Eine Gämse überdauert Generationen Zur Geschichte des SAC-Logos

Das SAC-Abzeichen sieht heute nicht viel anders aus als vor 150 Jahren. Zu Beginn des letzten Jahrhunderts wurde eine grundlegende Veränderung zwar ernsthaft erwogen – aber nicht für lange.

«Schliesslich wird die Frage über Namen und Abzeichen des Vereins und der Sektionen besprochen. [...] Da Zeit und Hunger sehr vorgeschritten, so wird beschlossen, beide Punkte dem Vorstand zu überlassen mit Vollmacht, Experten beizuziehen.» So steht es im Protokoll der SAC-Gründungsversammlung vom 19. April 1863 zu lesen.1 Schon an der Sitzung des Central-Comités (CC) vom 15. Mai des gleichen Jahres reichte Präsident Rudolf Theodor Simler zwei Vorschläge herum, von denen «das Abzeichen mit dem Gemskopf und dem vollständigen Namen zur Ausführung in vergoldetem Messingblech angenommen» wurde.2 Mehr geben die wortkargen CC-Protokolle zum Entscheid für die Gämse nicht her. Dass ein Bergsteigerverein ein Symboltier wählt, das wie kein anderes – der Steinbock war damals ausgerottet – für trittsichere Bewegung im Gebirge steht, ist aber nachvollziehbar und leuchtete den Clubisten ganz offensichtlich weit über die Gründerzeit hinaus ein.3

Denn beim Vergleich des 1863 eingeführten «Clubzeichens» des SAC mit dem heutigen Logo fällt vor allem eines auf: Die beiden unterscheiden sich kaum. Natürlich: Das Design wurde modernisiert, das Schriftband berücksichtigt die Mehrsprachigkeit, Feldflasche und Eisaxt sind verschwunden. Aber sonst? Ursprünglich hatte es die Eisaxt sogar ins 21. Jahrhundert geschafft; 2007 aber fiel sie im Zuge eines Redesigns des Logos dann doch weg. Schon von jeher hatte sie ja nur knapp hinter dem Wappenschild hervorgeschaut. Denn um ein Wappen handelt es sich beim Logo eigentlich. Der Schild ist dabei natürlich derjenige der Eidgenossenschaft – schliesslich verstanden die Gründer von 1863 den SAC als ein patriotisches, «das Vaterland ehrendes Werk»4. Der Gämskopf mit seinem Kranz bildet das Oberwappen, das Schriftband ersetzt eine Devise, Seil, Alpenstock und Gletscherpickel dienen als heraldische Prachtstücke.5

Gilt also für das SAC-Logo der Wahlspruch «unverrückbar wie der Heimat Berge»? Man könnte es meinen – wäre da nicht ein Dossier im SAC-Zentralarchiv in der Burgerbibliothek Bern6, das nicht weniger als 26 Entwürfe für ein neues Clubabzeichen enthält. Im Dossier, das sich sonst mit dem Mitgliedschaftsausweis befasst, finden sich keinerlei Angaben dazu, wie und weshalb diese Entwürfe entstanden sind. Erst eine systematische Suche in den CC-Protokollen und in der damaligen Clubzeitschrift «Alpina» enthüllt, dass vor über 100 Jahren eine Veränderung des Clublogos ernsthaft erwogen wurde und manche Gemüter einigermassen erhitzte.

 

Modern und einfach

1908–1910 stellte die Sektion Moléson das CC des SAC unter das Präsidium des Juristen und Oberstbrigadiers Jules Repond, der übrigens direkt aus dem CC zum Kommandanten der päpstlichen Schweizergarde aufstieg. Das CC-Protokoll vom 9. April 1909 vermerkt nun: «Der Herr Präsident kritisiert das bisherige Clubzeichen & gibt eine Idee, in welcher Richtung die Erneuerung stattfinden könnte. Die neue Zeichnung sollte evtl. enthalten: Pickel, Seil, Ski, Alpenblume etc.; der Kopf der Gemse könnte beibehalten werden.»7

 

Adler, Edelweiss, Matterhorn-Verschnitt

Das CC lud mehrere Firmen dazu ein, Entwürfe einzureichen, und teilte in seinem Geschäftsbericht an die Abgeordnetenversammlung mit, es prüfe «die Ersetzung des [...] Clubzeichens, weil dasselbe den heutigen Anforderungen nicht mehr entspricht. Vor allem sollten der Alpenstock und die Axt, welche Werkzeuge heute vom Alpinisten nicht mehr gebraucht werden, daraus verschwinden.»8

