Entdeckung des Schieferbergwerks Engi Im Bauch des Bergs

Völlige Dunkelheit und eine konstante Temperatur von zwölf Grad: Im Landesplattenberg, dem Schieferbergwerk von Engi, im glarnerischen Sernftal, haben Männer beim Abbau des schwarzen Gesteins Blut und Wasser geschwitzt. Ein Erbe, das Dank Hans Rhyner, Schieferbergmann aus Leidenschaft, nicht in Vergessenheit gerät.

Ein schwarzes Loch in einer dunklen Wand: Der Eingang zum Schieferbergwerk Engi, genannt «Landesplattenberg Engi», entmutigt Neugierige. Finster, kündigt er die Schönheiten des Sernftaler Kavernennetzes nicht unbedingt an, die sich in dem Glarner Berg verstecken. Hier baute man über Jahrhunderte Schiefer ab. Aus diesem in den Fels gehauenen Schlund, der wie ein offenes Maul daliegt, kommt heute jedoch nichts mehr. Bereits 1961 wurde die Produktion eingestellt. Noch 50 Jahre später ist der Boden von Schiefersplittern bedeckt. In dieser steinigen Welt erinnern Gleise und alte, verrostete Waggons an die Bergmannsarbeit von einst.

Die Lethargie wird Anfang der 1980er-Jahre durchbrochen, als allmählich wieder ein bisschen Leben in das unterirdische Werk kommt, das heute von Hans Rhyner vor dem Vergessen bewahrt wird. Der Glarner entfernt sich nie weit vom Tal und lässt jeden Tag seines Lebens wie eine vorgegebene Route passieren. Im nahe gelegenen Massiv der Tschingelhörner kennt Hans jeden Weg. «Als ich Kind war, war das Bergwerk noch in Betrieb. Der Schieferabbau ist seit Jahrhunderten Teil unserer Industriegeschichte.» Die Zeit geht vorbei, die Erinnerungen bleiben. Als Erwachsener erinnert sich Hans an die Schieferbergwerke und macht sich auf die Suche nach ihnen. «Zwei Italiener, die im Bergwerk gearbeitet hatten, lebten noch im Tal und erzählten mir ihre Geschichte. Mit ihnen zusammen habe ich dann das Labyrinth von vergessenen Stollen besucht.» Als Hans in den Bauch des Berges eindringt, ist er sprachlos angesichts der Schönheit und Ausmasse der in den Felsen gehauenen Säle. «Die Stollen dehnen sich mehrere Hundert Meter aus und folgen der Schieferader. Gewisse Säle sind über 25 Meter hoch und werden von Säulen getrennt, welche die Decke tragen.»

 

Eine in den Fels gehauene Kathedrale

Hans will bewahren und für Besucher zugänglich machen, was auch ihn täglich aufs Neue bezaubert. «Die Entdeckung der Stollen war für mich so beeindruckend, dass ich überzeugt war, sie würden es auch für andere sein.» Sein Projekt löst bei den Behörden ein Lächeln aus. «Das kümmerte mich nicht. Ich wusste tief drin, in mir, dass es das Schieferbergwerk verdiente, gerettet zu werden. Ein solches Erbe mit einer jahrhundertealten Geschichte ist einzigartig!» Hans lässt sich nicht entmutigen und führt während zehn Jahren «offiziöse» Besuche des Landesplattenbergs durch, parallel zur Arbeit in seinem Sportgeschäft in Elm. «Ich führte Verwandte und Vertraute mit der Taschenlampe ins Werk. Alle waren völlig sprachlos und überrascht von dem grandiosen Schauspiel, das die Säle bieten.» Es bedarf keiner weiteren Motivation, um Hans zum Weitermachen und schliesslich auch zum Gründen einer Stiftung im Jahr 1994 zu ermutigen. «Schritt für Schritt haben wir Gelder gesammelt, um die Stollen zu beleuchten und einen Rundgang einzurichten.» Die Überzeugung hat ihm Recht gegeben: Heute besuchen jedes Jahr mehrere tausend Personen den Landesplattenberg von Engi.

Hans Rhyner ist glücklich über diesen Erfolg – und noch immer gleichermassen vom Ort fasziniert: «Ich liebe die Berge von aussen und von innen. Wenn ich hierhin komme, begehe ich die Stollen nach wie vor mit der gleichen Freude. Jedes Mal entdecke ich etwas Neues.» Wie die Fischversteinerungen: «Früher war hier das Meer. Der Schiefer bildete sich über die starke Kompressionen des Meeresbodens. Dieses feinkörnige, gut spaltbare Gestein gehört zur Familie der Sedimentgesteine.»

