Expeditionsvorbereitung. Sie sind das A und O für den Erfolg

Expeditionsvorbereitungen

Wer als Alpinist in unseren Breitengraden seinem Sport frönen will, wartet auf gutes Wetter, packt seinen Rucksack und fährt los. Nicht ganz gleich läuft es ab, wenn eine Expedition, beispielsweise in den Himalaya, angesagt ist.

Vom milden Herbst 2002 bekam ich nicht viel mit. Ich sass täglich in der ETH-Bibliothek und versuchte verzweifelt, die Formeln in meinen Unterlagen zu verstehen. Ganz klar war mir hingegen, dass ich nach den Diplomprüfungen im Frühling Bewegung im grösseren Rahmen brauchte. Was sollte es nur sein? Berg und Route mussten anspruchsvoll, aber nicht unmöglich, steil, aber nicht gefährlich sein. 1 Neben der Lektüre des Studiums vertiefte ich mich deshalb in alpinistische Literatur. Und entschied mich für die Westwand der Bhagirathi III, eine sagenumwobene Wand für Extrembergsteiger. Wer aber hatte genau in diesem halben Jahr viel Zeit und vor allem genügend Geld für dieses doch ziemlich wilde Unterfangen? Die Partnersuche war mir öfters eine Entschuldigung wert, den Büchern zu entfliehen. Sie – wie die Examen – verliefen erfolgreich: Mit Simon Anthamatten aus Zermatt und Rainer Treppte aus Immenstadt ( D ) bildeten wir ein Team.

Nur mit Hilfe Dritter In einem alpinen Unterfangen würde man nun auf gutes Wetter warten und in die Wand einsteigen. Doch darin unterscheidet sich der Himalaya. Alles muss von langer Hand geplant werden: staatliche Bewilligungen für die Gipfelbesteigung einholen, die Reise von Delhi ins Basislager und zurück organisieren, Träger und einen guten Koch – die wichtigste Person – engagieren, was mit Hilfe einer lokalen indischen Agentur denn auch geschah. Da wir finanziell nicht gerade auf Rosen gebettet sind, bemühten wir uns um Sponsoren. Nach unendlich langem Feilschen und Herumtelefonie-ren fanden wir dann einige Material-sponsoren, darunter Bergsportausrüster, und einen Spediteur für Luftfracht, der unsere 478 kg Material günstiger nach Delhi brachte. Ein Bündnerfleischpro-duzent half mit, kulinarische Schwachpunkte im Basislager zu überbrücken.

Praktischer Vorbereitungsteil Nach den doch eher « indoor»-lastigen Vorbereitungen sollte man sich als seriöser Sportler auch körperlich auf ein solches Unterfangen einstellen. Ich packte die Gelegenheit beim Schopf und schloss mich einer Kleinexpedition nach Alaska an. Mit von der Partie waren meine langjährigen Freunde Iwan Wolf, Markus Stofer und Bruno Hasler. Damit konnte ich mich wieder ein wenig ans Steigeisenlaufen und Pickelhalten gewöhnen. Zurück in der Schweiz waren dann doch noch einige Gespräche und Fahrten notwendig, bis wir am 3. September im Flugzeug Richtung Delhi sassen. Dort wurden wir mit 40 °C im Schatten, Gestank, Lärm, überall Menschen und der steten Angst vor Lebensmittelvergiftungen konfrontiert. Das erste Ziel war denn auch, sich gesund ins Basislager zu retten, also kein offenes Wasser, keine unge-kochten Nahrungsmittel und keine un-geschälten Früchte zu sich zu nehmen.

