Everest-Event 2006. Von den Gipfeln der Welt aufs Podium in Bern

Il notiziario delle ALPI

Nouvelles des ALPES

Von den Gipfeln der Welt aufs Podium in Bern

Everest-Event 2006

Vor 50 Jahren bestiegen Schweizer Alpinisten zum ersten Mal den Gipfel des Lhotse, 8516 m, sowie zum zweiten und dritten Mal den Everest, 8850 m. Am Everest-Event 2006 im Kultur-Casino Bern feierten rund 700 Leute bei schönstem Wetter vor allem die drei noch lebenden Gipfelstürmer und den letzten Teilnehmer der erst auf 8600 Metern gescheiterten Genfer Everest-Expedition vom Frühling 1952. Ein Jubiläumsanlass, der bis ganz hinauf führte.

« Du Fritz, jetzt sind wir wirklich oben. » Damit bekräftigte Ernst Reiss am 18. Mai 1956 um 15 Uhr, dass er und sein Seilpartner Fritz Luchsinger als Erste auf dem Gipfel des Lhotse waren. Und er wiederholte den Satz 50 Jahre später auf dem Podium im grossen Saal des Kultur-Casinos Bern anlässlich des EvEv06, den der SAC und die Schweizerische Stiftung für Alpine Forschung SSAF gemeinsam organisiert hatten. Ganz still war es im Saal, als der 86-jährige Reiss erzählte, wie er und Fritz Luchsinger als erste Menschen durch die fürchterlich steile Rinne gegen den Lhotse geklettert waren, an der Schlüsselstelle zwei Haken geschlagen hatten, die Felsplatte im dritten Schwierigkeitsgrad gemeistert und oben einen weiteren Haken geschlagen hatten, um eine Reepschnur für den Abstieg einzu-binden. « Und dann sind wir weitergestiegen. » Zuletzt noch nach links über einen äusserst ausgesetzten Eisgrat auf den höchsten Punkt des vierthöchsten Gipfels der Erde. « Du Fritz, jetzt sind wir wirklich oben » – und spontan klatschten die Zuhörer. Ein Höhepunkt des schweizerischen Alpinismus, ein Höhepunkt des EvEv06. 1

Ein Höhepunkt nach dem andern

Es blieb an diesem Jubiläumstag nicht der einzige. Zu weiteren verhalfen die drei noch lebenden Gipfelstürmer der 11-köpfigen 1956er-Expedition, die unter der Leitung des nachmaligen SAC-Zentralpräsidenten Albert Eggler gestanden hatte: Auf dem Podium waren neben Reiss der 79-jährige Jürg Marmet, mit Ernst Schmied Zweitbesteiger des Everest am 23. Mai 1956, und der 78-jährige Hans Rudolf von Gunten, mit Dölf Reist Drittbesteiger des Everest am folgenden Tag. Die drei Alpinisten verfolgten und kommentierten interessiert die Diashow von Stefan Pfander. Und geizten nicht mit Anekdoten aus ihrer sechsmonatigen Reise in den Himalaya. Das Trio schmunzelte, als Urs Kneubühl, Direktor des Schweizerischen Alpinen Museums in Bern 2, den Rückmarschfilm vorführen liess: die Expeditionsteilnehmer, entspannt und abgemagert, die wieder gefundene Zivilisation geniessend, ein Bad im Fluss, mit der Zigarette im Mund. Lachen im Saal. Und später konnte man sich von einem dieser so sympathischen Helden das Jubiläumsbuch signieren lassen. Der Autor Oswald Oelz, selber Eve-rest-Besteiger – 1978 als der erste Schweizer nach von Gunten und Gefährten –, stellte es in einem fulminanten Vortrag selbst vor – und gab die Lorbeeren gleich weiter. Zum Beispiel an Jean-Jacques Asper, der 1952 laut Oelz das dynamische Eisklettern im Himalaya erfunden hatte: Asper hatte sich durch die riesige Querspalte, welche den Zugang ins Tal des Schweigens versperrt hatte, hochgearbeitet und so den Aufstieg von Süden zum Everest ermöglicht. Und genau dieser Asper sprang in einem Satz aufs Podium und schilderte seine mutige Eiskletterei, als wärs gestern gewesen. Ein weiterer Höhepunkt dieses EvEv06, über dem der Geist von Expeditionsleiter Albert Eggler zu schweben schien.

Direkt vom « Tatort »