 

Schiefer im Tausch gegen Alkohol

Befragt man ihn zur Geschichte des Schieferbergwerks Engi, bietet Hans dem Zuhörer einen Stuhl an, denn das lasse sich nicht in zwei Minuten erzählen. «Zum ersten Mal wurde der Landesplattenberg in einem offiziellen Dokument von 1565 erwähnt. Der Schiefer von Engi wurde im 17. Jahrhundert nach ganz Europa exportiert und trug zum Reichtum des Tals bei.» Bis 1833, als das Schieferbergwerk an den Kanton überging, gab es keine Verordnung, welche die Arbeit reglementierte. «Ausserhalb der landwirtschaftlichen Saison kamen die Talbewohner von Zeit zu Zeit hierher, um Schiefer abzubauen und so ihr Gehalt etwas aufzubessern. Die Kavernen wurden irgendwie herausgepickelt und stürzten so manches Mal über den Arbeitern ein. Man findet einige alte Schriften und Geschichten über diese Unfälle», erzählt Hans. Auch der Alkoholismus unter den Arbeitern war ein Problem. «Sie verkauften das Gestein an Händler, die gleichzeitig die Herbergen im Tal betrieben und den Schiefer lieber in Form von Alkohol als mit Geld bezahlten.»

Einmal reglementiert, um die Unfälle und die Trunksucht zu vermindern, wird die Arbeit deswegen nicht angenehmer. «Die Gefahr von Einstürzen, die ständige Feuchtigkeit und der Staub, welche die Sicht auf zwei Meter beschränkten, waren Teil des Alltags der Arbeiter – einige davon Kinder. Zwölf Stunden am Tag bauten die Bergmänner die Schiefertafeln mit der Hilfe von Meisseln und Sprengstoff ab. Bis zur Installation von Gleisen 1920 transportierten sie das Gestein auf ihrem Rücken vom Bergwerk bis ins Tal.» Eine titanische Arbeit, wenn man bedenkt, dass nur 10% des abgebauten Gesteins als Ziegel, Platten oder Tafeln verwendet wurden – der Rest war Abfall. «Die schwache Rentabilität und die Konkurrenz neuer Materialien wie Eternit läuteten allmählich die Totenglocke für das Werk ein. Vor allem entsprachen die Arbeitsbedingungen nicht mehr den sanitären Normen, die ab 1960 schrittweise in Kraft gesetzt wurden. Die Lungenkrankheiten, ausgelöst durch den bei der Arbeit entstehenden Schieferstaub, wurden untolerierbar.»

 

Die Vergangenheit aufleben lassen

Zurück an der frischen Luft werden die Augen durch die Sonne geblendet. Von der Bergwerksvergangenheit ist nicht alles verschwunden: «Ein paar von uns im Tal bauen zum Vergnügen weiterhin Schiefer ab», vertraut uns Hans mit einem Lächeln an. Platten, um Tische herzustellen oder Küchenarbeitsflächen zu plätteln. «Unsere Produktion bleibt in vertraulichem Rahmen und ist die Antwort auf eine sehr beschränkte Nachfrage. Da die Stiftung noch über alle für den Schieferabbau nötigen Werkzeuge und Maschinen verfügt, bewahren wir dieses Wissen in der Fabrik von Engi.»

Die Fabrik in Elm, die mit Holz gesäumte schwarze Schiefertafeln herstellte – Jahrgängen der alten Schule werden diese wohlbekannt sein – scheint erst gestern geschlossen worden zu sein. «Keineswegs – die Fabrikation wurde 1984 eingestellt!», ruft Hans aus. «Als ich diese kleine Fabrik wieder aufnahm, habe ich nichts berührt.» Ein wahres Relikt der Vergangenheit – davon zeugen ein Kalender von 1948 an der Wand und die staubige Auslage von Produkten, die zur Herstellung der Tafeln dienten. Schon vor der Nachfrage sagt er weiter: «Alles ist funktionstüchtig! Der Sohn des letzten Besitzers hat mich gelehrt, die Maschinen zu bedienen und hat mir alles Wissen seines Vaters vermittelt.»

Hans Rhyner – Schieferbergmann aus Leidenschaft – ist voller Projekte für sein Bergwerk in Engi. «Oft fragen Musiker an, ob sie in den Stollen spielen dürfen, da die Akustik dort derart aussergewöhnlich ist. So organisiere ich manchmal Konzerte im Inneren des Gesteins. Am schwersten ist es, das Klavier hineinzubringen!» Eine ursprünglich wohl unbeabsichtigte Zweckentfremdung, die dem Erbe heute eine kreative Dimension des Genusses verleiht und weitere Kreise öffnet - Früchte der Begeisterung eines einzelnen Mannes.

Den Schiefersteinbruch besichtigen

Der Landesplattenberg Engi ist wegen Unterhaltsarbeiten bis April 2013 geschlossen. Der Zugang vom Dorfzentrum her ist markiert (ca. 20 Min. zu Fuss). Der Besuch kann in der Schiefertafelfabrik Elm fortgesetzt werden. www.plattenberg.ch oder Tel. 055 642 13 41

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