleich anschliessend gelang die Überschreitung auf den Weissmies. «Das war eine meiner schönsten Bergtouren», sagt sie.

Besteigen tut sie alle Berge ohne Training: «Ich werde von meiner Leichtigkeit und Freude immer fast ein wenig raufgezogen, ja getragen.» Jedenfalls sei sie bisher noch überall hochgekommen. «Und auch wieder runter», lacht sie ihr ansteckendes Lachen, «immer mithilfe von oben, denn ohne Gott geht bei mir gar nichts!»

«Ohne Gott geht gar nichts»

Selbst in brenzligen Situationen bewahrt sie ihr grosses Gottvertrauen. Wie damals beim Abstieg vom Alp­hubel, als sie schwungvoll über die Gletscherspalten hüpfte und bei einem besonders grossen Schrund mit dem einen Bein knietief im Schnee stecken blieb, während das andere schon drüben war. Wenn ihre Mitschwestern solche Geschichten hören, stockt ihnen der Atem. «Sie haben immer riesige Angst um mich, begleiten mich aber im Gebet. Dafür bin ich sehr dankbar.» Auch sie selber stiess damals ihr Herzensgebet zum Himmel. «Oh Gott, komm mir zur Hilfe!» Begleiter Toni Andenmatten befreite ihr versunkenes Bein aus dem Tiefschnee. Sie nahm einen Sprung und war drüben. Angst habe sie keinen Moment gehabt. Schliesslich sei sie stets zweifach gesichert und mit zwei Bergführern verbunden, «mit meinem geistigen, Jesus, und mit dem weltlichen am Seil», schmunzelt sie.

Aber das Risiko suche sie nicht am Berg, vielmehr die Nähe zu Gott, die sie auch im Kloster erfahre. Dabei sei der Weg zum Gipfel ein einziges Lobpreisen: «Da ist mein Herz von Freude erfüllt. Die Berge sind einfach gewaltig! Fantastisch! Wunderschön!» Auch Jesus sei immer wieder auf Berge gestiegen, um dort zu beten. «Gut, wahrscheinlich nicht auf Viertausender.»

Messe auf dem Weissmies

Ein einmaliger Höhepunkt war es für sie, als sie auf dem Abstieg vom Weissmies auf fast 4000 Metern eine heilige Messe feiern durfte. «Mein gelber Rucksack diente dem Priester als Altar, und auf meinem kleinen Brevier, dem Gebetsbuch, stand der Kelch.» So überwältigt war sie, dass ihr Freudentränen unter der Sonnenbrille hervor über die Wangen kullerten. «Ich konnte kaum fassen, wie reich er mich beschenkt.»

Dass in diesem Sommer in Saas-Fee der nächste Viertausender ruft, ist klar. Solange Imelda Zehnder kann, will sie auf hohe Berge steigen. Wobei ihr das Matterhorn zu steil und anstrengend, das Breithorn wiederum zu einfach ist: «Dann schon lieber was Anspruchsvolleres.» Definitiv gestillt sein werde ihr Bergfieber wohl erst im Himmel: «Dort brauche ich keine Viertausender, um glücklich zu sein. Dort werde ich unaufhörlich staunen und ihn loben und preisen für seine wunderbare Schöpfung.»

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