Ein anderer Leiter, der zweifache Everest-Besteiger Kari Kobler, wurde direkt vom Everest-Basislager zugeschaltet. Auch er zog den Hut vor der Expedition von Das Buch zum Everest-Event Oswald Oelz: Everest Lhotse. Schweizer am Everest 1952 und 1956 160 Seiten, ca. 120 Abbildungen von 1952 und 1956. SAC-Sonderpreis Fr. 69.–. Bestellungen über SAC-Verlag, Bündner Buchvertrieb, Postfach, 7004 Chur, Tel. 081 258 33 35, Fax 081 258 33 40, E-Mail bbv(at)casanova.ch 1 Vgl. DIE ALPEN 3/2006 und 4/2006 2 Das Schweizerische Alpine Museum SAM in Bern zeigt bis zum 13. August 2006 in seinem Foyer die Ausstellung « Mt. Everest – Lhotse 1956. 50 Jahre Schweizer Expedition » mit rund 80 originalen Gegenständen von damals – sozusagen ein verlängertes Everest-Event. 3 Vgl. DIE ALPEN 4/2006 4 Etienne Gross, OK-Präsident; Karine Begey, Urs Bühler, Bruno Hasler, Urs Kneubühl, Barbara Gerber, Pit Meyer, Thomas Weber. Moderation: Margrit Sieber Podiumsdiskussion über die Bedeutung der Sherpas in der Himalayabestei-gungsgeschichte im grossen Saal des Kul-tur-Casinos Bern mit dem Everest-Ambien-te. Unter der Leitung von Christine Kopp diskutierten Jürg Marmet, Ernst Reiss, Hans Rudolf von Gunten, Sherpani Pemba Doma und Oswald Oelz ( v.l. ).

Gefragte Unterschriften: Hans Rudolf von Gunten und Jürg Marmet beim Signieren des von Oswald Oelz verfassten Jubiläumsbuches EverestLothse Foto: Dieter Spinnler Foto: Daniel Anker 1956: « Die Leistung kann man nicht genug hoch einschätzen. » Kobler erinnerte aber gleichzeitig an die lokalen Hochträger, die die Besteigungen der westlichen Bergsteiger überhaupt erst ermöglichten: « Ohne Sherpas würde fast nichts laufen. » Die grosse Bedeutung der Sherpas in der Everest-Besteigungsgeschichte würdigte die Alpinjournalistin Christine Kopp in einem eindringlichen Vortrag – und stellte den Teilnehmenden Sherpani Pemba Doma 3 vor, die in fliessendem Hochdeutsch von ihren Everest-Bestei-gungen sowohl von Süden als auch von Norden her und ihrer Arbeit sprach. Eine schöne Bereicherung in der Podiumsdiskussion zum Expeditionsbergsteigen gestern und heute, ein weiterer Schritt Richtung Gipfel.

« Jedem sein eigener Everest »

Dabei bildeten sich immer wieder neue Seilschaften, gab es immer wieder die Möglichkeit, Luft zu holen und zu plaudern. Genau so, wie es sich das OK des EvEv06 4 vorgestellt hatte: ein Treffen von Alpinisten aller Art. Peter Diener, Erstbesteiger des Dhaulagiri, war da. Hans von Känel, Zweitbesteiger des Lhotse, Stephan Schaffter, Summiter und Regisseur des Filmes « Everest 1952–2002 – le rêve achevé », der ausschnittsweise gezeigt wurde, Albert Wenk von der Firma Mammut, der über die Wandlung und Bedeutung des Materials beim Höhenbergsteigen referierte. Ueli Steck, zurzeit einer der stärksten Alpinisten der Schweiz, Alexandra Eyer, international beste Schweizer Sportkletterwettkämpfe-rin, die beide an der Podiumsdiskussion « Jedem sein eigener Everest » teilnah- men – ein passendes Motto für eine gelungene Veranstaltung. Ernst Reiss protestierte nicht, obwohl er von Anfang an auf den Lhotse wollte.

« Was haben Sie dort oben gemacht ?»

Den würdigen Schlusspunkt setzte Bergfotograf Robert Bösch in einer intensiven, selbstkritischen, manchmal gar dramatischen Diashow über seine missglückten Versuche und seine gelungene Besteigung des Everest. Und plötzlich waren sie wieder da, die Faszination und die – noch immer bestehenden – Gefahren rund um das Dach der Welt. Und die Teilnehmer und Teilnehmerinnen des EvEv06 erreichten als « Everest-Expedition 06 im Kultur-Casino Bern » die 8850 Meter. Und der Chef von Hans Rudolf von Gunten hätte wahrscheinlich die Antwort auf die Frage erhalten, die er ihm nach der Rückkehr vor 50 Jahren gestellt hatte: « Endlich sind Sie wieder da. Was haben Sie eigentlich dort oben gemacht ?» a Daniel Anker, Bern Jean-Jacques Asper, Mitglied der Genfer Himalayaexpedition von 1952, erzählte von seinen Erlebnissen, als ob es gestern gewesen wäre.

Jürg Marmet, dem zusammen mit Ernst Schmied die Zweitbesteigung des Everst gelang, war als Sauerstoffspezialist dabei. Hans Rudolf von Gunten, der am 24. Mai 1956 zusammen mit Dölf Reist als Drittbesteiger auf dem Mount Everest war, liess die Vergangenheit aufblitzen. Lhotse-Erst-besteiger Ernst Reiss, 50 Jahre später Stefan Pfander ( l. ) führte mit der Everest-Lothse-Diashow gleich zu Beginn der Jubiläumsveranstaltung auf die höchsten Gipfel. Die Live-Kommentare dazu kamen von den Everest- Lothse-Jubilaren Jürg Marmet, Hans Rudolf von Gunten und Ernst Reiss sowie den aktuellen Everest-Bestei-gern Thomas Zwahlen ( Gruppe l. ) und Christian Rossel ( ganz r. ).

Foto: Max Reichen Foto: Max Reichen Foto: Dieter Spinnler Foto: Max Reichen Foto: Max Reichen

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