Everest über alles

Die Frühjahrssaison 1999 an den Bergen Nepals und Tibets Einmal mehr sorgte im vergangenen Frühjahr das Geschehen am Everest für fette Schlagzeilen: Eine Suchexpedition fand die Leiche von George Mallory, der seit 75 Jahren in der Gipfelregion verschollen war. Die Frage, ob er zusammen mit Andrew Irvine den Gipfel erreicht hatte, konnte aber auch durch das Auffinden der Leiche nicht geklärt werden.

Schlagzeilen am Everest machte auch Babu Chiri: Der 33jährige Sherpa hielt sich fast einen ganzen Tag lang am Gipfel des Everest auf - ohne Flaschensauerstoff!

Neue Route am Thamserku Die eigentliche Pionierleistung der Frühjahrssaison 1999 an den Bergen Nepals und Tibets stand im Schatten des Geschehens am Everest: Am Thamserku, einem 6623 Meter hohen Berg im nepalesischen Everestgebiet unweit der formschönen Ama Dablam, führten die Spanier Carles Vallès und Joan Quintana eine sehr schnelle Besteigung über eine neue, schwierige und objektiv gefährliche Route durch die Nordostwand durch. Sie waren seit zehn Jahren die erste Seilschaft, die sich an den Thamserku -einen schönen Gipfel mit ausschliesslich schwierigen Anstiegen - wagte und der die sechste Besteigung gelang.

Auch andere Leistungen gingen im Aufheben, das um den Everest entstand, unter: Der Amerikaner Ed Viesturs, einer der kompetentesten Höhenbergsteiger der Gegenwart, und sein Freund, der Finne Veikka Gustafsson, bestiegen kurz nacheinander Manaslu ( 8163 m ) und Dhaulagiri ( 8167 m ). Sie erreichten die Gipfel am 22. April bzw. am 4. Mai. Ed Viesturs hat insgesamt zehn verschiedene Achttausender und allein den Everest fünfmal bestiegen, wobei ihm auch eine Begehung ohne Flaschensauerstoff gelang. Immer länger wird Der Everest von der tibetischen Nordseite im Abendlicht. Oben an dieser Flanke fand eine Suchexpedition Anfang Mai 1999 die seit 75 Jahren verschollene Leiche von George Mallory.

auch die Liste jener Bergsteiger, die auf allen Achttausendern standen: Inzwischen gehören der 49jährige Italiener Sergio Martini und der Spanier Juanito Oirzabal diesem exklusiven « Club » an. Allerdings ist umstritten, ob Martini 1997 den höchsten Punkt des Lhotse erreicht hat.

Herausragende Leistungen der Sherpas Sieben Bergsteiger verloren in diesem Frühjahr ihr Leben an Makalu, Annapurna und Everest - allein am höchsten Berg der Welt starben vier Menschen. Chomolungma, wie der Gipfel auf tibetisch heisst, wurde von 22 Expeditionen von der Nordseite ( darunter allerdings viele kleine Grüppchen ) und von 14 von der nepalesischen Südseite angegangen! Nicht weniger als 117 Alpinisten erreichten den Gipfel, wobei einmal mehr die Zahl jener - abgesehen von den Sherpas -, die ihn ohne Flaschensauerstoff bestiegen, an ein paar Fingern abzuzählen ist. Inzwischen standen 878 Männer und Frauen insgesamt 1177 mal auf dem Gipfel. Be- eindruckend ist die Leistung der Sherpas, von denen eine ganze Reihe mehrmals das 8846 m hohe « Dach der Welt » erreichten. Ang Rita und jetzt auch Apa Sherpa glückte dies bereits zehnmal!

Einem weiteren Sherpa, dem 33jährigen Babu Chiri, gelang zudem der längste Aufenthalt auf dem Gipfel: Er blieb am 6. Mai - ohne jemals Sauerstoff aus Flaschen zu brauchen 21 V2 Stunden in einem kleinen Zelt auf dem Gipfel; dies war sein achter Everest-Erfolg. 20 Tage später, am 26. Mai, doppelte er nach und begleitete seine Expeditionsmitglieder ein weiteres Mal auf den Gipfel - als ob es ein gemütlicher Spaziergang wäre, der keine besondere Anstrengung erforderte! In der Tat wollte er eigentlich nur 20 Stunden auf dem Gipfel bleiben, doch er verbrachte eineinhalb weitere Stunden in dieser eisigen Höhe, um via Funkgerät die Fragen des nepalesischen Verbindungsoffiziers zu beantworten und, vor allem, um mit seinen Sherpa-Freun-den einen ausführlichen Schwatz zu halten!

Briefe an die Familie und eingestickte Initialen Am meisten Aufsehen erregte aber, wie bereits erwähnt, das Auffinden der Leiche von George Mallory. Zu diesem Zweck hatte sich eine von grossen Firmen gesponserte mehrheitlich amerikanische Suchexpedition Mitte März an die Nordseite des Berges aufgemacht. Sie wollte das Rätsel um die britische Expedition von 1924 lösen: Mallory verschwand am 8. Juni 1924 zusammen mit seinem Partner Andrew Irvine hoch oben am Everest in den Wolken. Sein Teamgefährte Noel Odell sichtete die zwei Bergsteiger ein letztes Mal auf einer Höhe von über 8500 Metern; über ihr Schicksal herrscht bis heute Unklarheit. Vor allem konnte die Frage, ob die beiden Briten, der 38jährige Mallory und der 22jährige Irvine, den Everest-Gipfel erreicht und damit eine unglaubliche Pionierleistung in einfachster Ausrüstung vollbracht hatten, nie abschliessend geklärt werden.