Flexibilität gefordert Zehn Tage nach unserer Ankunft in Indien konnten wir das vorgeschobene Basislager am Wandfuss erstellen. Wir sahen bald ein, dass wegen fehlender Risse im überhängenden Granit eine Neutour im vorgesehenen Teil der Wand unmöglich war. Wir konzentrierten uns in der Folge auf die freie Durchsteigung des Katalanenpfeilers, der 1984 erstbegangen wurde. Der Monsun war immer noch in vollem Gange und bescherte uns jeden Nachmittag Schneefall. Die Risse füllten sich mit Schnee und Eis. Endlich wurde es stabil schön, jedoch bitterkalt. Das Eis blieb in den Rissen. Nun zählte nur noch der Durchstieg, doch die Kälte zehrte. Die eingeplante Zeit schmolz zu-

Die 1800 m hohe Bhagirathi-III-Westwand. In der direkten Falllinie des Gipfels der Katalanenpfeiler, der links des schwarzen Felsens auf 6000 m in 70° steile Mixedpassagen mündet. Am oberen Ende des schwarzen « Kartoffelackers » musste das Team offen biwakieren.

1 Extrembergsteiger Urs Stöcker hat u.a. mit Thomas Huber und Iwan Wolf den Ogre zweitbe-stiegen.

DIE ALPEN 8/2004

sehends dahin, und wir wurden entsprechend unruhig. Die Expeditionen an den umliegenden Bergen hatten schon aufgegeben. Es war ihnen zu kalt.

Dass der Erfolg sich trotz allem einstellte, verdankten wir unserem Teamgeist, konnten wir uns doch auch in aussichtslosen Situationen gegenseitig motivieren. Wir trotzten Wind, Eis, Kälte, mussten auf 6200 m offen biwakieren – und standen alle drei am 9. Oktober auf dem 6454 m hohen Gipfel der Bhagirathi III. Erst im Basislager realisierten wir unsern Erfolg – für den ich elf Monate vorher mit den Vorbereitungen begonnen hatte. Fazit Wer selber eine Expedition in den Himalaya in dieser Schwierigkeit organisieren will, muss in erster Linie mit Leuten diskutieren, die schon einmal dort waren. Dann gilt es wie für jede grössere Reise an den Berg, die finanzielle Seite abzuklären – für die Bhagirathi-Expedition mussten wir beispielsweise 1800 US$ pro Person für die Arbeit der Agentur und zusätzlich noch rund 2500 US$ für die staatlichen Bewilligungen aufwenden. Schliesslich beliefen sich die Gesamtkosten der Expedition auf 7000 Franken pro Person. Beim Zusammenstellen des Teams ist darauf zu achten, dass sich alle dem vorgegebenen Ziel unterordnen und flexibel reagieren. Das heisst, dass jeder auch die wenig begehrten Aufgaben wie Wasser kochen bei eisigen Temperaturen in aller Herrgottsfrühe erledigt oder absteigt, wenn ein Kamerad sich schlecht fühlt.

Für eine Expedition in den Himalaya kann man sich einer kommerziellen Expedition anschliessen. Dann ist mehr oder weniger ausgesorgt, vorzubereiten gibt es nur die persönlichen Gegenstände. Wer alles selber organisiert bzw. mit einer lokalen Agentur zusammenarbeitet, muss viel Zeit investieren können. Als Teamarbeit gut verteilt – wie Informationen beschaffen, Klettermaterial und Hochlagernahrung organisieren, mit Indien und Spediteur korrespondieren und Finanzen regeln –, kann aber auch gerade das zum Erfolg beitragen, vorausgesetzt, all die Abrechnungen sind transparent! Falls ihr also in nächster Zeit selbst im Flugzeug Richtung Osten sitzt, mit « Plastikschuhen » an den Füssen, dann wünsche ich euch viel Spass! Ich weiss auch, dass ihr eine intensive ( Vor-bereitungs-)Zeit hinter euch habt – und eine noch spannendere vor euch. a

Urs Stöcker, Chur Der unterste der drei Aufschwünge des 1000 m hohen Pfeilers. Hier wurde bis zum unteren achten Schwierigkeitsgrad ( 6 c+ ) frei geklettert.

Was braucht man dort oben? Dank guter Materialorganisation vor dem Start ist im Basislager auf 4400 m alles Notwendige vorhanden. Im Hintergrund der Kedarnath, 6851 m, ein Superskiberg Fo to s:

Urs St öc ke r

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