Eine erste Reaktion in der «Alpina» begrüsste grundsätzlich die Einführung eines modernen und einfachen Clubzeichens, kritisierte aber, dass das CC nur Firmen zur Eingabe von Entwürfen aufgefordert habe, obwohl «die Sache es wert ist, von Künstlern behandelt zu werden».9

Die eingeladenen Unternehmen jedenfalls gaben sich alle Mühe, die Vorgaben des CC zu erfüllen. Die damalige Lieferantin der Clubabzeichen, Durouvenoz & Cie in Genf, integrierte konsequent Ski- und Bergblumen in ihre Vorschläge, blieb aber sonst nahe am bisherigen Abzeichen (Abb. 1).

Weniger der Tradition verpflichtet fühlten sich offenbar Huguenin Frères & Co. in Le Locle, in deren Entwürfen wenn schon, dann eine ganze Gämse erscheint oder aber ein Adler (Abb. 2). Auch eine gewisse Abstrahierung konnte man sich in Le Locle vorstellen, etwa die Konzentration auf das Kürzel «SAC» (Abb. 3). Wirklich konsequent vereinfachend ist dann die Reduktion auf das Matterhorn (Abb. 4) oder ein einzelnes Edelweiss (Abb. 5). Sozusagen den Gipfel der Vereinfachung und Modernisierung erklimmt aber der Vorschlag von Och Frères mit dem hoch ins Licht ragenden Quasi-Matterhorn (Abb. 6).

Flammende Begeisterung fürs alte Logo

Doch der Widerstand gegen eine Veränderung liess nicht lange auf sich warten: Insbesondere C. Schneiter von der Sektion Randen schickte in «aufrichtige[r] Traurigkeit» eine furiose, geradezu lyrische Verteidigung des bisherigen Clubzeichens, das «Tausenden von S.A.C.-Herzen in flammender Begeisterung eingeprägt ist», an die «Alpina».10

Für Schneiter gehörten namentlich Feldflasche und Eisaxt zum idealen (bzw. idealisierten) Bergerlebnis: «Ein Juchheia ringt sich mir aus der Brust; ich stehe auf scharfem Grate, ein eisiger Wind peitscht unsere Wangen, und wie ich, um den brennenden Durst zu löschen, die Flasche zum Munde führen will, so kündet mir der hohe Blechton, dass der Tee drinnen fest geworden ist. […] Die Streitaxt, ja die wollten wir schon schwingen auf schwindelnder Höhe und sie niederschmettern lassen in das kristallene Eis, dass die Eisschollen hartklingend herunterkollerten eine endlose Eiswand hinab».11

Angeblich infolge Krankheit des Präsidenten verzögerte sich die weitere Behandlung der Sache im CC, und sie konnte nicht für die Abgeordnetenversammlung 1910 traktandiert werden.12 Damit aber schlug das Vorortsprinzip in der Geschäftsführung des SAC voll auf das Projekt durch. Denn 1911 übernahm die Sektion Rhätia das CC, und bei den Bündnern stiessen die Freiburger mit ihrem Anliegen auf keine Gegenliebe. Im Februar beschloss das neue CC, «auf die Frage der Einführung eines neuen Clubzeichens nicht einzutreten, da kein Grund vorliege, das bisherige durch sein Alter ehrwürdige Clubzeichen zu ändern».13

Identitätsstiftende «Marke»

So blieb der SAC beim Altbewährten und schuf sich eine «Marke» die nunmehr seit 150 Jahren Identität stiftet und mehr als behutsame Modernisierung wohl auch nicht braucht. Schliesslich konnte sich im Jahr 2000 sogar die SAC-Jugend mit dem neu designten Logo anfreunden, obwohl sie dafür ihr eigenes erst 1996 (im «Jahr der Jugend») neu entworfenes opfern musste. Das Editorial der «Jugend-News» 2/2000 schliesst nämlich: «Hast Du bemerkt, dass beim Auffrischen des SAC-Logos die Gämse ein wenig jünger geworden ist und das Hanfseil durch ein modernes Sportkletterseil ersetzt wurde? Hoffentlich ein gutes Omen für die SAC-Jugend.»14

Thomas Schmid

Thomas Schmid ist Archivar in der Burgerbibliothek Bern. Er betreut dort das SAC-Archiv.

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