In einer aufwendigen Suche, die umfangreiche Vorarbeiten erfordert hatte, fand der bekannte amerikanische Bergsteiger Conrad Anker am 1. Mai 1999 Mallorys Leiche auf einer Höhe von 8300 Metern. Dies war nur möglich geworden, weil in diesem Frühjahr ungewöhnlich wenig Schnee lag. Mallory war offensichtlich vor seinem Tod gestürzt: Sein Schienbein war doppelt gebrochen. Er lag kopfüber im Fels, und seine Kleidung war teilweise durch die Witterung zersetzt. So trat der Oberkörper hervor - aufgequollen und weiss wie Marmor. Der Stoff zerfiel bei der geringsten Berührung. Identi-fiziert wurde Mallory aufgrund mehrerer Briefe, die man bei der Leiche fand, Notizen, seines Taschenmessers sowie der in die Kleidung eingestick-ten Initialen. Eine DNS-Probe lieferte den letzten Beweis dafür, dass es sich tatsächlich um George Mallory handelte, jene schillernde Bergsteiger-persönlichkeit, die als glänzend aussehender Dandy und exzentrischer Gentleman Zeit seines Lebens über Alpinistenkreise hinaus Bekanntheit erlangt hatte.

Hommage an Mallory und Irvine Als Grund für die Suche nannte Expeditionsleiter Eric Simonson die mangelnde Würdigung der Leistung von Bergsteigern wie Mallory und Irvine. « Im Jahre 1924, ausgerüstet nur mit Tweedjacken und primitiven Sauerstoffgeräten, bis auf wenige Der Dhaulagiri ( 8167 m ) hoch über dem Kali-Gandaki-Tal; den Alpinisten Ed Viesturs und Veikka Gustafsson gelang im Frühjahr 1999 innerhalb kürzester Zeit eine Besteigung von Manaslu und Dhaulagiri.

hundert Meter an den Gipfel des Everest gekommen zu sein, ist eine unglaubliche Leistung. In diesem Sinne war unsere Expedition nicht nur eine Forschungsreise, sondern ebensosehr eine Hommage an diese Männer. » Simonson kündigte an, dass er vermutlich schon im nächsten Jahr mit einem weiteren Team aufbrechen werde, um die Fotokamera Mallorys und den Leichnam Irvines zu suchen. Würde die Kamera gefunden, könnte das Rätsel um den eventuellen Gipfelgang von Mallory und Irvine vielleicht geklärt werden. Wie die Herstellerfirma mitteilte, liesse sich der Film auch nach 75 Jahren noch durchaus entwickeln. Bis zum jetzigen Zeitpunkt ist der Mallory-Mythos indes eher genährt als geklärt worden. Er wird aber dafür sorgen, dass der Everest - auf den Herbst sind Bücher und Dokumentarfilme zur Suchexpedition angekün-digt-weiterhin fette Schlagzeilen liefert und damit allen weniger hohen Himalaya-Gipfeln den Rang abläuft.

Christine Kopp, 1 Der Beitrag basiert auf einem ausführlichen Bericht von Elizabeth Hawley, Kathmandu, über die Frühjahrssaison 1999 an den Bergen Nepals und Tibets.

ALPEN-Nachrichten

Makalu-

s André Georges'achter 1 Achttausender

C 5 Der Walliser Bergführer André 1 Georges stand am 13. Mai 1999 iö auf dem Makalu in Nepal. Es war ^ sein achter Achttausender ohne 18 künstlichen Sauerstoff. Aber der Erfolg war nicht ungetrübt: eines der Expeditionsmitglieder fand den Tod.

André Georges war sich bewusst, dass er sich auf keine leichte Aufgabe einliess, als er am 24. März 1999 aus der Schweiz abreiste, war er doch am Makalu bereits zweimal gescheitert: 1996 hinderte ihn ein Unfall mit dem Gleitschirm am Gipfelerfolg, und 1981 waren starke Winde der Grund für seine Aufgabe. Auch dieses Jahr wütete der Wind am Makalu. André Georges schrieb in sein Tagebuch: « Der Jet-Stream, der Bertrand Piccard zum Erfolg verhalf, machte uns enorm zu schaffen... » und notierte später im Basislager, das er am 1O. April erreicht hatte «... hörte man auf den Gipfeln den entfesselten Wind heulen. Wir müssen einen ruhigen Tag haben. Wir lauern ihm auf... » Ein Todessturz Dieser ruhige Tag kommt am 28. April. André Georges beschliesst, sich allein auf den Weg zum Gipfel zu Die Nacht ist schwierig, denn die drei Männer liegen zusammengepfercht auf engstem Raum. Weder Kochen noch Schlafen ist möglich. « Um 6 Uhr morgens steige ich, ent-nervt über diesen Besuch, ab. Im Couloir kommt mir der Schweizer Markus Stofer entgegen, der zu einer amerikanischen Expedition gehört. Um 9 Uhr 30 steigt auch lly ab. Michael und Markus begeben sich ins amerikanische Lager auf 7800 m. Am 29. April erreichen sie um 14 Uhr 30 ermüdet den Gipfel. Nach 20 Minuten Aufenthalt steigen sie 150 m unter den Gipfel ab. Markus seilt ein erstes Mal im Couloir ab und macht Stand auf einem Felsblock. Er hört ein Geräusch, dreht sich um und sieht seinen Kameraden stürzen. Michael fällt 500 m in ein 50 Grad steiles Couloir aus Fels und Eis. Er stürzt mit grossen Brocken in die Tiefe und ist auf der Stelle tot. (... ) Wir sind auf 8000 m Höhe auf der tibetanischen Seite; unmöglich, die Leiche zu bergen. Der Berg wird sie behalten. » Der Walliser Bergführer begibt sich zur Unfallstelle, um zu versuchen, den Körper ausser Sichtweite zu schaffen, die persönlichen Effekten mitzunehmen und eine letzte Aufnahme zu machen. Vergeblich. Seine Emotionen sind zu stark.

