Emilio Comici. Der Poet der Senkrechten

Emilio Comici

Emilio Comici, jener aussergewöhnliche Kletterer, auf den einige der grössten Dolomitenrouten zurückgehen, hat die Alpingeschichte vielleicht weniger geprägt als ein Preuss oder ein Dibona. Ist das auf seine besondere Technik zurückzuführen, die Grazie und Eleganz verband, oder auf sein melancholisches Gemüt, das ihn hochmütig wirken liess?

Der 1901 in Triest geborene Comici entwickelt sehr bald jene intellektuellen Begabungen, die ihn sein ganzes Leben lang begleiten werden: Er ist ein Mann der Kultur, ein Dichter. Aber auch die Musik ist für ihn wichtig. Er nimmt sich regelmässig Zeit, um Bach, Mozart, Chopin und Beethoven am Klavier zu interpretieren, denn « ein wenig Musik am Morgen bringt für den ganzen Tag Licht in die Seele ». Früh schon entdeckt er auch seine Leidenschaft für den Sport. Als Jugendlicher übt er begeistert Lauf-und Sprungsportarten aus sowie Tennis und Schwimmen und erringt sogar ein paar Erfolge bei Wettkämpfen.

Wenn Technik zur Kunst wird Als Emilio nach seinen Studien Beamter in den Lagerhäusern des Hafens von Triest wird, fühlt er sich zuerst von den Tiefen angezogen: Als leidenschaftlicher Höhlenforscher ist er in den Grotten des Carso unterwegs und verbucht auch einen Tiefenrekord – 500 m. Erst mit knapp 24 Jahren beginnt er mit dem Bergsteigen, das in der Folge zu seiner Hauptleidenschaft wird. Bis zu seinem frühen Tod 1940 unternimmt Emilio Comici nicht weniger als vierhundert schwere Touren und rund hundert Erstbegehungen. Als vielseitiger Alpinist interessiert er sich auch für Eistouren und begeht 1929 das Nordcouloir des Sorapis in den Dolomiten zum ersten Mal. Am gleichen Gipfel überwindet er dann mit einer italienischen Seilschaft zum ersten Mal den sechsten Schwierigkeitsgrad, und zwar bei der Besteigung der Tre Sorelle von Nordwesten her. Comicis spezielle Klettertechnik verbindet Eleganz und Feinheit, eine eigentliche Form der Kunst. So erhält der « Poet des Alpinismus » den Ruf, er habe das Klettern um die Dimension der Ästhetik bereichert. Comici setzt sich auch für das Freiklettern ein. Er fordert die sparsame und durchdachte Anwendung von Haken und des Doppelseils, die zu jener Zeit überall Einzug halten.

Die Civetta Auch wenn die Nordwand der Civetta keineswegs mit jener des Eigers vergleichbar ist, verbindet sich ihre Geschichte ebenfalls mit Dramen und extremen Rettungen. Comici packt sie am 4. Mai 1931 an. In zwei Tagen eröffnet er durch den Irrgarten dieser riesigen, senkrechten Wand eine selten wiederholte Route. Die Comici-Route bietet 1500 Meter Kletterei, den sechsten Grad ( obligatorisch ) sowie gegen sechzig Seillängen! Als Georges Livanos sie 27 Jahre später wiederholt, braucht er über drei Tage, – und er fordert ein Comici-Denk-mal allein für diese Route.

Die Grosse Zinne und viele andere Die Erstbegehung der Nordwand der Grossen Zinne gelingt Comici und den Brüdern Dimai 1933 – und ruft eine bemerkenswerte Anzahl von Reaktionen hervor: Die drei Alpinisten bevorzugen offenbar die Freikletterei, was die wenigen fotografischen Zeugnisse dieser Erstbegehung bestätigen. Die Seile laufen frei und nur an wenigen Stellen durch in wenige Haken eingehängte Karabiner. Co-

Ein für Emilio Comici typisches Bild: der Dichter mit den Espad-rillen aus Filz, der senkrechte Routen komponierte Am 4. Mai 1931 eröffnete Emilio Comici in der Civette-Nordwand eine Route von 1500 m Länge, im sechsten Grad obligatorisch und mit gegen 60 Seillängen. Blick auf die Nordwestwand der Civetta Fo to :D ino Buzz at i

Von Hütten und Biwaks

Rifugi e bivacchi

Cabanes et bivouacs

mici kehrt 1937 allein zurück und durchsteigt die Wand solo in der unglaublichen Zeit von dreieinhalb Stunden. Etwas bitter notiert er bei seiner Rückkehr: « So viele Haken – arme Nordwand !»

Zwischen diesen beiden Begehungen der Grossen-Zinne-Nordwand eröffnet er unzählige andere Routen, von denen Severino Casara sagen wird, dass sie sich durch « die Prägnanz ihrer Linien » auszeichnen.

Am 19. Oktober 1940 stirbt Comici auf eine tragische Art und Weise, wird er doch Opfer eines Abseilschlingenrisses in einem Klettergarten bei Wolkenstein-Selva im Grödental. Sein Name bleibt aber mit den schönsten Wänden der Dolomiten verbunden; sie bewahren die Erinnerung an einen poetischen und visionären Menschen. a

Dominique Roulin, Presinge ( ü )

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