Elizabeth Hawley ist tot Ein Nachruf

Im Alter von 94 Jahren ist Himalaya-Chronistin Elizabeth Hawley gestorben. Mit ihr geht eine Ära zu Ende.

Auch wenn sie selbst nie einen der Himalaya-Gipfel bestiegen hatte, war «Miss Hawley», wie sie sich nennen liess, eine wichtige Institution in der Geschichte des Höhenbergsteigens. Der Chronistentätigkeit hatte sie sich mit Leib und Seele verschrieben. Ihre inquisitorischen Fragen zu Achttausenderbesteigungen waren bei Alpinisten gefürchtet, und mehr als einmal gelang es ihr, Irrtümer aufzudecken oder gar Lügner zu überführen.

Elizabeth Hawley wurde am 9. November 1923 in Chicago geboren. Nach dem Studium der Geschichte und Politikwissenschaft nahm sie eine Stelle als Rechercheurin und Dokumentaristin bei einem Wirtschaftsmagazin an, mit der zahlreiche Reisen verbunden waren. Nach elf Jahren kündigte sie und brach zu einer zweijährigen Weltreise auf, die sie auch durch Nepal führte.

Im «goldenen Zeitalter»

Der Himalaya-Staat war erst seit 1950 für Ausländer zugänglich und faszinierte Elizabeth Hawley derart, dass sie beschloss, nach Nepal auszuwandern. 1960 liess sie sich in Kathmandu nieder und arbeitete als Korrespondentin, zunächst für das Magazin «Time», dann für die Nachrichtenagentur Reuters.

Im Zuge ihrer Tätigkeit berichtete sie oft über Expeditionen zu den nepalesischen Achttausendern. Nach den erfolgreichen Erstbesteigungen aller Achttausender war im Himalaya das «goldene Zeitalter» des Expeditionsbergsteigens angebrochen, in dem neue, anspruchsvollere Routen auf die höchsten Gipfel gesucht wurden. Weil sie sich für die Geschichte und die Weiterentwicklung des Bergsteigens im Himalaya interessierte, knüpfte sie Kontakte zu Alpinisten und begann, jede Expedition vor dem Aufbruch in Kathmandu und nach ihrer Rückkehr zu interviewen.

Zeitgenossin Edmund Hillarys

Aus ihren Daten entstand eine fast lückenlose Chronik der Besteigungen von Sieben- und Achttausendern in Nepal und Tibet. Seit 2004 liegt diese in digitalisierter Form als Himalayan Database vor. Einschliesslich der Herbstsaison 2016 verzeichnete Elizabeth Hawley 9434 Expeditionen auf 455 nepalesische Berge mit insgesamt 68 724 Gipfelbesteigern.

In all diesen Jahren baute sie ein gros­ses Beziehungsnetz zur internationalen Bergsteigerszene auf. Eine tiefe Freundschaft verband sie mit Sir Edmund Hillary, dem Neuseeländer, der 1953 zusammen mit dem Sherpa Tenzing Norgay den Mount Everest erst­bestiegen hatte. Sie unterstützte den Himalayan Trust, die Hilfsorganisa­tion für die Sherpas im Khumbu-Tal, die Hillary ins Leben gerufen hatte. 1990 wurde sie zur neuseeländischen Honorarkonsulin in Nepal ernannt.

Noch zwei Monate vor ihrem Tod empfing Elizabeth Hawley Gäste. Sie war, auch wenn sie auf Besucher zunächst mürrisch wirken mochte, jederzeit zu einem Scherz bereit. Der konnte, insbesondere wenn es um die nepalesische Politik ging, die sie seit Beginn der 1960er-Jahre verfolgte, durchaus bissig ausfallen – aufgrund ihres Humors hätte man sie eher für eine Britin gehalten.

Mitte Januar dieses Jahres erkrankte die «alte Dame des Himalaya-Bergsteigens» an einer Lungenentzündung, am frühen Morgen des 26. Januar verstarb sie.

Text in NZZ erschienen

Dieser Artikel ist bereits am 26. Januar 2018 in der Neuen Zürcher Zeitung ­erschienen.

Nachfolge geregelt

Die deutsche Journalistin und Höhenbergsteigerin Billi Bierling übernimmt die Nachfolge bei der Himalayan Database. Sie wird bei den Interviews von einem drei- bis vierköpfigen Team unterstützt. Durch die Zunahme der kommerziellen Expeditionen seit der Jahrtausendwende ist der Aufwand stark gestiegen, auch wenn er in den meisten Fällen die Normalwege auf die Achttausender betrifft. Seit der Frühjahrssaison 2017 wird daher ergänzend mit einem Onlinefragebogen gearbeitet.

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