André Georges im Basislager « Der Berg des Schmerzes gewährt mir eine zweite Chance » Nach dieser Tragödie sinkt die Moral auf Null, und der Makalu erscheint unerreichbar. Erst am 1O. Mai, um 5 Uhr früh, unternimmt Georges erneut einen Versuch trotz grosser Neuschneemengen, die sein Tempo beträchtlich bremsen. Er geht allein: Der Russe ist, ohne eine Nachricht zu hinterlassen, abgereist. Am 12. Mai ist André Georges im Lager IV der Amerikaner.

Am anderen Morgen um 3 Uhr 30 bricht er zum Gipfel auf: über 10 Stunden Schwerarbeit für die Überquerung der Séracs und den Weg über den verschneiten Gipfelgrat.

Um 14 Uhr, am Auffahrtstag, steht André Georges auf dem Gipfel. « Es ist genial: nur Lhotse und Mount Everest gucken aus der Wolkendecke heraus, der Rest ist unsichtbar. Ein heftiger Wind fegt über den Gipfel und wirbelt Schnee auf. Ein paar Fotos, und schon steige ich in meinen Fussstapfen wieder ins Lager IV ab. » Dort warten ein Spanier und ein Amerikaner auf ihre Chance. Aber das Wetter entscheidet anders: « Der Sturm bricht mit aller Kraft los. Man muss schauen, dass man lebendig herunter kommt. » Alle steigen ab. « Am Ende des Tages bin ich zurück im Basislager, überglücklich nach soviel Anstrengung während fünf Tagen in der Höhe und als einziger Spurleger. » Eine Einschränkung trübt diesen Erfolg: « Normalerweise gehe ich Tag und Nacht und nonstop vom Basislager auf den Gipfel, aber der Berg hat anders entschieden. » Im Frühling 1999 haben 27 Bergsteiger versucht, den Makalu zu besteigen, nur drei haben ihn erreicht, darunter der Däne Michael Jörgensen, der dabei das Leben verlor.

Gem. Mtlg. von Irène Crausaz, Aigle1 ( ü ) M 80 m unter dem Makalu-Gipfel

Neue Pläne

Für die Leser und Leserinnen der ALPEN erzählt André Georges über seine Erfahrungen und Erlebnisse bei der erfolgreichen Besteigung des Makalu und seine weiteren Pläne. Das Interview führte Irène Crausaz.

ALPEN: Der Makalu gilt als einer der schwierigsten Achttausender. Warum eigentlich?

André Georges: Der Weg ist sehr lang, liegt über 8000 m und ist stark den Winden aus Westen ausgesetzt. Technische Schwierigkeiten gibt es kaum, höchstens ein paar Stellen im Schwierigkeitsgrad 4.

Sie haben 800 m Fixseile montiert. In welcher Höhe? Und wer entfernt denn all das Material?

Die amerikanische Expedition, die als erste da war, hatte bereits zwischen 6700 und 7500 m einen Teil der Seile montiert. Als ich aus dem Basislager abreiste, waren die Amerikaner noch da. Sie nahmen das Material wieder mit.

5/e behaupten, es gebe weltweit nur etwa 20 Bergsteiger, die im sportlichen Stil ohne Unterstützung und ohne künstlichen Sauerstoff die Riesen im Himalaya besteigen können. Welche körperlichen und mentalen Fähigkeiten muss man mitbringen, um zum Erfolg zu kommen?

Man braucht einen Körper, dessen Stoffwechsel auch in der extremen Höhe funktioniert. Es gibt hochmoti- .'Es wurde ein Club des Amis d' André Georges gegründet, der ihn unterstützen und seine Aktivitäten ( vor allem im Himalaya ) bekannt machen soll. Auskünfte erteilt Irène Crausaz, Aigle, Tel. 024/468 68 00, Fax 024/468 68 08.

vierte Bergsteiger, die aber die Anstrengungen in dieser Höhe nicht ertragen. Man muss auch gefühlsmässig ausgeglichen sein. Die Erfahrung zählt sehr viel auf diesem Niveau.

Wie haben Sie sich während der fünf Tage in einer Höhe über 7000 m ernährt?

Ich hatte Proviant für zwei Tage mitgenommen und spekulierte ein wenig mit Nahrungsmitteln, die möglicherweise in den oberen Lagern zurückgeblieben waren. Ich habe täglich anderthalb Liter Isostar getrunken und Quick-Suppen gegessen. Als das Isostar aufgebraucht war, löste ich Traubenzucker in Schmelzwasser. Von diesem Getränk wurde mir aber übel. Feste Nahrung nimmt man in dieser Höhe nur wenig zu sich: ein paar Chocovo, Thon, Trockenfrüchte. Da ich mit einer schnellen Expedition rechnete, liess ich den mitgebrachten Speck im Basislager zurück.

Sie kennen das Phänomen der zerstörten Nervenzellen im Gehirn aus eigener Erfahrung. Gingen Sie nicht grosse Risiken ein, als Sie fünf Tage über 7000 m blieben?

