Eine Frage des Gefühls Regionale Unterschiede bei Kletterschwierigkeiten

Wer in verschiedenen Klettergebieten unterwegs ist, beginnt sich zu fragen: Täuscht der Eindruck, oder werden die Schwierigkeiten von Region zu Region unterschiedlich bewertet? Eine Erklärung.

«Meiner Meinung nach ist dieses Klettergebiet zu tief bewertet. Aber Achtung, dort drüben ist die Bewertung knackig!» Immer wieder das gleiche Lied, das man am Routeneinstieg zu hören bekommt. Tatsächlich ist schon mancher, der in seinem Heimklettergarten ein gewisses Niveau erreicht zu haben glaubt, auf die Welt gekommen, wenn er ein anderes Klettergebiet besucht hat. In seiner Verunsicherung fragt sich der Anfänger, ob er fantasiere oder ob es sich um eine Tatsache handelt, mit der man sich abzufinden hat.

Die Ersten setzen den Massstab

Nach Ansicht des Waadtländer Kletterers und Routeneinrichters François Nicole sind die regionalen Unterschiede bei der Bewertung nicht wegzudiskutieren. Obschon sich die Erschliesser auf die gleiche Skala stützen, nämlich die UIAA- oder die französische Skala (siehe Kasten), bleibt die Bewertung einer Route in erster Linie eine persönliche Einschätzung. Und das sorgt für die Unterschiede.

«Der Erschliesser stützt sich vor allem auf seine Erfahrung und sein Gefühl in Bezug auf die Schwierigkeit der Route. Vor allem aber versucht er, die Bewertung mit Blick auf die Gesamtschwierigkeit des Gebiets abzustimmen», erklärt François Nicole. So setzen die Erstbegeher, in Abwägung gegen die Schwierigkeit der anderen Sektoren, oft den Massstab. «Im Wallis zum Beispiel findet man Gebiete mit streng bewerteten Linien. Denn Lucien Abbet, ein in den Achtzigerjahren sehr aktiver Erschliesser, war von den Bewertungen in Ligurien und Monaco beeinflusst, die er gut kannte», erzählt François Nicole.

Thomas Götz, Zürcher Spitzenkletterer der Achtzigerjahre und Bergführer, bestätigt diesen Trend und fügt eigene Beispiele an: «Es ist ein heikles Thema, aber ich denke, dass im Berner Oberland und in gewissen Klettergärten der Ostschweiz die Bewertungen ein wenig lockerer sind. Im Basler und im welschen Jura sind sie strenger. Die Bewertung in einer Region ist immer Teil einer Geschichte und wird oft von einer Gruppe von Kletterern bestimmt. Die nachfolgenden Erschliesser bewerten dann die Routen in ähnlicher Weise.»

Bewertungstourismus

Ein weiteres Phänomen, das regionale Unterschiede hervorbringt: der Wille der Einheimischen, den Sektoren, die sie entwickeln, einen besonderen Ruf zu verleihen. «Sie können vor allem dann die Bewertungen der Routen erhöhen, wenn sie nicht wollen, dass der Sektor einen allzu grossen Andrang erlebt oder dass die Routen zu leicht oder zu oft wiederholt werden», erklärt François Nicole. Aber die umgekehrte Richtung ist auch möglich, damit gewisse Gebiete leichter zugänglich sind als der Durchschnitt.

Nicolas Zambetti, Bergführer und Kletterer aus dem Berner Jura, spricht gar von Bewertungstourismus: «Einige weltweit bekannte Gebiete schlagen milde Bewertungen vor, damit die Leute den Ort besuchen.»

Auf die Grösse kommt es an

Dem Trend der Pioniere folgen, ein Gebiet attraktiver machen oder die grosse Masse abschrecken ... Diese Absichten sorgen dafür, dass die Unterschiede von Region zu Region, so gering sie auch sein mögen, tatsächlich vorkommen. Aber die Bewertungen können auch einfach ein subjektiver Eindruck sein, der von mehreren Faktoren beeinflusst wird. «Eine Bewertung kann für den einen streng sein und für den anderen überhaupt nicht, ganz einfach, weil Letzterer an den Kletterstil oder an den Felstyp gewöhnt ist», erklärt François Nicole.

Die gleiche Person kann im Übrigen die Schwierigkeit einer Linie vom einen zum anderen Mal unterschiedlich erleben. Der Kletterer Yves Rémy, bekannt für seine Aktivität als Routen­erschliesser, weiss das aus eigener Erfahrung: «Es kommt vor, dass ich in einer Route klettere, die ich in den Achtzigerjahren erschlossen habe, und dabei erstaunt bin über die Bewertung, die ich ihr selber gegeben habe. Ganz einfach, weil ich mit der Zeit nicht mehr ans Engagement gewöhnt bin, das eine solche Bewertung erfordert.»

Schliesslich haben auch die eigene Körpergrösse, Körperkraft und Beweglichkeit eine wesentliche Bedeutung. Ein kniffliger Übergang von ­einem Dach in die senkrechte Wand ist für Kleine vielfach einfacher als für Grosse. Abdrängende Routen mit ­grossen Griffen wiederum sind für kräftige Kletterinnen besser zu bewältigen als für eher technisch versierte.

So objektiv wie möglich

Die Schwierigkeit einer Route ist also in erster Linie ein subjektiver Wert. Die Erschliesser versuchen, der Objektivität so nahe wie möglich zu kommen, wenn sie ihre Linien einschätzen: «Ich verlasse mich auf meine Erfahrung, aber auch auf Referenzrouten», erklärt Thomas Götz. «Ich bitte dann andere Kletterer, zu kontrollieren, ob meine Bewertung richtig ist.» François Nicole fügt an: «Man muss auch die klimatischen Verhältnisse im Moment der Begehung berücksichtigen. Wenn man eine Route im feuchtwarmen Hochsommer eröffnet, muss man damit rechnen, dass sie bei kaltem und trockenem Wetter einfacher ist, und die Bewertung entsprechend anpassen.»

Spannungen wegen Bewertungen

Erschliess

Kurze Geschichte der Skalen

Die Idee, Routen zu bewerten, kam zum ersten Mal um 1920 auf, als sich der führerlose Alpinismus entwickelte, und die Publikation von Führern begann. Der deutsche Bergsteiger Willo Welzenbach führte 1925 die ­erste Bewertung ein mit einer sechsstufigen Skala (1–6). Sie reichte von sehr leicht bis extrem schwierig. Der sechste Grad stellte damals die ­Grenze des Menschenmöglichen dar. In den 1970ern übernahm die UIAA-Skala Welzenbachs System, öffnete die ­Skala aber nach oben. Seither sind mehrere, nach oben offene Systeme entstanden, unter anderem auch die immer populärere französische Skala. In der Schweiz herrschen aktuell zwei Skalen vor: die UIAA- und die französische Skala.

1991 knackte Wolfgang Güllich mit ­Action directe (9a) den neunten französischen Grad. Die Route gilt heute als «Benchmark» für diese Schwierigkeit. Mit 9b+ sind die aktuell schwersten Sportkletterrouten Dura Dura in Oliana (Spanien) und The Change in Flatanger (Norwegen).

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