Doch, ich ging ein grosses Risiko ein, aber es war meine letzte Chance. In den Tagen nach der Tour erinnert man sich nicht mehr an alles. Sobald man zu Hause ist, kommt die Erinnerung zurück, und man kann die Sache aus der Distanz besser analysieren.

Sie kennen und bewundern die Sherpas. Wie kommt es, dass kein einziger Nepalese alle Achttausender bestiegen hat, obwohl sie besser akklimatisiert sind als wir?

Ihnen fehlt das Geld. Sie müssten einen Kunden haben, der alle Achttausender besteigen will. Aber einer von ihnen, Ang Rita, war schon zehnmal auf dem Everest sowie auf ein paar anderen Gipfeln. Sie sind sehr stark.

Ihr nächster Gipfel soll im Frühling 2000 der Kangchenjunga sein, der letzte Achttausender in Nepal. Die anderen fünf, die Ihnen noch fehlen, liegen in Pakistan. Warum haben Sie diese aufgespart? Sind sie einfacher?

Nein, das hat praktische Gründe. Ich habe mein ganzes Material in Nepal. Mein nepalesischer Freund Zimbra passt darauf auf. Nachher verlege ich mein Material nach Pakistan.

Irène Crausaz, Aigle ( ü ) 19

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m Die Seen 20 des Zwischbergentals

Das Zwischbergental ist dank seiner Abgeschiedenheit wahrscheinlich eines der am wenigsten besuchten Täler des Wallis. Davon kann sich leicht selbst überzeugen, wer über die Simplonpassstrasse in Richtung Italien fährt: Die Schlucht vor dem kleinen Grenzdorf Gondo, von dem man ins Zwischbergental abzweigt, ist so eng, dass man sich die Frage stellt, in welch geheimnisvolle Gegend sie führt.

Trotz ihrer Abgeschiedenheit verdient die Region einen Besuch. Die bescheidenen Ressourcen dieses friedlichen Landstrichs haben ihn vor einer massiven Erschliessung, wie man sie allzu oft in andern Walliser Tälern beobachten kann, bewahrt. Da das kaum besiedelte Tal nur einzelne Häusergruppen aufweist, sind die Unterkunftsmöglichkeiten ziemlich begrenzt. Auf der Suche nach Einsamkeit, wilder Natur und leichten Touren kommt der Wanderer hier mühelos auf seine Rechnung.

Ich persönlich hatte das Vergnügen, die Region auf dem Weg zur Entdeckung von alpinen Seen zu begehen: Sie sind hier ziemlich zahlreich. Man kann sich problemlos verschiedene Wanderungen mit Seen als Ziel ausdenken. Ich beschränke mich nachstehend auf die Beschreibung von zwei Wandertouren sowie mögliche Varianten und weitere Unternehmungen.

Beunruhigende Einsamkeit Den Ruf des Tals kannte ich vor meinem Aufbruch und erwartete, dort allein unterwegs zu sein; um so mehr, als der Monat Oktober allgemein der Inbegriff für jene Zeit ist, in der in den Bergen die Ruhe einkehrt. Doch trotz dieser « mentalen Vorbereitung » und einer gewissen Vertrautheit mit der Einsamkeit stellt Blick vom Tschawinerhorn gegen die Cima Verosso sich Verwirrung ein: Ein Hauch von Magie liegt über dieser Landschaft, verstärkt durch den unerbittlichen Wind und das gedämpfte Licht des Herbsts. Keine lebende Seele, die Murmeltiere haben bereits ihren Bau aufgesucht, die Gemsen verstecken sich vor den Jägern. Ich habe den ungewohnten Eindruck, weit weg von daheim zu sein, und fühle mich fast fremd, hier, in den Walliser Bergen, die mir doch so vertraut sind!

Bei meiner ersten Tour konzentriere ich mich voll auf einen Besuch des Tschawiner Sees. Doch unterwegs treffe ich auf den Wairasee, der mich bald in seinen Bann zieht. Als ich das Zwischbergental schliesslich im Abendlicht verlasse, als die Nacht die ersten Sterne funkeln lässt, frage ich mich, ob ich nicht geträumt habe. Hatte ich nicht ein Privileg, ein Heiligtum zu betreten?

Mit dem Wunsch, eine Antwort auf diese Fragen zu finden, komme ich ein paar Tage später an die glei- chen Orte zurück und entdecke weitere Seen, bevor sie vom weissen Tuch des Winters bedeckt werden. Wieder findet sich die Einsamkeit zum Stelldichein ein, und ich bin einmal mehr überrascht: Das Zwischbergental hält, was es verspricht!

Rund um den Tschawiner See Die Gegend von Tschawina oberhalb der Alp Waira, einer der wenigen landwirtschaftlich genutzten Orte des Tals, bietet eine sehr schöne Tageswanderung. Ihre Hauptattraktion ist eine erstaunliche Ansammlung von Seen. Mit einer kleinen zusätzlichen Anstrengung kann man zudem einen wunderbaren Ausblick über das Zwischbergental sowie auf den Portjengrat geniessen; letzterer bietet eine bekannte Gratkletterei hoch über dem Talabschluss.

Von Zwischbergen führt ein Fahrweg auf die Alp Waira ( 1854 m ). Bei den Ställen beginnt ein Weg nach Süden, der zuerst durch einen lichten Lärchenwald zum Wairasee ( 2041 m ) führt. Dann erreicht man bald den ziemlich grossen Tschawiner See ( 2174 m ). Von hier lohnt es sich, weiter zum Tschawinerpass ( 2401 m ) und zum Tschawinerhorn ( 2496 m ) aufzusteigen, einem interessanten Aussichtspunkt auf den See und das Zwischbergental. In der Ferne, über den Graten, die die linke Talseite begrenzen, ragen Weissmies und Lagginhorn auf, und im Norden erhebt sich der Monte Leone über dem Alpjergletscher.

Anstatt auf dem gleichen Weg zurückzugehen, steigt man besser in eine kleine Mulde südöstlich des Gipfels ab, wo sich ein weiterer, namenloser See befindet. Auf dem Weg zurück Richtung Tschawina kann man nach Nordosten bis zur Cima Verosso ( 2444 m ) vordringen, um von hier aus einen schönen Ausblick nach Italien zu geniessen. Nach Waira kann man auch abseits der Wege absteigen - je nach Lust und Laune!

Varianten Ohne eine besondere sportliche Anstrengung kann man den Weg auf italienischer Seite weiter begehen und so nach Osten zur Alpe di Gattascosa ( 1993 m ) und weiter zur Alpe di Monscera ( 1978 m ) absteigen, um dann schliesslich über den Passo di Monscera ( 2103 m ) ins Zwischbergental zurückzugelangen. Vom Pass führt ein Aufstieg über etwas mehr als fünfhundert Höhenmeter auf den bekannten Aussichtspunkt Pizzo Pioltone ( 2612 m ).

Pontimiaseen Dringt man etwas weiter ins Zwischbergental ein, so erreicht man die Ställe von Cheller ( 1774 m ). Von dort führt ein kurzer Aufstieg zur Alp Pontimia ( 2192 m ), wo einige Ruinen der Landschaft einen speziellen Charme verleihen. Ein paar Schritte weiter dehnen sich mehrere kleine Seen aus: die Pontimiaseen ( 2246 m ). Von ihnen aus kann man einen der nahen Gipfel besteigen, um weitere Seen zu entdecken: etwa den Pizzo del Büsin ( 2553 m ), der einen wunderbaren Blick auf das Bacino A. dei 21 Cavalli bietet, oder die Cima del Rosso ( 2624 m ), von der aus man einen Teil des Lago Maggiore und des Lago di Varese erkennt, oder den Pizzo Straciugo ( 2712,. " " .8 m ), der die Laghi di Campo überragt.

Weitere Wanderungen Man kann zum Zwischbergenpass ( 3243 m ), der das Zwischbergen- mit dem Almagellertal verbindet, aufsteigen und von dort den kurzen Abstieg zur Almagellerhütte des SAC unter die Füsse nehmen; dabei sollte man an die Herden denken, die früher diesen Weg begingen, um von Stalden ins Saastal zu wechseln und dabei den Gletscher begehen mussten!

Von Zwischbergen kann man auch Furggu ( 1872 m ) auf der linken Talseite erreichen. Von dort aus bietet sich eine grossartige Höhen-Rund-wanderung an, bei der man das Laggintal betritt, auf das man zuerst einen eindrücklichen Ausblick geniesst; der Abstieg führt wieder über das Zwischbergental.

Praktische Angaben

Zugang Von Brig erreicht man Gondo mit dem Postauto. Von diesem kleinen Dorf aus gibt es einen Taxidienst ins Zwischbergental ( siehe « Unterkünfte » ).

Die Zufahrt mit dem Auto ist weniger umständlich; ein Fahrweg führt ins Tal hinein.

Höhenunterschiede und Marschzeiten Rund um den Tschawiner See:

Von Waira zum Tschawiner See: 320 m, 1 Std.

Vom Tschawiner See zum Tschawinerpass: 225 m, 30 Min.

Vom Tschawinerpass zum Tschawinerhorn: 95 m, 20 Min.

Für den Abstieg gibt es zahlreiche Varianten, unter denen man die passende je nach der zur Verfügung stehenden Zeit wählt.

Pontimiaseen Von Cheller zu den Pontimiaseen: 470 m, 1 Std. 30 Min.

Von den Pontimiaseen zum Pizzo Straciugo: 465 m, 1 Std. 30 Min.

Von den Pontimiaseen zur Cima del Rosso: 380 m, 1 Std. 30 Min.

Von den Pontimiaseen zum Pizzo del Büsin, 305 m, 1 Std. 30 Min.

Blick gegen die Laghi di Campo und die Cima d' Azoglio Unterkünfte und Verpflegung Man kann in Gondo übernachten und sich verpflegen; hier gibt es verschiedene Hotels und Geschäfte. Im Zwischbergental selbst kann man im Restaurant Zwischbergen in Bord bei Alois Squaratti ( 028/979 13 79 ) übernachten. Ein Taxidienst ( gleiche Telefonnummer ) verbindet das Restaurant mit Gondo.

Gelände und Schwierigkeit Die zwei vorgeschlagenen Wanderungen weisen keine besonderen Schwierigkeiten auf, solange man sich an die Wege hält. Der Aufstieg zu den verschiedenen Gipfeln entlang des Tals ist selten schwierig, und jeder erfahrene Wanderer wird ihn ohne Probleme bewältigen können.

Besonderheiten Abgesehen von den Seen beherbergt das Zwischbergental einen besonderen Schatz: Gold! Aber die Goldsucher unter den Lesern sollten jetzt nicht gleich den Kopf verlieren, denn die Ausbeutung der Minen von Gondo ist - mangels Rentabilität -schon lange eingestellt. Ein Besuch der Überreste der Einrichtungen lohnt sich aber allemal. Sie befinden sich am Rand der Zugangsstrasse ins Tal, beim « Hof » ( s. LK 1309 Simplon ) genannten Ort. Für weitere Informationen konsultiere man den nachstehend erwähnten SAC-Clubführer von Maurice Brandt, Seiten 388 bis 390.

Günstige Jahreszeit Die günstigsten Jahreszeiten sind der Sommer und der Herbst; der Herbst sei hier besonders erwähnt -in dieser Saison bietet das Tal eine beinahe beunruhigende Einsamkeit.

Das Tal eignet sich auch für Skitouren, allerdings gibt es nicht sehr viele Möglichkeiten, und die Lawinengefahr hält bis in den Frühling hinein an, bis die Wärme die Couloirs ausapern lässt.

Ausrüstung, Karten und Führer Übliche Wanderausrüstung und ein Zelt, da die Unterkunftsmöglichkeiten im Tal begrenzt sind.

LK 1:25000, 1309 Simplon LK 1:25000, 1329 Saas Brandt, Maurice: Walliser Alpen 5, Vom Strahlhorn zum Simplon, SAC-Clubführer, 1993 Stéphane Maire, Bex ( ü )

« eisertjwegegnungen ,'ersönlchkeiten

Piaggi, Incontri, >ersonalità

/oyages, rencontres, ìrsonUalités

m Riccardo Cassiti -

Dickschädel

Am 2. Januar 1999 wurde Riccardo Cassin - eine der grossen Bergsteigerlegenden dieses Jahrhunderts - 90 Jahre alt. Seine beispiellose Bergsteigerkarriere begann im jugendlichen Alter in Lecco. Berühmtheit erlangte Cassin auch als Leiter verschiedener grosser Expeditionen. An seiner sportlichen Einstellung haben die 90 Lebensjahre nichts verändert.

Eine fahle Wintersonne steht über den Kalkzinnen der Grigne, als ich Riccardo Cassin in Lecco aufsuche. « Va be ' », hatte der Neunzigjährige am Telefon gesagt, als ich ihn um einen Gesprächstermin bat - als ob er sagen wollte: « Also gut, Signorina, wenn Sie nichts Gescheiteres zu tun haben !» Und nun sitzen wir uns im gepflegten Wohnzimmer seines Hauses gegenüber. Beinahe sechzig Jahre liegen zwischen ihm und mir-doch in unserer Lebensfreude scheinen wir uns kaum zu unterscheiden: Cassin ist jung geblieben.

Willenskraft und Entschlossenheit Wache Augen blicken mir aus dem braungebrannten, runden Gesicht mit der breiten, von einer Kriegsver-letzung gezeichneten Nase entgegen. Die riesigen Hände und die langen Arme des kleinen Mannes untermalen gestikulierend seine klaren, prägnanten Worte. Nur die Beine « non vanno più » - sie gehen nicht mehr wie früher. Das hindert Cassin nicht daran, jeden Sonntag in seine geliebten Berge aufzubrechen - zu einer ausgedehnten Wanderung oder gar auf einen Jagdausflug. Was seine siebenundachtzigjährige Frau zur resignierten Bemerkung veranlasst, wenigstens jetzt, da « wir zwei alte Leutchen sind », möchte sie ihn mehr zu Hause haben. Doch das Bergsteigen habe er nie aufgegeben, nie, bis heute nicht, versichert Cassin.

Riccardo Cassin hat nie aufgegeben: Seine Willenskraft und seine Entschlossenheit sind kennzeichnend für seine bergsteigerische Laufbahn und letztlich für sein ganzes Leben. Er bemerkt mit Stolz, dass er bei keiner einzigen grossen Tour umgekehrt sei. Mehr noch: Alle seine Neutouren habe er beim ersten Versuch erfolgreich durchgezogen; nie habe er die gleiche Tour ein zweites Mal anpacken müssen! Er sagt nicht nein, als ich andeute, er habe offenbar einen harten Kopf gehabt. Da ruft seine Frau dazwischen: « È un crapone, Signorina », ein Dickschädel sei er! Cassin lacht sein markiges Lachen und fügt bei, er sei so erfolgreich gewesen, weil er immer optimal auf das vorbereitet gewesen sei, was ihn erwartet habe.

Sportler mit Leib und Seele - Tatsächlich: Riccardo Cassin ging schon damals das Bergsteigen mit der Einstellung eines Spitzensportlers an. Er war durch und durch Athlet und hatte mehrere Sportarten trainiert, bevor er sich für das Bergsteigen entschied. Er war sehr willensstark und -wie er selber sagt - autoritär: « Auch wenn ich es nicht wollte - sobald ich dabei war, wurde ich zum Capo, zum Cassin in der Grigna, 1936 Riccardo Cassin, 90 Jahre alt, im Februar 1999 in seinem Haus in Lecco Chef; die Befehle erteilte ich !» Er war es, der seinen Freunden die nächste Tour vorschlug ( « ich brauchte niemanden, der mir sagte, was ich tun soll !» ); er war es, der die Hauptver-antwortung übernahm und jede Unternehmung als Capocordata, als Chef der Seilschaft, souverän anführte. Denn « solange ich jung war, bis sechzig, ging ich nie als Seilzweiter -nie !» Bergführer wurde er aber trotz seiner Führungsqualitäten nicht. « Ich bin immer als Amateur zu meinem Vergnügen und nie für Geld in die Berge gegangen !» Diese Unabhängigkeit war mit ein Grund für seinen kometenhaften Aufstieg vom Gri-gna-Kletterer zum führenden Felskletterer seiner Zeit. Wobei er natürlich auch im Eis problemlos unterwegs war: « Im Eis kannst du dir Tritte und Griffe schlagen, wo du willst !» - trotz harter Lebensbedingungen Im Alter von siebzehn Jahren war der aus dem Friaul stammende Cassin auf der Suche nach Arbeit nach Lecco gekommen, der Industriestadt am Comersee unter den Türmen der Grigna. « Ich verliebte mich sogleich in diese Stadt und bin geblieben - bis heute !» Am ersten Sonntag bestieg er den Resegone, und darauf folgten fünfzig Sonntage, an denen er ohne Unterbrechung durch die Berge seiner neuen Heimat zog. Zusammen mit Freunden gründete er die Grup- Beim Klettern in der Brentagruppe, 1957 pe der « Rocciatori Lecchesi », der Felskletterer von Lecco. Zuerst fuhren sie mit dem Fahrrad und einem Seil in die Berge, später kam ein zweites Seil dazu. Zeit hatten die jungen Kletterer, die alle aus dem Arbeitermilieu stammten, nicht viel, aber sie nutzten sie bis zur letzten Minute: Während sechs Tagen arbeiteten sie je zwölf Stunden. Nur der Sonntag stand zum Klettern zur Verfügung. Kein Wunder, dass Cassin sagt, er habe in den Bergen zu wenig gemacht.

« Ich war ein normaler Alpinist !» Tatsache ist, dass er in der beschränkten Zeit, die ihm zur Verfügung stand, sehr viel gemacht hat: Erstbegehungen wie die Südostkante an der Torre Trieste ( 1935 ), die Nordwand der Westlichen Zinne ( 1935 ), die Nordostwand am Piz Badile ( 1937 ), deren Begehung er im Alter von 78 Jahren letztmals wiederholte, und der Walkerpfeiler an den Grandes Jorasses ( 1938 ) haben seinem Namen eine unvergängliche Aura verliehen. Die erfolgreich geleiteten Expeditionen nach dem Krieg - 1961 an die Cassin-Ridge in der Südwand des Mount McKinley ( « das grossartigste Abenteuer meines Lebens » ), an den Jirishanca in Peru ( 1969 ) oder 1957 an den wunderschönen Gasherbrum IV, wo Bonatti und Mauri als Erstbesteiger erfolgreich waren -machten Riccardo Cassin endgültig zu einer der wenigen lebenden Berg-steigerlegenden. « Aber nein », widerspricht er selbst energisch, « ich war ein ganz normaler Alpinist wie alle andern auch. Alle, die in die Berge gehen, sind Alpinisten; die einen machen grosse Touren, die andern bleiben auf den Wanderwegen - darin liegt der einzige Unterschied !» Cassins « gewöhnliche » Taten Nun, so ganz gewöhnlich waren seine Taten nicht. Man denke etwa an die Erstbegehung des Walkerpfeilers. Die Liste derer, die vor Cassin und seinen Gefährten Ugo Tizzoni und Luigi Esposito an den 1200 m hohen Granitaufschwüngen abgeblitzt waren, liest sich wie ein « Who's who » des damaligen Alpinismus.1 Cassin dagegen kam, sah und siegte: Nachdem ihm Heckmair, Kasparek, Vörg und Harrer die Erstbegehung der Eiger-Nordwand buchstäblich vor den Augen weggeschnappt hatten und eine Zweitbegehung wegen eines Wettersturzes nicht gleich möglich war, fuhr er enttäuscht nach Hause. Da erinnerte er sich an die Postkarte der Grandes Jorasses, die ihm sein Freund Vittorio Varale zwei JahZu den « Gescheiterten » gehörten die Franzosen Charlet, Couturier, Belin und Frendo, die Schweizer Gréloz, Roch, Lambert sowie Loulou Boulaz, die Italiener Gervasutti, Zanetti, Croux, Carrel, Cretier, Binel, Chabod, Boccalatte, Gasparotto, die Deutschen Harringer, Rittler, Brehm, Heckmair, Kröner, Weizenbach, Toni Schmid, Steinauer und Meier und die Österreicher Bratschko und Rupilius...

Cassin beim Training in der Grignetta im Juli 1932 re zuvor geschickt hatte. « Das ist der Weg, den du machen musst », hatte Varale zur eingezeichneten Route durch die Nordwand der Jorasses vermerkt. Cassin undTizzoni brachen unverzüglich auf, um sich die Wand anzusehen. Als sie sich in der Leschaux-Hütte erkundigten, wo sich der Walkerpfeiler eigentlich befinde, hielt man sie für verrückt. Cassin dagegen fand die Nordwand, als er sie erstmals erblickte, « un po'adagiata », etwas flach nach den steilen Dolomitenwänden! Und er war sicher, dass der Walkerpfeiler begehbar sei. Ein paar Tage später stiegen die drei Gefährten ein: « Wir sind losgegangen und zum Gipfel durchgekommen. Auch wenn ich für gewisse Stellen drei bis vier Stunden benötigte, gab ich nicht auf. Die Tour war machbar, und ich bewies es !» Alpiner Wettlauf- Und wie war es drei Jahre zuvor an der Westlichen Zinne? An ihr gewannen Cassin und Ratti einen der spannendsten Wettläufe in der alpinen Geschichte. Bei Nacht und Nebel waren die zwei von Schluderbach zum Fuss der Nordwand aufgestiegen, wo seit Wochen das Zelt von Joseph Meindl und Hans Hintermeier, zwei ernsthaften Anwärtern auf die Erstbegehung, stand. Cassin und Ratti schlichen sich an ihnen vorbei und Reisen, Begegnungen, Persönlichkeiten a.

< « stiegen entschlossen in die Wand ein und zum Gipfel auf ». Den Deutschen gelang es nicht, sie einzuholen - als faire Verlierer gratulierten sie der italienischen Seilschaft auf dem Gipfel, den sie auf dem Normalweg erreicht hatten, bevor sie die Zweitbegehung angingen. Cassin lacht: « Sie brauchten vier Tage, einen Tag länger, als wir für die Erstbegehung benötigt hatten !» Die Haken, die Cassin bei seinen Touren verwendete, waren übrigens alle selbstgeschmie-det: Der Schmied und Mechaniker produzierte das Material von Anfang an in den « verlorenen Stunden », den wenigen Ruhestunden während der Arbeit.

- und kapitaler Sturz In den Dolomiten legte Cassin nicht nur seine « schönste Freikletterei » ( die Südostkante an der Torre Trieste ), sondern an der Civetta auch seinen kapitalsten Vorsteigersturz hin: Bei einer Dülferstelle nach dem Biwak flog Cassin mit einem Griff aus der Wand. Er stürzte rund fünfzehn Meter bis unter einen Überhang. « Cassin, jetzt ist es aus mit dir !» habe er gedacht, bevor er bewusstlos wurde. Als er wieder aufwachte und realisierte, dass ihn sein Gefährte Mario dell'Oro nicht gehalten hatte, packte ihn die Wut. Eine solche Wut, dass er sich mit blossen Händen zehn Meter am Seil hochhangelte, bevor er wieder einen festen Griff in der Hand hatte! Dann schickte er seinen völlig verstörten Freund, der das Seil kurz vor Cassins Flug losgelassen hatte, weil er sich die kalten Hände wärmen wollte, voraus. « Doch er kam nicht voran. So übernahm ich wieder den Vorstieg und eröffnete gleich eine 300 Meter lange Variante! Mein Schädel brummte zwar, aber der Kopf war in Ordnung !» Die Drei Zinnen; an der Nordwand der Westlichen Zinne ( ganz rechts im Bild ) gewann Riccardo Cassin Die bitteren Enttäuschungen Im Zweiten Weltkrieg kämpften Cassin und seine Gefährten im heimatlichen Gebirge als Partisanen gegen den Faschismus. Cassin verlor mehrere Bergkollegen, darunter seinen liebsten Freund Vittorio Ratti. Kaum war die Schreckenszeit vorbei, war erneuter Aufbruch angesagt: Diesmal ging es um den Aufbau seiner eigenen Bergsportartikelfirma, die den Namen Cassin einem breiten Publikum bekannt machte. Cassin hatte Erfolg und konnte seinen achtköpfigen Haushalt - Frau, drei Kinder, Mutter und Schwester mit Kind -damit versorgen. Inzwischen haben jedoch seine Söhne die Firma herun-tergewirtschaftet, wie er in aller Deutlichkeit festhält: « Es gibt jene, die aufbauen, und jene, die zerstören !» Einen Moment lang sind in seiner Stimme bittere Trauer und Wut über das zerstörte Lebenswerk spürbar.

zusammen mit Vittorio Ratti einen der spannendsten Wettläufe der alpinen Geschichte.

Einen zweiten Anlass zur Wut -schlimmer noch als der Niedergang seiner Firma - hat Cassin nie verschmerzt: Dass er, der führende italienische Bergsteiger seiner Zeit, 1954 nicht zur Erstbesteigung des K2 mitgenommen wurde, nachdem er den Berg zusammen mit Expeditionsleiter Ardito Desio ein Jahr zuvor erkundet hatte. Desio initiierte ein Komplott und « liess mich bei medizinischen Tests durchfallen, weil er Angst hatte, ich stehle ihm die Schau und den Ruhm ». Die Enttäuschung Cassins über seinen ungerechten Ausschluss von einer Expedition, für die er hochmotiviert war, kannte keine Grenzen; mit Desio hat er nie Frieden geschlossen!

Offen für die moderne Entwicklung 1975 leitete Riccardo Cassin seine letzte grosse Expedition an die Lhotse-Südwand; die nicht erfolgreiche Expedition war seine « erste Niederlage » bei einer grossen Unternehmung. So hart und eigenwillig Cassin als Bergsteiger und Familienvater - die Erziehung der Kinder oblag seiner Frau - gewesen sein muss, so gross war sein Interesse an der jungen Bergsteigergeneration. Er förderte die jungen Bergsteiger, motivierte sie, trat dabei selbst in den Hintergrund und führte sie so zum Erfolg wie etwa an der Cassin-Ridge am Mount McKinley oder am Gasherbrum IV. Teilweise kam dies aus einem äusseren Zwang: Cassins gleichaltrige Kollegen « starben entweder oder gingen nicht mehr in die Berge - deshalb musste ich mir alle zehn Jahre jüngere Begleiter suchen !» Ungebrochenes Interesse Sein Interesse an der Entwicklung des Alpinismus ist nicht kleiner geworden: Cassin verfolgt den modernen Alpinismus, die Entwicklung des Materials und pflegt Kontakte zu jungen Bergsteigern. Heute, sagt er, täte er genau das, was die Jungen tun: Neue Disziplinen wie das Sport-oder das Eisklettern würden ihm als Vorbereitung für grosse Touren dienen. Schade, dass wir nicht wissen, welche Leistungen Cassin heutzutage mit modernen Mitteln erreichen würde. Er, der keine einzige seiner Touren als schwierig bezeichnet - « machbar » waren sie, und der Walker sei « ziemlich anspruchsvoll » gewesen! Ganz nach seinem Motto « Wenn du etwas willst, musst du es tun; und dazu braucht es Entschlossenheit, Arbeit und Opfer !» Christine Kopp, Unterseen

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